Buchinger: Sonderschulwesen ist menschenrechtswidrig

Integration ist in Österreich zwar gesetzlich verankert, allerdings nur bis zur achten Schulstufe. Danach bleibt behinderten Kindern "meist nur der Schock einer Sonderschule", berichtet der ORF.

Innenansicht des Nationalratssitzungssaales im Parlament
BKA/Andy Wenzel

Die ORF-Sendung „Hohes Haus“ thematisierte am 18. April 2010 Diskriminierungen im Bildungswesen, denen behinderte Menschen und deren Angehörige in Österreich ausgesetzt sind.

„Das Sonderschulsystem ist menschenrechtswidrig im Sinne der UN-Konvention, weil sich das Recht von Jugendlichen mit Behinderung auf Inklusion in das Regelschulwesen durch das Sonderschulwesen verändern wird bzw. stark verändert wird“, analysiert Dr. Erwin Buchinger, Anwalt für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen.

Ähnlich äußerte sich kürzlich der Monitoringausschuss, ein Gremium von Expertinnen und Experten zu Menschenrechten. „Der Monitoringausschuss, der die Einhaltung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen überwacht, erachtet Sonderschulen als menschenrechtswidrig und fordert deren Abschaffung“, berichtet der ORF und verweist auf eine Sitzung des Ausschusses am 28. April 2010 im Parlament.

ÖVP-Behindertensprecher Dr. Franz-Joseph Huainigg berichtet im ORF-Interview, dass Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied (SPÖ) nicht vorhat, einen Entwurf zur Fortsetzung der Integration nach der achten Schulstufe bis Sommer 2010 dem Parlament zu übermitteln.

Schmied: Nur Schulversuche

Ministerin Schmied erläutert, dass sie die Schulversuche derzeit „weiter ausbauen“ möchte und ergänzt: „Das Ziel der Regierung ist es, in der Legislaturperiode – nach entsprechenden Grundlagen – hier auch die gesetzliche Voraussetzung zu schaffen“.

„Für die Umsetzung der UN-Konvention ist es jedenfalls schon recht spät“, heißt es im TV-Bericht abschließend.

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0 Kommentare

  • Meiner Meinung nach kommt es IMMER auf die Betreuungspersonen und Lehrer an, die die Kinder unterrichten. Es gibt halt da wie überall, Personal das fähig ist, und manchmal auch Menschen, die ihren Beruf „verfehlt“ haben.

  • Wir haben schon wieder für alles eine eigene Schublade, anstatt dass wir uns ernsthaft um ein barrierefreies Bildungssystem – ich spreche von den Barrieren in unseren Köpfen – bemühen! Nichtaussonderung!!
    Nichtaussonderung darf überall passieren! Mein Sohn startete seine Schulzeit in einer Schwerstbehindertengruppe von 8 Kindern mit nur einem Lehrer und einem Zivildiener – an zusätzliche Betreuung war nicht zu denken. Das Ganze scheiterte und mein Sohn ging in eine integrative Volksschule. Nur aufgrund einer außergewöhnlichen Integrationslehrerin, die durch ihr Engagement und ihre Einstellung zum Menschen alle Barrieren verschwinden ließ, hatte er drei wunderbare Volksschuljahre, In der Hauptschule, wo er sogar eine eigene Betreuungsperson hatte, scheiterte es wieder. Jetzt besucht er wieder eine S-Klasse mit erkämpfter Zusatzbetreuung.
    Es ist höchste Zeit, den Menschen , das Kind so zu nehmen, wie es ist und dann zu schauen, was braucht es um so leben zu können, wie Kinder ohne Behinderung. Dass dafür die Bereitschaft noch lange nicht da ist, zeigt die Tatsache, dass Frau Schmied nicht einmal logische Schlussfolgerungen zulässt – wie die Gesetzwerdung der neunten Schulstufe. Dafür braucht sie sich nämlich nicht einmal was Neues ausdenken!!

  • @ Gerhard! Ich schließe mich Deinen Dankesworten an Dr. Erwin Buchinger und auch Deiner deponierten Erwartungshaltung sehr gerne an, denn Du warst schneller als ich.
    @ Charlotte! @ Liesa Udl! Ich bin ganz bei und mit Euch und Euren Wortmeldungen, denn wir sollten uns generell davor in Acht nehmen, auch unter den Behinderten selbst eine Rangordnung dahingehend kreieren zu wollen, wem etwas und ab wann jemandem etwas nicht mehr zusteht. Ist es nicht das, was wir an der Gesellschaft zurecht so kritisieren?

  • @Markus Ladstätter: warum nicht „liebevoll“?
    Für manche Kinder ist die Schule noch nicht mal „Kindergarten“, sondern sogar „Säuglingskrippe“!!
    Ich bin kein Freund von Sonderschule, schon gar nicht, so wie es derzeit Praxis ist. Jedoch darf man nicht vergessen, es gibt auch Menschen, die auch zb mit 12 Jahren noch Flascherl trinken aufgrund ihrer Behinderung (ich kenne einen jungen Mann mit 20, der NUR SO Flüssigkeit aufnehmen kann und die Mutter möchte ihm die Sonde ersparen – was nicht heißt, dass ich das ebenso machen würde). Oder niemals lesen und sprechen werden, sondern eben eine ganz spezielle Art von „Beschulung“ brauchen. Wenn jemand im Rollstuhl sitzt und noch so arg in seiner Bewegung und Ausdrucksfähigkeit schwerstens behindert oder gar beatmet ist, sollte niemals vergessen, es gibt immer noch Menschen mit noch schwererer Behinderung!!
    Umso schwieriger – aber auch umso bereichernder – wird es sein, diese Kinder in einer Gesellschaft/Gemeinschaft nicht auszuschließen! Ein Umdenken mit völligem Paradigmenwechsel tut not!!

