Bild eines behinderten Mannes

Ausstellung: „Das Bildnis eines behinderten Mannes“

Vom 8. Dezember 2006 bis 30. Juni 2007 findet im Schloss Ambras bei Innsbruck die Ausstellung "Das Bildnis eines behinderten Mannes - Blicke, Ansichten, Analysen" statt. Sie ist das Ergebnis eines beachtenswerten Forschungsprojektes.

„In der Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras bei Innsbruck hängt seit dem 16. Jahrhundert das Bildnis eines behinderten Mannes, das wissenschaftlich bisher nicht beachtet wurde“, berichtet Prof. Volker Schönwiese. Dies sei erstaunlich, weil „rund um das Bildnis sehr berühmte Bilder“ ausgestellt sind, das Bildnis eigentlich nicht übersehen hätte werden können.

Ziel des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Wissenschaftsprogramm TRAFO) finanzierten Forschungsprojektes ist es, das genannte und weitere Bilder aus der frühen Neuzeit mit heute publizierten Bildern in Verbindung zu bringen. Die Bedeutung der Bilder soll im Sinne der kulturwissenschaftlichen Studien zu Behinderung (Disability Studies) analysiert werden. Beteiligt sind das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, das Kunsthistorische Museum Wien – Schloss Ambras, sowie Selbstbestimmt Leben Innsbruck. Die Ausstellung ist ein Ergebnis des Projektes.

Was ist an dem Bild so besonders?

„Das Bild ist deshalb einzigartig, weil es eines der ersten Bilder einer behinderten Person ist, das als persönliches Portrait gestaltet ist, wenn wir auch nicht wissen, wer dargestellt worden ist. Vorher – z. B. im Mittelalter – hat es viele Bilder von behinderten Personen gegeben, aber meist in einer typisierten Darstellung, wie: Lahme und Blinde neben Christus am Kreuz oder bei Breughel als Bettler, die nie als reale Personen erkennbar waren“, erläutert Schönwiese im BIZEPS-INFO Interview.

„Es ergibt sich die Frage in welcher Rolle der behinderte Mann die Bedeutung erlangte, die seine Biografie bestimmte und dazu führte, dass er für die Kunst- und Wunderkammer abgebildet wurde“, stellt Schönwiese in einem ausführlichen Artikel zum Bild fest.

Der behinderte Mann habe offensichtlich ausreichend versorgt gelebt – so vermutet Schönwiese – und es sei auch eher anzunehmen, dass er eine bestimmte gesellschaftliche Position hatte, wenn Hut und Halskrause nicht völlige Staffage sind. „Gleichzeitig ist er einem erschreckenden und distanzierenden Blick ausgesetzt, der ihn gleichermaßen zum Objekt gesellschaftlicher Projektionen und wissenschaftlicher Systematik macht. Dies spiegelt sich auch in dem über Jahrhunderte ambivalenten Verhältnis der Besitzer, Kuratoren und Verwalter der Sammlung zu der Frage, ob das Bild der Öffentlichkeit überhaupt zugemutet werden kann.“

Die bisherige auch fachliche Nichtbeachtung des Bildes sei in diesem Zusammenhang ein bedeutsames Faktum für sich, meint Schönwiese.

Vom Hinschauen und Wegschauen

„Am Bild ist im Original der Körper mit einem roten Papier abgedeckt worden – ähnlich wie mit einer Decke -, das nur oben befestigt war. Der Betrachter konnte also zum Bild treten, etwas erstaunt sein, eine liegende Person mit einer Decke zu sehen, die Decke heben und dann entweder erschreckt oder entsetzt oder erstaunt die Decke wieder herunterlassen. Ein absolut einmaliges Bild, für das es kein vergleichbares gibt“, so Schönwiese im Gespräch.

Das Bildnis eines behinderten Mannes wirft viele Fragen auf: Welche Rolle hatten behinderte Frauen und Männer im 16. Jahrhundert? Welche Blicke wurden damals auf sie gerichtet? Und: Sind die Blicke auf behinderte Personen heute anders? Wie wollen behinderte Personen sich selbst sehen und darstellen? Die Ausstellung nähert sich spielerisch, lehrreich, historisch und künstlerisch an den Umgang mit Darstellungen von Behinderung.

„Fragen über Fragen, die nicht nur die Vergangenheit betreffen, sondern bis in die Gegenwart reichen“, schreibt „Kultur online“ zur Ausstellung.

Disability Studies

Geforscht wurde mit einer Referenzgruppe, gibt Schönwiese im Interview bekannt. „Eine Referenzgruppe von 8 behinderten Personen sollte den Forschungsprozess begleiten, beraten, kommentieren, also die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Sicht von Betroffenen steuern. Real hat sich das Forschungsvorhaben durch die Arbeit der Referenzgruppe sehr verändert. Ohne Referenzgruppe würde die Ausstellung völlig anders ausschauen, die Forschung in eine andere Richtung gegangen sein.

Das Projekt ist jedenfalls ein Beispiel für eine Forschung in Zusammenarbeit mit behinderten Personen.“, zeigt sich Schönwiese von dieser partizipatorischen und transdiziplinären Forschung im Sinne von Disability Studies angetan.

Katalog und Fachbuch

„Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert.“, so heißt der soeben erschienene Katalog mit Wörterbuch (AG SPAK Bücher, Neu Ulm 2006 ISBN 3-930830-81-7) zur Ausstellung. Im Frühsommer 2007 wird ein wissenschaftlicher Sammelband zu dem Forschungsprojekt im gleichen Verlag erscheinen.

Ausstellung im Schloss Ambras

Die Ausstellung ist vom 8. Dezember 2006 bis 30. Juni 2007 täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Führungen: Mittwoch und Samstag um 13.30 Uhr.

Für Gruppen gegen Voranmeldung: 01 / 52524-745 oder info.ambras@khm.at. „Die Ausstellungsräume im historischen Hochschloss sind für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer über eine längere Naturweg-Rampe erreichbar. Bei vorheriger Anmeldung ist Schloss Ambras um die Bereitstellung von Unterstützung bemüht“, ist einer Pressemitteilung des Projektes zu entnehmen.

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  • Eine bemerkenswerte Aktion, die zum richtigen Zeitpunkt kommt.