Dauerthema Sterbe“hilfe“ und kein Ende in Sicht

Der Stein rollt. Die Sterbehilfe und der Niedergang des Humanen.

Monitor zeigt Herzschlag
BIZEPS

Die Sterbe“hilfe“-Debatte in der EU nimmt immer besorgniserregende Auswüchse an. Die Verschnaufpause zu Weihnachten war nur kurz, die kurzfristige Beruhigung erhitzter Gemüter trügerisch. In den letzten Wochen ging die mediale und politische Sterbe“hilfe“-Debatte in Österreich und Deutschland in die nächste Runde.

Und eines ist gewiss: die Lobby der Sterbehilfebefürworter lässt nicht locker und wird versuchen, ihre Interessen durchzusetzen. Es liegt an uns allen, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Noch kann der rollende Stein (auf der schiefen Ebene „slippery slope“) gestoppt werden. Viel Zeit bleibt jedoch nicht mehr.

Mediale Wortgefechte über die Würde menschlichen Lebens

In Deutschland hat der Kommentar des ehemaligen Intendanten des Mitteldeutschen Rundfunks Udo Reiter „Mein Tod gehört mir“ in der Süddeutschen heftige Reaktionen hervorgerufen. Der Sterbehilfebefürworter U. Reiter, übrigens seit vielen Jahren selbst auf den Rollstuhl angewiesen, schrieb: „Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte mir nicht den Nahrungsersatz mit Kanülen oben einfüllen und die Exkremente mit Gummihandschuhen unten wieder herausholen lassen. Ich möchte nicht vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern.“

Die adäquate Reaktion auf diese m.E. sehr menschenverachtende Äußerung von U. Reiter lieferte der ehemalige Politiker Franz Müntefering ebenso in der Süddeutschen z.B. mit dem Satz: „Die Würde des Menschen hat nichts zu tun damit, ob er sich selbst den Hintern abputzen kann. Nichts damit, ob er bis 100 zählen und ob er sich erinnern kann. Es gibt Menschen, die können das nie, und solche, die können das nach Krankheiten oder Unfällen oder altersbedingt nicht mehr. Lebten sie nicht in Würde?“

Die Diskussion ging schließlich im deutschen Fernsehen bei Günther Jauch weiter. Auch im Österreichischen Fernsehen wurde bei Ingrid Thurnher „ORF Im Zentrum“ unter dem Titel „Leben und Sterben lassen – Gibt es ein Recht auf den selbstbestimmten Tod? Diskutiert. Dank behindertenarbeit.at bei YouTube zum Nachschauen.

Akzeptanz von Sterbehilfe erschreckend hoch. Hintergrundwissen fehlt oft

Eine große deutsche Wochenzeitschrift hat sich unter dem Titel „Letzte Hilfe: Plädoyer für ein Sterben in Würde.“ ebenso in die Diskussion eingeklinkt. Die Artikel sind – verglichen mit anderen Medien – relativ ausgewogen und lassen auch mit einigen kritischen Tönen gegen die Sterbehilfe-Euphorie aufhorchen. „Jeder zweite Deutsche kann sich einen Selbstmord vorstellen, wenn er zum Pflegefall wird … doch die Forderung nach einem selbstbestimmten Tod bringt die Gefahr, dass sich alte Menschen aus dem Leben gedrängt fühlen.“

Auch eine österreichische Wochenzeitschrift, die das Thema Sterbehilfe immer wieder reißerisch aufgreift, hat entsprechende Zahlen veröffentlicht. Demnach können sich z.B. „69% der Österreicher vorstellen, ihrem Leben wegen schwerer Krankheit oder Demenz ein Ende zu setzen.“

Zwei Drittel wären darüber hinaus gegen eine Verankerung des Verbots der Sterbehilfe in der österreichischen Verfassung. Und: „49 % … glaubt außerdem nicht, dass sich Schwerkranke durch eine Freigabe der Sterbehilfe zum Sterben gedrängt fühlen könnten.“ Meine Kritik: Die Zahlen entstammen nicht aus einer objektiven Studie, denn es handelt sich um eine Umfrage der Wochenzeitschrift selbst. Die Tendenz dieser Zeitschrift ist eindeutig pro Sterbehilfe. Ein Foto des genauen Tötungsmittels, das in der aktiven Sterbehilfe in anderen Ländern angewendet wird, neben die Umfragezahlen zu veröffentlichen, ist m.E. mehr als unangebracht.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Formulierung der Fragestellungen bei Umfragen eine entscheidende Rolle für das Ergebnis spielt. Die befragten Personen haben auch oft noch gar nicht über dieses Thema in Ruhe nachgedacht oder mit anderen diskutiert. Ihnen fehlen oft Hintergrundwissen und Alternativmöglichkeiten wie Palliativmedizin und das Hospizwesen. Oder sie haben noch immer nicht mit dem schwer erkrankten und behinderten, aber lebensfrohen Mann in der Nachbarswohnung gesprochen …

