Bericht ergibt: 159 Wiener Straßen sind problematisch benannt

Seit 2011 hat eine Kommission im Auftrag der Stadt Wien 4.379 personenbezogene Straßennamen untersucht. 159 haben kritische Benennungen. Darunter findet sich auch der Andreas-Rett-Park.

Schild: Andreas-Rett-Park
Kurt, Anton

Am 3. Juli 2013 präsentierte eine Kommission bestehend aus Univ.-Prof. DDr. Oliver Rathkolb (Leitung), Mag.a Birgit Nemec, Dr. Peter Autengruber und Mag. Florian Wenninger jenen rund 360-seitigen Forschungsprojektendbericht „Straßennamen Wiens seit 1860 als ‚Politische Erinnerungsorte'“, in dem sie historische Bedeutung jener Persönlichkeiten, nach denen Wiener Straßen benannt sind, auflistet.

Der Bericht soll Grundlage für eine öffentliche Diskussion sein, wie Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Grün-Gemeinderat Klaus Werner-Lobo bei der Präsentation erklärten.

Projektziele waren „die kritische Analyse und zeithistorische Kontextualisierung der Benennung von Verkehrsflächen und Parks im gesamten Stadtgebiet nach in‐ und ausländischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (aus Politik, Kultur, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft etc.) sowie nach historischen Ereignissen.“

„Zentral bei der zeithistorischen Bewertung ist unserer Ansicht nach die Klärung der Frage, ob diese Personen durch öffentliche antisemitische, rassistische, faschistische Äußerungen oder Handlungen hervorgetreten sind“, heißt es in dem Bericht.

Von 4.379 personenbezogenen Straßennamen sind 159 problematisch

Von den rund 6.600 Straßennamen sind 4.379 personenbezogen. Rund 10 % (400 Personen) wurden in die „Gruppe der problematischen NamensgeberInnen“ eingereiht. Nach einer weiteren Überarbeitung, Materialerhebung und Diskussionen blieb eine Gruppe von 159 Personen übrig.

Diese wurden in 3 Gruppen geteilt – was nicht unumstritten ist:

  • Gruppe A – 28 Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf
  • Gruppe B – 56 Fälle mit Diskussionsbedarf
  • Gruppe C – 75 Fälle mit demokratiepolitisch relevanten biographischen Lücken

Die Autorinnen und Autoren des Berichts verweisen darauf, dass das nun vorliegende Ergebnis ein vorläufiges ist und durchaus noch Informationen auftauchen können, welche die eine oder andere Person identifizieren, die derzeit nicht auf der Liste steht.

Andreas‐Rett‐Park

Es kommt nicht überraschend, das auch Prof. Andreas Rett – und der 2011 nach ihm benannte Park im 13. Wiener Gemeindebezirk – in dem Bericht in der Gruppe B aufgelistet wird. (Siehe Artikel in BIZEPS-INFO.)

„Kritisiert wurde vor allem, dass sich Rett mit der eigenen NS‐Vergangenheit – im Gegensatz zu anderen – öffentlich nie auseinandersetzte. (Vgl. Neugebauer/Schwarz, 230) Seine Zusammenarbeit mit dem NS‐Kindereuthanasiearzt Dr. Heinrich Gross, einem BSA‐Kollegen, mit dem er einen wissenschaftlichen Aufsatz zusammen publizierte. Dieser basierte auf der Grundlage von Gehirnpräparaten, die von den im Rahmen der NS‐Kindereuthanasie ermordeten Spiegelgrundopfern stammte.“

Erwähnt wird im Bericht auch seine medikamentöse Triebdämpfung an behinderten Menschen, die SLIÖ kürzlich kritisierte. „Kritiker lokalisieren seine Ansätze zudem in Fortsetzung eugenischer Praktiken nach 1945, zum Beispiel Sterilisationsempfehlungen, Hormone zur Triebbekämpfung, Gegner von Integrationsklassen, (Vgl. Schönwiese. In: Bizeps (Hg.), Wertes unwertes Leben, Wien 2012, 70‐82)“, was „weitere Forschungen erforderlich machen“ wird.

Wie geht es weiter?

