Der lange Schatten der NS-Medizin

Das Steinhof-Projekt am DÖW

Opfer der NS-Zeit
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Wenn am 28. April am Wiener Zentralfriedhof knapp 600 Urnen mit sterblichen Überresten von Opfern der NS-Kindereuthanasie am „Spiegelgrund“ bestattet werden, geht damit eine dunkle österreichische Episode zu Ende. Die Suche nach den Gründen für dieses späte Begräbnis mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende führt mitten in die Geschichte der NS-Medizin in Österreich und ihrer gescheiterten Bewältigung.

Erst in den letzten Jahren setzte eine intensivere Auseinandersetzung mit diesem Thema ein, wobei das DÖW immer wieder wichtige Beiträge lieferte. Auch zu der bevorstehenden Bestattung trugen MitarbeiterInnen durch wissenschaftliche Vorarbeiten bei, wie z. B. der Erfassung der Namen der Opfer. Diese Arbeiten sind jedoch nur ein Teil eines breiteren Projektes über die Geschichte der NS-Medizinverbrechen in Wien, deren besondere Relevanz auch in der kritischen Reflexion von Tendenzen in der modernen Medizin anhand historischer Erfahrungen liegt.

Mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus gelang es den VertreterInnen der so genannten Rassenhygiene, eine dominierende Rolle zu erlangen und ihre Theorien und Vorschläge in die Praxis umzusetzen und weiterzuentwickeln. Als Konsequenz daraus übernahm die Medizin im „Dritten Reich“ eine neue Aufgabe: die „Ausmerzung“ der als „minderwertig“ qualifizierten Menschen aus der nationalsozialistischen Volks- und Leistungsgemeinschaft. Behinderte, Geisteskranke, Angehörige sozialer Randgruppen und Unangepasste wurden verfolgt, eingesperrt und oft vernichtet. Die verschiedenen Mordaktionen im Bereich der Medizin bildeten dabei eine wichtige Vorstufe zur Vernichtungspolitik gegen die europäischen Jüdinnen und Juden sowie Roma und Sinti.

Die Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ (heute Otto Wagner-Spital) wurde 1907 als größte und modernste Heil- und Pflegeanstalt Europas gegründet. In den Jahren nach dem „Anschluss“ 1938 mutierte der Steinhof zum Wiener Zentrum der nationalsozialistischen Tötungsmedizin. Er spielte aber auch in anderen Bereichen der NS-Gesundheits- und Sozialpolitik eine wesentliche Rolle, so etwa bei der Durchführung von Zwangssterilisierungen. Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden 1940/41 mehr als 3.200 Menschen aus der Anstalt abtransportiert und im Schloss Hartheim bei Linz ermordet. Nach dem offiziellen Stopp der „Aktion T4“ im August 1941 wurde die „Euthanasie“ mit Hilfe gezielter Mangelernährung und systematischer Vernachlässigung fortgesetzt. Dieser im ganzen Reich dezentral durchgeführten Aktion fielen am Steinhof über 3.500 PatientInnen zum Opfer.

Von 1940 bis 1945 existierte auf dem Anstaltsgelände unter der Bezeichnung „Am Spiegelgrund“ eine so genannte „Kinderfachabteilung“. Sie war Teil eines Systems von mehr als 30 speziellen Anstalten zur Erfassung und Vernichtung behinderter Kinder. Die Wiener ÄrztInnen meldeten die potenziellen Opfer an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ in Berlin. Die als „unbrauchbar“ Befundenen wurden zur Tötung freigegeben und mit Schlafmitteln vergiftet, bis ihr geschwächter Zustand zum Tod durch Infektionskrankheiten führte. Insgesamt starben am Wiener „Spiegelgrund“ mindestens 790 Kinder und Jugendliche.

Zu jenen ÄrztInnen, in deren Wissenschaftsverständnis auch für Mord Platz war, ist auch Dr. Heinrich Gross zu zählen. Wie mittlerweile weithin bekannt sein dürfte, sollte seine Karriere auch im demokratischen Nachkriegsösterreich noch eng mit den Spiegelgrundopfern verwoben bleiben. Gross, einer der prominentesten Neuropathologen und Psychiater Österreichs, publizierte dutzende Arbeiten über Gehirnmissbildungen. Sie beruhen durchwegs auf der Auswertung der Spiegelgrund-Opfer. 1968 erhielt er ein eigenes „Ludwig Boltzmann-Institut zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems“, in dem die konservierten Gehirne systematisch aufgearbeitet wurden.

