Ab ins Heim – Krauthausen Undercover

Im BIZEPS-Interview schildert Raul Krauthausen die Beweggründe für den Undercover Heimaufenthalt.

Heim Experiment von Raul Krauthausen
AbilityWatch

Wie bereits berichtet, tauschte der bekannte deutsche Behindertenaktivist Raul Krauthausen Anfang September 2016 für fünf Tage seine eigene Wohnung und sein Leben mit Persönlicher Assistenz gegen ein Behindertenheim ein.

Geplant hatte er das „Heimexperiment“ gemeinsam mit dem Netzwerk AbilityWatch.

BIZEPS: Was war der Auslöser für diese Aktion?

Raul Krauthausen: Durch das geplante Bundesteilhabegesetz (BTHG) kann es für behinderte Menschen schwieriger werden, selbst frei zu entscheiden, wie und wo sie leben wollen. Es besteht die Gefahr, dass Ämter versuchen werden, Menschen in Heimen unterzubringen, die heute selbstbestimmt in eigenen Wohnformen leben.

BIZEPS: Was wolltest du konkret?

Krauthausen: Wir haben uns gefragt, welche Einschränkungen der Selbstbestimmung man in einer Einrichtung hat? Wie fühlt sich das an? Kann jemand, der bisher selbstständig mit Assistenz gelebt hat, sich in einer solchen Einrichtung zu Hause fühlen?

BIZEPS: Wie wurde das Heim ausgewählt?

Krauthausen: Uns war es wichtig, dass es ein Heim für behinderte Menschen ist, um authentische Erfahrungen zu sammeln. Dann wollten wir das gern vor Beginn des parlamentarischen Verfahrens machen, um die Gefahren des Teilhabegesetzes rechtzeitig öffentlich bekannt zu machen.

Deshalb hatten wir für die Umsetzung der Aktion wenig Zeit. Wir mussten ein Heim finden, das kurzfristig noch einen Platz in der Kurzzeitpflege anbieten konnte.

BIZEPS: Wie hast du dich vorbereitet?

Krauthausen: Wir haben lange überlegt, wer von uns das macht. Die Einarbeitung in die Pflege durfte nicht zu kompliziert sein. Es gab ein großes Risiko, dass ich erkannt werde, also musste ich mich maximal verändern und eine Legende erfinden.

Wir haben Szenarien überlegt, wie ich reagieren würde, falls jemand Verdacht schöpft. Neben der optischen Veränderung haben wir uns auch gut überlegt, was ich ausprobieren bzw. herausfinden soll. Zum Beispiel Essenszeiten nicht einhalten, später nach Hause kommen, eine Werkstatt besuchen, mit den Bewohnern reden usw.

BIZEPS: Wie schätzt du die Reaktionen der Menschen ein, die den Bericht auf stern TV gesehen haben?

Krauthausen: Ich habe hunderte von E-Mails bekommen. Davon waren weniger als 10 negativ. Ich glaube, dass wir ganz gut klargemacht haben, dass es nicht um die Kritik an einem speziellen Heim oder an bestimmten Mitarbeitern geht, sondern um die Strukturen, die wir grundsätzlich kritisieren.

Der Diskurs ist komplex, (Noch)-nicht-Betroffene haben manchmal auch Angst, sich diesem Thema zu stellen. Viele sehen vordergründig nur die Kosten und nicht die menschenrechtliche Dimension.

BIZEPS: Wie schätzt du die Reaktionen der behinderten Menschen ein, die den Beitrag gesehen haben und in solchen Heimen leben?

Krauthausen: Da gab es leider noch sehr wenige Reaktionen. Es kommt sicherlich auch darauf an, welche Erfahrungen die Bewohner vor ihrer Zeit im Heim gesammelt haben. Wenn das Heim die erste Wohnform nach dem elterlichen Zuhause ist, kann dies im Vergleich sicherlich schon als Verbesserung empfunden werden.

Oft wissen die Bewohner aber eben auch nicht, was mit Assistenz alles möglich wäre. Auch wenn ich kein Fachmann bin, würde ich soweit gehen, zu schätzen, dass 70 % der Bewohner, die ich dort traf, auch allein mit Assistenz leben könnten.

Auch für die übrigen Bewohner gäbe es geeignetere Wohnformen inmitten der Gesellschaft, die wesentlich mehr Individualität und Selbstbestimmung ermöglichen würden als ein Heim – zum Beispiel das Leben in einer kleinen Wohngruppe. 

BIZEPS: Was genau erwartest du von der Aktion?

Krauthausen: Wir finden es wichtig, das Thema zurückzuerobern. Weg von der permanenten Deutungshoheit der Entscheider und Betreiber dieser Einrichtungen.

Wir wollen auch nicht, dass Heime besser werden, sondern wir stellen deren Existenz grundsätzlich in Frage.

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Ein Kommentar

  • von politischer Seite aus werden Heime seit langem sehr stark subventioniert.Vor allem,wenn das eigene Einkommen nicht für eine selbstbestimmte Wohnform ausreicht,werden viele junge Behinderte,aber auch Senioren gezwungen,in ein Heim zu ziehen.Dort werden automatisch über verschiedene Arten von Sozialhilfe fehlende Gelder übernommen.In einer eigenen Wohnung oder im Betreuten Wohnen muß um jeden Cent gekämpft werden.Mich würde einmal eine Statistik interessieren,die die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger in Heimen in Beziehung setzt zu allgemein gesellschaftlich vorhandenen Sozialhilfe-Empfängern.Meine Vermutung ist,daß
    finanziell hilfebedürftigen Behinderten und Senioren über den automatischen Fluß der Sozialtransfergelder an Heime das Grundrecht der freien Wohnungswahl genommen wird.Darauf werde ich mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht aufmerksam machen.Für den 24.10.2016 habe ich erst einmal eine Verhandlung am Landessozialgericht in Essen erreicht. Über
    Meinungsäußerungen und Unterstützungen dazu würde ich mich freuen.