Schwangerschaft: Der Schatz in mir

Ich bin 30 Jahre alt und schwanger. Das ist an sich nichts Ungewöhn­liches. Aber ich sitze im Rollstuhl, und das seit meiner Geburt.

Man sieht eine Frau im Elektrorollstuhl von der Seite. Sie sieht aus dem Fenster. Sie hält sich mit einer Hand den Bauch, sie ist schwanger.
Franz Grell

Freunde und Familie wissen, seit ich 20 Jahre alt bin, dass ich mir ein Kind wünsche, und freuen sich, dass es nun Wirklichkeit werden kann. Dennoch waren sie überrascht. Das Gefühl, nun endlich meinem Traum näher zu sein und dass dieser bald Realität wird, kann ich nicht mit Worten beschreiben.

Seit 1.1.2017 ist die Samenspende in Österreich unter einigen rechtlichen Auflagen möglich. An sich habe ich seither auf den „richtigen Zeitpunkt“ gewartet: eine fixe Arbeitsstelle samt ausreichendem Einkommen, die persönliche Assistenz und somit ein selbstbestimmtes Leben, familiärer Rückhalt – all das waren Grundvor­aussetzungen, diesen Weg zu gehen.

Für viele war es im ersten Moment ein Schock. Typische Fragen wie „War es geplant? Lebt der Vater auch in Innsbruck? Steht er zu dem Kind? Hast du dann 24­ Stunden ­Assis­tenz? Freut sich die Familie darü­ber?“ höre ich ständig. Selbst ein Apotheker musste dreimal die Frage stellen, ob ich mir denn sicher sei, dass ich diese Tabletten meine, denn die wären ja für Schwangere.

Ich denke, dass für viele in der Gesellschaft einige unvorstellbare Komponenten zusammenkommen: ein Leben im Rollstuhl, für jede Klei­nigkeit auf Unterstützung angewie­sen zu sein, was den Schluss ziehen lässt, keine Privatsphäre zu haben – und das über mehrere Stunden am Tag, Wochen im Jahr und Jahre im Leben. Hier sprechen wir noch gar nicht vom Thema „Beziehung, Sexualität oder Kind“, denn das scheint wirklich unvorstellbar zu sein.

Dennoch werde ich mein Kind so großziehen, wie viele andere auch: mit der Unterstützung von Familie und Freunden, der einzige Unter­schied ist die persönliche Assistenz. Aber viel wichtiger: Ich werde mein Kind mit Liebe, Offenheit und Kon­sequenz großziehen, damit es spä­ter selbstsicher und selbstbestimmt durchs Leben gehen kann.

Ich wünsche mir, dass sich in unse­rer Gesellschaft etwas bewegt. Eine Behinderung gehört zum Alltag, sie kann jede und jeden treffen. Ich wünsche mir, dass man Menschen nicht mehr in Kategorien unter­teilt – und sie dadurch in einen permanenten Vergleich stellt. Jeder Mensch darf sein, was er sein kann und will. Denn jedes Rädchen der Gesellschaft ist relevant.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Dialog Dezember 2018.

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6 Kommentare

  • Wir wünschen dir/euch alles Liebe!
    Schön, wenn Träume wahr werden! Bleib so toll, wie du bist!

  • Herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft ich gehe davon aus dass sie sich ihre Einschränkungen aufgrund ihrer Behinderung bewusst sind und wissen welche Aufgaben sie bei der Versorgung des Kindes an assistenz oder Angehörige abgeben müssen wichtig finde ich dass sie immer dabei sind und das Kind immer weiß dass sie die Mamas sind und nicht die Assistenz alles Liebe und Gute nach Österreich

  • Jedes Kind/jeder Mensch hat recht auf seinen leiblichen Vater und seine leibliche Mutter. Viele leiden, wenn sie ihren leiblichen Vater nicht kennen oder kaum Kontakt mit ihm haben, und haben Schwierigkeiten beim Aufbau einer eigenen Identität. Ich selber stehe Samenbanken sehr kritisch gegenüber. Sterile Väter, Lesben oder überzeugte Singles greifen gerne auf Samenbanken zurück, Behinderte stellen eine Ausnahme dar, obwohl ich in diesem Fall noch am ehesten Verständnis habe,
    Ich glaube aber, dass der Samen eines Mannes aus dem Bekanntenkreis besser wäre, wie das sowohl bei einer Partnerschaft als auch beim sogenannten Co-Parenting (Mann und Frau mit Kinderwunsch tun sich zusammen) möglich sein könnte.

  • Jeder soll das Recht bekommen was er braucht. Das ist sehr wichtig in unserer Geselschaft. Sie sind sehr wertvoll, weil sie auch eine vertvolle Person sind. Sie können viel mehr alls sie glauben, Es ist sehr schön das sie ein Kind bekommst. Ich wünsche ihnen viel Glück bei der Geburt.

  • Kann nur alle die den Wunsch haben Mutter zu werden ermutigen dies zu tun. Man muss sich aber wirklich im klaren sein, dass es um einiges schwieriger ist. Freue mich sehr, dass ich den Schritt damals auch gewagt habe sitze auch im Rollstuhl und habe mittlerweile 2 Erwachsene Kinder

  • Sehr guter und reflektierter Artikel!
    ..“der einzige Unter­schied ist die persönliche Assistenz“ – wie wahr und GENAU DAS wird sehr oft nicht verstanden, wenn es dann heisst: Assistenz FÜR das Kind.
    Nein, nein und nochmals nein: Assistenz, um die Elternschaft gut wahrnehmen zu können ODER Assistenz, die durch die Kinder notwendig, mehr od. anders ist. That’s it. Komplizierter ist’s nicht, alle anderen Sichtweisen sind Gehirnwindungsfehler von Gutachtern, Behörden, etc., die schlicht falsch sind. Unsere Erfahrungen als beeinträchtigte, dreifache Eltern verschriftlichen wir unter http://barrierefreie-familie.com/