Buch: Taubstumm bis Gebärdensprache

Buchtipp: „Taubstumm bis gebärdensprachig“

Das neue Buch der Linguistin Dr. Verena Krausneker zeigt schonungslos und klar die Unterdrückung einer Sprachminderheit im Laufe der Geschichte auf. Fazit: Eine klare Kaufempfehlung mit Leseauftrag!

Der Untertitel „Die österreichische Gebärdensprachgemeinschaft aus soziolinguistischer Perspektive“ täuscht. Das Buch ist keineswegs langweilig oder unlesbar. Auch soll dieser Titel „nicht beleidigend sein, sondern auf Veränderungen aufmerksam machen“, weist die Autorin in der Einleitung hin.

Das Buch zeichnet – so erläutert Krausneker – einen Weg nach: Es gibt Einblick in die Aktivitäten, das Lobbying, die Entwicklung, die politischen Argumentationen und Veränderungen, die letztlich dazu führten, dass der gebärdenden Minderheit in Österreich rechtlich und offziell zugestanden wurde, eine eigenständige, vollwertige Sprache zu haben.

Wirklich lesenswert ist es auch deswegen, weil die Autorin erst gar nicht vorgibt eine neutrale Berichterstatterin zu sein. Sie ist gebärdensprachig und hörend und seit Jahren im Vorstand des Österreichischen Gehörlosenbundes. Trotzdem versucht sie die „Gratwanderung“, einen wissenschaftlichen Text zu schreiben und engagiert zu sein.

Das Buch fesselt, weil es klar zeigt, welche Unterdrückungstaten gesetzt wurden, um einer sprachlichen Minderheit die ihr zustehenden Rechte vorzuenthalten. Krausneker scheut sich nicht, die Diskriminierer beim Namen zu nennen und Fakten aus dem gesellschaftspolitischen Kampf um die Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) öffentlich zu machen.

Schon aus diesem Grund ist das Buch ein gelunges Dokument eines Menschenrechtskampfes.

Was ist Sprache?

Ausführlich wird wissenschaftlich dargelegt, was Sprache ist und wie Spracherwerb funktioniert. Diese Kenntnisse sind Voraussetzung, um die nachdrückliche Forderung der Gebärdensprachgemeinschaft nach bilingualer Bildung zu verstehen.

Eingehend und demaskierend wird die präpotente auf Sprechen (statt auf Sprache) fixierte Bildungspolitik analysiert. Die pädagogischen Bemühungen konzentierten sich auf „Heilung“. Sie zitiert Prilliwitz der in seiner Arbeit zusammenfasste „Gehörlosenpädagogik reduzierte sich weitgehend auf eine Sprech-Pädagogik, eine Pädagogik des Entstummens. Die Gebärdensprache wurde aus der Erziehung und Bildung Gehörloser verbannt.“

Das führte über lange Zeit zu absurden Situationen. Beispielsweise ist kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer an einer „Gehörlosenschule“ gebärdensprachig.

Angesprochen wird außerdem – wenn auch nur am Rande – das Thema: Sind gehörlose Menschen behindert oder eine Sprachminderheit (oder beides?). Das dieser Punkt nicht ausführlicher behandelt wird, kann kritisch angemerkt werden. Aber vielleicht wird dies in einem anderen Buch einmal analysiert. Unwichtig ist dies nicht, weil gerade im gesellschaftspolitischen Kampf diese Frage höchst brisant ist.

Kampf um Anerkennung

Die Gebärdensprachgemeinschaft hat mit einer Vielzahl von engagierten aber lange erfolglosen Bemühungen um die Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache gekämpft. Letztlich gelang es erst, als die Frage „behindert oder Sprachminderheit“ ausgeblendet wurde und gemeinsam für ein Behindertengleichstellungsgesetz gekämpft wurde.

Auch wenn verständlicherweise von der Autorin hinterfragt wird, ob es sinnvoll ist, „Sprachenrechte im Behinderten-Kontext“ zu fordern spricht die Erfahrung dafür. So ist sowohl in den USA, Deutschland und 2005 auch in Österreich die Anerkennung der Sprache für gehörlose Personen im Rahmen von Gleichstellungsgesetzen durchgesetzt worden.

„Unabhängig vom ungelösten Dilemma der richtigen Zuordnung jeder Gruppe ist jegliche rechtliche Absicherung einer Minderheit – in welchem Kontext und unter welchen Betitelungen auch immer – von unbestreitbaren Wert“, hält Krausneker fest.

Ausblick

„Die gebärdensprachliche Minderheit in Österreich ist in einem Prozess des Wandels“, so die Autorin. Wichtig wird nun sein, ob die Pädagogik die ÖGS als Ressource nutzt.

Dieses Buch beeindruckt mit seinen Analysen, seiner schonungslosen Darlegung von Diskriminierung und ist daher ein Tipp für menschenrechtsinteressierte Leserinnen und Leser.

Hier können Sie das Buch bestellen.

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0 Kommentare

  • Ich denke, das Buch werd ich mir demnächst kaufen. Was anderes: Gestern war im Rahmen des Gebärdensprachkurses ein Vortrag, den ein Mitarbeiter von equalizent, vorgetragen hat. Es ging um die Gebärdensprache und um die Gehörlosenkultur. Ich fand den Vortrag extrem interessant.

    Unteranderem war auch die Rede davon, dass Gehörlosen sich nicht zu den Behinderten zählen, was ich persönlich als irritierend empfand.

    Behinderung hat für mich keine Wertung, sie sagt nichts über den Menschen aus. Behinderung ist ja nur ein Begriff, der eine Einschränkung im Alltag bedeutet. Und eine Sprachminderung ist ebenfalls eine Behinderung. Jemand, der blind ist, wird auch nicht behaupten, er wäre nicht behindert, obwohl er ohne Hilfsmittel seinen Alltag nicht wirklich gut bewältigen könnte.

    Ich glaube, dass auch darin das Problem liegt, dass in vielerlei Hinslicht die Gehörlosenkultur in sich geschlossen ist, weil sie sich nicht als behindert betrachten, daher haben es andere Behinderte sehr schwer, diesen Zugang zu finden. Ich finde das sehr schade, weil es nicht nur eine Integration von Behinderten und Nichtbehinderten geben sollte, sondern vor allem die Integration innerhalbe der Behinderten gefördert werden müsste.

    Ich werde jedenfalls mein Bestes dazu beitragen, um zumindest eine kleine Brücke zwischen den Gehörlosen und den „Anderen“ zu schlagen – und ich denke, es gelingt mir sicher. Ich wollte das nur anbringen, weil es mir irgendwie auf der Zunge brannte.

    Ich lerne übrigens sehr gerne die Gebärdensprache, weil man damit mehr Geühle ausdrücken kann, als mit der Lautsprache.