Des verlogenen Wohltätigkeitsgetue leid

Weihnachten steht vor der Tür. Könnten wir dies nicht anhand des Kalenders ablesen, würden wir es spätestens bei der Durchsicht der Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen spüren, denn die Wohltätigkeitsspirale dreht sich in einem rasanten Tempo.

Zeitungen
BIZEPS

Es wird wieder nach bester Manier um Spenden geworben, „grausame“ Schicksale werden dargestellt, soziale Projekte von den Medien ausgegraben, um die man sich das ganze Jahr über keinen Deut geschert hat. Vor allem wird aber in diesen Tagen wieder ein Bild von behinderten Menschen in die Öffentlichkeit getragen, das wir das ganze Jahr über schon fast überwunden geglaubt hatten.

Bevor nun die Mahner rufen, es sei doch gut, wenn die Leute spenden und etwas Gutes tun wollen, sei schon einmal vorweg geantwortet, dass ich dieses auch so sehe. Doch muss die Frage erlaubt sein, ob das, was derzeit weitläufig betrieben wird, wirklich „gut“ ist. Es möge auch die Frage erlaubt sein, wem das derzeitige Wohltätigkeitsgedusel wirklich nutzt?

Kleine Momentaufnahmen dieser Tage in den Medien lehren uns beispielsweise, „wissenschaftliche Forschung ist der einzige Weg einer grundsätzlichen Hilfe für die Betroffenen. Wir brauchen dazu Ihre Hilfe, Ihre Deutsche Stiftung Querschnittlähmung“. Ausführliche Berichte in den diversen Tageszeitungen runden das Bild ab, indem in Friedberg zum Beispiel Marathonläufer es möglich gemacht haben, dass die Lebenshilfe dort ein neues Wohnheim bauen kann, etc. etc. etc.

Selbst für jemanden wie mich, der seit über 20 Jahren in der Behindertenbewegung aktiv und fest davon überzeugt ist, dass wir langsam aber sicher das Bild von behinderten Menschen verändert haben, dass wir einige Schritte in der Stärkung der Bürgerrechte behinderter Menschen geschafft haben und der an ein möglichst selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen fest glaubt, hat das derzeitige Wohltätigkeitsgetue ein großes Potenzial, mich in tiefes Entsetzen über den Stand der Behindertenarbeit und -politik in Deutschland zu stürzen.

Gleichberechtigte Teilhabe mit der Sammelbüchse in der Hand einzufordern geht nun mal nicht. Wer sich selbst bettelnd erniedrigt, kann nicht damit rechnen, von anderen als gleichwertig behandelt zu werden.

Um einen Teil des Spendentopfes abzubekommen, scheinen wir uns hierzulande also für nichts zu schade zu sein. Dafür „leiden“ behinderte Menschen wieder an „heimtückischen Krankheiten“, freuen sich in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten zu dürfen, wo immer noch Hungerlöhne bezahlt werden und es keine Arbeitnehmerrechte gibt und wird die Forschung als „der einzige Weg einer grundsätzlichen Hilfe“ für die Betroffenen erklärt.

Kürzlich hat die emanzipierte Behindertenbewegung den Deutschen Presserat aufgefordert, behinderte Menschen nicht mehr „an den Rollstuhl zu fesseln“ und diese Begriffe auf den Index zu setzen. Gleichzeitig werden solche Forderungen ad absurdum geführt, wenn sie selbst von Behindertenorganisationen benutzt werden, um ein möglichst großes Stück vom Spendenkuchen zu bekommen.

Die konkreten Lebensbedingungen selbst spielen also kaum mehr eine Rolle. Und die Einsicht, dass wir mit über 160.000 behinderten Menschen mehr als genug Menschen haben, die in Sondereinrichtungen mit all ihren institutionellen Strukturen und vielfältigen Einschränkungen und Abhängigkeiten leben müssen, hält uns auch nicht davon ab, immer um neues Geld für Wohnheime und andere Aussonderungseinrichtungen zu betteln.

Dass diejenigen, die an behinderten Menschen und ihren Sondereinrichtungen verdienen bzw. in anderer Art und Weise davon persönlich profitieren oder dass diejenigen, die sich ihre Arbeitsplätze mit uns behinderten Menschen sichern wollen, ein derartiges Denken voran treiben, kann ich ja noch verstehen – ohne das dies damit zu rechtfertigen ist. Dass ein derartiges Wohltätigkeitsgetue im 21. Jahrhundert immer noch weitgehend stillschweigend und wohlwollend von der Bevölkerung hingenommen wird und sogar auf äusserst fruchtbaren Boden fällt, ist mir jedoch unverständlich.

Vor allem ernüchtert und erschüttert es mich sehr, dass ein derartiges Treiben von der Behindertenbewegung und der Behindertenselbsthilfe so stillschweigend und in weiten Bereichen sogar unterstützend hingenommen und zum Teil mitbetrieben wird.

In den USA sind behinderte Menschen gegen den entwürdigenden Telethon von Jerry Lewis Sturm gelaufen; in Schweden und anderen Ländern ist es gelungen, Behindertenheime weitgehend abzubauen und durch ambulante Angebote zu ersetzen; und in vielen Ländern setzt sich mehr und mehr ein Bürgerrechtsdenken im Zusammenhang mit Behinderung durch.

Woran liegt es, dass dieser Trend an uns so vorbei zu gehen scheint? Brauchen wir nicht eine neue Radikalität in der Behindertenbewegung, die diesem Mischmasch aus Gutmenschentum, Aussonderung und gegenseitigem Schulterklopfen entgegen tritt und dies entlarvt als das, was es ist – Aussonderung und Herabwürdigung auf Kosten behinderter Menschen? Haben wir für die Namensänderung der Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch gekämpft, um dieses Treiben stillschweigend mit anzusehen?

Und wo bleibt die Solidarität mit behinderten Menschen wie Uwe Meister aus Schauenburg, der bis Weihnachten in einen Hungerstreik getreten ist, um für die nötige Assistenz zu kämpfen? Wo bleibt die Solidarität mit den vielen „unsichtbaren“ behinderten Menschen, die gerne in einem natürlichen Umfeld anstatt in Sondereinrichtungen leben und arbeiten möchten, denen die derzeitigen Strukturen dies aber verweigern? Mir reicht’s auf jeden Fall und in diesem Bereich bin ich ganz und gar nicht vorweihnachtlich gestimmt.

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0 Kommentare

  • Wenn der ORF nur halb soviel Kraft dafür investieren würde, nähmlich seine Einstellungsquote für Menschen mit Behinderung zu erfüllen, wäre den Betroffenen weit mehr geholfen als dieses scheinheilige Getue Namens „Licht in´s Dunkel“.