Behinderung und Sexualität

Im Oktober vorigen Jahres fuhr ich nach Holland, um an einem fünftägigen Seminar teilzunehmen; das Thema: "Behinderung und Sexualität".

Symbolbild: Zwei nackte Menschen umarmen einander
Senia

Veranstalter war die britische Organisation „Mobility International“ und geleitet wurde das Seminar von Betroffenen, wobei die Zielgruppe ebenso ausschließlich behinderte Menschen waren.

Die Gruppe bestand aus ca. 30 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus ganz Europa (Island, Irland, GB, Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Niederlande, Österreich). Was mich sehr überrascht hat, war, daß bedeutend mehr Männer als Frauen sich dem heißen Thema stellten.

Ich hätte mich wetten getraut, daß es umgekehrt gewesen wäre. Meine Hochachtung diesen Männern. Aus Österreich waren wir zwei Frauen.

Wir teilten uns in Kleingruppen, um einander schneller kennenzulernen und dadurch natürlich auch schneller ins Thema einsteigen und sich aufeinander einlassen zu können. Wir sprachen über unsere sexuellen Vorstellungen, Wünsche, Träume, Phantasien und Ängste, wie wir damit umgehen und wie wir sie leben.

Und eins kam immer wieder zum Ausdruck. Solange man sich selbst nicht als liebenswerten Menschen sieht und solange man seinen Körper nicht voll annimmt und ihn selbst liebt und akzeptiert, solange wird es nur schwer möglich sein, daß andere Menschen einem selbst anziehend und liebenswert finden.

Zur Halbzeit des Seminars wurden folgende Workshops angeboten:

  • Bodywork: Mithilfe von Pantomime, Rollenspielen und anderen Theater-elementen ging es um Körperausdruck und -gefühl und wie man auf den anderen wirkt.
  • Sexuelle Belästigung und wie man sich dagegen wehren kann.
  • Sexuelle Hilfsmittel: Eine Mitarbeiterin einer Sexualberatungsstelle für behinderte Menschen zeigte verschiedene Arten von Hilfsmittel (Vibratoren, etc.), erzählte von ihrer Beratungstätigkeit und wie diverse Hilfsmittel im Bedarfsfall adaptiert werden.
  • Von einer Maskenbildnerin konnte man sich schminken lassen, wie man sich fühlt, wie, wer oder was man gerne wäre.
  • Ein Querschnittgelähmter Mann erzählte
    von seinen Erfahrungen als Mitarbeiter einer Sexualberatungsstelle für behinderte Menschen und wie er überhaupt dazu kam.
  • Und schließlich wurde die Organisation der Sexhelper vorgestellt, die folgende Ideologie hat:

Gerade behinderte Menschen haben es, durch gesellschaftliche und räumliche Barrieren, schwerer Kontakte zu knüpfen, und um Kontakte und Beziehungen aufzunehmen bedarf es einer gewissen Portion Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und somit auch Ausstrahlung. Und hier beginnt dann oft ein Teufelskreis der Frustration, denn zu spüren, daß man keine oder wenig Chancen hat, verleiht einem sicher nicht viel Selbstbewußtsein.

Der Verein der Sexhelper bietet behinderten Menschen Sex gegen Bezahlung an, damit die Betroffenen ihre eigene Sexualität mit einem zweiten erleben können, wie sie wirken und reagieren. So können die Betroffenen mehr Selbstbewußtsein erlangen und sich dann vielleicht auf der „freien Wildbahn“ mehr zutrauen. Das ganze soll eine Art Starthilfe sein.

Und zum Teil ist diese Rechnung auch auf-gegangen. Den Erfahrungen nach ist es so, daß der Großteil der behinderten Frauen Sexhelper nur kurze Zeit in Anspruch nimmt jedoch der Großteil der behinderte Männer bei diesen Diensten bleibt. Ein interessantes Detail am Rande: Die Sexhelper kommen aus Berufen wie Krankenschwester, Sozialarbeiter …

Was wäre ein Hollandaufenthalt ohne in Amsterdam gewesen zu sein?! Natürlich ging es einen Tag in diese aufregende, wunderschöne Stadt, nur hatten wir viel zu wenig Zeit, und so entschloß ich mich, gemeinsam mit ein paar anderen Verwegenen, im Red-Light-District und in den Coffee-Shops unterzutauchen.

Alles in allem hat mir dieses Seminar großen Spaß gemacht. Besonders genossen habe ich die Internationalität dieser Veranstaltung und dieses prickelnde Gefühl des Zusammenlebens mit Menschen, die man vorher nie gesehen hat. Es entsteht dabei eine Gruppendynamik, die sehr spannend sein kann. Ich fühle mich in solchen Situationen sehr viel freier und kann mich so selbst ausprobieren.

Nicht zuletzt trifft man auch oft Menschen von ganz weit weg, und man erkennt trotzdem, wieviel man gemeinsam hat. – Und manchmal sogar eine Seelenverwandtschaft.

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