Barrieren – kein Problem !

Warum diesen Artikel ? Dieser Artikel entsteht aus der berechtigten Wut heraus, daß immer noch behindertenfeindlich gebaut wird. (Dies obwohl ein ganzes Jahrzehnt der UNO für Behinderte verstrichen ist.)

Bauplan mit Zirkel
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ÖNORM B 1600

Hinter diesem Kürzel versteckt sich eine Norm, die „barrierefreies Bauen“ sichern soll. Obwohl die Norm unverbindlich ist, hat sich doch eine gewisse Bedeutung, da sie Signalwirkung besitzt.

Nun bekämpfen aber verschiedene Seiten, seit Jahren erfolgreich die Novellierung dieser Norm. Die „interessantesten“ Argumente seien hier angeführt.

Fachverband der Bauindustrie Österreichs: „Behindertengerechtes Bauen ist selbstverständlich auch ein Anliegen der österreichischen Bauindustrie, sofern diese Maßnahmen dazu beitragen, einem behinderten Menschen im konkreten Fall seine Situation zu erleichtern. Aus der vorliegenden Formulierung des Anwendungsbereiches könnte allerdings der Schluß gezogen werden, daß in Hinkunft alle Neubauten barrierefrei errichtet werden müssen. … Neben der Kostenfrage erschiene es auch unserer Ansicht nach nicht sinnvoll, barrierefreies Bauen generell festzulegen.“

Bundes-Ingenieurkammer: „Vorschriften über Stufen, Markierungen, Handläufe, Farbgebungen und Oberflächen bedeuten, die gesamte Welt auf Behinderte abzustimmen, für Einzelbehinderungen jedoch wieder nicht individuell abzustimmen. Die Konsequenz für den gesamten Bau und im speziellen die Kostenfrage ist exorbitant, der Nutzen ungenügend.“

Der Fachverband der Bauindustrie und die Bundes-Ingenieurkammer hat zwar richtig erkannt, daß barrierefreies Bauen gefordert ist, erwartet aber eine Kostenexplosion. Daß dies natürlich nicht der Fall ist, zeigen jene Länder, wo barrierefreies Bauen schon lange gefordert ist.

Bundesinnung der Immobilien- und Vermögenstreuhänder: „Im Hinblick auf die zu erwartenden Verbindlichkeitserklärungen dieser Norm in den jeweiligen Landesbauordnungen, sollte der Anwendungsbereich auf jene Bauten eingeschränkt werden, wo barrierefreies Bauen ausdrücklich vorgesehen ist.“

Kärntner Landesregierung: „Es scheint auch nicht ganz einsichtig, warum der private Bauherr (Hotel, Motel, Pension) durch zitieren der Norm im Baubescheid gezwungen werden soll, behindertengerechte Einrichtungen zu bauen. …. Im sozialen Wohnbau gibt es ohnehin nur 1 WC je Wohnung. Dieses müßte so groß geplant sein, daß eine spätere behindertenfreundliche (behindertengerechte ?) Ausstattung ermöglicht wird. … Dieser Punkt stellt einen Eingriff in die Gestaltungsfreiheit des Bauherrn und Planers dar. Werden Bankinstitute auf polierte Natursteinböden verzichten wollen?“

Zur Stellungnahme der Kärntner Landesregierung muß foglendes gesagt werden: JA, die Gestaltungsfreiheit des Bauherrn muß eingeschränkt werden. Diese „Freiheit“ ist nämlich kein Freibrief behindertenfeindlich zu bauen. Daher muß den Bauherrn gesagt werden, wie barrierefreies Bauen aussieht.

Verband Österreichischer Ziegelwerke: „Wir haben durchaus Verständnis dafür, daß für ´Behinderte´ Erleichterungen überall dort geschaffen werden sollen, wo es sich um Bauwerke handelt, die öffentlich zugänglich sind.“

Institut für Soziales Design: „Mit Bedauern stelle ich fest, daß die nun sich endlich dem Abschluß nähernde Novellierung der ÖNORM B 1600 nur eine halbherzige Lösung hervorbringen wird. Damit reiht sich die neue B 1600 in den Kreis jener in Österreich so verbreiteten Bestimmungen ein, die barrierefreies Planen und Bau zur Ausnahme statt zur Regel machen. Glaubt denn jemand ernsthaft, daß barrierefreies Bauen als berechtigte Forderung unter dem kompromißhaften Motto ’nur wenn es leicht geht‘ durchzusetzen ist?“

Es gab neben dem Institut für Soziales Design auch andere positive Stellungnahmen. Hier noch zwei Beispiele, die Hoffnung geben.

Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen: „Aufzüge im öffentlichen Bereich mit mehr als 2 Halten benötigen nicht nur – mit Rücksicht z. B. Auf Rollstuhlfahrer, Kinder und Kleinwüchsige – ein tiefliegendes, vertikales Tableau, sondern auch – mit Rücksicht auf Blinde, Sehbehinderte und Nichtbehinderte – ein höher angebrachtes, vertikales Tableau.“

Behindertenanwalt des Landes Kärnten: „Bedienungselemente dürfen nicht höher als 115 cm liegen.“ „In unmittelbarer Nähe ein Sitzplatz für eine Begleitperson.“

Bauplan engineering consultants for construction GmbH: „Der Höhenunterschied … Randstein – soll in .. betragen und sollte 5 cm nicht überschreiten.“

Wer die jetztige Praxis der Gehsteigabsenkungen kennt, weiß, wie gebaut werden würde, wenn nur mehr vorgeschrieben wird: „sollte 5 cm nicht überschreiten“.

BM für Wirtschaft und Verkehr: „Wir dürfen daher nochmals ersuchen, den Anwendungsbereich so zu definieren (einzuschränken), daß die erforderlichen baulichen Maßnahmen im Rahmen von Neu-, Zu- und Umbauten nur in jenen Bereichen zu realisieren sind, wo mit der Anwesenheit von behinderten Personen (insbesondere Rollstuhlbenützer) gerechnet werden muß, zumal es doch dem Bauherrn auch freigestellt werden muß, in welchen Bereichen (Geschossen) er derartige Arbeitsplätze einrichtet.“

Seit wann weiß ein Arbeitgeber, wo MitarbeiterInnen behindert (ob durch Unfall oder Krankheit) sind. Oder ist damit gemeint, daß Behindertenghettos in Betrieben errichtet werden sollen?

Es wird auch in Zukunft

viel Überzeugungsarbeit von uns von nöten sein. Diese Erkenntnis muß man nach diesen Stellungnahmen ziehen. Der Grundsatz: „Barrierefreies Bauen ist keine Privatsache, sondern muß von allen berücksichtigt werden!“, ist noch lange nicht von der Allgemeinheit anerkannt.

Unterstützt

Die Stellungnahme des Behindertenberatungszentrums-bizeps, Zentrum für Selbstbestimmtes Leben zum Entwurf der neuen ÖNROM B 1600 wurde von folgenden Organisationen und Personen unterstützt:

Arbeitsgemeinschaft für behindertengerechtes Bauen (Stmk.), Bundesinstitut für Gehörlosenbildung, Club 81 – Club für Behinderte und Nichtbehinderte (NÖ), Die Bunte Rampe – Beratung und Hilfsmittel (Stmk.), Domino – Verein für gehinderte Menschen (OÖ), Dr. Erwin Riess (Wien), Forum der Behinderten- und Krüppelinitiativen, Institut für Sozialdienste-Beratungsstelle für menschengerechtes Bauen (Vlbg.), Landtagsabgeordnete GR Aouas-Sander (Grüne-Wien), Landtagsabgeordnete GR Schwarz-Klement (FPÖ-Wien), Landtagsabgeordneter GR Prof. Karl (ÖVP-Wien), Mobiler Hilfsdienst Salzburg, Nationalratsabgeordneter Guggenberger (SPÖ), Nationalratsabgeordnete Dr. Partik-Pable (FPÖ), Nationalratsabgeordneter DSA Srb (Grüne), Österreichische Blindenwohlfahrt, Österreichische Gesellschaft für Muskelkranke, Österreichische Hochschülerschaft-Behindertenreferat, Österreichischer Gehörlosenbund, Theresia Haidlmayr (OÖ), Tiroler Sozialparlament – Ausschuß für Menschen mit Behinderung, Verband der Querschnittgelähmten Österreichs, Verein 1 % für behinderte Kinder und Jugendliche (Stmk.)

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