"Eine Schule für Alle!?"
Stellungnahme des Vereins "Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien" zum Interview "Integration - nicht um jeden Preis" mit der Behindertensprecherin Mag.a Helene Jarmer.
Dennoch waren zu diesem Zeitpunkt insbesondere Eltern von Kindern mit Behinderungen davon überzeugt, dass das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von Kindern mit und ohne Behinderungen, eine unabdingbare Voraussetzung für alle weiterführenden Angebote im nachschulischen Bereich ist und einen elementaren Beitrag für das gesamte Leben von Menschen mit Behinderung leistet.
So war auch der massive Einsatz der Eltern ein wesentlicher Bestandteil bei der Schaffung von gesetzlichen Bestimmungen für die schulische Integration im Pflichtschulbereich in Österreich. Eltern haben seit den Jahren 1993 (15. SchOG-Novelle) sowie 1996 (17. SchOG-Novelle) das Recht zwischen dem Besuch einer Volksschule, einer AHS-Unterstufe, einer Hauptschule, einer Mittelschule oder einer Sonderschule für ihr Kind - unabhängig von Art und Schweregrad der Behinderung - zu wählen" führt Fritz Neumayer, Vorstandsmitglied des Vereins "Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien", an.
"Wir sind verwundert, dass gegenwärtig noch immer von einer Behindertensprecherin der Standpunkt vertreten wird, "Integration - nicht um jeden Preis." Faktoren wie Entscheidungen und Versäumnisse der Bildungspolitik, Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern und dort wiederum in den Regionen, fehlende Ressourcen, u.a. die die derzeitige Umsetzung der schulischen Integration fördern und/oder hemmen, werden von der Behindertensprecherin Mag.a Helene Jarmer unzureichend berücksichtigt und auch nicht thematisiert", setzt Fritz Neumayer fort.
"Dadurch scheint die Aufrechterhaltung von Sonderschulen für bestimmte Gruppen von Kindern mit Behinderungen - nach wie vor - legitimiert. Versäumnisse der österreichischen Bildungspolitik werden an Kindern mit Behinderungen festgemacht, anstatt Barrieren zu berücksichtigen, die im derzeitigen Umfeld sowie im System liegen und somit auch die individuelle Teilhabe verhindern", zeigt sich Fritz Neumayer empört.
Dass Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen im Lebensbereich Schule mit einer Vielzahl von Barrieren, Diskriminierungen und Vorurteilen konfrontiert sind, zeigen die jahrelangen Erfahrungen der Beratungsstelle für (Vor-) Schulische Integration des Vereins Integration Wien.
Eltern von Kindern mit Behinderungen müssen häufig selbst aktiv werden, um eine Integration im schulischen Bereich ihrer Kinder einzufordern und umzusetzen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt gesetzliche Grundlagen zur schulischen Integration auf der neunten Pflichtschulstufe und auf der Sekundarstufe II fehlen. Diese werden seit dem Jahr 2002 unermüdlich eingefordert.
"Die eigentliche Frage um die es im Schulsystem ganz allgemein und auch in dem Schwerpunkt in der Furche geht, ist nicht die Frage, ob die Integrationsklassen oder die Sonderschulklassen besser funktionieren. Die eigentliche Frage lautet: Gibt es ein Schulsystem, in dem ALLE Schüler/innen einen Platz haben und dort gemeinsam lernen und teilhaben können? Kann und soll ein Schulsystem dieser Art in Österreich etabliert werden?" so Fritz Neumayer.
Fritz Neumayer weist darauf hin, "dass insbesondere für Kinder mit Sonderpädagogischem Förderbedarf und mit Behinderung die Bildungseinrichtung Schule zumeist der einzige Ort ist, um qualitätsvolle Bildung zu erhalten. Bildung ist zum einen die Voraussetzung für eine qualifizierte Erwerbsarbeit und somit für die Beteiligung am Lebensbereich Arbeit. Zum anderen vermittelt diese soziale und lebenspraktische Kompetenzen, die wiederum Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung sind.
Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Qualität von schulischer Bildung für alle Kinder und Jugendlichen deutlich." Dieser Aspekt wird auch im Artikel 24 "Bildung" in der UN-Konvention "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" die die Bundesrepublik Österreich einschließlich des fakultativen Zusatzprotokolls durch das österreichische Parlament im Jahr 2008, ratifiziert hat, deutlich.
Dort heißt es: "(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen."
Auch im Bildungsprogramm der Partei "Die Grünen" (2009, 5) wird die Chancengleichheit von allen Kindern hervorgehoben. "Es wird deutlich, dass es bei Inklusion um eine Bildung aller Kinder und Jugendlicher in einer Schule für alle geht" führt Fritz Neumayer an.
Dieser Grundsatz wird auch im Bildungsprogramm "Die Grünen" (2009, 12; Hervorhebung im Original) hervorgehoben, und lautet: "An die Stelle des gegenwärtigen Systems von Volks-, Haupt- und Sonderschulen sowie gymnasialen Unterstufen gehört eine gemeinsame Schule aller Sechs- bis Vierzehnjährigen. Sie ist als differenzierte Gesamtschule mit individueller Förderung und mit einem Ganztagsangebot zu führen. Dies wäre ein weiterer entscheidender Schritt zur Beseitigung Ungleichheiten, die Kinder sonst von zuhause mitbringen. Denn es bietet breitgefächerte Möglichkeiten, Begabungen zu fördern und Lerndefiziten individuell zu begegnen ... ."
"Entgegen dem Bildungsprogramm der Grünen trifft Helene Jarmer die Aussage ‚Integration - nicht um jeden Preis.’ Aus unserer Sicht impliziert diese Aussage, dass sich Kinder nach wie vor dem Schulsystem anpassen müssen. Können sich Kinder dem Schulsystem nicht anpassen - und das trifft auf immer mehr Kinder zu - dann findet neben der ohnehin schon bestehenden Selektion, die das österreichische Schulsystem unmittelbar mit sich bringt, eine zusätzliche Selektion in das Sonderschulsystem statt" merkt Fritz Neumayer kritisch an.
"Dadurch wird weiterhin die Aufrechterhaltung des Sonderschulsystems gerechtfertigt und somit auch legitimiert. Es dürfte nach wie vor ‚normal sein’, bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung auszugliedern, sodass diese auch lernen und gefördert werden können. Bestehende Barrieren, die im derzeitigen Umfeld sowie im System liegen und somit auch die individuelle Teilhabe verhindern bzw. wiederum zu einer Behinderung führen, werden völlig außer Acht gelassen. Der Verein Integration Wien empfindet die Aussagen - aus Sicht einer Behindertensprecherin - als äußerst kontraproduktiv, da damit die ohnehin so polarisiert geführte Diskussion zum Thema ‚Eine Schule für alle?!’ noch zunehmend verstärkt wird", so Fritz Neumayer.
"In Anlehnung an die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen (1948), die UN-Konvention über die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (1989), den Artikel 7 des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes (1997) sowie die die UN-Konvention über die Recht von Menschen mit Behinderung (2008) muss das oberste Ziel der österreichischen Bundesregierung eine Schule für alle bzw. muss ein rascher Umbau des Schulsystems gemäß der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einer inklusiven Schule erfolgen. Dieses Ziel wird vom Verein ‚Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien’ weiterhin kompromisslos gefordert", so Fritz Neumayer.
Die gesamte Stellungnahme (Stand: 19.10.2009) des Vereins ‚Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien’ zum Interview mit Mag.a Helene Jarmer zum Thema "Integration - nicht um jeden Preis" ist unter zu finden.
Weitere Informationen: Integration, Integrationsklasse, UN-Konvention
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Helene Jarmer · 28. Oktober 2009 13:36 Uhr
Ich möchte mich für Ihre Rückmeldungen zu meinem Furche-Interview bedanken. Jeder Mensch braucht Rückmeldungen, vor allem dann, wenn diese sachlich und konstruktiv gehalten sind, natürlich auch ich. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Position zu verdeutlichen.
