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Text: Dipl.-Psych. Kassandra Ruhm · 15. März 2011 06:11 Uhr

Teil 18: Vielen Dank, Deutsche Bahn, wir stehen auf SM!

Mosaiksteine über das Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen.

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Deutsche Bahn

SM ist eine sexuelle Vorliebe, bei der mit den Motiven Macht und Kontrolle, Unterwerfung und Ausgeliefert-Sein gespielt wird.

Normalerweise muss man sich in spezielle Kreise begeben oder verwendet Erkennungszeichen, um Gleichgesinnte für die Rollenspiele zu finden. Zum Beispiel trägt man Handschellen als Schmuckstück.

Vor kurzem konnte ich jedoch erfahren, dass man bei der Anbahnung von SM-Inszenierungen ganz ohne aufwendige Kontaktanbahnung auskommen kann, wenn man als Rollstuhlfahrerin mit der Deutschen Bahn fährt.

Behindertentoilette außer Betrieb

Den Einstieg ins Rollenspiel inszenierte die DB mit den Motiven Auslieferung und Kontrolle über Körperausscheidungen:

Als ich mit meinem Rollstuhl in Mainz fast fertig in einen IC eingeladen worden war, teilte mir das Bahnpersonal mit, dass die Behindertentoilette außer Betrieb genommen wurde.

Ich wusste genau, dass ich die anstehenden 5 Stunden Fahrt bis Bremen auf keinen Fall ohne Toilettenbesuch durchstehen konnte. Ich sah mich schon beim Versuch, mich öffentlich in einen Eimer zu entleeren oder nach gescheiterten Bemühungen möglichst lange anzuhalten, mit nasser Hose im Abteil sitzen.

Im Gegensatz zu den Bahnbegleitern fand ich das keine Bedingungen, unter denen ich in den Zug eingeladen werden sollte. Erst nachdem mir zugesichert wurde, dass ich die Toilette trotz der Defekte notfallmäßig benutzen dürfe, habe ich nicht mehr versucht, aus dem Zug wieder heraus gelassen zu werden.

Die sogenannte "Mobilitätszentrale"

Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sind verpflichtet, alle Bahnfahrten mindestens 24 Stunden vorher über die sogenannte "Mobilitätszentrale" anzumelden, damit sie mit der Einstiegshilfe die Stufen in den Zug hinein und hinaus befördert werden. Die Telefonate mit der "Mobilitätszentrale" sind kostenpflichtig. Außerdem werden Vormeldungen nur dann akzeptiert, wenn man die Reservierung von einem der nur 1-2 Rollstuhlplätze pro Fernzug nachweisen kann und verschiedenste persönliche Angaben hinterlässt, wie unter anderem die Telefonnummer.

Selbst wenn man all diese Voraussetzungen erfüllt hat, wird ein deutlicher Teil der vorgemeldeten Fahrten von der "Mobilitätszentrale" aus verschiedenen Gründen abgelehnt, z.B. wegen Personalmangel.

Wozu sind diese Vormeldungen gut, wenn die Bahn nicht dafür sorgt, dass Defekte an den gebuchten Plätzen behoben werden? Wieso müssen verpflichtend Telefonnummern hinterlassen werden, wenn die Bahn diese im Notfall nicht benutzt?

Mit aller Kraft

Um dem Personal möglichst wenig Aufwand zu machen, habe ich direkt nach Fahrtantritt die defekte Toilette aufgesucht, die zu diesem Anlass wieder aufgesperrt wurde. Als ich die Toilette jedoch wieder verlassen will, ist das nicht möglich. Mit aller Kraft versuche ich, die Tür zu öffnen. Aber mehr als 1-2 cm bekomme ich sie nicht auf. Ich werde langsam panisch.

Erst als ich nach mehreren erfolglosen Versuchen um Hilfe rufe, kommt ein Schaffner, der vor der Tür stand, und lässt mich heraus. Ich finde heraus, dass er mich ohne mein Wissen und ohne Grund in der Toilette eingeschlossen hat.

Ich finde es unmöglich, Fahrgäste einzuschließen. Er nicht. Im Gegenteil, er fühlte sich trotz all meiner Argumente völlig im Recht. Mittlerweile verstehe ich, warum: Da er ein SM-Rollenspiel mit mir spielte, war es ganz normal für ihn, mich einzuschließen, zu fesseln oder Ähnliches.

