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Text: Martin Ladstätter · 17. Feber 2010 13:52 Uhr

Bittere Pille des Deutschen Apotheker Verlages

"Barrierefreiheit? Das sagt mir jetzt gar nichts", so ein Verantwortlicher des Deutschen Apotheker Verlages im Interview. Wie schlecht darf ein Internetangebot in Bezug auf Barrierefreiheit in Deutschland im Jahr 2010 noch sein?

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Geldscheine und Tabletten

"Seit 2001 versorgt der Deutsche Apotheker Verlag mit seinem Portal www.apotheken.de die Besucher mit aktuellen Notdienstplänen, einer Rezept-Vorbestellung und einem Arzneibringdienst. Nach acht Jahren sei es Zeit, frischen Wind in die Website zu bringen, so die Meinung der Betreiber", ist einem entsprechenden Artikel von Sebastian Böttger und Jörn Steinhauer beim "t3n-Magzin" zu entnehmen.

Dieser Schritt ist natürlich zu befürworten, ebenso wie die Ankündigung, dass bei der Überarbeitung des Angebotes "auf aktuelle Technologien" gesetzt werde.

Bedeutung der Seite

"Die Website umfasst alle wichtigen Informationen von rund 21.500 Apotheken und mehr als 6.000 Fachartikel", ist im oben erwähnten Artikel zu lesen. Kurzum: Bei www.apotheken.de handelt es sich um ein wichtiges Angebot, das sich an eine große Öffentlichkeit richtet.

Wie steht es um die Barrierefreiheit?

Fast noch spannender als der Artikel zur Überarbeitung der Homepage sind die zahlreichen Kommentare, die sich in der Zwischenzeit unter dem Artikel angesammelt haben.

Grundtenor anhand von vielen Beispielen: Warum ist die Seite so schlecht und nicht barrierefrei? Zur Klarstellung: Die Kritik bezieht sich nicht auf kleine Fehler hier oder dort, sondern auf die Tatsache, dass die grundlegendsten Anforderungen an Barrierefreiheit von Internetangeboten zur Gänze ignoriert wurden.

Barrierefreiheit nur ein freundliches Entgegenkommen?

Wirklich bemerkenswert sind folgende zwei Kommentare einer Person, die anscheinend Hintergrundwissen zur Überarbeitung der Seite preisgab: "Barrierefreiheit war explizit nicht gefordert, da es Designanforderungen gab, die höher gewichtet wurden." sowie "Der Auftraggeber hat kein zusätzliches Budgets zur Verfügung gestellt, um die Inhalte a) barrierefrei zu gestalten, b) auf Barrierefreiheit zu prüfen."

Recht schnell entspann sich in den Kommentaren die Frage, ob dies nicht eine Diskriminierung sei bzw. sogar gesetzwidrig ist. Die Bandbreite der Ansichten ist insoweit interessant, als die einen Barrierefreiheit als Recht sehen, die anderen als allfällige Zusatzaufgabe.

"Barrierefreiheit? Das sagt mir jetzt gar nichts"

"Barrierefreiheit? Da bin überfordert. Das sagt mir jetzt gar nichts", erklärte Herr Curkovic, Vertretung des in Urlaub befindlichen Projektleiters, Dr. Hermann Vogel, ganz offen im Rahmen der telefonischen kobinet-Anfrage und bat um die Möglichkeit, zurückrufen zu dürfen.

Wenige Minuten später meldete sich der Technische Leiter, Herr Steinhauer, und bestätigte, dass die Barrierefreiheit "in der Phase 1" keine Anforderung gewesen sein. Dies vor allem, weil sie "nicht umfassend erreichbar gewesen wäre" und sie "in Deutschland nicht verpflichtend sei".