Bereits legale Sterbehilfe an Neugeborenen in den Niederlanden

Wie weit andere Länder bereits bei der Sterbe“hilfe“ gehen, zeigt das erschreckende Beispiel der Niederlande.

„Demnach ist es [durch einen Bericht der Ärzteorganisation KNMG] Medizinern erlaubt, die Behandlung Neugeborener mit geringer Lebenserwartung einzustellen und den Tod durch die Gabe von Muskelrelaxanzien aktiv herbeizuführen.“ Nachzulesen im deutschen Ärzteblatt.

Auch wenn es hier noch so strenge Auflagen gibt, dies ist m.E. ein Akt der absoluten Unmenschlichkeit und durch nichts zu rechtfertigen. Wie oft haben sich Ärzte und Ärztinnen schon in ihrer Diagnose und Prognose geirrt. Wie viele totgesagte Neugeborene haben sehr wohl noch viele, sehr viele Jahre weitergelebt. Ärzte sind keine Götter in Weiß. Und selbst wenn ein neugeborenes Menschenkind nicht lange überleben wird, warum lässt man ihm nicht die Zeit zum langsamen Abschiednehmen von den Eltern und zu einem natürlichem Sterben. Weil es „zu viel“ Geld kostet?

Demnächst Abstimmung: Sterbehilfe bei Kindern und Jugendlichen in Belgien

In Belgien ist die Sterbe“hilfe“ für Menschen über 18 Jahre bereits legal, vorausgesetzt, dass sie an einer unheilbaren Krankheiten „leiden“ und dies von Ärzten bescheinigt wird. Nun hat sich ein Ausschuss im Parlament eindeutig für die Ausweitung der Sterbehilfe ausgesprochen. Auch Kinder und Jugendliche sollen, wenn sie „todkrank“ sind und „leiden“ mit Zustimmung der Eltern Sterbehilfe in Anspruch nehmen können. Auch beim Lesen dieser Nachricht war ich fassungslos.

Wie emotional und sozial degeneriert sind diese Menschen, dass es (wieder) so weit kommt? Gerade in der schwierigen Zeit der Pubertät wird einem Jugendlichen eine so weitreichende, nicht mehr reversible Entscheidung zugemutet? Mir fallen Horrorszenarien ein: Eltern, die von Ärzten, Verwaltung und Gesellschaft unter Druck gesetzt werden. Eltern, die den Druck und ihre Hilflosigkeit an den jungen Menschen weitergeben. Diese schwerkranken Kinder und Jugendlichen sowie ihre Angehörigen brauchen doch gute und breite Unterstützung. Kinderhospiz statt Spiegelgrund.

Am 12. Februar 2014 wird im Belgischen Parlament noch einmal über den Vorschlag des Ausschusses diskutiert werden. Am darauffolgenden Tag stimmt das Parlament dann darüber ab. Es wird mit einer Befürwortung der Ausweitung der Sterbehilfe gerechnet. Ein Schicksalstag für viele schwer kranke Kinder und Jugendliche und deren Angehörige in Belgien. Aber auch ein Schicksalstag für Europa. Was kommt danach?

Selbstbestimmt Sterben – eine menschliche Bankrotterklärung

Der Überlebenstrieb eines Menschen ist stark. Unheimlich stark. Der Mensch kann angesichts einer lebensbedrohenden Situation Kräfte entwickelt, die er/sie nicht für möglich gehalten hätte. Überleben trotz widrigster Umstände. Weitermachen trotz hoffnungsloser Situation. Wann ist das menschliche Leben würdig und wann nicht? Das ist m.E. die falsche Frage. Menschliches Leben ist immer würdig. Es gibt unwürdige Umstände. Aber diese können wir ändern bzw. verbessern.

