Als ein Punk noch ein Punk war

Meine Vorurteile heißen Erfahrung.

Rückenansicht eines Händchen haltendes Paar das auf eine Waldlandschaft schaut. Sie steht links und hat blaue Haare und eine Lederjacke voller Eisenstachel am Rücken, er, rechts hat eine Lederweste mit großem, nicht erkennbarem Bild am Rücken, in seinen Ohren sind Metallringe. Beide haben tätowierte Arme.
Free-Photos auf Pixabay

Als ich in den 80ern so langsam Erfolg damit hatte, meine geschützte Umgebung Blindenschule zu verlassen, meine ersten massiven Diskriminierungen im Kanu Klub hinter mir hatte und auch schon wusste, dass ich sicher kein Disco-Gänger werden würde, weil ich dort schlicht nichts sah, machte ich meine Bekanntschaften im Park.

Punks erkannte ich u.a. daran, dass sie nie eine Zigarette hatten, wenn ich danach fragte, aber ein Schluck Bier aus ihrer Dose war immer drin.

Seinerzeit hatte ich noch einen hinreichenden Sehrest, um dann, wenn ich mich auf die Bank neben jemanden gesetzt hatte, auch noch zu erkennen, wie er sich herausgeputzt hatte. Irgendwie war das damals noch OK: ein Rocker trug eine Kutte; ein Punk hatte einen Hahnenkamm und ein Popper hat mir entweder die Welt erklärt oder das Weite gesucht. Jedenfalls lief die Tonspur noch mit den Bildern synchron.

Irgendwie beliebig

Ich weiß nicht mehr genau, wie es mir zuerst auffiel; Sicher war es keine Bankangestellte mit Sicherheitsnadel im Ohr, denn das hätte ich ja nicht gesehen. Vielleicht stieg ein Typ mit speckiger Lederjacke aus einem Mercedes.

Auf jeden Fall konnte ich in den letzten Tagen meiner Sehbehinderung noch feststellen, dass das Erscheinungsbild vieler Leute zu bloßer Fassade geworden war. Ob es schon Versicherungsvertreter mit Irokesen gab, kann ich nicht sagen, aber gewundert hätte es mich nicht.

Ich lauf immer noch so rum

Klar! Ich trage keine Nietenarmbänder mehr und meine Motorradlederjacke geht am Bauch nicht mehr zu. Aber Meine Lieblings- und Alltagsjacke ist eine Jeansjacke wie von früher. Das große Patch hinten drauf stammt nicht mehr von Schwoißfuaß oder den Scorpions, sondern ist eine große grüne EU-Flagge, aber sonst …

Die beste Nichtehefrau von allen sagt immer „Du hast wohl schon 30 Jahre nicht mehr in den Spiegel geschaut.“ Damit hat sie sogar ungefähr Recht. Aber würde es denn einen Unterschied machen, wenn doch?

Würde ich meine Haare heute kürzer tragen? Oder färben? Würde ich mich rasieren oder wenigstens den Bart ordentlich stutzen?

Für Versace verloren

Ich glaube fest daran, dass ich in ein T-Shirt gehöre und nicht in ein Hemd. Aber warum glaube ich das? Habe ich wirklich vor 30 Jahren mit der Fähigkeit, in den Spiegel zu schauen, auch den Kontakt zur Realität / zur Entwicklung verloren? Oder ist es viel mehr umgekehrt, dass meine fortschreitende Sehbehinderung und jetzige Blindheit verhindert hat, dass ich mir von der Modeindustrie Sand in die Glasaugen streuen habe lassen?

I am, what I am

Ich hatte viele Selbstzweifel und habe auch ein paar Versuche unternommen, mein Outfit zu verändern. Letztlich bin ich aber immer wieder zu alten Gewohnheiten – meiner Jeansjacke – zurückgekehrt. Die Selbstzweifel sind damit nicht verschwunden, aber es muss mir ja auch niemand begründen, warum er sich als Punk bezeichnet und einen Seitenscheitel trägt.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.