Später stellt sich heraus, dass es sehr wohl einen anderen Wagon mit Behindertentoilette gegeben hätte, in den ich aber nicht eingeladen worden war.

Der Schaffner schlug vor, dass ich an einem anderen Bahnhof umgeladen werden solle. Prinzipiell fand ich das eine gute Idee. Gern wollte ich nach freier Zeiteinteilung bei Bedarf die Toilette benutzen können, ohne warten zu müssen, ob zufällig ein Schaffner vorbei kommt, der die defekte Toilette aufschließt. Aus mehreren Gründen wollte ich allerdings auf keinen Fall direkt beim nächsten Halt in Koblenz umgeladen werden.

Gegen meinen ausdrücklichen Willen

Der SM-Schaffner bestand jedoch darauf, dass ich direkt in Koblenz und nicht erst an einem späteren Bahnhof umgeladen würde. Dass ich mehrfach deutlich gesagt habe, dass er mich in Koblenz gegen meinen ausdrücklichen Willen umladen würde, schien ihm egal zu sein.

Erst jetzt, wo ich verstehe, dass ich mich in einem SM-Rollenspiel befand, wird mir klar, dass meine Kritik unberechtigt war. Dominanz und Unterwerfung sind ganz normale Bestandteile von SM-Rollenspielen.

Auch dass er immer weiter auf mich einredete und sich bei mir beschwerte, obwohl ich ihm nach einiger Zeit deutlich gemacht habe, dass ich nicht weiter mit ihm über diese Angelegenheiten diskutieren wolle, kann ich jetzt in neuem Licht sehen.

Innerhalb eines Wagons kann ich mich mit meinem Rollstuhl nur auf einem sehr begrenzten Raum fortbewegen: Von der Wagentür an der Toilette vorbei zum Rollstuhlplatz und zurück. Alle anderen Durchgänge sind zu schmal. Deshalb hatte ich keine Möglichkeit, ihm und seinen Vorhaltungen und Ausführungen zu entkommen. Dass er diese ausgelieferte Lage ausgenutzt und mich nicht in Ruhe gelassen hat, ist gar kein schlechter Charakterzug. Es war einfach ein Teil der Inszenierung.

Fast tut mir leid, wie unrecht ich dem Schaffner getan habe. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wieso besagter Schaffner sich bis zum Schluss verhielt, als wäre er völlig im Recht und meine Kritik und Verärgerung als Unhöflichkeit meinerseits abtat.

DB spielt souverän und kreativ

Mit verschiedenen weiteren, originellen Details wurde die Inszenierung der Motive "Macht, Ohnmacht, Dominanz und Ausgeliefert sein" ausgeschmückt und zum Leben erweckt. Auszunutzen, dass ein Mensch räumlich fixiert ist und sich dem anderen nicht entziehen kann, Dominanz über den Willen des masochistischen Spielers und Kontrolle über Körperausscheidungen sind klassische Motive, die bei SM-Inszenierungen zum Genuss beider Seiten benutzt werden können. Bei dieser Fahrt hat mir die DB bewiesen, dass sie souverän und kreativ mit diesen Motiven spielen kann.

Nur zwei Aspekte bleiben mir zu bemängeln

Bei SM-Inszenierungen werden im Vorhinein Codeworte vereinbart, mit denen der ausgelieferte Part stoppen kann, wenn er etwas wirklich nicht will. Dieses Codewort sollte auch behinderten Fahrgästen vor Beginn der Fahrt mitgeteilt werden.

Außerdem muss ich trotz aller Bemühungen der DB mit ihrem besonderen Mobilitäts-"Service" für behinderte Fahrgäste festhalten:

Liebe Deutsche Bahn, da liegt ein Missverständnis vor! Ein Rollstuhl ist gar kein Zeichen dafür, dass die betreffende Person eine Macht-und-Unterwerfungs-Inszenierung wünscht. Ich persönlich teile diese Vorliebe nicht. Ein Zeichen für SM-Vorlieben sind zum Beispiel Handschellen, nicht Rollstühle! Aber selbst bei Handschellenträgern sollte man noch mal nachfragen, bevor man solche Inszenierungen mit zahlenden Kunden beginnt.