Angesichts der vielen schrecklichen Ereignisse und Zeiten in der menschlichen Geschichte, angesichts der Kenntnisse über die Gräuel in den KZs während des Nationalsozialismus, angesichts der aktuellen Bilder von Krieg, Folter und vom Morden z.B. in Syrien, ist für mich eine Forderung von „selbstbestimmt Sterben“ eine menschliche Bankrotterklärung. So viele Menschen haben trotz allem weitergemacht. Haben versucht, eine Nische zu finden. Haben überlebt, um zu berichten. Haben überlebt, um ihrer zukünftigen Generationen willen.

Der Begriff „selbstbestimmtes Leben“ darf nicht dahingehend umgemünzt werden, dass man ja „selbstbestimmt Sterben darf/soll/kann/muss“. Vor dem Sterben hat jeder/jede ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und gerade behinderte Menschen, denen es tagtäglich verwehrt wird.

Niemand lebt für sich allein

Jeder einzelne von uns hat auch eine Verantwortung wahrzunehmen. Das Leben genießen und dann rechtzeitig abtreten, das ist m.E. selbstsüchtig und feig. Wann ist das Leben würdig? Nur solange wir gesund sind, einen guten Job, eine herzeigbare Freundin/Freund haben? Nur solange wir uns ein Auto, zumindest einen Urlaub im Jahr und diverse Konsumgüter und Elektroschrott leisten können?

Die Menschheit ist ein Ganzes auf einem Planeten. Alles ist miteinander verbunden. Wir leben in einer Gesellschaft, in einer Gemeinschaft, in einer Familie, … Niemand lebt für sich allein. Jeder einzelne von uns hat auch seinem Gegenüber Respekt entgegenzubringen. Auch wenn oder gerade wenn es sich um alte, kranke und/oder behinderte Menschen handelt.

Persönliches Plädoyer für das Leben

Es geht bei der Sterbe“hilfe“-Debatte nicht bloß um ein Thema, eines von vielen, über das man diskutiert oder auch nicht, vor dem man die Augen verschließen kann. Es geht hier wortwörtlich um „Leben und Tod eines Menschen“. Eine nicht mehr rückgängig zu machende ernste Angelegenheit.

Die Selbsttötung ist grundsätzlich eine ganz persönliche, private Entscheidung. An den scheinbar wohlüberlegten, selbstbestimmten „Frei“tod ganz ohne emotionale Regungen wie Verzweiflung, Vereinsamung und Verbitterung kann ich nicht recht glauben. Wer wirklich „lebenssatt“ ist, keine Aufgabe mehr für sich oder andere findet und diesen Schritt wählt, der soll dies tun. Aber bitte nicht im Rahmen einer öffentlichen, medialen Selbstinszenierung.

Aktive Sterbe“hilfe“ und assistierte Selbsttötung dürfen m.E. nicht legalisiert werden. Der Dominoeffekt wäre angesichts des sozialen und ökonomischen Drucks verherrend. Zuerst ist es die freiwillige gesetzliche Möglichkeit, dann kommt der Druck auf alte und schwer kranke Menschen, dann auf chronisch kranke und behinderte Menschen und Menschen, die bei dem Leistungsthrill nicht mehr mit können. Und schließlich die „Vision“ der präventiven Sterbehilfe bei absehbarem baldigen „schweren Leid“.

Jedes Leben hat Würde, Wert und Recht. Wahre Würde erweist sich vielleicht gerade beim menschlichen Umgang mit „Leid“. Es ist für viele von uns nicht leicht, die Hand eines sterbenden Angehörigen zu halten, die Zeichen des Sterbens bei der Begleitung mitzuerleben. Abschiednehmen, es aushalten, wenn die alten, kranken Eltern oder nahestehende Menschen gehen, ist für niemanden leicht. Es gehört aber zum Menschsein dazu.

Ehrfurcht vor dem Leben

Diesen Begriff hat der deutsch-französische Arzt und Theologe Dr. Albert Schweitzer geprägt (gestorben 1965). Ich möchte diesen Terminus aufgreifen und in die Sterbe“hilfe“-Debatte mitbringen. Und für eventuell kritische Leserinnen und Leser: Für die Einsicht, dass das Leben und vor allem menschliches Leben einmalig und im ganz großen Maße wertvoll und unwiederbringlich ist, brauche ich keine Kirche, keine Religion.

