Barrierefrei gendern

Ich bin gespannt, was in der Diskussion an der Uni Klagenfurt noch herauskommt.

Gendergerechte Sprache mit Sternchen
ZDF

Vor vielen Jahren schrieb ich einen Artikel zum Thema das Binnen-I und Barrierefreiheit.

Andreas Jeitler, Universität Klagenfurt hat meinen Artikel nun kommentiert. Ich erlaube mir, den Kommentar (fast vollständig) hier nochmals zu zitieren.

Wir haben hier an der Uni Klagenfurt gerade eine Diskussion zu Gender-gerechter Sprache und Barrierefreiheit losgetreten, weil wir der Meinung sind, dass das Gender-Sternchen für Screen Reader Nutzerinnen bis Nutzer nicht barrierefrei nutzbar ist.

Die bisher bekannten Ansätze wie Sternchen oder Underscore haben den gravierenden Nachteil, dass sie nur in der geschriebenen Sprache verwendet werden können. Würde z.B. Alexa damit beginnen Texte mit xxx-sternchen-innen vorzulesen, würden bei Amazon die Telefone heiss laufen ;-).

Ein von uns vorgeschlagener Ansatz wäre die „bis“ Schreibweise. Wir verzichten auf *,_ und andere Kurzformen (Gendering für Schreibfaule) und schreiben alles aus. Anstelle von „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ (was ja nur binäres Geschlecht beinhaltet) schreiben wir „Mitarbeiterinnen bis Mitarbeiter“ (damit wird ein Raum aufgespannt, in dem alle platz finden).

Und das ganze ist dann auch mit Screen Reader lesbar. Wir sind aber noch am Ausloten und diskutieren mit den einzelnen Interessenvertretungen.

Wie ich damals schon schrieb, ist der Versuch, eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden und dabei so barrierefrei wie möglich zu sein, eine Herausforderung.

Ich weiß, manche verzweifeln schon mit zwei Geschlechtern. Die Darstellung unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten ist für die einen ein Muss und für die anderen ein regelrechter Affront.

Ich verwende bisher hier auch nur das Binnen-I und werde es, auch um der Lesbarkeit willen, vorerst so belassen. Auch wenn manche meinen, schon das „I“ würde alles komplizierter machen. Ich finde aber den Diskurs interessant, ob und wie Sprache ausschließt und wie ich bei meinen Texten all die hinein holen kann, die ich gerne erreichen möchte.

Ich bin daher gespannt, was in der Diskussion an der Uni Klagenfurt noch herauskommt.

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12 Kommentare

  • Auf Twitter gibt es dazu auch viele Diskussionen.
    Angeblich soll für Screenreader die Schreibweise mit Apostroph funktionieren:

    Leser’innen

    Leider habe ich noch keinen Screenreader gefunden, der für mich (sehend, autistisch, auditiv sehr sensitiv) funktioniert; daher noch nicht ausgetestet.

    • Ich habe das nun einmal mit VoiceOver auf meinem iMac getestet, muss das auf anderen Geräte noch gegenchecken. Die Schreibweise mit dem Apostroph resultiert in Leserinnen (Betonung des I, wie in LeserInnen). Hab das jetzt mal für ein paar Varianten probiert:
      * Leser’innen – keine Betonung des I.
      * LeserInnen – Betonung des I (aber binär)
      * Leser-innen – Betonung des I
      * Leser.innen – Betonung des I
      * Leser:innen – Betonung des I, mit Gap
      * Leser!innen – Betonung des I
      * Leser#innen – Leser – zahl – innen
      * Leser*innen – Leser Stern innen
      * Leser_innen – Leser Unterstrich innen
      Überrascht war ich jetzt vom Doppelpunkt. Betonung des I UND eine längere Pause.
      Grundsätzlich stelle ich für mich fest, dass im Vergleich zum _ der * noch zu bevorzugen ist, weil „Stern“ einfach kürzer als „Unterstrich“ ist, und somit weniger störend.
      Werde den Test noch ausweiten, danke für die Idee.

    • Ein Fehler hat sich im Text eingeschlichen: Leser’innen wird eben NICHT mit betontem I vorgelesen, sondern eben wie Leserinnen.

    • Und noch ein interessantes Fakt: In Word wurden lediglich die * und die – Schreibweise nicht als Rechtschreifehler angezeigt.

