Buchtipp: „Niemand wird zurückgelassen: Eine Schule für Alle“

So lautet der Titel des äußerst informativen, anregungsreichen und denkwürdigen Buches von Rainer Domisch und Anne Klein, das im Februar 2012 erschienen ist.

Buchtipp: Niemand wird zurückgelassen: Eine Schule für Alle
Carl Hanser Verlag

Durch den Tod von Rainer Domisch im August 2011 ist diese Veröffentlichung all denen, die ihn kannten und schätzten, zu seinem Vermächtnis geworden.

Das Vermächtnis

Als langjährigem Mitarbeiter im finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen und unmittelbar Beteiligtem an der finnischen Bildungsreform fiel Rainer Domisch völlig unerwartet aufgrund des außerordentlichen deutschen Interesses an dem PISA-Sieger Finnland mit der ersten PISA-Veröffentlichung 2001 die Rolle des „Botschafters“ für das finnische Bildungssystem in Deutschland zu.

Er erklärte auf die ihm eigene freundlich-sachliche Art der deutschen Bildungspolitik, der Fachöffentlichkeit und den Medien, wie das finnische System „tickt“. Ein Jahrzehnt nach der ersten PISA-Veröffentlichung ist nun sein Buch in der Co-Autorenschaft mit der deutschen Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Anne Klein posthum erschienen.

Das Buch ist weitaus mehr als eine Beschreibung des finnischen Schulmodells für eine breite deutsche Leserschaft. Es gibt auch Einblick in das Menschen- und Gesellschaftsbild, das sich untrennbar mit der einen SCHULE FÜR ALLE verbindet. Darüber hinaus dient der gezielte politische Vergleich zwischen Finnland und Deutschland den Autoren als kritische Auseinandersetzung mit der PISA-Rezeption der deutschen Bildungspolitik.

Er belegt, dass die deutsche Bildungspolitik mit ihrer ideologischen und interessengeleiteten Verhaftung die dringend notwendige Neuausrichtung für eine umfassende demokratische Strukturreform bis heute blockiert. Den Lesern wird eindringlich vermittelt, in welche zusätzliche Schieflage das deutsche Bildungssystem durch Maßnahmen geraten ist, die als sog. Qualitätsverbesserungen nach PISA „von oben“ verordnet wurden.

Letztlich wird deutlich: Was in Finnland erfolgreich verwirklicht ist, wäre auch die Lösung für die Probleme des deutschen Bildungssystems, wenn es ein politisches und gesellschaftliches Umdenken gäbe.

Deutschland – Finnland: ein bildungspolitischer Kontrast

Das Buch wird eingeleitet mit „Sieben Thesen für eine adäquate Bildungspolitik“. Nach Überzeugung der Autoren gründet diese auf dem Bewusstsein eines demokratisch verfassten Rechts auf Bildung. Sie ist auf Partizipation und Transparenz angelegt und hat als obersten Gesichtspunkt soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Sie ist der Inklusion als umfassendes Menschenrecht ebenso verpflichtet wie der Öffnung zur Transkulturalität und nicht zuletzt hat sie Bildung als öffentliches Gut angemessen auszustatten. Die deutsche Realität erscheint dazu in einem scharfen Kontrast.

Diese Thesen werden in den nachfolgenden Kapiteln vertieft und mit analytischem Blick auf die finnischen und deutschen Alltagsbeschreibungen von Schule reflektiert. Sie werden zu einem Leitbild für gute Schule in einer demokratischen Gesellschaft verdichtet und legen das ganze Ausmaß des Demokratiedefizits in Deutschland offen.

Angereichert werden die bildungspolitischen Analysen und Reflexionen durch anekdotische Erzählpassagen. Rainer Domisch erinnert sich z.B., wie deutsche Kultusminister und Schulpolitiker nach Helsinki pilgern, um das Geheimnis des finnischen Erfolgs zu ergründen.

Mit der finnischen Schulrealität konfrontiert, wollen sie jedoch die Schlüsselrolle der integrierten Schulstruktur für den finnischen Schulerfolg nicht wahrhaben. Man kehrt nach Deutschland zurück, ohne etwas gelernt zu haben. Rainer Domisch erfährt, dass Verantwortliche bereit sind zu Reformen, „aber nur, wenn damit die hierarchische Gliederung des Schulsystems nicht angetastet wird“.

Er unterstreicht mit seinen persönlichen Erlebnissen den zentralen Befund, dass es in Deutschland keine erwachsene Reaktion auf die PISA- Ergebnisse gegeben hat. „Eine erwachsene Reaktion“, so die Autoren, „wäre die Entscheidung für eine politische Analyse, verbunden mit dem Eingeständnis eigener Versäumnisse und der Bereitschaft von anderen Modellen zu lernen.“

Bedeutung der Schulstruktur für eine demokratische Gesellschaft

Die Bedeutung der Schulstruktur für Gerechtigkeit und Chancengleichheit wird an der Geschichte der finnischen Strukturreform in den ausgehenden 1960er und den 1970er Jahren nachgezeichnet.

Die Erkenntnis, dass sich die soziale Ungleichheit maßgeblich auf den Schulerfolg auswirkt, hatte damals finnische Politiker auch gegen gesellschaftliche Widerstände dazu bewogen, die sozial selektiven Strukturen zugunsten einer SCHULE FÜR ALLE aufzugeben. Die Bildungschancen aller Kinder sollten verbessert werden. Damit wurde damals auch schon das Fundament für Inklusion gelegt. Diese Grundentscheidung für ein demokratisches Schulsystem gilt heute als unumstößlich und wird von niemandem in Frage gestellt.

