Autismus als Metapher für „das Böse“?

"Der Standard": Neues von der Front der sprachlichen Trendsetter in der "Fungesellschaft": Kritische Anmerkungen zur gedankenlosen Inflationierung eines Begriffs - nicht nur - in der Debatte um den Balkankrieg.

Im „Der Standard“ erschienen:“In der Verhandlungsphase vor dem Nato-Bombardement Jugoslawiens erklärte EU-Beauftragter Wolfgang Petritsch in der ZiB 1, daß es schwierig geworden sei, mit Milosevic zu verhandeln, weil er zunehmend „autistische Züge“ zeige.

In einem großaufgemachten Artikel von Slava Draculic in der Presse steht: „In Jugoslawien ereignen sich derzeit zwei Tragödien: Der Exodus der Albaner aus dem Kosovo ist die eine; die andere ist der Autismus des serbischen Volkes, seine Weigerung, sich politischer und moralischer Verantwortung zu stellen.“

Jürg Laederach, einer von Handkes erbittertsten Feinden, erwähnt in der Weltwoche die Wortmeldung des Verlegers Michael Krüger „von dem autistisch-brutalen Milosevic“, allerdings nicht um an der Formulierung Kritik zu üben, sondern um sie auf Peter Handke anzuwenden.

Steckt in jedem …
Was will man mit einer Diagnose aussagen, die einmal auf den Diktator, ein anderes Mal auf ein durch Informationssperre bzw. Massenhysterie und Kriegshetze verblendets Volk angewandt wird?

Offenbar ist „Autismus“ zu einem metaphorischen Sammelbegriff für Brutalität, Egozentrik, Selbstbetrug und Verlogenheit, für die Unfähigkeit, andere neben sich existieren zu lassen, für Vertreibung und Völkermord geworden, der den kollektiven Abscheu der sich überlegen fühlenden demokratischen Staaten ausdrücken soll.

Es ist jedoch erstaunlich, daß in der Ära der political correctness, die mitunter zu grotesk-höflichen Sprachverrenkungen führt, die wiederholte Denunzierung einer Gruppe von Behinderten unwidersprochen hingenommen wird.

Autismus ist keine verabscheuungswürdige Geisteshaltung sondern eine geistige Behinderung mit neurologischen Ursachen und einem komplexen, keineswegs einheitlichen Erscheinungsbild.

Die Bezeichnung „Autist“ wurde allerdings schon vor seiner gegenwärtigen Vereinnahmung als politisches Modewort denunziatorisch gebraucht, und es gibt eine Reihe von haarsträubenden populärwissenschaftlichen „Erkenntnissen“, die sich von Forschungsergebnissen keineswegs irritieren lassen. So hörte ich vor kurzem, daß jeder von uns einen „kleinen Autisten“ in sich herumtrage, den es zu bekämpfen gelte. Ersetzt hier der Autist den vom Nazi-Jargon so genannten „inneren Schweinehund“?

Betroffene wissen, daß zu Zeiten des neuen Hedonimus der „Fungesellschaft“ die Behindertenfeindlichkeit zugenommen hat. Man will nicht mehr behelligt werden, es muß reichen, einmal im Jahr für Licht ins Dunkel zu spenden.

Autismus erscheint jenen, die es nicht genauer wissen wollen, rätselhaft, aber auch faszinierend. Keine andere Behinderung hat so viel Medieninteresse, so viel voyeuristische Neugier hervorgerufen und stößt zugleich in der Praxis auf so viel Abwehr und Intoleranz.

Indem man Autismus mit Menschenrechtsverletzungen gleichsetzt, macht man eine Gruppe, die als geistig Behinderte zu den Schwächsten unserer Gesellschaft zählen und immer wieder Opfer von Ausgrenzungsstrategien werden, zum Sündenbock:

Man belegt sie, die als anders, als fremd und ohnehin nicht „zugehörig“ empfunden werden, mit sämtlichen Zuschreibungen verabscheuungswürdigen Verhaltens, exkulpiert sich dabei selber (immerhin haben wir großzügig gespendet) und zeigt zudem, daß man sprachlich voll im Trend liegt.

… ein kleiner Autist?
Die Ermordung der Behinderten im Dritten Reich wurde nie ausreichend aufgearbeitet. Die Haltung, die zu ihrer Vernichtung in Gaskammern, durch Giftinjektionen und Verhungern führte, lebt bis heute fort, deshalb kann man auch so unbefangen über Euthanasie diskutieren und als fortschrittlich gelten, wenn man Überlegungen anstellt, wann ein Leben als unwert gelten kann und wer darüber entscheiden soll.

In der Diskussion nach einer Lesung in der Oberstufe einer AHS erfuhr ich vor einigen Wochen zu meinem Erstaunen, daß sich das „Behindertenproblem“ ohnehin bald durch die Genforschung und die daraus resultierende Abschaffung der „Erbkrankheiten“ von selber erledige.

