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Text: Hilfsgemeinschaft · 6. Oktober 2009 13:58 Uhr

Zukunftstrend barrierefreier Tourismus - von der Marktnische zum Mehrwert

ENAT-Kongress 2009: EU-Marktpotenzial liegt bei 134 Millionen Gästen

Rollstuhlfahrerin blickt vom Feuerkogel zum Traunstein

Experten aus 24 Ländern diskutierten Ende September in Wien beim zweiten internationalen ENAT (European Network für Accessible Tourism) Kongress über Trends und Perspektiven im barrierefreien Tourismus. Staatssekretärin Christine Marek begrüßte die zahlreichen Gäste im Namen des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend, das die Veranstaltung maßgeblich unterstützte.

In Europa wird das Marktpotenzial auf 134 Millionen Menschen mit Behinderungen geschätzt, die auf Reisen mehr als 80 Millionen Euro auszugeben bereit wären. Markus Lassnig von Salzburg Research nimmt an, dass barrierefreier Tourismus - jetzt vielerorts noch als Marktnische wahrgenommen - ab 2026 überall als Standard etabliert sein wird.

Der deutsche Tourismusexperte Peter Neumann präsentierte sieben Erfolgsfaktoren für die nachhaltige Implementierung eines barrierefreien Angebots. Neumann sprach das weltweite Problem der "Insellösungen" an, die wichtige Impulse im barrierefreien Tourismus setzen, aber kaum mit anderen Anbietern vernetzt sind. Die regionale bzw. nationale Vernetzung mit anderen barrierefreien Destinationen ist laut Neumann ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Viel Anerkennung erhielten barrierefreie Tourismusprojekte aus Deutschland, Spanien, Portugal, Italien, Ungarn und Tschechien. Vor allem Osteuropa setzt bei neuen Projekten auf barrierefreien Tourismus und investiert in Ausbildungs-, Standardisierungs- und Zertifizierungsmaßnahmen.

Die Nase ganz weit vorne haben jedoch die skandinavischen Länder: In Norwegen etwa ist barrierefreier Tourismus bereits fix im Angebot integriert. Die Hotelkette Scandic hat schon vor Jahren eigene Normen für Gäste mit besonderen Bedürfnissen entwickelt. Magnus Berglund, Disability Coordinator für 140 Hotels in zehn Ländern, weiß um die Vorurteile der Touristiker, die da lauten: "Gewinnmaximierung lässt sich nur mit kleineren Einheiten erzielen", "Barrierefreiheit kostet zu viel Geld", usw.

"Der Platzverlust durch größere Zimmer bzw. Bäder wird relativiert, wenn man von einer maximalen Auslastung von 83 Prozent ausgeht. Niemand hat ständig 100 Prozent Auslastung", argumentiert Berglund. Darüber hinaus sind die Mehrkosten für barrierefreie Neubauten durchaus finanzierbar.

Werden die in österreichischen Normen enthaltenen Anforderungen bereits während der Projektierungs- und Planungsphase berücksichtigt, ist mit Mehrkosten von 0,15 bis maximal 3 Prozent der gesamten Baukosten zu rechnen. Dass Hochpreiskategorien eher barrierefrei sind als Billigangebote liegt auf der Hand.

Eine große Herausforderung sind die Defizite bei der Aus- und Weiterbildung von Planern, Architekten, Professionisten und Dienstleistern. Daniele Marano von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, die sich gemeinsam mit der Tourismusakademie Brandenburg mit dem Thema berufliche Ausbildung und Training befasste, schlug eine Kooperation zwischen ENAT und EDF (European Disability Forum) vor.

Ziel könnte die Erarbeitung einer Direktive über einen verbindlichen Ausbildungs- bzw. Studienplan zum barrierefreien Tourismus sein, der auf EU-Ebene in alle Ausbildungssysteme integriert werden soll.

Einen ausführlichen Bericht zum ENAT-Kongress gibt es online.

Weitere Informationen:
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