Die Ehrfurcht vor dem Leben müssen wir vielleicht wieder entdecken. Sei es in der Natur, sei es in Extremsituationen, sei es im gewöhnlichen Alltag oder sei es in der respektvollen Begegnung mit einem Menschen.

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0 Kommentare

  • Behindertenpolitisch dürften uns die Belgier doch voraus sein. Perfektionieren werden es vermtlich wieder andere Länder, die Sterbehilfe meine ich.

  • Der Würfel ist gefallen und er rollt auf der nun steilen Ebene.
    Entscheidung eines Parlaments eines EU-Mitgliedsstaates am 13.2.2014: „Belgien weitet gegen den Widerstand der Kirchen die Sterbehilfe auf todkranke Kinder und Jugendliche aus. Nach hitzigen Debatten hat das belgische Parlament am späten Nachmittag in Brüssel eine entsprechende Gesetzesänderung beschlossen. Demnach können unheilbar kranke Minderjährige – etwa krebskranke Kinder – auf ihren erklärten Wunsch hin ärztlich getötet werden. Belgien ist damit weltweit das erste Land, das die Sterbehilfe auf Kinder und Jugendliche ohne jegliche Altersgrenze ausdehnt.“ http://www.orf.at/stories/2218168/2218167/

  • Davon mal abgesehen solllte man sich die Befürworter genauer anschauen. Da sieht man, welch Geistes Kinder sie sind.
    Der Rollstuhlfahrer zB, der geistig Behinderten jegliche Normalität einfach so abspricht.
    Solche, die vereinsamten, alten Menschen als Patentlösung den Tod anbieten, ebenso den Schmerzgeplagten. Ziemlich einfallslos, würde ich meinen. Wobei, genial eigentlich, wenn man nachdenkt. Die haben tatsächlich eine Methode gefunden, die garantiert immer wirkt. Von Masern über Jucken in der Aftergegend bis chronische Schmerzen.

  • liebe Frau Karner ich danke ihnen sehr für diesen Artikel.
    Ich habe eine Behinderung und brauche Hilfe und Persönliche Assistenz. ich führe ein aktives Leben und kenne es in seinen Facetten, die Diskriminierung genauso wie das Schöne. Nichts in meinem Leben mit Behinderung ist unwert, gelebt zu werden.
    Und ich hatte Krebs und kenne die Verzweiflung, das Kotzen und die Angst. Gerade aus dieser Zeit kenne ich aber auch die Freude am Leben zu sein und den unbedingten Willen auch am Leben zu bleiben.
    ob ein Mensch weiterleben will oder nicht ist niemals eine Frage der Behinderung, der Krankheit oder des Alters. es ist eine Frage der Rahmenbedingungen. Ich wünsche allen Menschen liebe Menschen und sie brauchen die Wahrung ihre Menschenrechte.
    Behinderte Menschen brauchen die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu gestalten und selbstbestimmt und barrierefrei in der Gesellschaft zu leben.
    Kranke Menschen eine gute medizinische und psychologische Behandlung. Sie brauchen eine gute Schmerztherapie.
    Sterbende Menschen brauchen ein Sterben in Würde, zum Beispiel durch Sterbebegleitung. Und Sterbebegleitung im Sinne der Hospizbewegung ist das Gegenteil von Sterbehilfe.
    Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wird jeder nach dem Leben und keiner nach dem Tod schreien.
    Ganz besonders weh tut es mir, wenn sich behinderte Menschen, die sich der selbstbestimmt-Leben-Bewegung zugehörig fühlen für Sterbehilfe einsetzen. Denn wir alle kennen die Vergangenheit. Und auch wenn Sterbehilfe derzeit „nur“ auf ausdrücklichen Wunsch ermöglicht werden soll, kennt doch jeder Mensch mit Hilfebedarf (egal ob behindert oder krank) auch das Gefühl eine Belastung zu sein. Wenn Rechte fehlen, kann dieses Gefühl sehr leicht entstehen und der „Wunsch“ nach Sterbehilfe laut werden. Dann geht es aber in Wirklichkeit nicht darum, sterben zu wollen, sondern darum, unter würdigen Bedingungen zu leben.

  • Mit einem Stäbchen zwischen den Zahnreihen kann er Maschineschreiben. Vor ein paar Jahren schrieb er mir aus seiner texanischen Heimat einen Brief, aus dem ich Ihnen einen einzigen Satz vorlesen möchte: „I broke my neck, it didn’t break me.“ Ich habe mir das Genick gebrochen; aber ich bin nicht daran zerbrochen. Im Gegenteil: mein Leben fließt über vor Sinn. Ich lese, schreibe, ich sehe fern, und vor allem studiere ich Psychologie – mit der Universität bin ich durch einen speziellen Fernsehapparat in Verbindung, so dass ich Vorlesungen hören, an Seminaren teilnehmen und sogar Prüfungen ablegen kann. Und ich bin überzeugt, meine Behinderung wird mich nur zu einem umso verständnisvolleren psychologischen Berater machen.“

  • Auch präventiv können wir viel dazu beitragen, ein positives Menschenbild zu vermitteln, bei dem es letztendlich immer um die Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Einzelnen ankommt und wir auch in ausweglosen Situationen noch einen letzten Sinn verwirklichen können – ein tapferes Durchleiden, ein Vorbild sein, etc….
    Abschließend möchte ich noch ein Beispiel über einen Menschen bringen, der uns alle ermuntert und uns aufruft, trotzdem JA zum Leben zu sagen.

    (Viktor Frankl -aus „der leidende Mensch“ Seite 51:)

    Festvortrag, gehalten auf dem 3.Weltkongress für Logotherapie an der Universität Regensburg (Juni 1983)
    „Da ist niemand unter uns, dem es erspart bliebe, konfrontiert zu werden mit unvermeidbarem Leid …
    Die Frage, die wir uns nun zu stellen haben, lautet: Wie ist es möglich, trotz all dieser tragischen Aspekte menschlicher Existenz – trotzdem Ja zum Leben zu sagen? Eine Frage, die auf eine andere hinausläuft, nämlich die folgende: Kann das Leben trotz all seiner negativen Aspekte einen Sinn haben – den Sinn unter allen Bedingungen und Umständen behalten? Nun, zunächst einmal wird es selbstverständlich darauf ankommen, dem Leben, wie es ist, ins Gesicht zu sehen, etwa im Sinne einer Passage, die sich in einem Brief von Rilke an die Gräfin Sizzo findet und die da lautet: „Wer nicht der Fürchterlichkeit des Lebens irgendwann, mit einem endgültigen Entschlusse, zustimmt, ja ihr zujubelt, der nimmt die unsäglichen Vollmächte unseres Daseins nie in Besitz, der geht am Rande hin, der wird, wenn einmal die Entscheidung fällt, weder ein Lebendiger noch ein Toter gewesen sein.“

    Weiter auf Seite 59:
    „ aber lassen Sie mich lieber auf etwas Näherliegendes zu sprechen kommen, auf jemanden Nähersitzenden – vor mir sitzt, unter Ihnen befindet sich Jerry Long. Gestern sprach er selbst, hielt er seinen eigenen Vortrag, auf diesem Kongress. Infolge eines Tauchunfalls ist er an allen vier Extremitäten gelähmt.

  • Sehr geehrte Frau Magistra Karner!

    Danke für Ihren ganz wichtigen Beitrag, der uns alle zum Nachdenken und auch zum Handeln aufruft.
    Ich lebe seit über 50 Jahren mit einer Muskelerkrankung und bin dankbar, ein Menschenbild zu kennen, dem die zwei Attribute Freiheit und Verantwortung zugrunde liegen.

    Nicht Freiheit von etwas, sondern Freiheit zu etwas, nämlich zu den Gegebenheiten Stellung zu nehmen. Dazu möchte ich folgende Überlegungen darstellen:

    Viktor E. Frankl (Neurologe und Psychiater) – Begründer der Dritten Wiener Schule der Psychotherapie – war Überlebender von Auschwitz und schrieb in seinem Buch „trotzdem JA zum Leben sagen“:

    „… was hier not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelten Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!“

    Auch in Situationen unabänderlichen Leides gibt es noch immer Wahlmöglichkeiten: Hadern, verbittern, Weltabsage oder es werden trotz allem noch verbleibende Einstellungswerte verwirklicht. Das ist der letzte Freiraum, den ich noch habe (= höchste menschliche Leistung). Hier trägt der Mensch aufrecht den Verlust von Wertvollem.
    „… hier haben Sie nunmehr die Chance, mehr zu sein: menschliches Vorbild.“ (Viktor E. Frankl)

    Wir sollten dringend lernen und auch davon ausgehen, dass jeder Mensch einen heilen Personenkern hat und dieser immer die unverlierbare Würde besitzt.

