Als die Handys sprechen lernten

Einen wesentlichen Anteil an einem selbstbestimmten Leben sehbehinderter und blinder Menschen haben Handys, die mit Sprachausgabe nahezu völlig bedienbar sind.

Michael Krispl bedient Telefon
BIZEPS

Aus dem täglichen Leben der meisten Menschen ist das Handy heutzutage kaum mehr wegzudenken. Und das Handy ist auch bei weitem nicht mehr nur das simple Funktelefon, sondern mittlerweile ein kleiner Computer, mit dem man neben telefonieren auch noch SMS, MMS und E-Mails schicken und empfangen, im Internet surfen, seinen Terminkalender, sein Adress- und Telefonnummernverzeichnis verwalten, fotographieren, sich mittels GPS-System orientieren, Daten über Bluetooth oder Infrarot senden etc. kann.

Für blinde und sehbehinderte Menschen war das Spektrum der möglichen Nutzungen eines Handys bis vor kurzem deutlich eingeschränkter. Telefonieren ging ja gerade noch, doch für die übrigen Funktionen, insbesondere die Nutzung von SMS, Terminkalender, dem Telefonnummernverzeichnis etc. war die rein optisch aufgebaute Navigation am Display durch eine zumeist sehr komplexe Menüführung erforderlich, die aber ohne akustische Ausgabe dessen, was am Display angezeigt wird bzw. dessen, wo der Cursor steht für sehbehinderte und blinde Nutzer kaum oder teilweise gar nicht möglich war.

Abhilfe schaffen nun sog. Screenreader – Bildschirm- bzw. Displayausleseprogramme -, die mittels synthetischer Sprache dem blinden oder sehbehinderten Nutzer eines Handys all das akustisch vorlesen, was am Display angezeigt wird. Diese Screenreaderprogramme sind aber nicht auf allen Handys verwendbar, sondern nur auf jenen, die mit dem Betriebssystem Symbian arbeiten. Dazu gehören z.B. das Nokia 3650, 3660, 6260, 6600, 6630, 6670, 7610, 7650 oder das Siemens-Handy SX1.

Derzeit sind zwei derartige Screenreaderprogramme am deutschsprachigen Markt erhältlich:

  • Talks von der deutschen Firma Brandt & Gröber und
  • Mobile Speak vom spanischen Anbieter Codefactory.

Mit Hilfe dieser Screenreaderprogramme, die am Handyinternen Speicher oder auf einer externen Speicherkarte installiert werden können, sind nun auch sehbehinderten und blinden Nutzern die meisten Funktionen des Handys zugänglich; insbesondere das Lesen und Schicken von SMS, die Verwendung des Terminkalenders oder der Kontakte sind weitestgehend ohne Probleme möglich. Eingeschränkt ist auch bereits das Surfen im Internet via Handy mit Hilfe solcher Screenreaderprogramme möglich.

Die Firma DIAS GmbH. Hamburg hat erst kürzlich im Rahmen ihres Projekts INCOBS – Informationspool Computerhilfsmittel für Sehbehinderte und Blinde – einen Test dieser Screenreaderprogramme für Handys durchgeführt und zugleich auch die Bedienbarkeit der für die Verwendung solcher Screenreader in Betracht kommenden Handys geprüft.

Das Ergebnis war ziemlich eindeutig; beide Screenreaderprodukte, also sowohl Talks als auch Mobile Speak, schnitten bei diesem Produkttest gut ab, da sie tatsächlich die meisten Handyfunktionen zugänglich machen. Ein wesentliches Problem wurde dort lokalisiert, wo die Handys selbst mit Tönen arbeiten und damit die Sprachausgabe verdrängen, wie beispielsweise beim Alarm des Kalenders; hier wird gleichzeitig mit dem Ertönen des Alarms am Display auch der Kalendereintrag angezeigt, jedoch wegen des Alarmtones von den Screenreadern nicht vorgelesen. Unterbricht man den Alarm durch Drücken einer Taste, verschwindet auch der Kalendereintrag vom Display. Ähnliche Probleme gibt es auch beim Wecker, der Aufnahmefunktion etc. Auch Zeilenüberlängen – z.B. bei SMS – werden von den Screenreadern derzeit nicht entsprechend angezeigt.

Hier finden Sie die Details des Produkttests „Sprechende Handys“.

Dagegen haben die Handys hinsichtlich ihrer Bedienbarkeit durch sehbehinderte und blinde Nutzer im wesentlichen ziemlich schlecht abgeschnitten. Die beste Note bekam noch das Nokia 6600; die übrigen getesteten Handys wurden nur mit „mangelhaft“ beurteilt. Die gröbsten Mängel der geprüften Handys waren nach der Meinung der selbst sehbehinderten und blinden Tester:

  • die Abgrenzung der Tasten ist in aller Regel undeutlich, wodurch die Bedienung des Handys massiv erschwert wird.
  • Die Markierung der Nummerntaste 5 – bzw. beim Siemens SX1 der Nummerntasten 3 und 8 – ist nur schwer zu ertasten, was die Orientierung für sehbehinderte und blinde Nutzer sehr erschwert.
  • Die Menüs sind sehr komplex und verzichten auf eine einheitliche Numerierung, die die Navigation durch Direktwahl ermöglichen würde, so dass die Übersicht oftmals verloren geht und eine Navigation durch Direktwahlbefehle kaum möglich ist. Und auch die Belegung von Tasten mit Shortcuts ist nur eingeschränkt möglich.
  • Die Lesbarkeit der Displays wurde als „völlig ungenügend“ befunden, da es keine freie Farbwahl- bzw. Schriftgrößeneinstellungsmöglichkeit gibt. Dazu kamen noch spiegelnde Displays beim Nokia 3660 und Siemens SX1, die blenden können.

Doch die Weiterentwicklung in diesem Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologie ist eine Rasante; so wurden ja einem Bedürfnis älterer Menschen entsprechend auch leichter bedienbare Handys mit stark reduzierten Funktionen und weniger, aber dafür größeren und damit leichter bedienbaren Tasten entwickelt. Es bleibt daher zu hoffen, das Produkttests, wie jene von INCOBS, auch die Handyproduzenten motivieren, das Spektrum der Handys, die Screenreadertauglich sind, zu erweitern und diese bedienerfreundlicher zu gestalten.

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0 Kommentare

  • Werter Anonym! Zu Ihrer kritisch-zünischen Anmerkung möchte ich als selbst blinder Benutzer eines solchen sprechenden Handys betonen, dass für sehbehinderte und blinde Menschen ein Handy nicht bloß ein „verblödetes unsinniges Spielzeug“, sondern auch ein wichtiges Hilfsmittel ist, das im täglichen Leben einfach mehr Sicherheit und Selbständigkeit bringt. Denken Sie nur daran, wenn man sich z. B. ein Taxi rufen möchte, was bei blinden Menschen ja häufig vorkommt, und keine Telefonzelle findet oder nur mit imensem Suchaufwand und dann ist das Telefon kaput. Denken Sie nur an computergesteuerte Gegensprech- und -läutanlagen bei Hauseingängen, die für blinde Menschen nicht bedienbar sind; da bleibt nur ein Handyanruf als Alternative oder stundenlanges Warten, bis zufällig eine Hauspartei kommt, die einen hinein lässt.
    Ich kann daher Ihrer Kritik, auch wenn der Handywahn ansonsten wirklich besteht, für die Benützung durch sehbehinderte und blinde Nutzer einfach nichts abgewinnen. Und was nützt das beste Handy, wenn es nicht benützbar ist?

  • Vor Ehrfurcht ersterben könnte man angesichts der technischen Möglichkeiten des Machbaren. Nur: wer braucht das alles, und wozu? Mitmachen, dabeisein, chatten und telefonieren nonstop?? Die angeblich Gesunden kreiren den Wahnsinn, und die Behinderten möchten mitmachen, bis die Tasten glühen! Warum? Hat das was mit Leben zu tun, verbessert das die Welt oder Einzelne? Egotripp zum Quadrat: schau/höre/fühle was ich für tolle Geräte habe. Ist noch nicht genug sinnloses Geschwätz in der Welt? Wie wäre es mit innehalten, zuhören, direkten Kontakt aufnehmen zu dem, was unmittelbar DA ist (nicht digital, irgendwo, im Web …)