Sexualität und Behinderung
"... Hab ich noch nie probiert, aber ... "
"... Hab ich noch nie probiert, aber ... könnte ich mir schon vorstellen ... auf gar keinen Fall! ... bestimmt eine interessante Erfahrung ... ich bin ja nicht von der Caritas! ... spüren die überhaupt was beim Sex? ... nein, das wäre mir zu stressig ... mal etwas anderes .... was mache ich, wenn ich sie/ihn nicht mehr los werde? ... Ich will mal Kinder und ich weiß nicht, ob ... warum nicht? ... ist mir zuviel Verantwortung ... gehen sollte er schon können, behindert bin ich selbst ... ja, da hab ich schon mal was im Kino gesehen ..."Nun, ich kann nur Vermutungen über ihre Assoziationen bei dem Thema Behinderung und Sex anstellen, doch falls sie schon mal etwas "über so was" im Kino gesehen haben, behaupte ich mal so auf Verdacht: Gelogen!
In der Schlußszene von "Mein linker Fuß" beispielsweise: Daniel Day Lewis im Rollstuhl, seine Geliebte, vormals seine Pflegerin, neben ihm. Beide befinden sich auf einem Berggipfel, der Himmel spielt Romantik und über dieses Schlußbild läuft der Nachspann. Doch wie zum Geier, frage ich mich, haben die beiden diesen Berg erklommen?
Ich muß aufs Klo und mühe mich vom Sofa in meinen Rollstuhl. Danach bin ich etwas entspannter und versuche, in meiner Kritik nicht zu hart mit den Machern des Films zu sein. Immerhin ein Film, der sich mit dem Thema auseinandersetzt und im Hauptabendprogramm läuft. Er war sogar zuerst im Kino!
Trotzdem: Wenn ich mit meinem gehenden Freund den Urlaub plane, achten wir vor allem darauf, Steigungen jedweder Art zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu rollen. Händchenhalten auf Gipfeln, ausgenommen auf solchen der Erregung, kommt nur in meinen schlimmsten Albträumen vor.
Nun, jetzt wissen sie schon eine ganze Menge über mich. Ich bin eine Frau um die dreißig. Aufgrund meiner körperlichen Behinderung nennt man mich umgangsprachlich eine "Spastikerin".
Ich arbeite derzeit als Performancekünstlerin, befinde mich in Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin mit dem Schwerpunkt Sexualität und mit meinem Freund, den ich umgangsprachlich "Geher" nenne, fahre ich nicht nur auf Urlaub. Warum ich sie mit meiner Biographie konfrontiere? Weil ich die Einzigartigkeit jedes Lebensentwurfs betonen will. So gibt es meiner Meinung nach auch nicht DIE Behinderung und DIE Sexualität sondern in erster Linie einmal Frauen und Männer.
Diese wiederum sind körperlich, geistig und/oder psychisch gehindert, das heißt, gehindert durch ihr Anders-Sein, so am sozialen, politischen, gesellschaftlichen und sexuellen Leben teilzunehmen, wie die Frauen und Männer, welche nicht in die oben genannten Kategorien fallen.
"Wir leben in einer Leistungsgesellschaft." Dieser oft zitierte Satz gilt natürlich auch im Bereich der Sexualität. Sie steht zu ihrem Körper wie er ist, "seiner" steht sowieso immer. Sollte es mal nicht klappen, kann man ja darüber reden. Auch Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Sex. So weit so korrekt. So weit so theoretisch.
Wenn Sie allerdings einmal die Lust überkommt und es steht ihnen nur die eigene Phantasie und eine freie Hand zur Verfügung: Haben Sie sich schon jemals eine "geile Schnitte" mit Rädern vorgestellt oder einen coolen Typ mit Down Syndrom? Da bleiben wir doch lieber bei Richard Gere, Bruce Willis, Kim Basinger oder Sharon Stone. Wenn niemand für Sie dabei ist: Sorry! ... Wie wär's mit Christopher Reeves, jetzt "bereift"?
Bedeutet es schon für Frauen und Männer ohne Behinderung eine immense Anstrengung, den Idealvorstellungen von Schönheit, sexueller Attraktivität und Potenz zu entsprechen oder sich diesen auch verweigern zu können, liegt die Anstrengung von Menschen mit Behinderung vor allem darin, als geschlechtliche Wesen wahrgenommen zu werden. Spastiker, Querschnittler, Unfallopfer, Geistigbehinderte, Amputierte, Blinde, MS-Kranke werden reduziert auf die körperliche Andersartigkeit, immer gesehen durch den Blick der nicht gehinderten Mehrheit.