  • Hallo! Ein wirklich sehr spannender Artikel und Andreas hat natürlich recht mit der Problematik von Sprachausgabe.
    Die „bis“ Lösung als aufspannen eines Raumes entspricht sicherlich der derzeit stattfindenden Öffnung der Gender-Thematik.
    Was mich noch interessieren würde – was ist die bevorzugte Lösung bezüglich „Leichter Sprache“? Gibt sieht es mit Gendern und
    unterstützter Kommunikation aus?
    LG
    Martin

    • Auch ein wichtiger Aspekt, der in den Diskurs mit einfließen muss, auch darüber haben wir uns schon Gedanken gemacht. Hier wäre es Interessant mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und anderen Zielgruppen Texte zu analysieren und festzustellen, wie leicht die dann verständlich wären.

  • Wow, von „bis“ habe ich ja noch nie gehört! Ich bin fasziniert von all den Ideen 🙂

    Das „bis“ suggeriert allerdings, dass es sich um einen Punkt zwischen weiblich und männlich handeln muss und nicht außerhalb. (so wie bei einer Zeitspanne 8-18 Uhr alle Nachtstunden ausgeschlossen wären). Für viele abinäre Menschen ist das ein wichtiger Unterschied.
    Für mich – als trans-männlich/genderqueer wärs gut genug, vor allem, wenn es dadurch einfacher umsetzbar ist. Genau wie z.B. beim Thema Nullabsenkung an Bordsteinen braucht es eben oft auch Kompromisse, weil das Ideal einer Interessengruppe nicht zu den Bedürfnissen einer anderen passen muss…

    Ein besserer Vorschlag wäre aber doch, dass die Screen Reader sich verbessern. Sternchen und Unterstrich spreche ich gleichermaßen einfach als Lücke aus. Und inzwischen höre ich sehr deutlich, ob „[Sportlerinnen]“ oder „[Sportler innen]“ im Gesagten vorkommen. Sternchen oder Unterstrich mitzusprechen, wäre unnötig. Auf das Gleiche könnten Screen Reader trainiert werden…. also in einer idealeren Welt jedenfalls, in der sich Firmen dafür hinreichend interessieren. Es kann ja nicht unmöglich sein und wenn es sich um lernfähige oder zumindest Muster-erkennungsfähige Geräte handelt, kann doch auch erkannt werden, ob das Sternchen als Sonderzeichen (z.B. in einem Programmiercode) wichtig zu nennen ist, oder gemäß eines Satzzeichens oder Apostrophs (das ja auch nicht mitgelesen wird!) eine gesonderte Form einnimmt.

    • Ja, diese Kritik am „bis“ ist mir leider bewusst :(. Ich sehe das aber im Sinne der Mengenlehre. Die Leere Menge ist immer Teil derselben. Aber wenn wir von „Inklusion“ sprechen, ist die Mengenleere auch wieder ein ungutes Konstrukt, da eine Menge immer suggeriert, dass sich etwas ausserhalb befindet.

      Zur „Erkennung von * und _ durch Screen Reader“: Bis zu einem gewissen Grad wird es sicher möglich sein, dass Screen Reader diese Zeichen als Gender-gebräuchlich interpretieren, die Software ist da aber noch bei weitem nicht so tauglich – und zu fehlinterpretationen wird es bei einem derartigen Ansatz immer kommen :(.
      Die sauberste Lösung wäre in dieser Hinsicht dann doch ein eigenes Gender-Zeichen.

      Ich kann jetzt nur von meiner eigenen Interpreation ausgehen, und deshalb sind mir hier die Meinungen von abinären Menschen sehr wichtig, ich würde mich mit einem „Gap“ auch nicht wirklich representiert fühlen :(. Wenn in der gesprochenen Sprache nur eine Lücke gelassen wird, erkenne ich nicht wirklich den Unterschied zur binären binnen-I Schreibweise. Das gesprochene Ergebnis ist Ident.

  • Zunächst einmal danke lieber Robert, dass Du das Thema wieder aufgegriffen hast. Das Thema beschäftigt mich und meine Kolleginnen bis Kollegen nun schon ein Zeiterl, der Diskurs war mit unter sehr hitzig. Es gibt unsererseits bereits einige Lösungsvorschläge, wobei wir diese noch mit anderen Interessengruppen diskutieren müssen.

    Zum Kommentar von Carolina: Nichts spricht gegen die Verwendung des Neutrums. Dies ist sogar die bevorzugte (weil sprachlich gesehen einfachste) Methode möglichst alle Genderformen anzusprechen. Der Nachteil dabei ist, dass diese Methode eben nicht immer eingesetzt werden kann und zudem Sprache unpersönlicher macht. Aber grundsätzlich – bitte verwenden! :-).

