37. Woche 2026 – Tastmodell der Tallinner Altstadt
In der Altstadt von Tallinn, Estland gibt es ein Tastmodell, um das Stadtbild mit den Händen ertasten zu können. Vielen …
"Der Standard": Neues von der Front der sprachlichen Trendsetter in der "Fungesellschaft": Kritische Anmerkungen zur gedankenlosen Inflationierung eines Begriffs - nicht nur - in der Debatte um den Balkankrieg.
Im „Der Standard“ erschienen:“In der Verhandlungsphase vor dem Nato-Bombardement Jugoslawiens erklärte EU-Beauftragter Wolfgang Petritsch in der ZiB 1, daß es schwierig geworden sei, mit Milosevic zu verhandeln, weil er zunehmend „autistische Züge“ zeige.
In einem großaufgemachten Artikel von Slava Draculic in der Presse steht: „In Jugoslawien ereignen sich derzeit zwei Tragödien: Der Exodus der Albaner aus dem Kosovo ist die eine; die andere ist der Autismus des serbischen Volkes, seine Weigerung, sich politischer und moralischer Verantwortung zu stellen.“
Jürg Laederach, einer von Handkes erbittertsten Feinden, erwähnt in der Weltwoche die Wortmeldung des Verlegers Michael Krüger „von dem autistisch-brutalen Milosevic“, allerdings nicht um an der Formulierung Kritik zu üben, sondern um sie auf Peter Handke anzuwenden.
Steckt in jedem …
Was will man mit einer Diagnose aussagen, die einmal auf den Diktator, ein anderes Mal auf ein durch Informationssperre bzw. Massenhysterie und Kriegshetze verblendets Volk angewandt wird?
Offenbar ist „Autismus“ zu einem metaphorischen Sammelbegriff für Brutalität, Egozentrik, Selbstbetrug und Verlogenheit, für die Unfähigkeit, andere neben sich existieren zu lassen, für Vertreibung und Völkermord geworden, der den kollektiven Abscheu der sich überlegen fühlenden demokratischen Staaten ausdrücken soll.
Es ist jedoch erstaunlich, daß in der Ära der political correctness, die mitunter zu grotesk-höflichen Sprachverrenkungen führt, die wiederholte Denunzierung einer Gruppe von Behinderten unwidersprochen hingenommen wird.
Autismus ist keine verabscheuungswürdige Geisteshaltung sondern eine geistige Behinderung mit neurologischen Ursachen und einem komplexen, keineswegs einheitlichen Erscheinungsbild.
Die Bezeichnung „Autist“ wurde allerdings schon vor seiner gegenwärtigen Vereinnahmung als politisches Modewort denunziatorisch gebraucht, und es gibt eine Reihe von haarsträubenden populärwissenschaftlichen „Erkenntnissen“, die sich von Forschungsergebnissen keineswegs irritieren lassen. So hörte ich vor kurzem, daß jeder von uns einen „kleinen Autisten“ in sich herumtrage, den es zu bekämpfen gelte. Ersetzt hier der Autist den vom Nazi-Jargon so genannten „inneren Schweinehund“?
Betroffene wissen, daß zu Zeiten des neuen Hedonimus der „Fungesellschaft“ die Behindertenfeindlichkeit zugenommen hat. Man will nicht mehr behelligt werden, es muß reichen, einmal im Jahr für Licht ins Dunkel zu spenden.
Autismus erscheint jenen, die es nicht genauer wissen wollen, rätselhaft, aber auch faszinierend. Keine andere Behinderung hat so viel Medieninteresse, so viel voyeuristische Neugier hervorgerufen und stößt zugleich in der Praxis auf so viel Abwehr und Intoleranz.
Indem man Autismus mit Menschenrechtsverletzungen gleichsetzt, macht man eine Gruppe, die als geistig Behinderte zu den Schwächsten unserer Gesellschaft zählen und immer wieder Opfer von Ausgrenzungsstrategien werden, zum Sündenbock:
Man belegt sie, die als anders, als fremd und ohnehin nicht „zugehörig“ empfunden werden, mit sämtlichen Zuschreibungen verabscheuungswürdigen Verhaltens, exkulpiert sich dabei selber (immerhin haben wir großzügig gespendet) und zeigt zudem, daß man sprachlich voll im Trend liegt.
… ein kleiner Autist?
Die Ermordung der Behinderten im Dritten Reich wurde nie ausreichend aufgearbeitet. Die Haltung, die zu ihrer Vernichtung in Gaskammern, durch Giftinjektionen und Verhungern führte, lebt bis heute fort, deshalb kann man auch so unbefangen über Euthanasie diskutieren und als fortschrittlich gelten, wenn man Überlegungen anstellt, wann ein Leben als unwert gelten kann und wer darüber entscheiden soll.
In der Diskussion nach einer Lesung in der Oberstufe einer AHS erfuhr ich vor einigen Wochen zu meinem Erstaunen, daß sich das „Behindertenproblem“ ohnehin bald durch die Genforschung und die daraus resultierende Abschaffung der „Erbkrankheiten“ von selber erledige.
Unter diesen Vorzeichen ist der Mißbrauch des Begriffs Autismus als Metapher für größtmöglichen Abscheu vor Unmenschlichkeit geradezu symptomatisch für eine Gesellschaft, die bestimmt, wer dazugehört und wem man die Menschenwürde absprechen darf, und die sich dabei noch selbstgerecht auf die Schulter klopft, während sie sich selber Menschenrechtsverletzungen schuldig macht.“
Barrierefreiheit sichtbar gemacht: Jede Woche ein Bild, das Erfolge feiert oder Hürden aufzeigt.
In der Altstadt von Tallinn, Estland gibt es ein Tastmodell, um das Stadtbild mit den Händen ertasten zu können. Vielen …