80.000 Briefe werden über Wien schweben

"A Letter To The Stars. Schüler schreiben Geschichte" ist das größte schulische Forschungsprojekt zum Thema Zeitgeschichte in Österreich.

NS-Opfer  Hansi Thaler
Familie Thaler

Als Höhepunkt des Projekts treffen die SchülerInnen am 5. Mai 2003, dem nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, auf dem Wiener Heldenplatz zusammen.

Österreichische SchülerInnen recherchieren die Lebensgeschichten jener 80.000 Menschen aus Österreich, die dem Holocaust der Nationalsozialisten zum Opfer fielen: Juden, politisch Verfolgte, Roma und Sinti, Behinderte, Homosexuelle, Gläubige …

Sie befestigen ihren „Brief an das Opfer“ an einem weißen Luftballon. Die Farbe Weiß bedeutet im jüdischen Kulturverständnis „dem Vergessen entreißen“. 80.000 Luftballons tragen die Geschichte weiter. Ein Brief zu den Sternen. A Letter To The Stars.

Einer dieser Briefe wurde von drei Schülerinnen der Klasse 4C des Gymnasiums St. Johann / Salzburg geschrieben. Sie berichten von Hansi Thaler, der am 12. Juni 1937 in St. Johann geboren wurde. Mit eineinhalb Jahren erkrankte er an einer Gehirnhaut- und Rippenfellentzündung. „Es war geradezu ein Wunder, dass er überlebte, denn damals gab es kein Penicillin und keine Antibiotika. Als Folge dieser schweren Erkrankung verlor Hansi sein Gehör. Er war gehörlos, aber nicht stumm.“, kann man dem Brief entnehmen.

Er konnte keine Gebärdensprache erlernen und hatte auch Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen. „Weil er den Unterschied zwischen einer ebenen und geneigten Fläche nicht wahrnehmen konnte, musste man dauernd auf ihn aufpassen. Ab diesem Zeitpunkt war Hansi ein behindertes Kind.“, halten die Schülerinnen fest.

Im Rahmen der NS-Vernichtungsprogramme kam an die Ärzte die Aufforderung, Kinder mit Behinderungen zu melden. Der Medizinalrat von St. Johann meldete Hansi als behindert. Daraufhin kam im Auftrag des Reichsstatthalters von Salzburg der Bescheid, das Kind Johann Thaler zur Behandlung in die Klinik „Am Spiegelgrund“ einzuweisen, unterschrieben von Dr. Illing, dem damaligen Leiter vom Spiegelgrund.

Bedrückend werden die weiteren Vorgänge geschildert: „Am 25. August 1942 wurde Hansi Thaler abgeholt und nach Wien transportiert. Sein Vater nahm sich daraufhin einen Fronturlaub, kam von Russland nach Hause und schrieb am 6. September 1942 an die Anstalt einen Brief mit der Bitte, ihn bald ausführlich über den Zustand seines Sohnes zu informieren. Drei Tage später traf die Sterbeurkunde von Hansi ein.“

Hansi Thaler war eines jener Opfer, die zwischen dem 25. August 1940 und dem 3. Juni 1945 am Spiegelgrund umkamen. Wie die vielen anderen Kinder wurde er in einem eiskalten Raum untergebracht, kaum ernährt und mit Luminal (einem Mittel, das die Lungenfunktion schwächt) behandelt, bis er jämmerlich verhungerte und an Lungenentzündung starb.

60 Jahre später – im April 2002 – wurden seine letzten sterblichen Überreste in einem Wiener Ehrengrab beigesetzt. „Hansi Thaler gehörte zu jenen Opfern, denen ihre Gehirne entnommen, in Reagenzgläsern aufbewahrt und für die medizinische Forschung – auch nach 1945 – verwendet wurden.“, halten die Schülerinnen die Vorgänge nach dem Krieg fest, die sie „zutiefst berührt“ haben.

„Es ist schrecklich, was während des 2. Weltkrieges mit Menschen passiert ist, und wir können uns nicht vorstellen, dass die damaligen Ärzte bzw. Leute mit behinderten Menschen so grausam umgehen konnten“ berichteten die Schülerinnen. Besonderen Dank sprechen sie dem Bruder des Opfers aus, der „einen sehr persönlichen und ergreifenden Eindruck über Hansis Leiden vermittelte“.

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