Anmerkung zum „offenen Brief an den ORF“ von Dr. Erwin Riess in BIZEPS-Infoblatt 6/95

Das Leben ist weder weiß noch schwarz, es ist eher hellgrau bis dunkelgrau.

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Ordnungsfanatische Gärtner werden auch das zarteste Pflänzchen auszurotten versuchen, wenn es wagt, auf einem Rasen zu wachsen. So geht es auch Menschen, die nur irgendwie von der Norm abweichen. Das sind Gegebenheiten, mit denen wir leben, die wir aber keinesfalls unwidersprochen hinnehmen müssen.

Vielleicht sind gerade Behinderte aufgerufen, ihr Anderssein als Alternative aufzuzeigen. Das Geltungsstreben sollte aber nicht soweit gehen, daß das Behindertsein als etwas Besonderes, als etwas geradezu Erstrebenswertes dargestellt wird, und man selbst beginnt, andere aus gekränkter Eitelkeit zu diskriminieren. Was kann ein braver armer Schäferhund dafür, daß die Menschen ihn unter den Hunderassen bedenklich weit nach rechts geschoben haben?

Er will, wie jeder andere Hund auch, geliebt werden und gefallen. Er seinerseits liebt – und das unterscheidet ihn ebenfalls nicht von allen anderen Hunden – seinen Herrn bedingungslos, ob er alt oder jung, häßlich oder schön, behindert oder nicht behindert ist. Er ist lernfähig und arbeitsfreudig.

Das Blindenführhundwesen wäre ohne diese Rasse schlechthin undenkbar. Mit „Kommissar Rex“ wurde außerdem gezeigt, daß auch ein gut geschulter Hund seine Schwächen hat (Wurstsemmel klauen etc.), insbesondere, wenn sie sein Herr in seinem Innersten gut heißt. Auch die Trainerin von Rex, die Amerikanerin Theresa Ann Miller erscheint mir nicht im geringsten rechtsstehend. Sie hat einer Gruppe von Blindenführhundhaltern von ihren Trainingsmethoden erzählt, jedem Gelegenheit gegeben, Rex zu streicheln, und hätte jeder Prominente so eine lockere Art mit Behinderten zu reden, wie diese Frau, die Welt wäre wesentlich einfacher.

Und: Woher will der Autor dieses Artikels, der wahrscheinlich überhaupt keinen Partnerhund persönlich kennt, wissen, daß Schäferhunde für diese Tätigkeit vollkommen ungeeignet sind? Gerade Rex hat im Fernsehen viele Tätigkeiten gezeigt, die man eigentlich von einem Partnerhund erwarten dürfte, wie z. B. Bringen und Zurücktragen von Gegenständen, Türen Öffnen und Schließen etc. In den USA gibt es zahlreiche Schäferhunde mit diesem Job. Dort ist man auch mit den Ausbildungsmethoden dieser Hunde nicht mehr in der Steinzeit, wie dies in Österreich der Fall ist.

Vielleicht wird durch die Sendereihe sogar ein Interessent an einem Partnerhund angeregt, überprüfbare Leistungen in dieser Qualität von einer einschlägigen Hundeschule zu fordern und sich nicht mit einem „Sozialhundi“ zufriedenzugeben.

Wenn ein anderer Mensch durch sein Vorbild vor einem sinnlosen und gefährlichen Verhalten warnt, finden das alle durchaus in Ordnung. Warum soll nicht ein Behinderter das selbe tun, wenn schon ein 10-jähriger Knirps die blödsinnige Idee eingeimpft bekam, unbedingt Motocross fahren zu müssen.

Daß unsere Gruppe bei der rigorosen Sparsamkeit der öffentlichen Hand am meisten zum Handkuß kommt, ist unleugbar. Daß die Form von Spendenaufrufen nicht immer die taktvollste ist, sei unbestritten, aber ohne Spenden könnten viele Dinge nicht realisiert werden. Die Solidarität der wohlmeinenden Geber durch besagten „offenen Brief“ mitzuverdammen, ist ausgesprochen unfair.

Viel wichtiger wäre aber, die mangelnde Mitentscheidungsmöglichkeit der Behinderten bzw. ihrer Organisationen bei der Verteilung der Millionen aufzuzeigen. Man sollte nämlich nicht alle Mißstände nur auf andere schieben, sondern auch eigene Versäumnisse eingestehen.

Wie das Beispiel der USA zeigt, ist es durchaus möglich, viele Maßnahmen so zu setzen, daß Behinderte am normalen Leben ohne größere Probleme teilnehmen können. Dort gibt es kaum öffentliche Gebäude, in die Rollstuhlfahrer nicht hinein können, in denen sich Blinde nicht orientieren können, weil es keinerlei Beschriftungen in tastbaren Blockbuchstaben oder Brailleschrift gibt. In Österreich dagegen wurden trotz eines Beauftragten für behindertengerechtes Bauen im Bautenministerium im Regierungsgebäude am Stubenring wieder neue Aufzüge ohne Braillebeschriftung oder eine Sprachausgabe eingebaut. An eine Beschriftung oder einen Plan in Blindenschrift ist nicht zu denken. Will ein Rollstuhlfahrer ins Haus, hat er zahlreiche unüberwindliche Barrieren.

Werden nicht in Österreich so viele Alibihandlungen gesetzt, die behinderte Menschen erst zum Behinderten machen und ihn ununterbrochen an seine Behinderung erinnern? Wenn einem gleichzeitig einfällt, was man so alles im täglichen Leben zu bewältigen hat, könnte einen dann schon eine Welle des Selbstmitleids überkommen.

Mir ist leider nicht bekannt, was der Autor des genannten Artikels in seiner beruflichen Tätigkeit zur Enthinderung behinderter Menschen unternommen hat. Ich kenne auch sein Drehbuch zur Behindertenserie nicht und bin daher nicht in der Lage, mir eine Vorstellung davon zu machen, ob die Ablehnung durch den ORF wirklich aufgrund des Themas oder Aufbereitung desselben erfolgte. Grundsätzlich bin ich nämlich der Auffassung, daß Verbitterung und Behinderung allein nicht unbedingt einen Schriftsteller lesenswerter Produkte ergeben.

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