Kindheit und Jugend von Menschen, die von Geburt an behindert sind, spielt sich oft zu einem beachtlichen Teil in Spitälern und Therapieeinrichtungen ab. Ihr Körper ist Gegenstand der Aufmerksamkeit. Schwestern, ÄrztInnen und TherapeutInnen befassen sich mit ihm. Sie be-fassen ihn wann, wo und wie sie wollen, um dann doch nur den Mangel festzuhalten.
Oft nur zu wissenschaftlich-medizinischen oder therapeutischen Zwecken berührt, ist es für Kinder mit einer körperlichen Behinderung schwierig, ihren Körper als etwas Positives zu verstehen. Diesen "geschädigten Bewegungsapparat" als etwas, das sie selbst definieren können und über den sie bestimmen dürfen, zu begreifen.
Selbstbestimmung, selbst zu bestimmen, wer dich wann, wie und wo berühren darf. Spätestens in der Pubertät läßt es sich nicht mehr leugnen: Unser Körper ist anders. Wir sind anders. Die Burschen wollen nur reden, die Mädchen sehen in uns keine wirkliche Gefahr im Kampf um die Gunst eines potentiellen Sexualpartners und die Erwachsenen bemühen sich, dir zu versichern, daß es auf die "inneren Werte" ankommt. "Scheiße", denkst Du, "ich will ficken!".
Das ist ein Anfang. Das war meiner. Damit begann ein mühevoller, schmerzhafter und oft auch zorniger Weg zu meinem Körper. Von entscheidender Bedeutung war die Teilnahme an verschiedenen Workshops mit den Themen "Behinderung und Sexualität" oder "Behinderung und Partnerschaft", mit Kursleitern, die neben ihrer Funktion als ausgebildete Beraterin und Berater selbst Betroffene sind, sowie der Erfahrungsaustausch mit den anderen Teilnehmern. Ich habe eine Psychotherapie begonnen, ließ mich viel massieren und vor allem begann ich, professionell zu tanzen. Doch was das Wichtigste ist: Ich habe geredet, geredet, geredet, geweint, geflucht und gevögelt. Ich war mutig, ich war übermütig, ich war unvorsichtig und ich hatte oft Angst.
Doch zum ersten Mal erlebte ich meinen Körper als Teil meiner Person. Als etwas, an dem nicht nur kritisiert, korrigiert und operiert wird, sondern als Körper, der Lust empfangen und bereiten kann. Als Frau, die in ihrem Körper zuhause ist. Als Frau, die sich dieses positive Grundgefühl immer und immer wieder neu erkämpfen muß und will.
In den letzten Jahren hat sich eine starke Selbstbestimmt-Leben-Bewegung entwickelt, die für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen eintritt.
Es gibt Seminarangebote mit den Themen Sexualität und Partnerschaft für Menschen mit körperlicher Behinderung, es gibt PsychotherapeutInnen und BeraterInnen, die selbst behindert sind, und es gibt sie, die Beziehungen und Partnerschaften zwischen Frauen und Männern mit und ohne Behinderung.
So wichtig die persönliche Weiterentwicklung ist, dürfen wir die konkrete Auseinandersetzung mit politischen Entscheidungsträgern und staatlichen Institutionen nicht scheuen. Eine Veränderung der gesellschaftspolitischen Verhältnisse geschieht nur, wenn wir uns mit Herz, Hirn und Händen einmischen, einmischen, einmischen.
In diesem Sinne: "Just do it!".
Eine Auswahl zum Thema:
Bücher:
- "Pride Against Prejudice", Jenny Morris (Hrsg.), The Women's Press, 1991, ISBN 0704342863
- "Geschlecht: Behindert - Besonderes Merkmal: Frau", C. Ewinkel, G. Hermes et.al. (Hrsg.), AG SPAK M 68, 1985, München, ISBN 3-923126-33-6
- "Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen", Udo Sierck, AG SPAK M 97, 2. Auflage, 1992, München, ISBN 3-923 126-63-8
- "Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung", Schriftenreihe der Frauenministerin, Band 10, September 1996, Wien, ISBN 9011-9224-3
Filme:
- "Coming Home" mit Jane Fonda, Jon Voight u.A., Regie Hal Ashby, USA, 1978
- "Gabi Brimmer" mit Liv Ullmann u:A., Regie Ingmar Bergman, Schweden, 1986
- "The Waterdance" mit Eric Stoltz, Wesley Snipes, William Forsythe, Helen Hunt u.A.., Regie Neal Jimenez und Michael Steinberg, USA, 1992
- "Live Flesh" mit Liberto Rabal, Francesca Neri, Javier Bardem u.A., Regie Pedro Almodovar, Spanien, 1997
Weitere Informationen: Sexualität, Sexualpädagogik, Sexuelle Gewalt
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Ronald · 22. Jänner 2010 10:09 Uhr
Hendrik · 22. Feber 2009 19:30 Uhr
Rolf Henninges · 9. November 2007 15:25 Uhr
sandy · 10. April 2007 11:37 Uhr
Hans B. · 24. Feber 2007 12:50 Uhr
Michaela Bär · 15. Mai 2006 22:51 Uhr
Ich suche daher nach jemanden mit dem ich mich austauschen kann. Keinen Therapeuten sondern Gleichgesinnte. Vielleicht könnten sie mir dabei helfen so jemanden zu finden, jemanden zu dem man auch vertrauen haben kann.
