Aus Scham schwieg ich …

In London trafen sich Behinderte aus ganz Europa, um über sich, ihre Sexualität und die Gesellschaft zu sprechen. Ein Essay von Franz-Joseph Huainigg; erschienen in: Profil 51/52 1992

Symbolbild: Zwei nackte Menschen umarmen einander
Senia

Tell us abut your experience in loving„, forderte die holländische Rollstuhlfahrerin Lydia Zydell auf. Inneres Unbehagen. Gedanken an Widerstand und Revolution. „Warum sollte ich hier – vor einer Gruppe von Behinderten – meine Sexualität ausbreiten?“ denke ich. Doch ehe ich mir die passenden englischen Worte zurecht gelegt habe, bilde ich mit Georg und Bill schon eine Kleingruppe.

Bill ist blind. Georg und ich, beide im Rollstuhl, entscheiden, daß er als eine Minderheit in der Gruppe beginnen darf. Bill erzählt von seiner ersten Freundin Annette. Hübsch sei sie gewesen und „very good in bed„.

„Aber … „

Georg wird unruhig, rutscht im Rollstuhl hin und her. Bill kann es nicht sehen. Dann folgt eine Geschichte von einer gewissen Ann. Auch mit ihr war es „funny“ und „her sex was very good„. „Aber …“ werfe ich endlich ein. Bill ist plötzlich still.

Georg sieht mich an. Bill neigt sich nach vorne, um besser hören zu können. „Warum machen wir uns selbst immer was vor?“ frage ich. „Auf der einen Seite verurteilen wir dieses Leistungsdenken der Gesellschaft. Auf der anderen Seite machen wir fleißig mit. Sagen: Alles was zählt, ist der Orgasmus. Und im nächsten Augenblick hetzen wir schon von einem Orgasmus zum anderen. Zumindest in unserer Phantasie. Denn die Wirklichkeit sieht, wenn wir uns ehrlich sind, anders aus“. Ich werde aufgefordert, ehrlich zu sein.

„Das hast du nun davon“, denke ich verärgert.

Ehrlichkeit fällt schwer. Schwerer als gedacht. Zaghaft beginne ich, Bilder aus der Vergangenheit hervorzukramen. Einsamkeit taucht auf; Anbahnungsversuche zum anderen Geschlecht, die scheiterten und verletzten; Stunden, in denen man dasitzt und sich fragt: Warum liebt mich keiner, bin ich nicht liebenswert?

Neue Anbahungsversuche, neue Verletzungen … Bill und Georg nicken. Beide haben Ähnliches erlebt. Es entsteht eine erste Diskussion über Freundschaften. Nicht gewöhnliche Freundschaften sind es, die man sich von uns Behinderten erwartet, sondern wahre Freundschaften.

Darunter stellen sich die Nichtbehinderten eine Beziehung vor, die über allen anderen Beziehungen steht: Man ist füreinander immer da, spricht über alles, unternimmt gemeinsam etwas und hilft sich gegenseitig.

Wahre Freundschaften werden nicht durch sexuelle Kontakte getrübt. Die sind gar nicht nötig, stören nur.

Lydia hat sich ein neues Spiel ausgedacht: Der Zufall entscheidet den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin, eine gezogene Karte das Thema. In der ersten Runde treffe ich auf die Engländerin Jane. „Lange, blonde Haare, braune Augen, hübsch“, stelle ich fest und freue mich darauf, mit ihr zu reden. Ich ziehe eine Karte und lese laut: „Sexueller Mißbrauch“. Stirnrunzeln. Gedankenpause. Jane bricht das Schweigen:

„Ich bin sexuell mißbraucht worden“. Neuerliche Pause. „Wie war das?“ frage ich schließlich leise. „Er hat mich und meinen Körper nur benutzt“, beginnt sie zu erzählen, „da war keine Liebe. Immer wenn er wollte, mußte es einen sexuellen Kontakt geben. Auch wenn ich nicht wollte. Wehren konnte ich mich nicht.“

Aus Scham schwieg ich.

„Eines Tages ließ er mich stehen. Verschwand einfach. Das war keine Liebe. Er hat mich sexuell mißbraucht“. Ich nicke in ihren Pausen, bin betroffen. Dann überlege ich, ob mir sexuelle Gewalt angetan worden war. So offensichtlich wie bei Jane war sie nicht gewesen. Aber auch ich fühle mich oft unästhetisch, nicht vollwertig.