Unter diesen Vorzeichen ist der Mißbrauch des Begriffs Autismus als Metapher für größtmöglichen Abscheu vor Unmenschlichkeit geradezu symptomatisch für eine Gesellschaft, die bestimmt, wer dazugehört und wem man die Menschenwürde absprechen darf, und die sich dabei noch selbstgerecht auf die Schulter klopft, während sie sich selber Menschenrechtsverletzungen schuldig macht.“

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  • andrea

    Im orf Forum werden ständig solche Begriffe verwendet ohne nachzudenken Der……(irgendein Politiker) ist ein Autist und nie werden solche Statements gelöscht. Ich habe immer gedacht ich bin hier mit meiner Meinung ziemlich allein und bin sehr froh dass ich heute den Artikel gefunden habe.

  • Michele Valles

    Wieso schreibt Ihr so viel Scheisse? habt Ihr nichts zu tun

  • Alexandra

    Ein ausgezeichneter Artikel! Vor lauter „political correcness“ verlieren Begriffe an Bedeutung und selbst Jugendliche und Kinder keifen sich mit den Begriffen „Du bist ja voll behindert!“ oder „Blöder Mongo!“ an. Ich bin extremst schockiert und versuche mit den Kids drüber zu reden, warum sie diese Begriffe verwenden und ob sie die Bedeutung überhaupt kennen. Sie wissen es nicht oder sie denken, dass es zum jugendlichen Jargon dazu gehört.

  • hanbal

    Wie Autisten in Österreich behandelt werden dürfen: Seit meiner Kindheit werde ich wegen einer ASS-Störung immer wieder ausgegrenzt. In der ersten Volksschule war ich gut integriert und hatte im Vorschulalter und in der ersten Volksschule nie Probleme mit anderen Kindern.
    Die Probleme begannen mit dem Umzug, ich kam in eine Schule, wo Diffamieren und Ausgrenzen von Schülern von den Lehrern toleriert und gedeckt wurde im Gegensatz zu meiner ersten Schule. Dort gab es sofort Eintragungen ins Mitteilungsheft. Noch schlimmer wurde es im Gymnasium, da sprach man mir sogar die Menschenwürde ab, ohne dass dies Konsequenzen hatte. Ich wurde auch erpresst und körperlich attackiert. Die Lehrer schoben mir die Schuld zu. Einer sagte sogar, ich sei geistesgestört, nur weil ich sensibler und ruhiger bin. Gegen Intrigantinnen und Gewalttäter hatten sie nichts. In der HAK hatte ich meine Ruhe.
    Im Studium hatte ich jahrelang meine Ruhe, doch dann kam eine äußerst egoistische Studentengeneration, ich wurde als psychopathisch, psychisch krank und kriminell diffamiert und man drohte mich beim Arbeitgeber anzuschwärzen und mich auf der Uni (konkret: Geschichte Uni Wien) unschädlich zu machen. Ich kann den Namen eines freien Mitarbeiters der Universität benennen. Bis jetzt war nichts zu erreichen. Als ich mich in einer SHG beklagte, bekam dieser Herr davon Wind und schwärzte mich dort an. Die SHG-Leiterin ließ mich darauf fallen. Ich kann nirgendwo mehr posten und rede mit meinen Studienkollegen aus Angst vor Mobbing nicht mehr, da ich ständig diffamiert und verleumdet werde. Die zuständigen Stellen schicken mich seit Jahren im Kreis. Inst. f. Geschichte und ´Rektorat duldeten es sogar, dass ihre Computer dafür benutzt werden. Auf der Arbeit, egal bei wem, werde ich auch oft behandelt wie das Letzte. Ich sollte kürzlich wegen meiner Behinderung rausgemobbt werden, erst Interventionen von ganz oben beendeten dies. Vor kurzem ergaben Tests sehr hohe Werte für ASS-Störungen.

  • plague_angel17

    Die Verwendung des Begriffs „Autist“ für diktatorische Politiker oder Menschen,die allgemein einfach wegschauen,impliziert Unwissenheit und Oberflächlichkeit;man verwendet ein Wort,das anscheinend grad so schön paßt,ohne zu merken,daß man damit die wirklichen Autismuspatienten,mit Diktatoren und Verblendung auf eine Stufe stellt. Erbärmlich,kann ich da nur sagen.

  • Konstanze Schromm

    Ich bin selber Asperger Autistin und ich finde es weitaus demütigender, von Gutmenschen als „geistig behindert und schwach“ bezeichnet zu werden, als wenn ein Ahnungsloser irgendwem anderen „Autismus“ unterstellt und dabei gar nicht weiß, was das ist.

  • PK

    Ich bin selbst Autistin und ich gehe offen damit um, z.b. sage ich es auch. Ich sehe Autismus zudem nicht als Krankheit an, sondern als Evolution.

    Dieses Gentechnik – Wunschkinder – Gedöns hat in meinen Augen zudem den bitteren Beigeschmack einer Art „Rassenhygiene“ und ist daher abzulehnen.