„Back to the Roots!?“

Am 24. März 2017 wurde im Unipark Salzburg das Projekt „Geschichte der Behinderten- und Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Österreich“ präsentiert.

Gruppe von AktivistInnen
BIZEPS

Univ. Prof. i.R. Dr. Volker Schönwiese (Universität Innsbruck, Institut für Erziehungswissenschaften) und Vizerektor Ao.Univ. Prof. Dr. Rudolf Feik (Universität Salzburg) begrüßten Gründergestalten und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von damals, Aktivistinnen und Aktivisten von heute und junge interessierte Studierende als Gäste. BIZEPS hatte bereits vorab informiert und war auch in Salzburg mit dabei.

Online-Archiv und Forschungsplattform

Das Projekt beschäftigt sich mit einem von der Forschung bisher noch kaum aufgegriffenen Thema: Die Geschichte der Behindertenbewegung und der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Österreich.

Prof. Schönwiese bzw. ein fünfköpfiges Forscherteam haben dafür in einer beeindruckenden Art und Weise Archivmaterial (Zeitungsartikel, Positionspapiere, Videos, Literaturangaben u.v.m.) im Rahmen von bidok (digitale Volltextbibliothek) ins Internet gestellt.

Volker Schönwiese
BIZEPS

Jedermann und jedefrau kann sich hier über die Anfänge und Entwicklung der Behindertenbewegung informieren. Dieses Online-Archiv ist jedoch damit nicht abgeschlossen. Es soll laufend weiterentwickelt und ergänzt werden.

Eingeladen, sich hier zu informieren, sind alle interessierten Menschen mit und ohne Behinderung. Spannend sind die Einblicke auch für Journalistinnen und Journalisten, Studierende und Ausbildungsstätten, die das Thema „Behinderung“ tangieren.

Vor allem ihnen sind am Anfang zwei Texte zu empfehlen, und zwar der „Einleitungstext zum Archiv zur Geschichte der Behindertenbewegung – SELBSTBESTIMMT LEBEN BEWEGUNG in Österreich von 1945 bis 2008“ und der Text über den Forschungsstand im deutschsprachigen Raum.

Vom Invalideneinstellungsgesetz bis zur UN-Behindertenrechtskonvention

Ein spannender Einstieg kann über die sog. Zeitleiste (1946 – 2008) erfolgen. Wichtige Ereignisse sind hier datiert, kurz beschrieben und verweisen auf vielfältiges Archivmaterial. Die Reise beginnt mit dem Beschluss des Invalideneinstellungsgesetzes durch den Nationalrat (1946).

Einige Beispiele: unterhaltsames Zitat von Bundeskanzler Bruno Kreisky im Jahr 1972; mehrere Aufdeckungen von gravierenden Missständen in Behinderteneinrichtungen; Einzug von Manfred Srb als erster selbst betroffener Behindertensprecher der Grünen ins Parlament (1986); Hungerstreik im Parlament – verbunden mit der Forderung nach Pflegegeld (1990); Beschluss des Bundespflegegesetzes drei Jahre später (1993). Die Leiste endet mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (2008).

Komplettes Archiv der Zeitschrift LOS

LOS, das war der Name der österreichischen behindertenpolitischen Zeitschrift, die von 1983 bis 1992 mit 36 Themen-Nummern erschienen ist. Diese Zeitschrift war das Organ der kritischen Behindertenbewegung in Österreich und „ist jetzt ein zentrales Dokument der Geschichte der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ in Österreich.“ Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 1992 erschien dann erstmalig die Zeitschrift BIZEPS.

Zeitzeugeninterviews

Zum Archiv gehören auch Interviews, die mit 14 AktivistInnen, die zum Großteil der GründerInnengeneration der Behindertenbewegung angehören, geführt wurden. Ein spannender und bewegender Einblick in die persönliche Geschichte der AktivistInnen im Kontext der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Österreich.

Die Personen sind: Dorothea Brozek, Bernadette Feuerstein, Theresia Haidlmayr, Erwin Hauser, Anna Hosenseidl, Klaudia Karoliny, Martin Ladstätter, Barbara Levc, Gabriele Pöhacker, Volker Schönwiese, Ernst Schwanninger, Manfred Srb, Herlinde Trager, Gunter Trübswasser.

Treffend die Aussage des Forschungsteams: „Dabei werden wichtige Meilensteine der Behindertenbewegung aus heutiger Sicht neu erzählt und für kommende Generationen lebendig erhalten.“

Zeitleiste der Geschichte der Behindertenbewegung
bidok

Eine neue Hoffnung?

Nach der Präsentation gab es noch Statements von einigen Zeitzeugen, die persönlich gekommen waren. In einer abschließenden Diskussion und einzelnen Gesprächen zwischendurch wurde an damals erinnert und versucht, eine Brücke zum Heute zu schlagen.

Es war auch die Frage darunter, die Hannah Wahl in einem Bericht über die Veranstaltung in „Unsere Zeitung“ wiedergab: „Viel erreicht und jetzt Stillstand?“ Ihre Antwort bzw. der Tenor der Veranstaltung: „Wir sollen heute aus der Geschichte lernen.“

Doch es waren auch Stimmen darunter, die darauf hinwiesen, dass sich Politik und Gesellschaft sehr stark geändert haben. Beispiele: Der starke Trend zur Individualisierung. Oder: Die ständig wachsende Ökonomisierung des Alltages und des Menschenbildes. Erfolge gibt es auch heute.

Doch die Zeiten haben sich und uns verändert. Von der Geschichte zu lernen und heute unter anderen Umständen in einer komplexer gewordenen Welt neue Möglichkeiten zu suchen und zu nützen, darf kein Widerspruch sein. Eine Kombination von beidem ist notwendig, um weiterzukommen.

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3 Kommentare

  • Danke an Bizeps für den Bericht! Besonders zu erwähnen ist noch, dass die Universität Salzburg das Projekt finanziert hat, dafür ist sehr zu danken! Forschungsfonds finanzieren solche Projekte ja nicht (das schreibe ich aus leidvoller Erfahrung), es wird in Österreich viel zu wenig zum Thema Behinderung kritisch geforscht!
    Eine weitere Präsentation des Projektes gibt es am 13. Mai an der Uni Wien. Siehe die Einladung: http://bidok.uibk.ac.at/projekte/behindertenbewegung/docs/einladung_wien-praesentation-_geschichte_behindertenbewegung.pdf

  • Seit über 12 Jahren bin ich, nach 4x TIA´s und einer Hirnblutung, bei welcher es einen „Rettungsfehler“ gab, behindert. (Kam erst nach ca. vier Stunden in die Uniklinik.)
    Deshalb sind Lähmungen geblieben. Auch die REHA machte wenig. Deshalb bin ich in ein Kurinstitut bei uns, wo ich aus dem Rollstuhl kam und gehen lernte. Seither mache ich vorwiegend alternative Behandlungen auf eigene Kosten. (3x wöchentlich fahre ich 25 km in ein Hallenbad, um dort im Wasser den ganzen Körper zu trainieren usw.) Ich möchte betroffenen Menschen meine Erfahrungen mitteilen, wenn es gewünscht wird.
    (Kosten werden weder von der Krankenversicherung übernommen, noch vom FA bei der Arbeitnehmerveranlagung anerkannt, weil diese keine wissenschaftliche Untersuchung haben.) Traurig, doch ich freue mich über das Leben !!!

    • Sie sind offenbar ein Kämpfer, Herr Taferner – so wie wir in der Behindertenbewegung.
      Alles Gute weiterhin!