Teil 2: Abhängigkeiten in Beziehungen
Mosaiksteine über das Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen.
Unterschiedliche Aufgabenaufteilungen
Wenn ein/e PartnerIn behindert ist, gibt es sehr unterschiedliche Aufgabenaufteilungen. Es muss nicht so sein, dass die/der behinderte PartnerIn mehr Unterstützung braucht oder unselbstständiger ist. Manchmal ist es auch umgekehrt.
Ich finde, es ist in jedem Fall eine Herausforderung, wie man mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Einschränkungen in einer Beziehung umgeht. Und mit dem äußeren Bild, dass selbstverständlich die/der behinderte PartnerIn mehr von der/dem nichtbehinderten PartnerIn braucht, als umgekehrt. Mein eigener Umgang mit Hilfe in Beziehungen hat sich in meinen 15 "behinderten" Lebensjahren stark verändert.
Es war eine katastrophale Zeit
Im dritten Semester meines Studiums bin ich bedrohlich krank geworden und war über ein Jahr weitgehend bettlägerig. Es war eine katastrophale Zeit. Obwohl ich eigentlich schon wusste, dass ich lieber Frauen mag, hatte ich damals noch eine letzte Männerbeziehung, die über 2 Jahre bestand.
Mein Freund hat unheimlich viel für mich getan, sich um mich gekümmert, den Haushalt gemacht, mich durchgebracht. Er hat sich für mich aufgeopfert.
Ich habe seine Unterstützung dringend gebraucht. Ich hatte keine Familie, auf die ich zurückgreifen konnte. Freunde und Freundinnen haben sich schnell zurückgezogen, weil sie überfordert waren und die Freundschaften sich vorher noch nicht jahrelang hatten festigen können. Oder weil viele Kontakte sowieso nur funktionieren, solange man seine Wohnung verlassen und wohin gehen kann.
Weil ich abhängig war ...
Neben der Dankbarkeit gegenüber meinem ehemaligen Lebensgefährten, glaube ich, dass ich eine Funktion für ihn hatte. Das ist die andere Seite der Medaille. Er konnte sich für mich aufopfern und wenn er sein Leben nicht hinkriegte, waren ich und meine Krankheit dafür verantwortlich. Nicht er selbst. Ich verdanke ihm viel - aber es gab auch schreckliche Seiten in der Beziehung, die ich jetzt nicht näher beschreiben werde.
Weil ich von seiner Hilfe abhängig war, konnte ich ihn nicht verlassen. Er hat nicht viel dafür getan, meine Abhängigkeit zu verringern, im Gegenteil. Seit dieser Zeit ist mir sehr wichtig, nie mehr von jemand abhängig zu sein. Die Hilfen, die ich wegen meiner Behinderung brauche, möchte ich von meinen bezahlten Assistentinnen bekommen.
Angst verlassen zu werden
Ich glaube, es gibt ein paar Menschen, die Beziehungen zu kranken oder behinderten Menschen suchen, weil es ihnen etwas gibt, wenn ihr Gegenüber von ihnen abhängig ist. Sie können sich stark und fähig fühlen, wenn ihr/e PartnerIn etwas nicht so gut kann und sie braucht. Sie haben vielleicht weniger Angst, verlassen zu werden.
Es gibt einen guten Grund, auf den man Schwierigkeiten im Leben schieben kann. Außerdem sind sie die "guten Menschen", die mit "so jemand" zusammen leben. Ihre schwierigen Seiten werden weniger gesehen.
Es gibt natürlich auch viele, die eine Liebesbeziehung mit einem behinderten Menschen einfach deshalb anfangen, weil es ganz normal ist. Weil sie genau diesen Menschen bezaubernd und wunderbar finden und nicht auf die Idee kommen, eine Liebesbeziehung zu unterlassen, bloß weil wir behindert sind.
Aber es gibt auch andere Gründe
Aber ich glaube, es gibt auch ein paar, die andere Gründe haben, für die unsere Einschränkung eine bestimmte Funktion hat. Es kann sein, sie fühlen sich minderwertig, haben größere Probleme, denken vielleicht, sie könnten sich niemand zumuten oder niemand würde sie wollen - und meinen dann, jemand Behindertem gegenüber würden sie sich nicht so schwach oder unterlegen fühlen.
Wenn jemand ein schlechtes Selbstwertgefühl oder andere psychische Probleme hat, kann das trotzdem eine ganz wundervolle Person sein. Das muss kein schlechtes Zeichen sein. Aber wenn wir mit unserer Behinderung instrumentalisiert werden, damit sich jemand anders stärker fühlt, finde ich das brenzlig.
Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus einem längeren Text, den ich für ein Coming-Out-Buch mit Interviews mit "behinderten" Lesben und Schwulen geschrieben habe. Link zum kompletten Text und weiteren Texten von mir.
Weitere Informationen: Sexualität, Sexualpädagogik, Persönliche Assistenz
Speichern bei:
Google-Werbung:
Google-Werbung:
Fabienne · 27. November 2009 12:29 Uhr
Eka Oehne · 8. Mai 2009 03:52 Uhr
Ganz extrem war die Situation, in der man mir verwehrte, unser Haus rollstuhlgerecht umzubauen, damit ich alleine darin zurecht kam oder die Zeit, als man meinte, dass ein Rollstuhl nicht notwendig wäre, weil man sich vom anderen "stützen lassen" könne. Diese Stütze ("Unterstützung") hielt mich in Abhängigkeit von dem anderen, aus der ich mich befreien musste, um die Achtung vor mir selbst nicht zu verlieren ...
Wir brauchen zwar die "Hilfe" der anderen, aber auch wir haben viel zu geben. Du hast es sehr gut geschildert - die Verteilung der Aufgaben in einer Beziehung, sei es eine partnerschaftliche oder freundschaftliche. Und dies ist auch in einer Beziehung mit einem Menschen mit einer Behinderung der Fall. Wir können zwar nicht mehr die körperliche Leistung erbringen, wie ein Gesunder. Aber das ist lange nicht alles, was ein Mensch einem anderen geben kann...
In einem Wohnprojekt "Jung und Alt" übernimmt ein Rollstuhlfahrer (früher Sozialarbeiter) z. B. die Betreuung der Kinder, während die Eltern ihre Dinge erledigen und gleichzeitig Besorgungen für den Rollifahrer mit übernehmen. Zudem ist er mehr oder weniger der "Kummerkasten" für die Bewohner, die sein soziales und menschliches Einfühlungvermögen schätzen. Ganz abgesehen von der Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt, das er durch seine Medienbeiträge bekannt gemacht hat, woraus alle Bewohner ihren Nutzen ziehen.
Und kann man in einer Beziehung überhaupt genau aufrechnen, wer mehr gibt oder weniger?
Jedenfalls bin ich schon gespannt auf deine weiteren Beiträge.Ich wünsche dir weiterhin gute Ideen dafür.
Kassandra Ruhm · 27. Jänner 2009 20:22 Uhr
Das freut mich :-)
Nächsten Freitag gibt's den nächsten Mosaikstein. Und übernachsten Freitag noch einen und über-übernächsten Freitag noch einen.
Mal gucken, wie Ihnen die gefallen.
Viele Grüße
Kassandra Ruhm.
anonym · 26. Jänner 2009 15:02 Uhr
F. Grillparzer · 26. Jänner 2009 10:06 Uhr
hannelore · 26. Jänner 2009 06:53 Uhr
mit freundlichen Grüßen Hannelore Schwitzer
Ein netter Mensch · 23. Jänner 2009 12:30 Uhr
Der Wunsch nicht von jemandem abhängig zu sein, im Sinne eines "auf gedeih und verderb" ausgeliefert seins, ist verständlich. (Es geht mir genauso) Man will für eine (Hilfe)Leistung eine zumindest gleichwertige Gegenleistung erbringen. Bei einem bezahlten Assitenten ist das die Bezahlung; unter Freunden oder in einer Beziehung wird das schon schwieriger. Eine gewisse Einseitigkeit läßt sich wahrscheinlich nicht vermeiden.
Zu den Gründen für eine Beziehung erlaube ich mir zu ergänzen, daß es auch eine Gruppe von Fetischisten gibt, die körperliche Gebrechen (inbesondere Amputationen) anziehend finden.
Zitat: "Es gibt natürlich auch viele, die eine Liebesbeziehung mit einem behinderten Menschen einfach deshalb anfangen, weil es ganz normal ist. Weil sie genau diesen Menschen bezaubernd und wunderbar finden und nicht auf die Idee kommen, eine Liebesbeziehung zu unterlassen, bloß weil wir behindert sind." - Das gibt es in der Tat (siehe z.B. http://www.2sames.de/) allerdings weiß ich aus Erfahrung, daß die gesellschaftliche Stimatisierung eine solche Beziehung verhindern bzw. zerstören kann.
Leider kann ich keine perfekte, allgemeingültige Lösung anbieten. Ich wünsche allen Paare weiterhin viel Erfolg auf dem gemeinsamen Lebensweg und jenen, für die sich der Wunsch nach einer Beziehung nicht erfüllen konnte, viel Kraft mit der Einsamkeit fertig zu werden und nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen.