BIZEPS-Kongress 2013: Persönliche Assistenz für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Zu diesem Thema gingen wir auf unserer symbolischen Schiffsreise in Salzburg vor Anker. Reisebegleiterin war die Lektorin am Institut für Soziologie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, Hemma Mayrhofer.

Dr. Hemma Mayrhofer
BIZEPS

Hemma Mayrhofer hat das 2009 gestartete Pilotprojekt „Assistiertes Wohnen“ seit 2010 wissenschaftlich begleitet.

Wie kam es zum Entschluss den „sicheren Hafen“ herkömmlicher, teilbetreuter Wohngemeinschaften zu verlassen?

Die beiden Familien sind eng miteinander befreundet. Die Eltern haben die bisherige integrative bzw. inklusive Schul- und Berufsausbildung ihrer Kinder erstritten und teilweise sogar selbst entwickelt.

Nach einer Ausbildung zur Teilqualifizierung beider im Bereich Gastronomie, während der sie schon nicht mehr im Elternhaus gewohnt hatten, mussten sie wieder in dieses zurückkehren. Die angebotenen Wohnangebote haben nicht für sie gepasst. Teilweise hatten die Betreiber der WGs die Auffassung vertreten, dass beide zu viel könnten für deren Angebot. Das Zuhause Wohnen hatte aber für die jungen Erwachsenen auch nicht mehr gepasst. Da es kein geeignetes Angebot gab, entwickelten wiederum die Eltern eines. Offiziell gibt es dieses eigentlich nicht.

Die Rahmenbedingungen – ein guter Ausgangspunkt der Schiffsreise

Dadurch ist dieses kleine Projekt insgesamt sehr stark familiär geprägt. Die Projektteilnehmer sind ein Mann und eine Frau mit Down-Syndrom. Um in unserem Bild der Schiffsreise zu bleiben – man könnte sagen: Die Schiffsbesatzung bildet hier zu einem ganz wesentlichen Teil die Familie. Diese Rahmenbedingungen sind einerseits ein guter Ausgangspunkt, andererseits durchaus problematisch, weil die Rollen nicht klar getrennt sind. Die Projektleitung übernehmen die Eltern. Die pädagogische Leitung liegt bei der Schwester eines der beiden Assistenznehmer. Die beiden Wohnungen in einem Mietshaus stellt die Stadt Salzburg zur Verfügung. Die Assistenzorganisation ist unabhängig von der Wohnung organisiert. Ansprechpartnerin von Seiten der Stadt ist die Behindertenbeauftragte.

Das Land fördert nur indirekt

Das Land fördert nur indirekt, weil es diese Leistung für Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht gibt, wird eine Leistung, die anders heißt, für dieses Projekt herangezogen. Die Unterstützung bei der Assistenzorganisation, sowie die begleitende Supervision übernimmt die Volkshilfe als Arbeitgeberin der beteiligten Assistentinnen und des Assistenten. Aufgrund der begrenzten finanziellen Ressourcen stehen lediglich fünf Stunden Persönliche Assistenz pro Person und Woche zur Verfügung. Diese knappe Bemessung der „Reiseverpflegung“ war vor allem in der Anfangsphase eine besondere Herausforderung, ist es aber auf jeden Fall immer noch.

Assistenznehmerin und Assistenznehmer arbeiten in Beschäftigungsprojekten.

Was sind nun die Unterschiede in der Assistenz für Menschen mit körperlicher Behinderung zu Menschen mit Lernschwierigkeiten?

Im Unterschied zur Persönlichen Assistenz bei Menschen mit körperlicher Behinderung geht es bei den beiden nicht so sehr um konkrete Hilfestellung sondern sehr viel um Motivation, das Aufzeigen von Möglichkeiten und das Abschätzen der Folgen. Frau Hemma Mayrhofer schildert dazu folgendes Beispiel vom Radfahren: „Der Assistent ist ganz lässig locker, ist freihändig gefahren. Der Assistenznehmer sieht das, macht es auch sofort. Also es sind auch Vorbildwirkungen, fährt aber auch durch den Berufsverkehr freihändig ohne es vielleicht ausreichend zu können und ohne auch ausreichend abschätzen zu können, was können die Folgen meiner Handlung sein?“ Den Assistentinnen und Assistenten kommt somit eine wichtige Vorbildrolle zu. Die emotionale Bindung ist sehr eng.

Allgemein hält die Wissenschaftlerin als Merkmale für diese Art von Assistenzleistung fest: „Die Assistentin oder der Assistent unterstützen in der Wohnung dabei, mit dem selbstständigen Wohnen zurecht zu kommen, das heißt sie helfen beim Aufräumen, beim Putzen, Einkaufen. Dabei unterstützen, wie man verschiedene Haushaltstätigkeiten plant und strukturiert.“

Die Freizeitgestaltung ist ein zentraler Punkt

Um einer möglichen Vereinsamung entgegenzuwirken, schildert Mayrhofer die Freizeitgestaltung als zentralen Punkt, von dem das Gelingen des Konzepts stark abhängt. „Vor allem im Freizeitbereich gehen sehr viele, haben wir gesehen, gehen viele Impulse von der Assistentin oder dem Assistenten aus, im Wohnbereich weniger.“ In der Freizeit geht es zum Teil darum, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Assistenznehmerin oder dem Assistenznehmer auch von der Assistentin oder dem Assistenten in eine Anleitung umgesetzt werden.“

Für mich als Zuhörerin erinnerte der Aufbau des Projektes sehr stark an Unterstützerkreise, wie sie aus der unterstützten Entscheidungsfindung oder persönlichen Zukunftsplanung beschrieben werden.

„Am Schluss bleibt noch zu sagen, dass das Pilotprojekt vor allem gezeigt hat, denke ich, es geht darum, es einfach auszuprobieren“, ermutigte die Referentin am Ende ihres Beitrags zum Aufbruch, getreu dem Motto des diesjährigen BIZEPS-Kongresses: „Wann, wenn nicht jetzt!“ Denn: nicht nur Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Lernschwierigkeiten bekamen bei diesen Ausführungen Sehnsucht nach mehr oder „Sehnsucht nach Meer“!?

Über die Veranstaltung

Der Kongress zur Persönlichen Assistenz am 18. und 19. April 2013 in Wien wurde von BIZEPS-Zentrum für Selbstbestimmtes Leben organisiert und vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz gefördert. Fotos vom Kongress sind auf Flickr zu sehen. Hier finden Sie die Liste aller Vorträge.

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