Hajo Mertens · 9. November 2004 16:03 Uhr
heidi · 15. August 2004 18:54 Uhr
Literatur gibt's genug, nur wenig gelebtes. grüsse aus graz! heidi
Rita Schroll · 5. Dezember 2003 11:32 Uhr
Karin · 21. Oktober 2003 14:17 Uhr
Eine Bereicherung für alle, die sich öfter mal als behindert erleben, wenn es darum geht Interessen und Sehnsüchte zu verwirklichen. (Wer könnte sich davon ausnehmen?) Danke dafür! Mehr davon!
Markus Siller · 25. September 2003 15:03 Uhr
Vergangenheit ... Wie hoft ist man früher von Busutnernehmen "Haas" u.a. von zu Hause abgeholt wurden und zur Schule gebracht worden, obwohl man immer selbst den Schulweg wie andere - auf normalen Wege mittels Straßenbahn, und Bus -beschreiten wollte ....
Heute ... Gleiches gilt für die Sexualität die man in gleicher Intensität wie "Nichtbehinderte" erleben möchte. ... aus Sicht des. männl. Geschlechts, aber es gilt auch für das weibl Geschlecht im Vergleich: Trotz aller unterstützenden Worte von Familie und Freunden hat man z.b. meist nicht die nötige Coolness einfach aus heiterem Himmel eine nette junge Frau oder Dame gleichen Altersgruppe anzusprechen.
Aber vielleicht würde ja ein leichtes Erröten in dieser Situation, die Ernsthaftigkeit des Anliegens unterstreichen? Taktgefühl und gutes Benehmen ist ja o. K., aber es muss doch nicht der Knigge (auch unbekannter Weise) von vor mehr als 200 Jahren sein. Warum also nicht den Mut haben, eine interessante Frau einfach so anzusprechen? Wer weiß, was aus so was werden kann? ;)
Und genau das ist es der Mut, den man aufbringen muss; wenn man den nicht hat, oder er einen im entscheidenden Augenblick plötzlich verlässt? Oder diese Frau ist einfach zu(uu) interessant und so(oo) toll, daß man plötzlich nicht mehr so cool, wie man das unter Normalbedingungen von sich gewohnt ist, sein kann?
Wohl dem, der dann schlagfertig genug ist, dass er eben nicht belanglos drauf los plappern muss. Sondern spontan einen Anlass an den Haaren herbeiziehen kann. Einfach, um etwas "in der Hand zu haben". Sonst schwebt die zarte Elfe einfach vorbei, und man ist danach nicht gelenkig genug, sich in den Hintern zu beißen - meist auch gleich im Internet, wen man nicht auf Anzeigen zu antworten vermag.
Behinderte haben auch Gefühle und suchen Partner, wie alle Nichtbehinderte ebenso. Warum immer irgend etwas speziell machen wollen? Warum die Menschen, ob behindert oder nicht, nicht einfach so nehmen, wie sie sind? Mit ihren Stärken und Schwächen! Wünsche nach Zweisamkeit haben viele Beweggründe. Oft ist Einsamkeit ein Grund. Auch wenn man Familie hat, in Wohngemeinschaften mit anderen zusammen lebt, oder doch in der grücklichen Lage selbstständig zu sein, und damit auch eine eigene Wohnung zu haben - privat mit vielen Menschen Gemeinschaft pflegt - vertraute zweisamkeit, Austausch von Zärtlichkeit oder Sexualität sind selten möglich.
Menschen mit und ohne Behinderung haben dasselbe Bedürfnis und wenig Gelegeheit sich über dieses Bedürfnis auszutauschen oder zueinander zu finden. Nur wer bereit ist einen Behinderten oder Nichtbehinderten Partner/in zu lieben ist auf den richtigen Weg seiner Gefühle freien Lauf und durch Toleranz mehr davon erfahren zu können. Ich hoffe damit einige zum Nachdenken angeregt zu haben. Und würde mich über weitere Beiträge von Dir Elisabeth freuen.
Jürgen Seidel · 9. August 2003 07:55 Uhr
Michaela · 22. Feber 2003 22:34 Uhr
Florian · 31. Jänner 2003 14:03 Uhr
klaudia gruber · 8. Jänner 2003 08:55 Uhr
erwin riess · 4. Jänner 2003 03:07 Uhr