Ich strebe im Bildungsbereich für behinderte Menschen selbstverständlich Inklusion an, also den integrativen Unterricht für alle Kinder. Das habe ich immer so vertreten. Dabei ist die Gruppeninklusion der Inklusion einzelner Kinder in bestimmten Fällen vorzuziehen.
Wer die aktuelle Situation ehrlich bewertet, muss aber wohl zugeben, dass die Rahmenbedingungen für inklusiven Unterricht oft weit von der Verwirklichung optimaler Bildungschancen entfernt sind.
Bei gehörlosen Kindern führt die Einzelintegration oft zu sozialer Ausgrenzung. (siehe dazu cheers-studie, 2005 von Dr. Fellinger, Dr. Holzinger) Selbst bei durchgehender Anwesenheit einer Gebärdensprachdolemetischerin oder eines Gebärdensprachdolmetscher kann nur über einen Erwachsenen kommuniziert werden. Würde eine solche Einschränkung bei hörenden Kindern akzeptiert werden?
Eine Einzelintegration gehörloser Kinder ohne durchgehende Übersetzung führt dazu, dass die intellektuellen Potentiale der Kinder nicht genutzt werden.
Ich halte in der Politik grundsätzlich wenig von Schwarz-Weiß-Malerei. Ich trete für den Anspruch auf optimale Bildungschancen für alle Kinder ein, egal für welchen Weg sie bzw. ihre Eltern sich entscheiden.
Gerne stehe ich für ein Gespräch zur Verfügung!
Gertrude Sladek · 23. Oktober 2009 20:57 Uhr
Haben Sie den Beitrag des Users "Anonym" schon gelesen? Ich erachte das jetzt schon als eine Unart, die überall in den Foren zu beobachten ist, wie schnell der Begriff "Gutmenschen" als Sammelbegriff für alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht, diskriminierend verwendet wird. Ich bin sehr froh und dankbar für diese Familie von Anonym, dass es da eine so starke Mutter gab, die trotz dieser schweren Beeinträchtigung ihres Kindes dennoch unermüdlich das richtige Ziel verfolgt hat. Der Erfolg kann sich doch sehen lassen oder nicht? Ein glücklicher Mensch, der einen hoch qualifizierten Beruf ergreifen, der mit seinem Bruder lachen kann und der ein erfülltes Leben führt.
Und genau deshalb erachte ich die Äusserungen von Frau Jarmer als kontraproduktiv.
anonym · 22. Oktober 2009 07:56 Uhr
Andreas Oechsner · 21. Oktober 2009 14:48 Uhr
Michael Russ · 21. Oktober 2009 14:26 Uhr
Gertrude Sladek · 21. Oktober 2009 10:48 Uhr
So ist es, wie Sie es sagen: Man sollte stets prüfen, ob man ein Selbstvertreter bzw. -darsteller ist oder ob man einer wichtigen Sache, fernab von eigenen Befindlichkeiten und Erfahrungen, dienlich zu sein hat.
Grillparzer · 21. Oktober 2009 10:14 Uhr
Manfred Pisecky · 21. Oktober 2009 10:07 Uhr
Manfred Pisecky · 21. Oktober 2009 10:05 Uhr
Martin Ladstätter · 21. Oktober 2009 08:34 Uhr
Es geht hier nur sekundär darum was Helene Jarmer als gehörlose Frau selbst erfahren hat und daher so sieht. Es geht primär darum war Jarmer als grüne Abgeordnete und Behindertensprecherin ihrer Partei vertritt und fordert. Und das ist - mit Verlaub - in diesem Punkt ein Zumutung.