    Ein Daumen Hoch auch für Dirk Fröhlich und Kolleginnen bis Kollegen. Ihr habt die Situation im Einleitungstext recht gut wiedergegeben. Mit den bisherigen Mitteln (Stern, Gender_Gap und co.) kommen wir nur bedingt weiter, da Screen Reader damit nicht gut umgehen können. Ändern würde sich das in dem Moment, in dem wir ein eigenes Gender-Zeichen einführen würden, das wir anstelle des * oder _ verwenden. Nachteil von * und _ ist, dass sie semantisch auch anders behaftet sind, weshalb ein Screen Reader sie nicht einfach ausblenden kann. Neu ist die Idee eines eigenen Zeichens ja nicht, denn auch das @ oder € wurden nachträglich erfunden. Das Problem dabei ist nur, dass dies nur eine langfristige Lösung sein kann. Zunächst muss man sich auf ein Zeichen einigen, dann muss dies den Weg auf die Tastaturen finden usw. Vermutlich niemand will 10 bis 20 Jahre warten, bis sich das etabliert hat.

    Ich bin Anhänger der bis-Schreibweise – und zwar der ausgeschriebenen. Alle Abkürzungsformen machen Text aus meiner Sicht schwerer zu lesen, und sind nur ein Genderung für Schreibfaule, da man sich ein paar Tipper erspart, lesbarer wird der Text aus meiner Sicht damit nicht wirklich. Kritikerinnen bis Kritiker an der bis-Schreibweise argumentieren, dass durch das bis eine Wertung erzeugt werden würde. Ich sehe das bis in diesem Kontext aber eher als Menge, innerhalb derer sich jede bis jeder wiederfindet. Im Prinzip wird der * ja auch nicht anders verwendet. Wir schreiben Mitarbeiter*innen, und spannen damit genauso einen Raum zwischen zwei Extremen auf. In der gesprochenen Sprache wird das * dann durch eine Pause ersetzt, was eigentlich dazu führt, dass alle anderen Formen ausser der männlichen und weiblichen erst wieder verschluckt werden. Im Prinzip kommt bei der Empfängerin bis dem Empfänger der Text Mitarbeiter in an, streng genommen also sogar nur die weibliche Form. Das bis wird immer ausgesprochen.

    Wenn schon eine Kurzform zum Einsatz kommen soll, dann würde sich der Bindestrich dafür eignen, der ja auch als bis gesehen werden kann. Dieser wird dann aber auch nicht vorgelesen, was gegenüber dem Stern vielleicht wieder ein Vorteil wäre.

    Ich kann Christa Reitermayr nur beipflichten, dass Sprache dynamisch und lebendig ist. So lange es keine grammatikalischen Regeln gibt, werden wir wohl alle das verwenden müssen, was uns am besten erscheint.

  • In unserem aktuellen Buch „Barrierefreie PDF-Dokumente erstellen“ haben wir die Frage auch ausführlich diskutiert und uns für das * entschieden (das erste gegenderte Buch im dpunkt.verlag). In der Einleitung schreiben wir:

    „[…] Um die gleichberechtigte Ansprache aller zu unterstreichen, haben wir uns für
    eine gendersensible Schreibweise unter Verwendung des *-Zeichens entschieden
    – eine Variation des sogenannten Gender-Gap als sprachliche Darstellungsform für
    alle Geschlechter, die zunehmend Verwendung findet. In der Computertechnik steht
    * oft als Jokerzeichen für eine beliebige Zeichenkette und damit für eine möglichst
    große Vielfalt. In diesem Sinne verwenden wir es in unserem Buch.
    Unter dem Gesichtspunkt der Barrierefreiheit kann das Gender-Sternchen auch
    kritisch gesehen werden, da es die Zugänglichkeit des Textes verringert. Uns sind bisher keine Assistiven Technologien bekannt, die über einen wie auch immer gearteten
    Umgang mit dem Gender-Gap verfügen. Daher haben wir beim Schreiben versucht,
    möglichst oft über eine genderneutrale Formulierung das Geschlecht unsichtbar zu
    machen, feststehende Redewendungen und Begriffe wie beispielsweise »der Kunde
    ist König« oder »Nutzerfreundlichkeit« wurden aber belassen. […]“

    Komplette Einleitung und weitere Leseproben auf: (https://barrierefrei-publizieren.de/leseproben/

  • Was spricht denn gegen ‚Mitarbeitende‘ etc.? Oder habe ich wesentliche Teile der Debatte nicht mitbekommen?

  • dieser diskurs zeigt wieder einmal deutlich, dass sprache nichts ist, was sich festschreiben lässt.
    sprache verändert sich, immer wieder kommen neue komponenten und sichtweisen dazu und das ist gut so.