Buchtipp: Markus Breitscheidel – Abgezockt und totgepflegt

Durch Zufall stieß ich neulich im Katalog der "Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig", der an dieser Stelle sehr herzlich für ihren stets zuverlässigen Service gedankt sei, auf das in Münster produzierte Hörbuch "Abgezockt und totgepflegt".

Ansicht eines offenen Buches
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Da mich die Inhaltsangabe ansprach, bestellte ich es. Was ich zu hören bekam, ließ mir kalte Schauer über den Rücken laufen. Das Buch beschäftigt sich mit dem Alltag in deutschen Pflegeheimen. Der Autor arbeitete über ein Jahr lang „undercover“ als Pflegehilfskraft in München, Köln, Hamburg, Mainz und Berlin und schildert im vorliegenden Buch seine Erfahrungen.

Der Autor – ehemals ein erfolgreicher Manager in einer Firma für Diamantenwerkzeuge – begann seine berufliche Tätigkeit als Journalist mit der Vorstellung von einem „Leben mit Berufung und Geradlinigkeit“. Bis zum Zeitpunkt seiner Entscheidung, in der Altenpflege als Pflegehilfskraft zu arbeiten und darüber zu schreiben, hatte er noch nie ein Alten- und Pflegeheim von innen gesehen.

Nachdem er seinen ursprünglichen Job gekündigt hatte, suchte er umgehend eine Stelle im Pflegebereich. Dies gestaltete sich überraschend einfach. Beim Arbeitsamt erfuhr er, dass er sich ohne weitere Fortbildung bewerben und als Pflegehilfskraft arbeiten könne. Im Buch beschreibt Breitscheidel wiederholt, dass die Vorstellungsgespräche, bis auf Ausnahmen, nur kurz gedauert und die Arbeitgeber sich kaum für seine Kenntnisse oder Erfahrungen interessiert hätten.

In einem Münchner Alten- und Pflegeheim trat er die erste Stelle an. Die Pflegedienstleiterin interessierte sich nicht für seine – nicht vorhandenen – Erfahrungen im Pflegeberuf, sondern lediglich dafür, dass er kräftig und gesund, ledig und flexibel einsatzfähig war. Nach einem kurzen zehnminütigen Gespräch wurde ihm bereits eine freie Stelle angeboten. Auf der Station, auf der er dann arbeitete, befanden sich 26 schwerstpflegebedürftige Bewohner und Bewohnerinnen, überwiegend in der Pflegestufe 3 (die höchste Pflegestufe in Deutschland; Anm. der Redaktion).

Nach einer Woche Einarbeitungszeit musste Breitscheidel feststellen, was Akkordarbeit im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen bedeutet.

Für das Waschen und Wenden eines bettlägigen Heimbewohners stehen gerade mal 5 Minuten zur Verfügung. Welche erschreckenden Szenen sich in diesem Pflegeheim und leider auch in vielen anderen abspielen, zeigt der folgende Dialog aus dem Buch zwischen Breitscheidel und einer Stationsmitarbeiterin.

Dialog aus dem Buch zitiert

„Sie: Ich hab‘ dich beobachtet – du verlierst einfach zu viel Zeit! Du willst jeden Wunsch der Bewohner erfüllen. Das ist nicht möglich, gehört auch nicht zu unseren Aufgaben. Deine Aufgabe ist es, den Bewohner zu waschen und anzuziehen.

Ich: Und wenn jemand auf Toilette gehen oder etwas trinken möchte, was soll ich sagen?

Sie: Dass du keine Zeit hast, weil du dich um einen anderen Bewohner kümmern musst.

Ich: Ist das nicht unhöflich?

Sie: Nein. Du musst zwölf Bewohner betreuen und dir angewöhnen, das Ganze zu sehen. Du hast nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung, und wenn du sie bei einem überschreitest, fehlt sie beim anderen. Sieh‘ zu, dass du alle gewaschen und angezogen kriegst. Ist dann noch Zeit übrig, kannst du auf besondere Wünsche eingehen.

Ich: Sie meinen, auf Toilette gehen oder trinken zu wollen ist was Besonderes?

Sie: Hör auf zu denken. Du musst dein Pensum erfüllen. Also versuche mitzuhalten, oder du gehst.“

Schockierende Aussagen

Leider findet man immer wieder solche schockierenden Aussagen in diesem Buch. Beispielsweise „Du fettes faules Schwein. Deinetwegen muss ich wieder eine Stunde länger bleiben“ oder „Es geht doch nicht darum, Spaß zu haben. Du sollst deine Leistung bringen. Aber du bist viel zu dick, um dich schnell genug zu bewegen. Du schaffst das nie.“

In 4 der 5 von ihm besuchten Pflegeheimen muss Breitscheidel beobachten, wie es den Bewohnern jeden Tag schlechter geht. „Einige bekommen nicht mal einen Becher zu trinken. Andere liegen im Bett, und ihr Hintern verfault, weil wir keine Zeit haben, sie vernünftig zu lagern.“

Pudding, Suppe und mit Glück etwas Wasser stehen auf dem Speiseplan der Heimbewohner. Obwohl eigentlich 2 bis 3 Liter Flüssigkeit täglich Pflicht wären bekommen die Bewohner, wenn sie sich selber keine Getränke organisieren können, oft nicht mehr als 200 bis 400 Milliliter täglich.

Licht am Ende des Tunnels

So schauderhaft diese Ereignisse auch sind, so gut tut es am Schluss zu erfahren, dass der Autor bei seiner letzten Arbeitsstelle in Berlin erlebt, dass es auch Pflegeheime gibt, in denen die Bewohner menschenwürdig behandelt werden und auch das Personal nicht ausgebeutet wird.

Fazit: Das Buch ist interessant geschrieben und vermittelt neben den fachlichen Informationen über die Lage in den Pflegeheimen auch einen Einblick in die Regeln der deutschen Pflegeversicherung. Zwar ist es schon 3 Jahre alt, ich glaube jedoch kaum, dass in der Zwischenzeit grundlegende Reformen durchgeführt wurden.

Ein wirklich empfehlenswertes und lesenswertes Buch, vor allem für jene, die immer noch an die „schöne heile Pflegewelt“ glauben. Es wäre interessant, wenn ein Journalist in österreichischen Pflegeheimen ein ähnliches Experiment durchführen könnte.

Das Einzige, was ich mir noch gewünscht hätte wäre ein Leitfaden am Schluss des Buches gewesen, welcher Angehörige darüber informiert, wie sie erreichen können, dass ihre Angehörigen, wenn eine Pflegeeinrichtung die einzige Möglichkeit ist, in einem Heim landen, das diesen Namen auch wirklich verdient! Zwar gibt es im Anhang einige Adressen von Organisationen, die darüber informieren können, jedoch wären mir trotzdem ein paar Ratschläge im Buch noch lieber gewesen!

Hier können Sie das Buch bestellen.

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0 Kommentare

  • Bin seit etwa 39 Jahren mit längerer Unterbrechung ( durch Familie und Kinder) tätig. Meine Ausbildung begann ich 1969, in dieser Zeit wurden Pflegekräfte aus Asien geholt. Warum wohl?
    Schlecht bezahlter Job, grosse Verantwortung, kein Personal. Ich arbeite z.Z. bei einer Zeitarbeitsfirma und diese Firma zahlt noch immer besser als die Heime bzw. Krankenhäuser in denen ich bisher eingesetzt wurde.
    Man sollte doch meinen, dass sich etwas verändert hat, oder? Ich erlebe Situationen, kann ich mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Ich bin 55 Jahre alt und weiss mir nicht mehr zu helfen. Würde gerne , hätte ich etwas anderes gelernt aus diesem Job herrausgehen. Bin trotz 10 Tage Urlaub, nach 5 Tagen schon wieder völlig ausgelaugt. Habe vieles privat ohne Namen zu nennen dokumentiert. Ich würde mich auf eine Reaktion von Ihrer Seite sehr freuen.

