Behinderte Menschen nicht erwünscht

Für behinderte Menschen ist das Kunsthistorische Museum (KHM) eine einzige Zumutung. Das war vor dreißig Jahren so, es war vor zehn Jahren so, als Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnete, und es wird, bedenkt man die abweisende, unfreundliche und diskriminierende Art mancher Museumsangestellten, besonders aber an der Kasse und der Information, auch in hundert Jahren so sein. Ein Kommentar.

Kunsthistorisches Museum in Wien
BIZEPS

Zu den Fakten: Man kann als behinderter Mensch das Museum nur von einem Nebeneingang betreten. Dort wartet ein Schranken, ein Mitarbeiter wird gerufen, das dauert. Sobald der Mitarbeiter da ist, lotst er einen über einen offenen Innenhof mit unerträglich holprigem Pflaster – Menschen mit Krücken oder Rollatoren hätten hier keine Chance.

Wenn es regnet, schneit oder hagelt, ist man den Naturgewalten schutzlos ausgesetzt. Dann geht es in einen dunklen Kohlengang, in dem eine Stufe wartet, die durch eine improvisierte Rampe nur unzulänglich erschlossen ist. Benutzer_innen eines Elektrorollstuhls kommen hier an eine Grenze. Schließlich steht man vor einer Lifttür und wartet lange. Sehr lange.

Der Mitarbeiter tröstet mit der Mitteilung, dass es manchmal eine halbe Stunde dauert, bis der Lift kommt, er sei permanent überlastet. Diese Zeit nutzt der an einem Sprechdurchfall leidende Mitarbeiter, einem die Ohren vollzuplappern, man kann sich, da man ja auf den Lift wartet, der Zudringlichkeit nicht erwehren. In der Kabine ist wenig Platz, aber man kommt endlich in den Kassenraum.

In den Museumsshop kann man nicht vordringen, dort gibt es Stufen ohne eine Hebeplattform. Dann darf man sich als Rollstuhlfahrer in einer langen Schlange anstellen.

Zum Vergleich

In den großen Museen der Welt in London, den USA und den meisten anderen Ländern, ist es seit Jahrzehnten gute Übung, dass behinderte Menschen, die ja oft zusätzliche Hilfe brauchen, automatisch an den Warteschlangen zu einem eigenen Schalter vorgebeten werden und ihre Karten erhalten.

Schließlich wird man von einem Mitarbeiter oder einer Mitabeiterin zu einem Lift geführt und das wieder an der Warteschlange vorbei. (Whitney Museum und Guggenheim Museum/New York, Louvre/Paris, British Museum/London, Pergamonmuseum/Berlin u. v. m.)

Nicht so im Kunsthistorischen Museum. Ist man nach zwanzig Minuten Wartezeit endlich an der Reihe, eröffnet einem die unfreundliche Kassendame in einem herablassenden Ton, dass man in zwei Stunden ein «Zeitfenster» erhalte, dann könne man für zwanzig Minuten die Brueghel-Ausstellung besuchen.

Man müsse aber damit rechnen, dass der Lift überlastet sei und dementsprechend wenig Zeit übrigbleibe. Nachdem man bisher fast eine Stunde zugebracht hat, um zur Kasse vorzudringen, ist das eine niederschmetternde Nachricht, deren Botschaft lautet: Behinderte Menschen sind im Kunsthistorischen Museum unerwünscht. Höfliche und freundliche Umgangsformen des Personals ebenso.

Dahinter steckt nicht die in Wien verbreitete uneigennützige Gemeinheit, dahinter steckt System. Die Leitung des Museums sollte sich der Öffentlichkeit stellen. Ferner, so die harsche Dame an der Kasse, gebe es für behinderte Menschen auch keine Ermäßigung, auch die Begleiterin müsse den teuren Vollpreis bezahlen.

Subtext: Was müssen behinderte Menschen den «Gesunden» auch die Plätze verstellen, sie sollen besser in ihren Heimen oder zuhause bleiben und Licht ins Dunkel schauen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Augustin Nr. 473/2018 vom 19.12.2018.