Warum? Weil ich es tatsächlich bin, oder weil ich immer auf meine Mängel reduziert worden bin? Immer wieder lag ich nackt auf einem Untersuchungstisch und war nichts weiter als ein defekter Körper, der von Fachleuten abgegriffen wurde. Jane nickt: „Ja, das ist sexuelle Gewalt“.

Das Spiel hat eine zweite Runde. Diesmal komme ich wieder mit Georg zusammen. Er zieht eine Karte, liest und lacht: „Selbstbefriedigung“ ist unser Thema. Ich lache auch, verlegen. „Tja“, meint er, „jeder macht es und keiner spricht darüber“. „Haben wir ein Recht darauf?“ frage ich. „Natürlich“, mein Georg, „jeder Mensch hat ein Recht auf Sexualität. Das ist ja auch die Sauerei, die in Heimen passiert. Dort gibt es oft gar keine privaten Räume. Alles ist öffentlich, es ist kein Platz für ein Intimleben. Eigentlich eine Menschenrechtsverletzung“.

Sexualität in Heimen

Überhaupt ist Sexualität in Heimen ein Tabuthema, sind wir uns einig. Die Betreuer sind damit heillos überfordert, und so wird unterdrückt und verboten. Männchen und Weibchen werden nicht nur toilletten- sondern auch stationsmäßig voneinander getrennt. Und damit ja nichts passiert, wird gleich – sozusagen präventiv – sterilisiert.

Da kann dann gar nichts mehr passieren. „Dabei ist medizinisch schon längst widerlegt, daß die Kinder von Behinderten auch behindert sein müssen“, wende ich ein. „Die Leute haben Angst vor behinderten Kindern“, seufzt Georg.

„Lediglich Hilfsorganisationen sind für ihre Existenz sehr dankbar. Ohne mitleiderregende behinderte Kinder wäre es zu Weihnachten wohl ungleich schwerer, Spendengelder hervorzubringen“.

Am Nachmittag des zweiten Tages erwartet die Gruppe eine Überraschung: Der Raum ist verdunkelt und nur mit einem schummrigen Licht erhellt, meditative Musik läßt das Wirklichkeitsgefühl kippen.

„Umarmt euch“,

fordert Lydia Zydel auf, „fühlt einander und nehmt euch wahr, so wie ihr seid“.

Ich stehe mit meinem Rollstuhl neben John. John ist Spastiker. Verkrampft und steif wie ein Brett hängt er in seinem Rollstuhl, aus seinem Mund rinnt Speichel. Ich nähere mich ihm. Berühre mit meinen Händen zuerst seinen linken Arm, dann beuge ich mich zu ihm und umarme ihn. Es ist ein seltsames Gefühl, John zu umarmen. Ich merke, wie sehr er Zärtlichkeit braucht.

Partnermassage

Dann folgt eine Partnermassage. Ich lehne mich weit aus dem Rollstuhl und lasse mich auf die Matte fallen. Andrea, meine auserwählte Massagepartnerin, wird auf die Matte gehoben. In ihrem weißen Elektrorollstuhl mit dem dicken Sitzkissen wirkt sie sehr majestätisch. Nun sitzt sie mir im Schneidersitz gegenüber.

Obwohl sie sehr klein ist, verliert sie so ohne Rollstuhlthron nichts an ihrer Ausstrahlung. Als ich ihren Rücken vor mir habe, merke ich, daß sich etwas in mir verkrampft. Ich erkenne meinen Buckel wieder und es kostet mich ein wenig Überwindung, den ihren zu berühren. Vorsichtig betaste ich ihre Wirbelsäule, erforsche ihren Rücken, Zentimeter um Zentimeter.

Ihre Haut ist angenehm weich und zart.

Ich beginne über ihren Rücken zu streichen und massiere sie. Innerlich verschwinden die vorgefaßten Schönheitsideale. „Andrea ist schön“, denke ich, „so wie sie ist“.

Die Massage klingt in einem gemeinsamen Bad im Swimmingpool aus. Das Wasser hat 35 Grad C. Ich lege mich auf dem Rücken flach ins Wasser.

Eine junge Betreuerin zieht mich durch das Becken. Das Wasser streicht angenehm meinem Körper entlang. Lange hat es gedauert, denke ich zurück, daß ich meinen Körper akzeptiert habe. Ich hatte immer ein abweichendes Bild von mir. „Bin das ich?“ dachte ich, wenn ich in den Spiegel sah.

Meine dünnen Beine,

die verkrümmte Wirbelsäule, das alles ist o. k., finde ich heute. Mein Körper ist keinesfalls durchschnittlich, sondern sehr individuell. Obwohl ich jetzt meinen Körper so annehme, wie er ist, kostet es doch immer wieder Überwindung, ihn vor anderen bewußt herzuzeigen. Im Sommer das T-Shirt auszuziehen, kostet Kraft.