    Hier muss etwas geschehen, komme mit dieser Situation nicht mehr klar! Mir freundlichen Grüssen und in der Hoffnung auf eine Antwort Roswitha Hardt

  • Danke für den Beitrag ! Genau so stelle ich es mir vor, dass es vielen vor allem geistig behinderten (egal ob durch Demenz oder wie bei meinem eigenen 8-jährigen Kind) Menschen geht, sollte man sich dazu entschließen, sie in ein Heim geben zu müssen.Es gibt sicher auch gute Einrichtungen, aber mir kann niemand erzählen, dass immer auf die Bedürfnisse der „Bewohner“ eingegangen wird. Ich finde, dass dies genau wieder aufzeigen sollte, dass Pflege zuHause in Zukunft viel mehr unterstützt werden muss. Zudem kostet ein Pflegeplatz zB. für meine Tochter tägl.320 Euro, wobei keine Therapie includiert ist, um die vorhandenen Fähigkeiten zu verbessern, damit zB. die Motorik besser wird.Mir kann keiner erzählen, dass sich in einem Heim der Betreuer von meiner Tochter, sollte ich sie ins Heim abschieben müssen- was ich niemals tun werde- tägl. 2 Stunden Zeit nehmen würde, um mit ihr spazieren zu gehen, geschweige denn mit ihr beim Baden in der Badewanne, was ihr so viel Freude macht, tägl. eine Stunde mit Bechern Wasser hin und herschütten zu üben,-was therapeutisch sehr sinnvoll ist- wie mir bestätigt wurde. Aber dazu machen sich unsere Politiker wieder mal keine Gedanken, solange sie nicht selber betroffen sind. Als betroffener pflegender Angehöriger bleibt uns nichts Anderes übrig,als in die Offentlichkeit zu gehen, damit wir in Zukunft mehr unterstützt werden, bei der Pflege zu Hause, schon deswegen, damit unseren Schützlingen ein derartiges „Leben“ erspart wird- nämlich in gewissen Heimen dahinzuvegitieren und auf den Tod zu warten- damit wieder ein Fall weniger ist, auf dieser Welt, der NICHTSNUTZ und IN DEN AUGEN VIELER MENSCHEN AUCH LEIDER HEUTE NOCH NICHTS WERT IST; und froh sein muss in dieser Zeit zu leben (WURDE MIR ALS MUTTER EINES BEHINDERTEN KINDES, das ich sehr liebe, SCHON MEHRFACH GESAGT!).
    Ich habe schon oft versucht, auf diesen Pflegewirrwarr hinzuweisen, und habe auch sämtl. Politiker zu mir nach Hause eingeladen- kein Interesse ist aber leider da.

  • Dazu braucht man nicht nach Deutschland blicken. Mein Ex-Freund war als Zivildiener in einem städtischen Pflegeheim in Wien tätig. Was war wichtig? Ob er schwer heben konnte und ob er schnell ist. Man nahm sich wenig Zeit für die Patienten.

    Er verteilte das Frühstück an die Pflegenden ohne zu merken dass bereits ein Patient verstorben war. Beim abräumen fiel es dann auf. Er war für das heben und waschen der Patienten verantwortlich. Ein Gespräch mit den Patienten gab es nicht, da die Zeit zu knapp war.

    Ich hoffe, dass man sich heute mehr Zeit für die Patienten nimmt, denn schließlich ist sein Zivildienst auch schon 16 Jahre her.

  • Vielen Dank, lieber Daniel, für diesen Deinen Beitrag! Es ist sehr sehr wichtig, die echten Realitäten an- und auszusprechen, wenngleich sich der Mensch lieber im Schein, als in der Wirklichkeit aalen möchte. Das solltest Du auch auf Facebook etc. publizieren, aufdass der Rahmen einw weitaus größerer werden möge. Denn das hier ist ein Thema, das unbestritten jeden/e einmal wirklich persönlich betreffen könnte. Und ehrlich: Wer möchte schon so enden? Das kann man auch nicht mit ach so heilen/heiligen, glücksbringenden therapeutischen Einrichtungen wegdiskutieren, in denen wenige glauben, ihr und ausschließlich ihr eigenes Seelenheil zu finden, um von diesem geschützten Bereich heraus Andere anzugreifen und lächerlich zu machen, die ihre Augen vor der Realität nicht verschließen.