„Die Palette der denkbaren und auch in Österreich sowie international üblichen Formen des Umgangs mit ‚belasteten‘ Straßennamen reicht von Umbenennung oder Umwidmungen, über inhaltlich präzise Erklärungstafeln, die sowohl die positiven als auch die negativen Leistungen und Werthaltungen der namensgebenden Person thematisieren bis hin zu künstlerischen Interventionen. Letztere können eine kritische Perspektive auf biographische Hintergründe der jeweiligen Straßenbezeichnungen nachhaltig vermitteln“, heißt es in dem Bericht erklärend.

„Was bedeutet dies konkret für den Andreas-Rett-Park?“, fragte BIZEPS-INFO daher Prof. Volker Schönwiese. Er findet es sehr wichtig, „dass festgestellt wird, dass es Kontroversen um Rett gibt“ und unterstützt die im Bericht erwähnten notwendigen Forschungen. „Ich bin sehr für weiteres Forschen und Aufarbeiten. Die modernen Formen von Eugenik sind ein sehr wichtiges Thema“, so Schönwiese abschließend.

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0 Kommentare

  • Ich habe jetzt erst diesen Versuch der historischen Reinwaschung Julius Tandlers in der sozialdemokratischen Zeitschrift “Zukunft” im (Verlag der SPÖ GmbH) durch den Historiker Herwig Czech vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes entdeckt: http://diezukunft.at/?p=2898
    Nach dieser Lektüre und den darin gefolgerten „Konsequenzen“, dass Julius Tandler als Ideengeber der späteren Behinderten- und Krankenmorde im NS-Regime nicht in Frage kommt, bin ich erneut über Objektivität und Qualität von Historiker-Expertisen ernüchtert.
    Um so mehr stehe ich zu meiner persönlichen Wertung (untenstehender Eintrag vom 7.7.2013 und in weiteren Postings in diesem Forum sowie auf Facebook) betreffs des seit über 90 Jahren anhaltenden unsäglichen (sozial-)eugenich-ökonomistischen Einflusses dieses „SP-Säulenheiligen“ auf „Bevölkerungspolitik“, „Volksgesundheitspflege“, „Jugendwohlfahrt“ sowie Pflege- und Behindertenpolitik BIS HEUTE!

  • Invalidenstrasse … wir betanzen sie bis zur Umbenennung!

  • @Blindwurm und @Martin Ladstätter: Oder gleich wie in großen Teilen Japans ganz ohne Straßennamen!

  • @Ladstätter: Danke für die Aufklärung!

    Habe dann wohl zu wenig aufgepasst, wenn Fahrer und Beifahrer im Floridaurlaub ständig darüber diskutierten, wie man nun etwa in die 29th street kommt.

  • @Blndwurm: Sie irren sich. Auch in den USA gibt es viele Straßen, die mit Namen versehen sind.

  • Mach mas doch wie die Amis! Da haben die Straßen keine Namen sondern Nummern und wir könnten uns die ganzen Diskussion sparen.

  • Die historische Rolle von Prof. Julius Tandler (Seite 166-167 im Strassennamenbericht) wird leider sehr einseitig im Sinne seiner Verteidiger- und VerehrerInnen dargestellt. Das Problematische an Tandler nur auf die „rabiat‐eugenische Rhetorik“ zu reduzieren und dabei lediglich zwei aus dem Zusammenhang gerissene Zitate gegeneinander aufzuwiegen, erscheint mir alles andere als wissenschaftlich redlich.
    Tandlers bis heute anhaltender Einfluss auf das sog. „Jugendwohfahrtswesen“ ist gerade vor dem Hintergrund des in letzter Zeit nicht mehr zu leugnenenden und verharmlosenden Jahrhundert-Systemverbrechens der politisch motivierten institutionellen Massengewalt in der Heimerziehung neu zu bewerten.
    Die faschistoid-sozialeugenisch-ökonomistische Prägung erfuhr das österreichische Wohlfahrts-Unwesen nicht erst durch den Nationalsozialismus, wie leider immer noch geschichtsverkürzend im Sinne der „Opferthese“ dargestellt wird.
    Die Chance, sich der historischen Belastung Julius Tandlers endlich vollinhaltlich zu stellen, wurde von der Stadt Wien leider wieder einmal vereitelt.