Auch Greta Thunberg bekommt Ableismus zu spüren

Die 16jährige Schwedin Greta Thunberg, die mit ihrem im Jahr 2018 Jahr gestarteten Schulstreik vor dem schwedischen Parlament gegen die drohende Klimakatastrophe vieles in Bewegung gebracht hat, sorgt in diesen Tagen wieder für Schlagzeilen.

Greta Thunberg
European Parliament

Am 14. August 2019 startet ihre klimaneutrale Atlantiküberquerung mit einer Segeljacht von Südengland nach New York, wo sie am 23. September am Klimagipfel der Vereinten Nationen teilnehmen wird.

Neben dem politischen Gegenwind im Internet und in so manchen Medien, der der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg immer wieder entgegenweht, ist sie wie viele andere behinderte Menschen auch, immer wieder mit Ableismus konfrontiert. 

Ableismus (gleichbedeutend wird auch im englischsprachigen Raum von Ableism gesprochen) ist die alltägliche Reduktion eines Menschen auf seine Beeinträchtigung. Damit einher geht eine Abwertung (wegen seiner Beeinträchtigung) oder aber eine Aufwertung (trotz seiner Beeinträchtigung).

Damit erleben behinderte Menschen durch den Ableismus das, was Menschen mit Migrationshintergrund durch den Rassismus widerfährt oder Frauen durch Sexismus erleben. In jedem Fall werden die Betroffenen nicht als gleichberechtigte Gegenüber wahrgenommen, sondern etikettiert und auf- oder abgewertet.

So beschreibt Sigrid Arnade die Herausforderungen des Ableismus in einer Broschüre der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) zu diesem Thema. 

Phänomen des Ableismus

Das in der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommene bzw. thematisierte Phänomen des Ableismus hat es am 12. August 2019 nun in die Schlagzeilen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschafft. 

Ableistische Hassrede: Greta Thunberg als seelenloser Cyborg“ heißt es dort in der Überschrift zu einem Gastbeitrag von Novina Göhlsdorf. Die Autorin geht dabei kritisch auf die Ausführungen des französischen Philosophen Michel Onfray ein.

Nachdem Greta Thunberg am 23. Juli 2019 eine Ansprache vor dem Parlament in Paris gehalten hat, habe er in einem „ausschweifenden Essay auf seiner Webseite bekannt: Thunberg sei weder Mensch noch Mädchen. Sie sei ein Maschinenwesen, mit ‚Gesicht, Alter, Geschlecht und Körper eines Cyborg‘.“, berichtet die Autorin.

Greta Thunberg bezeichnet übrigens das Asperger-Syndrom, das bei ihr diagnostiziert wurde, als einen großen Vorteil. Sie sei davon überzeugt, dass sie die Dinge deshalb klarer sehe.

„Für mich ist fast alles schwarz oder weiß. Ich denke oft, dass für Autisten die normalen Menschen und die anderen Leute ziemlich komisch sind. Sie bleiben dabei, dass die Klimaveränderung eine existierende Bedrohung und das größte aller Probleme ist. Trotzdem machen sie weiter wie bisher“, wird Greta Thunberg in einem Beitrag der Bild zitiert. 

Während diese Hasstirade eines sogenannten Philosophen unter den Anfeindungen, denen Greta Thunberg in den sozialen Medien zum Teil vor allem auch wegen ihres Autismus ausgeliefert ist, einen Tiefpunkt darstellt, ist in so manchen Diskussionen immer wieder dieser latente Ableismus zu spüren, der in unserer Gesellschaft tief verankert ist.

ISL-Broschüre zum Ableismus

So führt Sigrid Arnade in der ISL-Broschüre zum Ableismus ein alltägliches Beispiel an, an dem sich Ableismus in seinen verschiedenen Ausprägungen zeigt:

Frau A. fährt nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause. Der Busfahrer ist angesichts der Rollstuhlfahrerin, die in der Rush hour mitgenommen werden möchte, deutlich genervt und fragt: ‚Muss das denn sein, dass Sie um diese Zeit fahren?‘

Frau A. antwortet, es handele sich keineswegs um eine Kaffeefahrt, sondern der Bus solle sie von ihrer Arbeit nach Hause bringen. Daraufhin schlägt die Ablehnung des Busfahrers in übertriebene Bewunderung um: ‚Oh, das ist gut, dass Sie Arbeit haben und arbeiten können!‘

Zwischen diesen Polen der Diskriminierung bzw. Abwertung und der Überhöhung aufgrund einer Behinderung müssen sich viele behinderte Menschen in Deutschland immer noch bewegen und machen dabei noch viel zu oft gute Miene zum bösen Spiel.

Wenn Greta Thunberg sich so offensiv als Klimaaktivistin und als Mensch mit Autismus in die Öffentlichkeit einbringt und ihren Weg konsequent voran geht, dann geht sie diesen Weg auch für viele von uns.

Wenn in den kommenden Wochen also eine rauhe See und so manche Unbequemlichkeiten auf einem beengten Segelschiff ohne Toilette und mit schlechten Schlafplätzen vor Greta Thunberg liegen, dann verändert sie damit wieder ein Stück des Bewusstseins – nicht nur in Sachen Klimawandel.

Siehe auch Interview: Warum feinden so viele Menschen Greta Thunberg an? bzw. Klimaaktivistin Thunberg erneut im Visier rechter Hasswellen

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7 Kommentare

  • Auch bei Nicht-Behinderten gibt es Behinderungen, die entweder nie diagnostiziert oder ignoriert werden, zum Beispiel bei Brillenträgern, diese werden nicht als behindert wahrgenommen. Gerade solche Phänomene wie Autismus oder ADHS können stärker oder schwächer ausgeprägt sein, die schwächeren Formen werden oft nie bemerkt, besonders wenn die Betroffenen in einem sozial schwachen oder ungebildeten Milieu aufwachsen. Zwar fehlen dann Förderungen, es gibt aber auch keine Diskriminierung/keinen Ableismus im engeren Sinne, was auch ein Vorteil sein kann.

    Für meinen Geschmack betont Thunbergs Familie den Autismus der Tochter zu sehr. Man muss kein Autist sein, um die Welt klarer oder schwarz/weiss zu sehen!

  • Die Lösung für das Busproblem wird wohl eher darin liegen ersten mehr Menschen möglichst selbstbestimmte Gleitzeit zu ermöglichen damit nicht so viele zur gleichen Zeit in die Lohnarbeit fahren müssen und zweitens den öffentlichen Verkehr entsprechend dem technischen Stand in Bezug auf Benutzbarkeit auszubauen statt individualistisch dem Busfahrer mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger zu kommen.

  • Ob da nicht wieder selbst zu viel reininterpretiert wird? Vielleicht ist das Beziehungsohr etwas zu empfindlich? Genervte Busfahrer mögen ärgerlich sein, aber auch Menschen wie Du und ich, die unter dem Stresse des ganz normalen Wahnsinns Stosszeiten leiden …

    Ein Rollstuhl wäre doch eine gute Gelegenheit solange es keinen rollstuhlgerechten öffentlichen Verkehr gibt sich Gleitzeit zu nehmen und eben nicht genau in der Stoßzeit wie alle anderen braven Sklaven in die Arbeit zu fahren. Wozu sich an eine kranke Gesellschaft anpassen und kranke Normen erst recht am Leben erhalten? Die Wirtschaft möge sich doch den Menschen anpassen und nicht umgekehrt.

  • Thunbergs Manager, hat nicht bedacht, welchen Gegenstrom er mit der Segelfahrt nach den USA, damit auslöst.

  • Hervorragender Artikel, ich freue mich nur, warum wieder ein neues Fremdwort einführen, wenn das Wort „Diskriminierung“ oder „Behindertenfreundlichkeit“ ausreichend sein dürften.

    Allgemein bemüht man sich um einfache und verständliche Sprache, und dann das.

    • Muss natürlich „ich frage mich“ und „Behindertenfeindlichkeit“ heißen.

    • Mit der Sprache hast du Recht. Ableismus ist für mich allerdings nicht ganz das Gleiche. Im Artikel ist es nicht optimal erklärt. Es geht eher um Diskriminierungen bei denen die Sicht der „Nichtbehinderten“ das Maß aller Dinge ist.

      „Diskriminierung“ und „Behindertenfeindlichkeit“ sind da weiter gefasst aber ja ich bin im Deutschen auch kein Freund des Begriffs Ableismus.