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20 Kommentare

  • Leider ist es in Öffis nicht anders. Leute schauen dich schon beim einsteigen an als wäre man ein außerirdischer. Keiner macht Platz. Und dann kommen noch dumme Sprüche das wir behinderten kein Recht haben auf die Öffis wir sollten doch ein Fahrdienst nehmen. Sorry, aber wir behinderten haben genau das selbe Recht frei zu leben. Wir sind genau so Mensch wie jeder andere auch. Wir wollen kein Mitleid wir wollen akzeptiert werden. Es kann ein jeden treffen.

    • Mag daran liegen, dass ich die Glotzer nicht sehen kann. Aber ich spüre blicke und höre, dass es erst einmal Still wird, wenn ich einen Raum betrete. Finde ich nicht weiter schlimm.
      Die meisten fangen sich jedoch bald und es gibt wenige, die auf meine Bitte hin den Platz in der Straßenbahn nicht räumen.

  • Jetzt macht man sich so mühe, extra für Behinderte so tolle VIP-Eingänge zu kreieren, und die ham nix besseres zu tun als wieder nur herumzunörgeln…

  • Ich werde mit meinen Freund von der Zeitung das KHM besuchen und mal schauen was da abgeht.

  • Ich kenne solche Vorgangsweisen (Schikanen) und Zustände zwar nicht vom KHM, aber von anderen Veranstaltungsstätten und denke, dass Menschen mit Behinderungen, wenn sie sich schlecht oder diskriminiert behandelt fühlen, das auch deutlich zum Ausdruck bringen sollen bzw. MÜSSEN. Durch Anpasslinge und NichtssagerInnen bzw. Leute, die das geduldig so hinnehmen oder sich gegenseitig eine „Errungenschaft“ neiden, wie es vielerorts ist, wird sich nichts ändern. Danke Erwin für deinen Bericht und für dein Einstehen für bessere Bedingungen für Menschen mit Behinderungen!

  • Erstens sind die zu behinderten Menschen noch extrem viel gemeiner wie ich aus meiner Familie weiß und 2 wird es um eine Spur schlimmer wenn man nicht mal in der eigenen Wohnung willkommen ist und von anfang an schikaniert wird und man keine Kaution zusammen bekommt das man diese Wohnung wieder verlassen kann

  • liebe hedi,

    deine antwort ist, mit verlaub gesagt, eine riesenfrechheit und disqualifiziert dich als behindertenpolitikerin vollständig. glaubst du, ich sauge mir das erlebte aus den fingern? ich hätte lieber auch gern einen angenehmen nachmittag erlebt. aber was zuviel ist, ist zuviel. du fällst mit deiner arroganten äußerung noch weit hinter all jene zurück, die uns gönnerhaft behandeln. merk´s: wie man hineinruft, so schallt es zurück. deiner meinung nach müssen wir uns also alles gefallen lassen, egal ob es woanders schon seit jahrzehnten besser ist. wir müssen bitten und betteln. das ist deine sicht der behindertenpolitik. du bist teil des problems, aber nicht der lösung, liebe hedi. daß wir in der behindertenpolitik noch oft in der steinzeit herumkrebsen, liegt zu einem nicht geringen teil an funktionärinnen wie dir. viel spaß weiterhin mit der neuen regierung. die sieht die dinge wie du.

    • Lieber Erwin,
      Du unterstellst mir mit Deiner Replik jetzt Vieles, was ich weder gesagt noch gedacht habe.
      Ich werde aber darauf verzichten, das hier näher darzustellen, sonst bezichtigst Du mich vielleicht auch noch des Sprechdurchfalls.
      Bin schon neugierig auf das Ergebnis der Schlichtung, die Du ja sicher einleiten wirst.
      Liebe Grüße Hedi

  • Es tut mir leid Erwin, dass du das khm so negativ erlebt hast. Wir hatten dort schon viele positive Begegnungen.
    Das mit dem zeitfenster bei der brurghel Ausstellung habe ich anders erlebt. Nichtbehinderte Menschen ohne Jahreskarte durften rund um Weihnachten gar nicht hinein!
    Und dein resümee: sei mir nicht bös, aber es fällt mir der Spruch ein: wie man in den Wald hineinruft, so kommt es zurück.
    Ich wünsche dir ein Jahr 2019 mit vielen für dich freundlichen Begegnungen!