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Paul · 14. September 2011 07:46 Uhr

So inabzeptabel die hier aufgezeigte Situtation und das Vorgehen der DB ihren Kunden gegenüber auch ist, so unsinnig und unlustig ist leider auch der Vergleich mit BDSM, da muss ich meinen Vorrednern leider Recht geben ...

tommy · 18. März 2011 19:41 Uhr

sachlich gesehen (u.a. defektes wc, organisatorischer rahmen für menschen mit behinderung): schlimm, sehr schlimm, solche erfahrungen habe ich leider bei der öbb auch wiederholt erlebt; beschwerde okay; anekdote darüber in möglichst vielen medien okay

aber warum in dem artikel mit aller vehemenz immer wieder auf eine sexuelle vorliebe (zwischen erwachsenen unter beachtung der allgemeinen bdsm-regeln durchaus okay) bezug genommen wird, ist mir ein rätsel

ich fand das durchlesen des artikels mühsam; um was geht es der verfasserin eigentlich? das eine hat mit dem anderen nichts zu tun; warum wird es hier verquickt; und ob eine sensibilisierung der leser_innen für die sachliche problematik (defektes wc, ...) durch diesen artikel wirklich erzielt wurde, das sei dahin gestellt

georgie gruber · 18. März 2011 19:17 Uhr

ich möchte mich dorli brozek anschliessen. wenn es eine ernst gemeinte forderung ist, sexuell emanzipatorische positionen zu stärken, dann sollte sarkasmus oder ironie besser nicht auf kosten von bdsm-praktizierenden gehen.

grundsätzlich finde ich aber gut und stark, mit sarkasmus oder ironie auf diskriminierung/en aufmerksam zu machen. der kontext macht den witz. in einer grossen öffentlichkeit, wo davon ausgegangen werden muss, dass bdsm eher abgelehnt oder missverstanden wird, kann der witz nur auf kosten der bdsm-communities gehen.

wenn schon unbedingt bdsm als metapher verwenden, dann wäre schöner gewesen, wenn frau ruhm sagen hätte können, dass sie auf sm steht, und daher nicht-konsensuale und nicht verhandelbare praktiken ablehnt. eine sexuelle praxis, die zwar sarkastisch verwendet wird, dann aber weit von sich zu weisen, buttert in die diskriminierungspraxen gegenüber bdsm_er_innen rein.

ich bin zuversichtlich, dass sich andere, treffendere metaphern finden, herrschaft und ignoranz in der der alltagskultur (der DB) zu ironisieren.

sequoia · 18. März 2011 19:15 Uhr

ich finde den artikel keineswegs gelungen. gut - er ist ein erfahrungsbericht mit der deutschen bahn - missstände sollen aufgezeigt werden, doch was hier zu lesen ist, ist nicht einfach nur die schilderung einer schlechten erfahrung, sondern ein gleichsetzen mit einer sexuellen praxis, die -wie behinderung - auch von voruteilen, tabus und ausgrenzung betroffen ist. bdsm und die praktizierenden verdienen genauso viel respekt wie hier für menschen mit behinderung gefordert wird!

dorothea brozek · 18. März 2011 13:26 Uhr

Auch wenn die grundsätzliche aussage des artikels griffig verständlich ist u sogar viele menschen drüber schmumzeln können:

als sexualberaterin und sexualpädagogin ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass in diesem artikel mit plakativen klischees gearbeitet wird. fachlich darauf ein zu gehen, würde hier den rahmen sprengen.

aber eines will ich hier aufgreifen: wem gilt das (be)lächeln? menschen, die bdsm praktizieren. und das ist eine gruppe, die ebenfalls mit diskriminierung immer wieder konfontiert wird. nämlich diskriminierung in dem leben ihrer persönlichen, sprich sexuellen freiheit. und spätestens hier treffen sich interessen, wo es klüger und nachhaltiger ist, kräfte zu bündeln und dort zu stärken, wo behinderte menschen auch gestärkt werden wollen: selbstbestimmt leben in allen facetten.

Silvio Soldan · 18. März 2011 08:21 Uhr

In wenigen Worten Menschen unwürdig. Leider ist es in der Schweiz nicht besser

Kassandra Ruhm · 18. März 2011 00:05 Uhr

Danke für's Lob! :-)

Klaudia Karoliny · 17. März 2011 12:28 Uhr

toller und kreativer Beitrag wieder einmal! Kann darüber lachen, auch wenn ich so ein Szenario in Österreich auch schon einmal erlebt habe. SO habe ich die Sache noch nie betrachtet :-)

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