Daniel Zollinger · 21. Oktober 2009 07:22 Uhr
Karin Kestner · 20. Oktober 2009 21:41 Uhr
Ich bin der Meinung, dass es nicht nur wichtig ist, was gesagt wurde, sondern auch warum es gesagt wurde!
Wie ich unten schrieb, ich bin nun auch der Meinung, dass gl Kinder in der Regelschule besser aufgehoben sind, aber es gibt gute Gründe für Frau Jarmer für die Kulturstätte der Gehörlosen (die GL-Schule) zu sprechen. Man muss sich doch etwas mehr mit Gehörlosen und deren Geschichte auseinandergesetzt haben, um urteilen zu können.
Für mich ist Frau Jarmer weiter ein großes Vorbild und ich ziehe den Hut vor ihr. Viele Grüße Karin Kestner
Martin Ladstätter · 20. Oktober 2009 20:15 Uhr
Gut, dass ich meinen Kommentar (noch) nicht geschrieben habe. Ich muss mal meine Verärgerung verrauchen lassen, um einen Anlauf für eine Replik an Jarmer zu schreiben.
Karin Kestner · 20. Oktober 2009 13:53 Uhr
Zur Erklärung: Bisher sahen die Gehörlosen die Gehörlosenschulen als Stätte der Kultur, also als Stätte, in denen gehörlose Kinder ihre Sprache und Kultur weiterverbreiten konnten. Die Kinder durften zwar nicht im Unterricht gebärden, aber auf dem Schulhof taten sie genau das. Die gehörlosen Kinder gehörloser Eltern gaben ihr Wissen um die Gehörlosenkultur weiter und auch die Gebärdensprache wurde an die meist weniger gebärdenden gl Kinder von hörenden Eltern weitergegeben. Deswegen wird auch hier in Deutschland noch nicht vollständig von den Gehörlosenschulen abgerückt.
Inzwischen ist es aber so, dass gerade in den Gehörlosenschulen immer weniger gebärdet wird und die voll - DGS sprachigen gehörlosen Kinder sich mit Dolmetschern in den Regelschulen bilden lassen, denn das Niveau der Gehörlosenschulen ist meist sehr schlecht ist und die Gesetze geben es jetzt her. (Recht auf Dolmetscher im Unterricht)
Um die Kultur der Gehörlosen weiterleben zu lassen, die wichtig für Identitätsbildung ist, brauchen die Kinder aber auch Vorbilder (größere Kinder oder gl Lehrer) - wenn alle verstreut sind, kaum möglich?
Früher dachte ich auch, dass deswegen die Gehörlosenschulen erhalten bleiben müssten. Heute (wegen der Entwicklung) sehe ich es anders. Besser mit Dolmetscher viel Wissen/Bildung sammeln und nachmittags oder am Wochenende unter anderen Gehörlosen einen kulturellen Austausch haben.
Daniel Miskulnig · 20. Oktober 2009 07:55 Uhr
Mein Glück war weiters, dass ich direkt im klagenfurter Stadtzentrum wohnte und deshalb alles sprichwörtlich vor der Nase hatte. Ich weiß jedoch von Fällen, bei denen die Organisation aufgrund der Wohnlage um einiges schwerer war/ist.
Mein persönliches Fazit: Ich bin froh eine normale Schule absolviert zu haben, weil sie mir die Möglichkeit der Matura geboten hat. Müßte ich mit meinem heutigen Wissen noch einmal wählen würde ich jedoch, sofern dies Österreichern finanziell möglich ist, den linguistischen zweig der BLISTA in Marburg besuchen wollen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass in JEDEM Fall einzeln abgewogen werden muss, was besser ist. Um alles auszuführen, was mir hierfür berichtenswert erschiene reichen die 2000 Zeichen des Forums leider bei weitem nicht aus.
Ilse Weidner · 19. Oktober 2009 20:20 Uhr
Es bleibt zu hoffen, dass Frau Jarmers politisches Ungeschick und ihre fachliche Inkompetenz möglischt rasch erkannt wird, ehe sie noch weiter Schaden anrichtet.