  • Das KHM ist ja bei Weitem nicht das einzige Museum in Österreich, das RollstuhlfahrerInnen nur nach Überwindung von Schranken, finsteren Innenhöfen und Gängen sowie die leidige Bemühung musealer MitarbeiterInnen besuchen können. Mir sind diese Abläufge als häufige Begleiterin meines Mannes, der Rollstuhlfahrer ist, äußerst vertraut und ich empfinde sie als außerordentlich herabwürdigend, demütigend und nicht zuletzt unverschämt zeitintensiv. Als nicht mobilitätsbeeinträchtige Person erlebe ich den enormen Unterschied, ob ich den Haupteingang nehme kann oder eben als Begleiterin meines Mannes Hintereingänge benützen muss. Ich habe auch sehr oft unangenehme Situationen mit völlig ungeschultem und betulichem oder überheblichem Personal erlebt, vor allem in Österreich und Deutschland. Behinderte Museumsbesucherinnen sind oft nur geduldet, aber sicherlich nicht erwünscht. Das wird nicht zuletzt durch die Hintereingänge symbolisiert. In Großbritannien ist die Situation völlig anders: Auch bei historischen Gebäuden sind Haupteingägne großzügigst für mobilitätsbeeinträchtigte BesucherInnen barrierefrei umgebaut, das Personal ist für den Umgang mit behinderten BesucherInnen geschult. Österreich ist in vieler Hinsicht ein Entwicklungsland, Änderungen sind nicht in Sicht.

  • Der Gesamtablauf hört sich im Bericht schrecklich an! Sollte es auch objektiv in der Regel so zugehen, ist es eine NICHT hinzunehmender unglaublicher Rechtsverstoß. Hier wäre die Regierung dringend zur Handlung aufgerufen, um diesen unhaltbaren Zustand sofort in den rechtlich einwandfreien und nicht mehr zu reklamierendem Zustand zuzuführen. Was persönliche Begegnungen mit Mitarbeitern, Bürger und Beamten angeht, so sind die beschriebenen Zustände ebenfalls nicht hinnehmbar, jedoch bedürfen Sie einer Entwicklungsphase in der Gesellschaft und im öffentlichen Raum. Hier sei ein „Modeslogan“ erwähnt „Gender Mainstream“? Hhm… ob der hilft wird sich zeigen. Aber was glauben Sie Alle würde passieren, wenn es sich bei dem behinderten Menschen um Menschen mit einer geistigen Behinderung handelt?… sich selbst aufgrund seiner Behinderung kaum sprachlich zu bewegen…die weitgreifenden intellektuellen Hintergründe kaum erfassend… und keinen für ihn stellvertretenden Menschen in Reichweite !!!… was passiert wohl? oder hoffentlich nicht…!…

  • Als Rollstuhlfahrer anstellen, warum ist das eine Diskriminierung? Ich kann das bei Blinden und stark Sehbehinderten verstehen, weil diese ihre Vorder- und Hintermitglieder der Schlange nicht erkennen können und es dadurch zu Unannehmlichkeiten kommt: Die Vorderen fühlen sich abgegrabscht und die Hinteren sind genervt, weil nichts weitergeht.

    • liebe yasemin,

      international ist so, daß rollstuhlfahrerInnen sich nicht anstellen müssen. u.a. deshalb, weil das vorwärtsruckeln mit dem rollstuhl sehr mühsam ist, wenn man den leuten nicht auf die fersen fahren will. zweitens sieht man nicht, weil man von stehenden umgeben ist. drittens ist das ein akt der höflichkeit.
      am flughafen wirst du auch vorbeigewinkt. völlig zu recht! bitte ein bißchen mitdenken beim posten! liebe grüße!

