Behinderte Liebe

In Kiel/Deutschland fand am 17. Februar 1996 eine Fachtagung zum Thema "Behinderte Liebe" statt. Veranstalter waren der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen von Schleswig-Holstein, Ulrich Hase, und der Sozialverband Reichsbund.

Symbolbild: Zwei nackte Menschen umarmen einander
Senia

Am Programm standen Referate am Vormittag und Arbeitsgruppen und deren Präsentation am Nachmittag. Positiv aufgefallen ist mir der große Anteil behinderter TeilnehmerInnen, besonders im Vergleich zu Österreich.

Der Vortrag von Sigrid Arnade „Menschen leben selbstbestimmt – Grenzen für Menschen mit Behinderung!?“, war besonders interessant und ansprechend. Bevor Arnade zum heißen Eisen Sexualität kam, machte sie anhand von Fakten und Beispielen die alltäglichen Diskriminierungen behinderter Menschen deutlich und zeigte dabei klar die Lösungsansätze und Modelle der Selbstbestimmt-Leben Bewegung auf.

Laut einer Statistik sind 40 % der behinderten Frauen verheiratet und 75 % der behinderten Männer. Ohne die Institution der Ehe an dieser Stelle hoch preisen zu wollen, sagen die Zahlen jedoch einiges über das geschlechterspezifische Rollenverhalten.

Eine Studie aus Utrecht/Niederlande, hat ergeben, daß 85 % behinderter Frauen sexuellen Übergriffen und Gewalt ausgesetzt sind. Der hohe Prozentanteil überrascht nicht. Denn wenn man sich hier die Praxis genauer anschaut, dann sind Frauen mit Behinderung die „besten Opfer“: die Justiz sieht von einer Strafverfolgung ab, wenn keine körperliche (!) Gewalt angewendet wurde (Deutschland) und es kommt zu keiner Verurteilung, wenn die betroffene Frau nicht ganz genau sagen kann, wann, wie und wie oft die Übergriffe passiert sind (Österreich).

Wie frauenverachtend und diskriminierend Behörden Beschlüsse fällen können, zeigt folgendes Beispiel: Eine behinderte Frau, die sexuelle Gewalt erleben mußte und daher einen Antrag auf explizite Frauenpflege stellte – das heißt, sie wollte sich nicht mehr in Gefahr begeben, sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein – wurde abgewiesen, weil „Vergewaltigung ein Risiko jeder Frau ist“.

Das Angebot der Arbeitsgruppen war sehr vielfältig und es kamen interessante Kernfragen und Thesen heraus.

Bei der Fragestellung: „Wie achte ich auf eigene Grenzen und persönliche Bedürfnisse in der Betreuungssituation (Heimsituation)?“, resultierte folgendes:

  • Fürsorge macht klein
  • Stunden Rücksichtnahme und Toleranz hält keiner aus (das betrifft HeimbewohnerInnen, die sich ihre MitbewohnerInnen nicht aussuchen können)
  • Wo keine Kontrolle ist, bedarf es einer Kontrolle von außen.

Ich denke, daß diese Arbeitsgruppe, die hauptsächlich aus nichtbehinderten Menschen bestand, die klassische Betreuungssituation sehr gut analysierte und mit den formulierten Thesen genau den Punkt traf.

Die Arbeitsgruppe für Menschen mit geistiger Behinderung kam zu Ergebnissen, die scheinbar so banal, jedoch Voraussetzung für ein selbstbestimmtes, „normales“ Leben sind:

  • Raum, über den man selbst verfügen kann
  • genügend Geld, über das man selbst verfügen kann
  • Information über Partnerschaft, Liebe, Sexualität
  • Aufklärung und Fortbildung

Die übrigen Arbeitsgruppen, die thematisch breit gestreut waren (Frauen und Behinderung, Männer und Behinderung, Behinderung und gleichgeschlechtliche Liebe, Kinderwunsch und Elternschaft mit Behinderung) kamen alle zu dem Schluß, daß es an nötigen Ressourcen fehlt, den entsprechenden Rahmenbedingungen und Möglichkeiten damit behinderte Menschen Liebe, Partnerschaft und Sexualität leben können und, daß es nicht in erster Linie die Behinderungen sind, die „Behinderung und Sexualität“ zum Thema machen, sondern die ausgrenzenden Lebensbedingungen.

Was in der Auseinandersetzung mit diesem Thema noch sehr bedeutend ist, ist die Tatsache, daß Integration Anpassung in ein gegebenes System bedeutet. Das heißt, daß der Weg Emanzipation heißen muß mit besonderem Augenmerk auf geschlechterspezifische Fragestellungen.

Denn wenn wir uns in diesen Diskussionen stets über Behinderung definieren – und das haben wir ja von Beginn unseres behinderten Lebens eingelernt (bekommen) -, vergessen wir leicht dabei, daß wir zuerst Frauen und Männer sind, und dann erst behindert.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich