Denn Sie wissen nicht was Sie tun

oder Ein Kinobesuch

Ortschild mit Aufdruck Wien
BilderBox.com

„Ein nebeliger Novemberabend, zwei düstere, vermummte Gestalten hasten durch dunkle, regennasse Gassen, ein kleiner Platz wird überquert.

Da wird die Stille von Lachen und fröhlichen Stimmen durchbrochen – sie haben ihr Ziel erreicht. Strahlend liegt es vor ihnen, bunte Lichter laden zum Eintreten ein, verführerische Düfte umschmeicheln die Nase.

Unerschrocken betreten die beiden den ersehnten Ort, angesteckt von der ausgelassenen Stimmung ringsum.

Dann plötzlich, ein kräftiger Mann, der sich bislang listig in einem Versteck gehalten hat, stürmt hervor. Herr Gruber (* Name von der Redaktion geändert) verwehrt den beiden den Zutritt zu „seiner“ Stätte. Die freudige Erwartung schlägt blitzschnell in Wut, große Enttäuschung und Traurigkeit um.

Doch die beiden sind machtlos, das haben sie schnell erkannt. Da hilft kein Diskutieren, kein Argumentieren und auch nicht laute Worte.

Herr Gruber behauptet das Gesetz auf seiner Seite zu haben, als aufrechter Mann denkt er nicht eine Sekunde daran, das Gesetz zu übertreten.

Auch ein Hinweis darauf, daß die beiden schon öfters Gäste hier waren und bisher immer freundlich empfangen wurden kann den Mann nicht umstimmen, der Zutritt bleibt verwehrt.

Niedergeschlagen und entmutigt begeben sich die beiden wieder in den kalten Nieselregen des Novermberabends – aufrecht gehalten nur von einem Gedanken – da muß etwas geschehen, so kann´s nicht weiter gehen.“

Wollen sie nun wissen was tatsächlich passiert ist?

Ganz einfach: Ich bin Rollstuhlfahrerin und wollte mit einer Freundin ins Kino gehen. Was einem, wenn man einen Rollstuhl benutzt, ja wirklich nicht leicht gemacht wird. Wenn ich die Zeitung zur Hand nehme muß ich zunächst schauen in welches Kino ich überhaupt hinein darf, erst dann kann ich mir überlegen, ob ich den Film der dort gespielt wird, überhaupt sehen will. Auch die filmbegeisterten FreundInnen die mich begleiten wollen müssen ihr Interesse für einen bestimmten Film den baulichen Gegebenheiten der Kinos unterordnen.

Schon jahrelang organisiere ich meine Kinobesuche so und muß dabei schreckliches feststellen – es wird immer schwieriger!

Sollte man annehmen, daß die Probleme Behinderter allmählich auch ins Bewußtsein der Norm-Bevölkerung eingedrungen sind, daß mehr Entgegenkommen, Toleranz und Verständnis herrscht, wird man hier – wieder einmal – schwer enttäuscht.

Zwei Beispiele dafür: Das Künstlerhauskino war 1981 Spielstätte eines Festivals über Behinderte im Film. Damals waren sehr wohl RollstuhlfahrerInnen zugelassen, als Cineastin hab ich von dem interessanten Angebot vieles gesehen.

Einige Zeit später will ich wieder ins Künstlerhauskino, ich darf wegen meines Rollis nicht hinein. Den Vorschlag der Frau an der Kassa, ich dürfe schon hinein aber nicht mit Rollstuhl, sondern nur wenn ich die paar Stufen in den Saal gehen könne, kann nur als böser Zynismus oder große Dummheit aufgefaßt werden.

Ein ähnlicher Fall das Kino in der Urania. Früher gab es dort (teure) Rollstuhlplätze, jetzt wurde das Kino umgebaut. Das Resultat ist „sehenswert“ – es sind mehr Stufen als vorher, der Zutritt für RollifahrerInnen nicht gestattet (aber manchmal toleriert).

Zurück zum konkreten Fall; ich bin früher schon öfters in diesem Kino Center in der City gewesen, die wenigen Stufen konnten mit Hilfe der BegleiterInnen überwunden werden.

Und plötzlich dieser Rückschlag – der Betriebsleiter verwehrt mir den Zutritt. Es ist sicher nicht seine Schuld, er hält sich nur an die Weisungen, Vorschriften oder Gesetze.

Aber meine Geduld ist allmählich erschöpft:

ja wer zum Kuckuck macht denn nun diese Vorschriften, welcher Unmensch erfindet so perfide Bestimmungen durch die ein Teil der Bevölkerung ausgesperrt und diskriminiert wird?

Nun habe ich herausbekommen, daß die Magistratsabteilung 35-Verkehrsflächen, zumindest bei den KIBA-Kinos in Wien, zuständig für die Vergabe von Rollstuhlplätzen in Kinos ist. Sensationelle drei KIBA-Kinos (Metro, Opern und Gloria) sind offiziell berechtigt RollstuhlbenutzerInnen einzulassen, bei den anderen kann man nur hoffen, daß die Kinobetreiber, Billeteure etc. die Bestimmungen nicht so genau kennen, ein Auge zudrücken, wegschauen oder ähnliches.

Aber wir sind uns wohl alle darüber im klaren, daß das Ignorieren von Vorschriften nicht die Lösung sein kann.

Die Taktik schlechte, nicht vollziehbare Gesetze zu schaffen und dann zu erwarten, daß sich eh niemand so genau daran hält, mag ja in Österreich weit verbreitet sein (Beispiel: Ausländeraufenthaltsgesetz), ist für die Betroffenen aber keine Lösung.

Die Forderung muß lauten:

  • Änderung jener Bestimmungen die behinderten Menschen den Zutritt zu Veranstaltungen verwehrt
  • Adaptierung aller (neugestalteten) Veranstaltungsorte an die Bedürfnisse Behinderter.

Es wird bald langweilig wieder die USA zu zitieren, aber es gibt dort ein Gesetz von dem wir in Österreich derzeit nur träumen könne.
Das Antidiskriminierungsgesetz sagt, daß kein Mensch auf grund einer Behinderung aus Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen sein darf, der Zutritt zu allen Gebäuden muß möglich sein.

Ich war selbst in den USA

und habe gesehen, daß auch historische Gebäude für RollstuhlfahrerInnen adaptiert wurden, Gehsteige abgeschrägt sind, öffentliche Busse benutzbar sind, ein Restaurant eine Hebebühnen zum Überwinden von 3 Stufen hat etc.

Was aber passiert in Österreich bzw. in Wien?

Da wird in der Kulturstadt Wien unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit und der Medien ein Filmfestival abgehalten.

Das Festival wird u. a. vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst und der Stadt Wien in Millionenhöhe gesponsert. Von den vier Hauptspielorten der Viennale ’93 war ein einziger für Behinderte zugänglich, kein sehr gutes Bild für das sonst auch international angesehene Festival. Ein Skandal für die Stadt Wien und das Ministerium – während andere Länder Gesetze gegen Diskriminierung schaffen, fördert in Österreich die öffentliche Hand behindertenfeindliche Veranstaltungen.

Noch ein Beispiel gewünscht?

Das Apollokino wird umgebaut, die Eröffnung steht bald bevor. Auch dieses Kino wurde großzügig mit Steuergeldern bei der Renovierung unterstützt. Ist das Kino jetzt, nachdem alle den Umbau mitfinanziert haben, auch für alle zugänglich?
Wohl kaum, die Auskünfte der KIBA waren ausweichend und ungenau, nach bisher veröffentlichten Fotos ist nicht viel Gutes zu erwarten.

Daher mein Vorschlag für den Fall, daß bei Gesetzen und baulichen Maßnahmen weiterhin nicht an die Bedürfnisse behinderter Menschen gedacht wird.

Wenn wir in Zukunft von Dingen ausgesperrt bleiben, die auch wir mitfinanzieren, rufe ich zu Steuerstreik auf.

Mit dem Geld, das ich dann sparen kann werde ich z. B. Mitglied einer Videothek die auch die aktuellsten Kinofilme verleiht.

In Wahrheit gibt es aber nur eine Lösung für dieses Problem, das ja nicht nur das leidige Kinogehen betrifft, von vielen öffentlichen Bereichen sind behinderte Menschen nach wie vor ausgeschlossen.

Recht statt Gnade

heißt die Lösung, Diskriminierung darf es nicht mehr geben.

Aber – siehe oben – der Gedanke ,“da wird etwas geschehen, so kann’s nicht weiter gehen“ hält mich aufrecht.

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