    • Lieber Herr Riess,

      Danke für Ihre Antwort. Ich habe keine Vorstellung vom Alltag eines Rollstuhlfahrers und da würde Mitdenken auch nicht viel helfen.
      Die ersten zwei Punkte sind verständlich und nachvollziehbar. Punkt 3 wäre natürlich schön, aber man kann es nicht bei jedem voraussetzen und einen Rechtsanspruch hat man darauf sowieso nicht.

      Am Ende des Tages wird ein Behinderter immer alles andere als Entzückung auslösen. Ich
      bin mir sicher, dass sich Rollstuhlfahrer in anderen Ländern nicht willkommener oder unwillkommener als in Ö fühlen, dass sich auch dort in Museen, bei Jobvergaben und Freizeitveranstaltungen nicht um Behinderte gerissen wird u.ä. Natürlich trotz stellenweise besseren Lösungen.

    • „Am Ende des Tages wird ein Behinderter immer alles andere als Entzückung auslösen.“

      Bitte ersetzen Sie das Wort „Behinderter“ mit einem beliebigen anderen Wort (z.B. Frau, Jude, Afrikanerin, …) und lesen Sie den Satz nocheinmal.

      Ich bin gespannt, ob Sie ihren vorherigen Satz danach immer noch in Ordnung finden.

    • Ja, ich finde den Satz nach wie vor in Ordnung. Ich habe nur meinen Eindruck beschrieben, mir wäre ein anderer auch lieber. Ich finde den Umstand jedoch nicht in Ordnung, ich kritisiere ihn. So zu tun als gäbe es eine Gesellschaft, in der Behinderte nicht nur dieselben Chancen hätten, sondern auch überall willkommen wären, hilft niemandem.

  • War vor ein paar Wochen mit meinem Sohn (Behinderung lt. Behindertenpass 100 %) im Naturhistorischen Museum. Keine Probleme und überaus freundliche Behandlung an der Kassa. Das Kunsthistorische Museium habe ich sowieso vor, wieder einmal zu besuchen. Kann gerne berichten, ob sich das Personal hier soviel anders verhält als gegenüber.

  • Dass der Zugang zu dem 125 Jahre alten Kunsthistorischen Museum so muehsam ist zeigt deutlich, wie sehr sich die Bauvorschriften in Bezug auf Barrierefreiheit seither geaendert haben. Das Warten auf einen der beiden Aufzuege kann ungeduldig machen.

    Befremdlich finde ich, dass die Dame an der Kasse offenbar die Eintrittspreise fuer das Museum nicht kennt. Menschen mit Behinderung und ihre Begleitpersonen sind berechtigt eine Preis-Reduktion zu erhalten. Auch fuer Sonderausstellungen.
    So habe ich es vor einigen Monaten selber als Begleitperson einer Rollstuhl-Fahererin erlebt und so steht es auch auf der Website. (Ganz unten, am Ende der Seite, sind Ermaessigungsberechtigte – Studenten, Pensionisten, Militaer etc.) aufgelistet).
    https://www.khm.at/besuchen/besucherinformation/oeffnungszeiten-eintrittspreise/

  • Ich bin Rollstuhlfahrer und Jahreskartenbesitzer im KHM. Es stimmt zwar, dass der Zugang zum Museum nicht sehr komfortabel ist, unfreundlich war das Personal jedoch nie zu mir bzw. uns.
    Die Timeslot Regelung ist neu bei der Sonderausstellung, das klang sehr abschreckend für uns, allerdings hat uns auch keiner aufgehalten als wir im Sog einer Gruppe einfach reingegangen sind. Vielleicht war es an dem Tag aber einfach nicht so stark überlaufen.
    Im Museumshop war ich auch schon, allerdings kommt man nur über eine Seite mit dem Lift hinein, auf der andere Seite sind die von Ihnen erwähnten Stufen.

    Liebe Grüße,

    Daniel

  • Sehr gut geschriebener Artikel!
    Auch wenn die beschriebenen Zustände wirklich schockierend sind (ich meine, wir schreiben in Kürze das Jahr 2019…), so musste ich bei dem Schlusssatz „(…) und Licht ins Dunkel schauen“ ziemlich schmunzeln.