Der Einsatz der „Arbeitsgemeinschaft kritische Medizin“ (Werner Vogt u. a.) brachte Gross‘ Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein, zu einer Verurteilung wegen der NS-Verbrechen kam jedoch es nicht. Als die Staatsanwaltschaft Ende der 90-er Jahre endlich Anklage gegen ihn erhob, scheiterte der Prozess an einem Gutachten, das Gross Verhandlungsunfähigkeit attestierte.
Somit stand der Bestattung der Präparate, die als Beweismittel vorgesehen waren, nichts mehr im Weg. Nach jahrzehntelanger Lagerung und Verwendung der Präparate im Ludwig Boltzmann Institut, in der Pathologie des Steinhof und im Institut für Neurologie der Universität Wien wird dadurch ein unwürdiger Zustand endlich beendet. Mit der endgültigen Befreiung der Opfer aus den Fängen der Wissenschaft sollen diese jedoch nicht aus dem gesellschaftlichen Gedenken und Bewusstsein verschwinden, wie auch die Diskussion um Voraussetzungen, Abläufe und Nachwirkungen der Medizinverbrechen nach wie vor eine politische Notwendigkeit darstellt.

Dieser Notwendigkeit versucht das DÖW schon seit längerem Rechnung zu tragen. Die ersten Arbeiten Wolfgang Neugebauers zu den NS-Medizinverbrechen erschienen in den 80-er Jahren. Heute bilden sie einen wichtigen Forschungsschwerpunkt am Dokumentationsarchiv, der nicht zuletzt durch eine Kooperation mit dem Otto Wagner-Spital ermöglicht wird.
Die Forschungen beschränken sich nicht auf den „Spiegelgrund“. Peter Schwarz beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den „dezentralen Anstaltstötungen“ am Steinhof in den Jahren 1941 bis 1945. Es handelt sich dabei um eines der wichtigsten NS-Massenverbrechen in Wien, das bisher kaum erforscht ist.

Herwig Czech arbeitet über die praktische Umsetzung der nationalsozialistischen „Erb- und Rassenpflege“ durch die Wiener Gesundheitsverwaltung. Das rassenhygienische Paradigma diente in den Jahren 1938 bis 1945 als Grundlage einer völligen Neuorientierung der kommunalen Gesundheits- und Sozialpolitik. Nicht individuelle Hilfsbedürftigkeit, sondern der „Erbwert“ des Einzelnen für die „Volksgemeinschaft“ standen im Mittelpunkt. Unter diesen Prämissen war das Hauptgesundheitsamt an Euthanasie, Zwangssterilisationen und an der Verfolgung „asozialer“ Kinder, Jugendlicher und Erwachsener beteiligt. Eine wichtige Rolle spielte es auch bei der antijüdischen Politik sowie bei der Verfolgung der Roma und Sinti.

Um die Hintergründe der Verbrechen und den Umgang damit einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen, wurden mit Unterstützung der Stadt Wien eine Website sowie eine Ausstellung konzipiert, die eine Woche nach der Bestattung und im Rahmen des 3. Symposiums zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien auf dem Gelände des Otto Wagner-Spitals eröffnet wird (www.gedenkstaettesteinhof.at, ab 7. Mai 2002). Die inhaltlichen Schwerpunkte der Ausstellung und der Website bewegen sich von den ideologischen Wurzeln in der Eugenik und Rassenhygiene, des gesundheits- und sozialpolitischen Paradigmas des Nationalsozialismus, den verschiedenen Tötungsaktionen bis zur Nachgeschichte der Verbrechen.

Nach dem Symposium wird die Ausstellung im Pavillon V des Otto Wagner-Spitals mit einem entsprechenden Rahmenprogramm (Führungen, Workshops, Diskussionen) zu sehen sein.

Wünschenswert wäre darüber hinaus ein institutioneller Rahmen, um das Gedenken an die Opfer, die Erforschung und Dokumentation der NS-Medizin in Wien und die Vermittlung dieses Themas an die Öffentlichkeit längerfristig zu sichern. Eine entsprechende Arbeitsgruppe, initiiert von Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Pittermann, hat dazu auch bereits ein Konzept vorgelegt. Ob der politische Wille zu einer tatsächlichen Umsetzung vorhanden ist, bleibt zunächst abzuwarten.

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