    Wenn in die Ausbildung der Ärzte die folgenden Gedanken einfließen könnten, hätten wir einen anderen Zugang zum Tod.
    „Ärztlicher Seelsorge schließlich bleibt es vorbehalten, dort überall, wo der leidende Mensch mit einem an sich unaufhebbaren Schicksal konfrontiert ist, in der richtigen Einstellung zu eben diesem Schicksal, im rechten, nämlich aufrechten Leiden, noch eine letzte und doch die höchste Möglichkeit zur Sinnfindung sichtbar zu machen.“ (

  • @ W.k.: Zwar habe ich mich nicht zur Sterbehilfe an sich geäußert, jedoch kann ich sie in Österreich nicht befürworten. Weil Österreich erstmal die Hausaufgaben machen muss, um über Menschenwürde urteilen zu können. Warum sollte sich das Land in Punkto Sterbehilfe würdiger Verhalten als in pflegepolitischen Fragen?
    Das Slippery-Slope-Argument ist besonders in Österreich ernstzunehmen. Es fehlt an Fortschritt. Denn es gibt hier keine Selbstbestimmtheit, sodass man sich trotz umfangreicher Hilfe für den Tod entscheiden könnte. Man entscheidet sich dann entweder für den Tod oder leidet – möglicherweise auch noch zur Strafe, weil das Personal verärgert ist, dass man nicht die „vernünftige“ Entscheidung getroffen hat. Als wäre Österreich die Heimat der Vernünftigen…

  • Sehr geehrte Frau Magistra Karner!
    Ich danke Ihnen für Ihren Artikel, der in klarer Argumentation und gleichzeitig mit überzeugender Empathie an der Sache zeigt, wie und warum die Auseinandersetzung mit den Befürwortern der Sterbehilfe mutig geführt werden muss! Ich hoffe, es gelingt, den Lärm der Lauten zu durchdringen! Ihr Beitrag dazu ist einfach perfekt!

  • @yasemin.
    Bin ganz Ihrer Meinung. Wenn man bedenkt,wie viele Fehler mit tötlichem Ausgang in den Kranhäusern passieren, wo alle Verantwortlichen mit dem Zauberwort „schicksalshaft“ ihrer Verantwortung entbunden werden, dann ist dieses Thema in eine andere Richtung zulenken.

    Ich empfinde es als Grundrecht, wenn man bei menschenunwürdigem Dahinsiechen, mit Schmerzen und wie es bei meinem Vater war, verhungern und verdursten,(ohne Patientenverfügung ) eine Woche lang, entwürdigt wird und der Tod eine Erlösung ist, dass jeder selbst bei vollem Bewustsein zu entscheiden hat und nicht die Obrigkeit.
    Die haben sicher die Möglichkeit, abzutreten, wenn alles nicht mehr auszuhalten ist.
    Jedes Tier findet seine „Erlösung“, damit es nicht leiden muss.
    Hat der Mensch diesen Stellenwert nicht ?
    Dieses Thema ist auch bei mir präsent, da ich kranheitshalber mit dieser Situation konfrontiert bin.
    Auch mit dem Geschaffenen, dass vielleicht meine Nachkommen um Haus und alles kommen.
    Glücklich die, die nichts haben und trotzdem alles haben, wenn sie krankheitshalber in die Situation kommen, Hilfe zu beanspruchen.

  • Auch ich stimme der Autorin zu und sage danke für diesen Beitrag zur Bewusstseins- und Herzensbildung.

  • Danke für diesen Artikel. Er sollte in vielen Medien veröffentlicht werden, damit sich möglichst viele Menschen mit dieser Thematik auseinandersetzen.

  • Ein hervorragender Artikel, der wirklich alle Argumente berücksichtigt – danke, liebe Marianne Karner! Ich würde mir wünschen, dass dieser Artikel auch in einer Zeitung Verbreitung findet und Anstoß für eine breit angelegte Diskussion wird.

