Die Aktivitäten der Schweizer Behindertenbewegung (Lage 1997)

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ist noch extrem jung (vor sechs Monaten berichteten wir über die Eröffnung des ersten Zentrums für Selbstbestimmtes Leben in der Schweiz in Zürich).

Flagge Schweiz
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Das bedeutet einerseits, daß sie immer noch auf schwachen Füßen steht – so ist z. B. die finanzielle Zukunft noch in keiner Weise gesichert – aber andererseits auch, daß sie gerade in dieser schwierigen Zeit und mit der unmöglichen Situation der „Offiziellen“ eine seltene Chance hat, wirklich etwas zu bewirken.

Zur Zeit sind ca. 80 der aktivsten Behinderten in der Schweiz mit dem Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Zürich verbunden. Zwischen 20 und 30 Leuten nehmen regelmäßig einen Teil der anfallenden Arbeiten auf sich. So ist es uns erstmals in der Geschichte der Behindertenbewegung der Schweiz gelungen, zu einem Thema eine ganze Reihe von Demos und Aktionen zu organisieren.

Mit diesem anhaltenden Druck ist es uns gelungen, die Schweizerischen Bundesbahnen zurück an den Verhandlungstisch zu zwingen, um gemeinsam eine nicht-diskriminierende Lösung für eine Zugskomposition zu finden, welche schon bald in Betrieb genommen werden soll. Dies, nachdem die offizielle Behindertenvertretung (fast ausschließlich Nichtbehinderte!) diese Verhandlungen über Jahre erfolglos geführt und längst als hoffnungslos aufgegeben hatte.

Alle Aktionen des ZSL und der jungen Selbstbestimmt Leben Bewegung stehen unter dem Oberbegriff „Anti-Diskriminierung“. So sehen wir auch die Serie der Bahn-Demos als eigentliche Vorbereitung auf die kommende Diskussion über ein Diskriminierungsverbot in der Schweizerischen Bundesverfassung. Wir glauben, daß der Kampf für einen Verfassungsartikel die Behindertenbewegung selbst verändern wird. Weg vom Fürsorge – und hin zum Bürgerrechtsgedanken.

Wir bereiten alles auf dieses Ziel hin vor: ein gesamtschweizerisches Netzwerk von lokalen AktivistInnen ist im Aufbau begriffen – inklusive PC-unterstützten Methoden, um die Personen schnell und effizient erreichen zu können. Gleichzeitig versuchen wir, einem anderen großen Problem der Behindertenwelt zu Leibe zu rücken: dem (durch Sonderschulung und Heimkarriere verursachten) Mangel an Ausbildung und politischer Erfahrung vieler potentieller MitstreiterInnen. Wir sind dabei, ein engmaschiges Netz von Kursen und Weiterbildungsveranstaltungen aufzuziehen, um diesen Menschen die Chance zu bieten, ihre Bedürfnisse zu formulieren und sich effizient in den politischen Kreislauf einzubringen.

Unsere 2-wöchentlichen Bahn-Demos haben uns bis an die Grenze unserer Leistungsfähigkeit belastet. Aber es gelang uns zu beweisen, daß wir Behinderte selbst etwas erreichen können – und vor allem, daß wir uns nicht weiter mit „gutem Willen“ zufrieden geben werden, sondern unsere Rechte als Bürger einfordern. Ob die ersten positiven Zeichen seitens der Bahn Erfolg bringen werden, steht noch in den Sternen. Vielleicht werden wir zu weiteren Kampfmaßnahmen greifen müssen. Aber eins ist sicher: die Signalwirkung ist da.

Die Behinderten und ihre Organisationen haben uns mit sehr ambivalenten Gefühlen zugeschaut, aber man hat gemerkt: da ist eine neue Kraft, die etwas erreichen kann. In diesem Sinne glauben wir, daß die Behindertenbewegung nicht mehr aufzuhalten sein wird.

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