All denen, die immer noch in Deutschland vollmundig behaupten, der Schulerfolg hinge letztlich von der Qualität des Unterrichts ab, halten Domisch und Klein das finnische Modell entgegen.

Gutes Lernen ist gebunden an eine Struktur, die sich der Selektion der Kinder nach Leistung, sozialer Herkunft, ethnisch- kultureller Zugehörigkeit, Behinderung und anderer individueller Merkmale verweigert und gleiche Chancen für alle sichern will.

Sie spiegelt sich konsequent in der schülerfreundlichen Haltung und Einstellung der finnischen Lehrerinnen und Lehrer und in dem Unterstützungssystem für die Schülerinnen und Schüler an den Schulen wider. Finnische Pädagogen haben Vertrauen in die Potentiale aller Kinder und fördern diese individuell und im sozialen Miteinander.

Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden und der Schülerinnen und Schüler untereinander zählen, nicht ausgeklügelte Lernmethoden oder eine Diagnostik, die sich auf Defizite fokussiert und Festschreibungen vornimmt.

„Das System basiert auf Transparenz und Vertrauen, auf Förderung und Entwicklung und nicht auf Leistungsdruck. Jedenfalls muss sich niemand unsicher oder bedroht fühlen. Aus dem System herauszufallen oder einfach nur herabgestuft oder abgehängt zu werden, ist nahezu unmöglich.“

Anerkennungsdefizite deutscher Schülerinnen sind dagegen systembedingt. „Für die Sonder- und Hauptschüler markiert die Schulzuweisung auch öffentlich den Beginn einer Stigmatisierung, während sich die Kinder auf dem Gymnasium als privilegiert fühlen dürfen, aber viele doch auch mit Leistungs- und Erfolgsdruck zu kämpfen haben. Von den einen erwartet man oft gar nichts mehr, von den anderen zu viel oder das falsche.“

Vertrauen statt Kontrolle und Leistungsdruck

Die Evaluation zur Qualitätssicherung des Schulsystems hat in Deutschland erst nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA richtig Einzug gehalten. Zentrale Vergleichsarbeiten, Tests, zentrale Abschlussprüfungen, Zentralabitur, Qualitätsanalyse, Bildungsstandards markieren als Begrifflichkeiten die empirische, am messbaren Output orientierte Wende in Deutschland.

Für die Autoren sind diese Maßnahmen als Reaktion auf den bildungspolitischen Legitimationsdruck zu verstehen, der an die Schulen, die Lehrer- und die Schülerschaft weitergegeben wird.

Aus finnischer Perspektive wird dazu konstatiert: „Solange sich bei den politischen Entscheidungsträgern nicht die Erkenntnis durchsetzt, dass die Ursachen der schlechten PISA-Ergebnisse auch in den bildungspolitischen Vorgaben zu suchen sind, müssen Evaluationen als nicht sinnvoll erachtet werden.“

Der Leser erfährt, dass die Evaluation in Finnland schon 1994, also völlig unabhängig von PISA, eingeführt wurde. Mit ihrer Einführung wurde die Schulinspektion abgeschafft. Die Evaluation ist eben aus finnischer Sicht kein Instrument des Wettbewerbs, des Rankings, der Kontrolle. Man will wissen, was die Bildungsplanung im Interesse der Schülerinnen und Schüler verbessern muss. Zum Beispiel wird durch jährliche Schülerbefragungen ermittelt, wie das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen in den Schulen ist.

Es gibt keine landesweiten Abschlussprüfungen am Ende der neunjährigen Schulzeit. Stattdessen werden unter repräsentativen Gesichtspunkten ca. 120 Schulen und 5000 Schülerinnen und Schüler ausgewählt für einen landesweiten Test.

Auf dieser Grundlage wird der Landesdurchschnitt ermittelt und veröffentlicht. Bezeichnend ist, dass die Unterschiede zwischen Schulen sehr gering ausfallen. Die beteiligten Schulen bekommen aber auch genaue individuelle Rückmeldungen.

Weichenstellungen

Die finnische Gesellschaft ist auch mit den Herausforderungen des Neoliberalismus und der Globalisierung konfrontiert. Dafür, dass emanzipatorische und sozial förderliche Werte nicht verloren gehen, steht das grundlegende gesellschaftliche Leitbild: Niemand wird zurückgelassen!

Es ist keine abstrakte Idee, sondern verankert in der SCHULE FÜR ALLE. Für die deutsche Gesellschaft gilt aus Sicht der Autoren, dass sie die Bedeutung dieser ethischen Aufforderung „Niemand wird zurückgelassen“ aus den gewaltsamen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gelernt haben sollte.

An die Überzeugung, dass jede Gesellschaft jederzeit lernen kann, knüpfen sie die Hoffnung, dass das 21. Jahrhundert auch in Deutschland von der Einsicht geprägt ist, „dass eine demokratische Gesellschaft auch ein auf die Herstellung von Chancengleichheit zielendes Bildungssystem benötigt“.

Der Anhang enthält finnische Antworten auf die am häufigsten gestellten „deutschen“ Fragen und lässt „Stimmen aus Finnland“ mit eigenen Erfahrungen zu Wort kommen. Eine wunderbare Möglichkeit für jeden Leser, bei sich zu überprüfen, was er verstanden und gelernt hat durch die Lektüre und wie sie persönlich nachwirkt.

Bestellung

Das Buch hat 240 Seiten und ist 2012 im Carl Hanser Verlag erschienen.

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  • Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Schulverantwortlichen auch in Österreich werden! (Genauso wie das neue Buch von Bernd Schilcher: „Bildung nervt“). Nur leider, leider befassen sich gerade Reformverweigerer und Standesbewahrer, die auch in Österreich jeden Fortschritt blockieren, nicht mit solcher Literatur…