  • @Die Feder: Der Hinweis auf möglicherweise das Urteilsvermögen vernebelnde ökonomische Interessenslagen regresspflichtiger Nachkommen ist durchaus berechtigt. Diesen Effekt halte ich aber für gering gegenüber unaussprechbaren Versuchungen jener, die beim Entfall des „Angehörigenregresses“ sowieso nie gemeint waren.
    Der vielbesprochene „Angehörigenregress“ (von Nachkommen gegenüber Eltern in sogenannten „Heimen“) ist nur noch bzw. wieder in der Steiermark relevant (bzgl. Kärnten weiß ich den aktuellen Stand nicht). Und selbst da ist das Ausmaß der Kostenbeteiligung an die Einkommensverhältnisse (ohne Zugriff auf Vermögen) der Nachkommen sozial gestaffelt (trotzdem bin ich für die Abschaffung).
    Schwerwiegender ist in vielen Fällen aber der durch Heimkosten stetige und meist rasche Verfall einer möglicherweise bestehenden Erbmasse (z.B. Ersparnisse, Liegenschaft) auf angehende Erben. Denn die subsidiäre Pflicht zur Eigenleistung der Pflegebedürftigen aus eigenem Einkommen UND Vermögen besteht mit oder ohne Angehörigenregress. Das erzeugt viel eher einen fatalen Druck, sowohl auf Erben, als auf auf künftige Erblasser.
    Auch lastet ein Druck auf den lebenslang für ihre behinderten Kinder beistands- und unterhaltspflichtigen Eltern bzw. auf EhepartnerInnen von Pflegebedürftigen. Für diese ist eine solidarische Deckung des finanziellen Unterstützungsbedarfs für Pflege überhaupt noch nicht angedacht.
    Ebenso beim unterstützten Leben daheim, da beträgt Selbstbehalt und Eigenleistung für ambulante Pflege, Betreuung oder Assistenz älterer oder behinderter Angehöriger in allen Fällen um die 80 bis 100 Prozent des Aufwandes. Dabei wird nicht einmal bei sozialer Bedürftigkeit die Zumutbarkeit der Belastung auch nur annähernd berücksichtigt.
    Bei einer Legalisierung der Krankentötung auf Wunsch oder gar gemutmaßtem Willen bzw. der Suizid-Beihilfe stünden Überlegungen der Notwehr bzw. Nothilfe vor Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz ins Haus.

  • Wirklich ein sehr kompetenter und tiefsinniger Artikel!!! Gratulation.

  • Zusätzlich zur im Artikel erwähnten Problematik erlaube ich mir auf den in Österreich auf Landesebene eingeführten Pflegeregress hinzuweisen. Da kommt zum moralischen und ethischen Argument plötzlich ein sehr gewichtiges ökonomisches Argument hinzu.

  • @yasemin, es gibt halt in unserer pluralistischen Gesellschaft auch noch keine salonfähige bis potenziell (einfach-)mehrheitsfähige Lobby für das „gewöhnliche“ Morden im großen Stil. Die Schwelle einer (2/3) Verfassungsmehrheit könnte halt schon noch den neuerlichen Dammbruch (eine Weile?) aufhalten.
    Zum anderen gebe ich dir recht. Schon das Ansinnen an sich ist abwegig, auch nur irgend ein Mehrheitsverhältnis fast ausschließlich Nichtbetroffener über den Lebenswert Betroffener bestimmen zu lassen. Moment? Aber natürlich geht es da um nichts anderes als den Wert des Lebens. Und den hat der Souverän zu schützen und bis ans natürliche Lebensende so weit möglich sicherzustellen.

  • Sehr lesenswerter und kompetenter Kommentar zur schmerzvollen Debatte über das Zündeln am Pulverfass. Danke Frau Mag. Karner!

  • Wieso muss das Sterbehilfeverbot eigentlich in die Verfassung? Ist auch das Morden verfassungsrechtlich geregelt?

    Ansonsten verstehe ich nicht, wieso bei dem heiklen Thema grundsätzlich allgemeine Befragungen zur Meinungsbildung herangezogen werden. Ist ungefähr so, wie die Relativitätstheorie durch das Volk beurteilen zu lassen. Schön, wenn der Rollstuhlfahrer uns erzählt, wie er nicht leben will. Andere wollen nicht im Rollstuhl leben. Als Idiot, wie er einen solchen beschreibt, wäre er ohnehin nicht in der Lage, seinen Sterbewillen zu artikulieren und würde aus dem Rahmen fallen – jedenfalls dann nicht, wenn es hier um Selbstbestimmtheit geht und nicht um Euthanasie.