Adolf Ratzka: Kämpfer für Selbstbestimmung wird 75

Wenn wir heute in Deutschland über Selbstbestimmung, Persönliche Assistenz und Peer Counseling reden und diese Begriffe verwenden, dann hat dies ganz viel mit Dr. Adolf Ratzka zu tun, der heute seinen 75. Geburtstag feiern kann.

Adolf Ratzka
Anca Voinea

Adolf Ratzka, der einen Elektrorollstuhl und ein Beatmungsgerät nutzt, hat nicht nur das schwedische Assistenzgesetz entscheidend mitgeprägt, sondern die Philosophie des Selbstbestimmten Lebens und damit auch die Aktivitäten der deutschen Selbstbestimmt Leben Bewegung entscheidend geprägt.

Darauf hat Uwe Frevert vom Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), der Adolf Ratzka seit seiner Jugend kennt, die kobinet-nachrichten aufmerksam gemacht.

Der aus Bayern stammende und seit langem in Schweden lebende Adolf Ratzka feiert heute – am 20. November 2018 – seinen 75. Geburtstag. Er ist ein wichtiger Mitstreiter für die Selbstbestimmt Leben Bewegung und hat Großes für unsere Sache geleistet“, schreibt Martin Ladstätter im Online-Nachrichtendienst BIZEPS aus Wien.

„Ich komme ursprünglich aus Bayern, bekam im Alter von 17 Jahren Polio, verbrachte 5 Jahre in Krankenhäusern aus Mangel an rollstuhlgerechten Wohnungen und praktischen Hilfen im Alltag. Mit 22 Jahren bekam ich die Möglichkeit, direkt vom Krankenhaus in München in ein Studentenwohnheim in Los Angeles zu ziehen, um dort zu studieren – mit elektrischem Rollstuhl und Beatmungsgerät, ohne Familie oder Bekannte im neuen Land. Durch eine Sonderlösung bezahlte mir der bayrische Staat über das deutsche Konsulat alle meine Kosten einschließlich meiner Hilfsmittel. Vor allem aber hatte ich Geld für ausreichende persönliche Assistenz. Damit bezahlte ich Mitstudenten als Assistenten, die ich selbst anstellte und anlernte“, schreibt Adolf Ratzka im Autorenprofil beim österreichischen Online-Dienst BIZEPS INFO.

Weiter heißt es dort: „1973 kam ich nach Schweden, um Material für meine Doktorarbeit zu sammeln. In den folgenden Jahren arbeitete ich in Stockholm als Forscher mit Fragen des barrierenfreien Wohnungsbaus und dem Abbau von Einrichtungen. In den 80er-Jahren importierte ich die internationale Independent Living-Bewegung – Selbstbestimmt Leben – nach Schweden und gründete die Stockholmer Genossenschaft für Independent Living, STIL, die erste europäische persönliche Assistenzgenossenschaft, deren Arbeit als Modell für die schwedische Assistenzreform von 1994 diente. Seit 1994 leite ich das Institut für Independent Living, in dem wir versuchen, Sozialpolitik in Richtung Selbstbestimmung zu beeinflussen.“

Adolf Ratzka war zudem Anfang der 90er Jahre entscheidend an der Gründung und dem Aufbau des europäischen Netzwerks zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen (ENIL) beteiligt. Er zog zwar nicht wieder nach Deutschland zurück, u.a. weil er hier nicht die Hilfen bekäme, wie sie ihm in Schweden für ein selbstbestimmtes Leben zur Verfügung stehen, wie er immer wieder betonte. Aber er kam regelmäßig nach Deutschland, um Vorträge zur Behindertenpolitik zu halten. Zuletzt hielt er letztes Jahr bei den Inklusionstagen in Berlin einen Vortrag über das Assistenzmodell und die Situation in Schweden.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Kommentare

  • Selbstbestimmtheit in der Lebensführung von Behinderten jeglicher Art erscheinen uns heute selbstverständlich.

    Genau das ist es aber nicht! Ich kann mich noch an Zeiten und Menschen erinnern, wo es selbstverständlich erscheint, dass man Behinderte nicht nur ausgrenzen und isolieren soll, sondern in möglichst hohem Ausmaß bevormunden soll.

    Die Gründe für diese antiquierte Haltung sind allerlei Vorwände, von „die können das nicht“ bis hin zu „WIR müssen dafür sorgen, weil wir das besser können“. Immer läuft das darauf hinaus, dass an den Behinderten vorbei geholfen wird, auf die Behinderten nicht oder schlecht eingegangen wird und letztlich die Behinderten aus dem Auge verloren werden.

    Die Unterbringung in Massenabfertigungsheimen, wo Menschlichkeit meist eine Randerscheinung ist, weil Institutionen einfach immer am Menschen vorbeigehen, nicht nur in Behindertenheimen, ist dann die automatische „Logik“, damit die selbst ernannten Versorger es auch recht schön bequem haben, weil sie ja mit der Fürsorge für die Behinderten meist doch nur überfordert sind.

    Unzufriedenheit der Betroffenen wird dann meist gleichfalls Aufsässigkeit eingeordnet und mit verschiedensten Methoden offiziell oder inoffiziell bestraft.

    Selbstbestimmtheit mag ihre Mängel haben, im Vergleich zu diesen Schrecklichkeiten aber ist es aber immer noch die einzige Alternative! Das sollten wir nie vergessen!

  • Happy Birthday und ein großes Dankeschön auch für deinen unermüdlichen Einsatz Adolf Ratzka für ein selbstbestimmtes und chancengleiches Leben von uns Menschen mit Behinderung! Ich wünsche dir noch viele gute Jahre und Zeit auch für dich.