Es sind die Blicke der Leute, mit denen man fertig werden muß. Die Gesellschaft hat einen eigenen Schönheitsbegriff, der sich ständig wandelt. Buckel sind derzeit out.

Vielleicht bin ich zu früh geboren.

Am dritten Tag hat man zueinander Vertrauen gefaßt. Georg erzählt mir von einer Freundin, die auch behindert ist. Ich gestehe ihm, daß ich derzeit auch verliebt bin. Eine Beziehung bahnt sich an. Ob sie hält, das ist eine andere Frage. Meine Freudnin scheint nicht stark genug zu sein, sich gegen die Gesellschaft durchzusetzen.

Da sind Freundinnen, die fragen: „Ja, wie ist denn das, eine Beziehung so ohne Sex“ Und andere, die sagen: „Hast du denn das notwendig? Es gibt doch so viele einfache Beziehungen?“ – „Muß man auf solche Fragen antworten?“ frage ich Georg.

„Glauben sich die Leute nicht in ihrer Meinung bestätigt, wenn man die Frage ignoriert?“ Pilar kommt aus Spanien. Sie ist querschnittgelähmt. Gekommen ist sie mit ihrem Freund, der auch im Rollstuhl sitzt. Beide sind verliebt.

Im Frühjahr wollen sie heiraten.

John lebt in England. Er ist bereits seit Jahren verheiratet. Seine Ehekrisen unterscheiden sich nicht von jenen hunderttausend anderer.

Und da ist Lydia, die Gruppenleiterin. Sie bekennt sich dazu, lesbisch zu sein. „Rollstuhlfahrerin und lesbisch“ lacht sie, als sie ihre Geschichte erzählt, „das ist einigen einfach zu viel. In Holland ist das aber noch am ehesten möglich“. Heute lebt sie mit einer Freundin in einer festen Beziehung. Und ist dabei glücklich.

Was unterscheidet uns eigentlich von den anderen, den sogenannten Nichtbehinderten? Daß wir behindert sind? – Ist es nicht vielmehr so, daß die Gesellschaft uns mit ihren vorgesetzten Normen und Idealen behindert?

In einer vorurteilsfreien Welt gäbe es wohl keine „Behinderten“.

Ein Vergleich zwischen den Ländern zeigt, daß es überall noch genügend gesellschaftliche Vorurteile gibt, die es zu überwinden gilt. Aber langsam beginnen die Betroffenen selbst zu reden. Sie erzählen über ihre Probleme, beginnen Situationen nicht mehr wort- und tatenlos hinzunehmen.

Sex helpers

Die skandinavischen Länder geben wieder einmal vieles vor. In Holland gibt es beispielsweise eigene Beratungsstellen für Behinderte mit sogenannten „Sex helpers“. Die Gruppe begnügt sich nicht nur damit, einen Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen zu ermöglichen. Sie versucht vor allem auch, Lösungen herbeizuführen. So wurde einer Frau eine Einrichtung gebastelt, die es ihr ermöglicht, sich selbst zu befriedigen, was sie vorher, aufgrund ihrer Behinderung nicht konnte.

When somebody wants to fight defent yourself!“, fordert Lydia Zydel auf.

Sie hat in Karate den schwarzen Gürtel erreicht. Der Rollstuhl und ihr 100 Kilogramm-Körpergewicht stellen dabei zwar große Hürden, aber kein Hindernis dar. Scheinbar mühelos katapultiert sie ihren Körper aus dem Rollstuhl, rollt sich am Boden hin und her. „Wenn du angegriffen wirst, zeig, daß du jemand bist. Schau dem anderen entschlossen in die Augen“, beginnt Lydias Rat. „Nütze auch deinen Rollstuhl als Waffe“.

Selbstverteidigung

In Holland hat Lydia Zydel eine Karateschule eröffnet. Ihre SchülerInnen sind anfangs immer überrascht, dann aber begeistert. Für Behinderte hält Lydia eigene Selbstverteidigungskurse. „Es mag auf den ersten Blick aggressiv wirken, was ich zeige“, meint sie, „aber was ich hier vorführe, sind Techniken für den Notfall. Es geht mir darum, den Betroffenen zu zeigen, was in ihnen steckt. Sie gewinnen durch das Training Selbstvertrauen, verteidigen ihren Körper, verteidigen ihre sexuelle Intimsphäre. Und das ist viel.“

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