Blinde Richter in Österreich nicht möglich?

Die Diskussion muss weitergehen, fordert die Hilfsgemeinschaft

Irene Vogel Susanne Sulzbacher Huainigg Uwe Boysen
Hilfsgemeinschaft

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs und der ÖVP-Sprecher für Menschen mit Behinderung, Dr. Franz-Joseph Huainigg, luden kürzlich den blinden Richter a. D. aus Bremen, Uwe Boysen, nach Wien zum Erfahrungsaustausch ein.

Uwe Boysen: „In Deutschland sind derzeit 60 blinde Richter aktiv, zwei Staatsanwältinnen und zahlreiche blinde Anwälte. Ich war sehr erstaunt zu hören, dass es in Österreich keinen einzigen blinden Richter und offenbar auch keinen Anwalt gibt.“

Mag. Susanne Sulzbacher, blinde Juristin, hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und möchte Anwältin werden. Sie kennt die österreichische Realität aus eigener Erfahrung: „Menschen mit Sehbehinderung, die Jus studieren, haben so viele Schwierigkeiten im Laufe ihres Studiums zu bewältigen, dass sie dann oft gar nicht mehr die Energie haben, auch beim Berufseinstieg ständig Vorreiter sein zu müssen.“ Sie hat ihr Ziel, Anwältin zu werden, noch nicht aufgegeben, arbeitet aber derzeit im Büro des Behindertenanwalts.

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs setzt sich seit 77 Jahren dafür ein, dass Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung ein selbstbestimmtes und barrierefreies Leben führen können. Mag. Irene Vogel, Geschäftsführerin: „Der Erfahrungsaustausch mit Uwe Boysen, der auch mit Justizministerin Karl gesprochen hat, zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Es mag viele Gründe geben, warum jemand nicht Richter oder Anwalt werden kann. Fehlende Sehkraft sollte jedoch kein Hinderungsgrund sein! Es ist wohl eher die Frage, ob das – aus welchen Gründen auch immer – nicht gewollt wird. Denn wenn man wirklich will, dann sind auch in Österreich blinde Juristen im Richteramt möglich!“

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0 Kommentare

  • @Sladek
    Stimme Ihnen natürlich vollinhaltlich zu! Mit den Augenscheinlichkeiten habe ich mit Sicherheit die Erfahrungen gemacht, die mir gerade noch gefehlt haben.

  • @Blindwurm: Vielen Dank für die Info und den Radio-Nachhörtipp!

  • Sowohl in Ö als auch in D geht es um die Unmittelbarkeit. Nur über diese ist eine ordentliche Beweiswürdigung möglich. Und diese Unmittelbarkeit darf sich eben nicht nur auf den „AUGEN“-SCHEIN stützen, sondern — bsw grad wo`s stinkt — ist ein gutes Näschen wesentlich gscheiter als „a fades Aug“. So haben sich die „Augenscheins“-RichterInnen jahrzehntelaaang von den augenfälligen Banken und der geschniegelten Vertreter „ins Bockshorn jagen lassen“; und so müssen wir für deren firnsternis auch jetzt entsprechend zaaaaaahlen.
    Seit einiger Zeit gibt es in Österreich nicht nur FamilienrichterInnen, WirtschaftskriminalitätsrichterInnen, ArbeitsgerichtsrichterInnen und daneben die Laienrichter (im ASG von der Gewerkschaft und von der Wirtschaftkammer, tlw auch AK, IV…) entsandt werden.
    Also eigentlich alles Spezialisten.

    Und eine Frau Karl, die einen Piefkinesen gerne in die Irre führt. Und ein schwarzer Huianigg, der das duldet.

  • @Blindwurm! Herzlichen Dank für Ihren wertvollen und sachlichen Beitrag, dem ich vollinhaltlich zustimme!

  • @Barbara: Darüber gab es am Samstag einen sehr interessanten Beitrag im Mittagsjournal.

    Es gibt in der Tat zwischen dem österreichischen und dem deutschen Rechtssystem Unterschiede über die man reden muss.
    In Österreich muss ein Richter für Zivil und Strafrecht einsetzbar sein. In Deutschland kann er sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisieren. (Diese Möglichkeit hat Boysen auch dringend für Österreich empfohlen).
    Außerdem müssen in Österreich die Richter wesentlich öfter vor Ort Lokalaugenscheine vornehmen. Weiters hat Herr Boysen betont, dass Assistenz für blinde Richter UNBEDInGT erforderlich ist.

    Zum Thema an sich hat er betont, dass man auf jeden Fall auch in Österreich einen Weg finden sollte blinde Richter einzustellen.
    @Pozzer: Auch wenn manche da Emotionen haben dürfte denke ich wir sollten uns um einen sachlichen Tonfall bemühen. Zumal es im konkreten Fall ja wirklich Formalitäten gibt die man sich anschauen muss

  • Solange Österöeich eine rassistische Frühpensionsrepublik ist, kann es keine blinden RichterInnen dazuland geben. Nur eine Handvoll davon hätten diese rassistische Frühpensionsrepublik längst beendet eine solche zu sein.

    Und Sein ist Bewusstsein.

  • Es wäre interessant, etwas mehr über die Aussagen von Herrn Boysen zu erfahren. Wie er z.B. die Verhandlungsführung gestaltet, wobei er Assistenz nutzt, wie er oder Kollegen bei Lokalaugenscheinen vorgehen wären wichtige Informationen und auch Argumentationshilfen für blinde Studierende oder AbsolventInnen die das Richteramt anstreben.