  • Liebe Sandra, für mich ist nachvollziehbar, dass Sie froh sind, dass Ihre Tochter in der Schule „liebevoll und ohne Hetz“ betreut wird – allerdings ist das meiner Ansicht nach kein Argument für die Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit von Sonderschulen und der damit verbundenen Ausgrenzung. Natürlich ist auch in einer gut geführten Integrationsklasse eine individuelle Förderung „ohne Hetz und zuwenig Zeit“ möglich – dafür sind aber auch entsprechende Ressourcen nötig! Anstatt also das ausgrenzende System „Sonderschule“ zu unterstützen und zu erhalten, muss das System der Integrationsklassen so gestaltet werden, dass dort jedes Kind die individuell beste Förderung und Forderung bekommt.
    Mir ist vollkommen unverständlich, wieso es für die von Ihnen als „geistig schwerstbehindert“ bezeichneten Personen sinnvoll sein sollte, schon von Kind ab von der Gesellschaft nichtbehinderter Personen ferngehalten zu werden!

  • Wer die Augen davor verschließt, dass viele behinderte Kinder nur aufgrund von baulichen Situationen in Sonderschulen gesteckt werden und dadurch ihrer Chance beraubt werden hilft nur dem System der Ausgrenzung.

    Wenn ich schon lese „liebevolle“ Betreuung. Die Schule ist kein Kindergarten. Hier sollte Leistungsbereitschaft gefordert und gefördert werden. Dazu gehören auch ab und zu einmal Stress und Rangeleien.

    In überbeschützten Institutionen lernt man nicht, was im realen Leben gefordert ist.

  • Lieber Anonymer! Voll und ganz teile ich Ihre Meinung bezügl. Sonderschule. Auch im Fall meiner Tochter wird in der Sonderschule, die sie besucht hervorragende Betreuung und Förderung geleistet. Für mich persönlich ist der Besuch in einer S- Klasse die bestmögl. Entscheidung für meine Tochter.Eben auch darum, weil sie dort so liebevoll und ohne Hetz (und zu wenig Zeit) betreut wird, sondern jedes Kind individuell nach seinen Bedürfnissen, (auf diese wird immer eingegangen) gefördert wird, was in einer Integrationsklasse sicherlich nie so geschehen würde können.
    Mein Apell an alle, die leider wieder mal von Dingen reden, von denen sie in der Wirklichkeit KEINE Ahnung haben: Man kann und darf solche Kinde nicht in ein Schema verfrachten, da es immer auf die EINZELNEN Individien ankommmt, und nicht auf die Mediengeilheit einzelner Gutmenschen, die immer nur bestmögliche Aufmerksamkeit erregen wollen mit Meldungen, die in der Realität sich niemals verwirklichen können. Weil es nicht funktionieren würde! ich möchte keine Lehrerin sein, mit der diese NEUE METHODE ausprobiert wird! Schützen wir alle: die Lehrer, die gesunden Kinder und unsere Kinder mit besonderem Förderbedarf dadurch ebenso!

  • Aus 20 Jahren Schulpraxis in Sonder- und Integrationsschulen erlaube ich mir anzumerken, dass die verächtliche Hetze gegen die Sonderschulen niemandem hilft und Kind eines Geistes zu sein scheint, der mehr an medienwirksamer Häme als an sachlicher Diskussion interessiert ist. In den Sonderschulen wird hervorragende Arbeit und Förderung geleistet.
    Immer noch gibt es statt der im ORF zitierten „Behinderten“ nämlich einzigartige Individuen, deren optimale Förderung nicht Schemen folgen kann, sondern dem Menschen angepasst sein muss. Statt banaler „Sonderschule böse – Integration gut“ Diskussion, sollte man über Schnittstellen und Kooperationen nachdenken.

  • Ich persönlich sehe die Sonderschulen für meine Tochter die zu dem Personenkreis „geistig schwerstbehindert und wahrscheinlich dauernd ausserstande, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen“ NICHT für menschenrechtswiedrig! Gleichzeitig verstehe ich aber auch diejenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, indem sie entgegen ihrer schulischen Fähigkeiten in eine Sonderschule gesteckt werden. Man sollte aber nun doch meinen, dass nach Begutachtung von FÄHIGEM Personal bei der Entscheidung Sonderschule oder nicht, die bestmögliche Entscheidung FÜR das KIND getroffen wird, wie es meistens der Fall ist. Ich meine auch damit, dass es oft selbst die ELTERN sind, die sich mit ALLEN Mitteln gegen derartige Entscheidungen wehren,weil sie es oft jahrelang nicht wahrhaben wollen und nicht verkraften können, dass ihre Kind behindert ist. Auch ich habe jahrelang gebraucht, aber man muss sich mit manchen Dingen abfinden!

  • Danke für die klaren Worte des österreichischen Behindertenanwalts, er kennt die Konvention sehr gut, immerhin hat Herr Buchinger, damals Sozialminister, diese Konvention vor drei Jahren in New York für Österreich als erste Nation unterschrieben.
    Ich warte noch auf die klaren Worte, dass der faktische Zwang in so genannte „Heime“ durch menschenrechtswidrige Landesgesetzgebungen ebenfalls einer überfälligen Revision zu unterziehen ist.