Man habe sich daher entschlossen, Barrierefreiheit "erst mal nicht zu berücksichtigen", denn man möchte "wenn barrierefrei, dann aber richtig" sein, hielt er im Gespräch fest und kündigte an, dass Barrierefreiheit aber "in Phase 2" erreicht werde. Als Zeithorizont gab er auf Nachfrage an: "Vermutlich April und Mai"

Verwunderlich

"Ich finde es verwunderlich, dass man auch 2010 noch glaubt, Barrierefreiheit könne man im 2. Durchgang - falls es denn einen solchen geben sollte - aufpropfen, etwa wie bei der Veredelung von Bäumen. Zugänglichkeit muss bekanntlich in die Planungsphase einfließen. Kein Architekt würde allen Ernstes nach Aufsetzen des Dachstuhls überlegen, ob das Haus vielleicht einen Lift benötigt hätte", meint Eva Papst, Expertin für barrierefreies Internet und Vorsitzende von accessible media, zu dem Vorfall.

Doch sie lenkt die Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Punkt: "Noch erstaunlicher finde ich, dass man die vorrangige Zielgruppe (behinderte, kranke und ältere Menschen) nachrangig sieht und sich auf eine Gesetzesdebatte zurückzieht, wo es doch nicht um Gesetzestreue, sondern um den Dienst am Kunden geht."

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Vera Rebl · 19. Feber 2010 10:54 Uhr

Das Web spiegelt die reale Welt: in Schwechat wurde die Stadtapotheke komplett und sicher für viel Geld umgebaut - mit eine Mega-Stufe am Portal - UND BEKAM EINEN PREIS FÜR'S DESIGN!

Manfred Srb · 18. Feber 2010 14:01 Uhr

Jetzt wäre es interessant zu erfahren, wie es um die bauliche Barrierefreiheit der Apotheken in Deutschland bestellt ist. Gibt´s da vielleicht auch so viel Ignoranz und Diskriminierung?

Artur Ortega · 18. Feber 2010 01:54 Uhr

Dieses Glanzstück zeigt besonders deutlich, dass die Kräfte der Märkte nicht funktionieren. Eine Web-Seite, die die größte Zielgruppe wie ältere Menschen, chronisch kranke oder behinderte Menschen explizit durch die Entscheidung gegen Barrierefreiheit ausschließt, zeigt welche Ignoranz wir in unseren freien Märkten bezüglich Barrierefreiheit haben.

Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Bundesregierung die Privatwirtschaft stärker in Verantwortung nehmen muss in Bezug auf Barrierefreiheit. Anders ist es offensichtlich nicht möglich. Das hat dieser Fall in beeindruckender Weise gezeigt.

Aber wie sagte schon mein Namensvetter José Ortega y Gasset.: "Law is born from despair of human nature."

Wolfgang Wiese · 17. Feber 2010 23:32 Uhr

Kai, in der reinen Theorie hast du natürlich recht. Barrierefreiheit hört nicht bei der Technik auf, sondern erstreckt sich ganz stark auf die weichen Faktoren UND darauf, daß dies nachhaltig auch noch Monate später von den verbliebenen Autoren umgesetzt wird -nachdem die Agentur längst weg ist.

Die Technik ist eigentlich eher ein Klaks im vergleich zu dem Rest. (man denke nur an den Aufwand für die Taxonomie).

In der Praxis aber ist es so, daß die meisten Agenturen sich nur für die Technik, für eine einmalige Schulung und die einmalige Umsetzung und Koordination einsetzen. (Eine dauernde Wartung gibt es nur in Ausnahmefällen, wo eine glückliche Agentur sich fest an einen Konzern verbunden hat.)

Trotzdem ist es die gute seriöse Agentur, die den Kunden eben hierzu berät ... oder auch nicht berät. Was in einer Projektphase 1 oder 2 oder was in einigen Monaten an Connects kommen, das kann sich ein normaler Kunden gar nicht ausdenken. Das muss die Agentur den Leuten erklären was möglich ist.

Der Kunde mag zwar entscheiden, wofür Geld bereitsteht und welche Phasen es gibt. Aber die Aentur muss dem erst die Phasen definieren und erzählen was Grundlage ist und was nicht.

Beim Hausbau entscheidet und zahlt der Bauherr. Aber der Architekt muss sagen was nötig ist und was nicht. Und was unverzichtbar ist. Wenn der Hausherr meint, das ein ordentlichen Fundament und eine Satikberechnung unnötig ist und ein "Der Kunde hat immer Recht-Schleim-Schleim"-Architekt widerspricht nicht, wer trägt dann die Verantwortung?

stefan haidinger · 17. Feber 2010 19:46 Uhr

Ich denke, dass der Input von Kai wichtig ist, weil Barrierefreiheit im Netz natürlich nicht umsonst ist, im doppelten Sinn des Wortes und man da bei barrierefreien Programmierungen und Projekten von Anfang klar sagen sollte, mit welchen Kosten zu rechnen ist. Es ist allerdings sehr traurig, dass immer noch nicht erkannt wird, dass Barrierefreiheit ja auch ein massiver Mehrwert und Kundennutzen ist, weil barrierefreie Websites für jedermann von der Usability her vorteilhaft sind.

Aber ... gerade im gegenständlichen Fall geht es um eine finanziell sehr potente Organisation und sehr viele Menschen, die Medikamente brauchen, brauchen Barrierefreiheit im Web bzw. viele sind schlicht froh, wenn die Schriftgröße veränderbar ist und der Kontrast.

Wirklich verbessern würde die Situation nur eine verbesserte gesetzliche Situation, wo klare Sanktionen gesetzt werden - primär natürlich bei großen Firmenwebsites und bei öffentlichen Institutionen.

Kai Laborenz · 17. Feber 2010 18:04 Uhr

@Wolfgang Wiese: Das kann man so nicht stehen lassen. Eine umfassende Barrierefreiheit (oder -armut) - in Verbindung mit neueren Techniken oder etwas individuelleren gestalterischen Ansätzen kostet mehr! Gerade wer - bei größeren Projekten - das Gegenteil verspricht, sagt nicht die ganze Wahrheit.

Ich rede nicht von Kinkerlitzchen wie weitgehend validen semantischen Templates oder ein paar Sprunglinks. Sondern von getesteten, auch im Bereich der Inhalte (!) und der Interaktion (!) komplett barrierefrei/-arm umgesetzten Websites mit ein paar tausend Seiten. Das geht nicht ohne ausgiebiges Testen - vor allem bei Applikationen wie dem Diagnosefinder.

Wofür Budget bereit steht und was in Phase I und II umgesetzt wird, das entscheidet nun mal der Kunde und nicht die Agentur.

Absolut unverständlich ist allerdings, dass der Apotherkerverband Barrierefreiheit so gering schätzt, dass er glaubt, darauf verzichten zu können. (Und wie das in einem zweiten Schritt gemacht werden soll, ist mir auch schleierhaft.)

Wolfgang Wiese · 17. Feber 2010 17:29 Uhr

Das ganze ist nicht allein Zeichen von Ignoranz sondern von Inkompetenz auf zwei Seiten: Der des Auftraggebers und der Seite der ausführenden Agentur. Wer heute noch seinem Auftraggeber als Agentur erzählt, daß barrierefreie Webauftritte teurer sind und gar dies in eine zweite Projektphase verschiebt, kann nicht als seriös bezeichnet werden. Der Auftraggeber muss nicht über die Details der Barrierefreiheit im Internet wissen. Die ausführende Agentur aber schon. Von daher sollte man auch bei dieser die Hauptkritik ansetzen.

Alex Schestag · 17. Feber 2010 16:15 Uhr

Danke für den guten Artikel. Er spricht mir aus der Seele, insbesondere der letzte Absatz. Es ist schon traurig, daß Barrierefreiheit nicht verwirklicht wird, wenn sie nicht vorgeschrieben ist. Das habe ich allerdings schon öfter hören müssen - nicht nur im Web.

Martin Kliehm · 17. Feber 2010 14:04 Uhr

Ich kann auch nur den Kopf schütteln angesichts dieser Ignoranz. Es ist nicht nur unethisch, es ist auch wirtschaftlich unklug, und die sich entwickelnde Diskussion schadet der Marke. Hier haben alle versagt, nicht nur die Technik. Man hätte auch architektonisch die Entscheidung treffen können, zunächst nur die 500 beliebtesten Artikel einzustellen, statt Tagsuppe von 10.000 historischen Artikeln, die schätzungsweise nach zehn Jahren auch inhaltlich irrelevant geworden sind.

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