Die grausame Spitze des Eisbergs

Am 28. April 2021 wurden vier Menschen, die in einer Behinderteneinrichtung in der deutschen Stadt Potsdam lebten, ermordet und einer schwer verletzt. Warum diese entsetzliche Gewalttat ein Anlass sein sollte, aufzuwachen, wenn es um Gewalt und Ableismus geht? Ein Kommentar.

Eisberg im Meer
Andrea Spallanzani auf Pixabay

Menschen mit Behinderungen, die in Einrichtungen leben, sind unterschiedlichen Gewaltformen ausgesetzt, entweder in struktureller oder direkter Form.

Wenn Berichte von Menschenrechtsverletzungen und Gewalttaten in Einrichtungen an die Öffentlichkeit kommen, was selten genug geschieht, werden Schock und Bedauern ausgedrückt – an den Umständen ändert sich aber nichts.

In einer Behinderteneinrichtung in Potsdam wurden fünf Menschen Opfer einer Gewalttat, vier davon verstarben, eine Person wurde schwer verletzt. Wie DerStandard berichtet, ist eine Mitarbeiterin der Einrichtung tatverdächtig.

Trauer, Schock, Wut und Redebedarf

Dies empfinden auch Behindertenverbände. Es gibt angesichts der entsetzlichen Tat aber auch Diskussionsbedarf hinsichtlich Sondereinrichtungen und Abelismus.

Handeln statt Blumensträuße bei Gewalt in Einrichtungen fordert die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Den Blick auf Ableismus richtet Aktivist Raul Krauthausen in einem Beitrag von Die Neue Norm.

Hoch problematisch

Das ist stellenweise die Berichterstattung über den Fall, denn diese lässt die Betroffenen nicht zu Wort kommen und liefert gefährliche und diskriminierende Erklärungsansätze für die Tat.

Wie ein Beitrag vom Magazin Übermedien zeigt, kommen in unterschiedlichen Berichten, wie zum Beispiel im rbb Expertinnen und Experten zu Wort, die als Gründe für die Tat Überforderung der mutmaßlichen Täterin oder den Wunsch, die Menschen von Leiden zu erlösen, angeben.

Diese Art der Berichterstattung lässt es so erscheinen, als wären die getöteten Menschen mit Behinderungen mitverantwortlich für das, was ihnen passiert ist.

Fatale Täter-Opfer-Umkehr

Diese Vorgangsweise ist zu vergleichen mit dem langen üblichen Ansatz, dass Frauen scheinbar Mitschuld an ihrer Vergewaltigung wären, wenn sie zu freizügig gekleidet waren. Raul Krauthausen kritisiert, dass wenn es um die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen gehe, diese nicht als normale Dienstleistung betrachtet werden würde, sondern als eine Art „Mission Impossible“.

Die Tatsache, dass Überlastung oder Erlösung von Leid als Motive ins Spiel gebracht werden, sieht Krauthausen als Täter-Opfer-Umkehr und als tödlichen Fall von Ableismus, also als Abwertung und Diskriminierung behinderter Menschen.

Weiters kritisieren Menschen mit Behinderungen, dass die Betroffenen in der Berichterstattung als Schutzlose und Schwächste bezeichnet werden. Dies sei ein weiteres Beispiel für behindertenfeindliche Sprache, die eine Spaltung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen ausdrückt.

Wacht endlich auf!

Der entsetzliche Vorfall in Potsdam ist die traurige Spitze eines Eisbergs und zeigt erneut, dass Fremdbestimmung der Nährboden für Gewalt ist. Er zeigt auch, dass Menschen mit Behinderungen noch lange nicht gleichgestellt sind und dass es endlich Zeit ist, die Augen aufzumachen.

Wir müssen hinsehen, wenn es um Gewalt an Menschen mit Behinderungen geht.

Es ist Zeit, nicht mehr Erklärungen zu finden, welche Gewalt verharmlosen oder sie sogar rechtfertigen, sondern zu zeigen, dass wir eine Gesellschaft sind, in der Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen werden.

Wir dürfen Verbrechen gegen Menschen mit Behinderungen nicht länger totschweigen oder dulden, sondern müssen aktiv gegen gewaltvolle Strukturen in Einrichtungen vorgehen.

Schlussendlich müssen wir uns für die einzig richtige Lebensweise für Menschen mit Behinderungen einsetzen – nämlich ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte der Gesellschaft, frei von Abhängigkeit und Gewalt.

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5 Kommentare

  • Wir in Österreich haben ja das Menschenrechtshaus ( Volksanwaltschaft), deren Kommissionen unter anderem auch in Behinderteneinrichtungen ausströmen und menschenrechtliche Präventionsarbeit leisten, um genau solche Vorfälle zu verhindern. Angeblich. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen! Bei uns herrschen menschenwürdige Bedingungen! Oder nicht? Oder doch? Oder doch nicht?

  • Solche entsetzliche Taten tauchen immer wieder auf und werden in der Psychologie üblicherweise als letzte Stufe von jahre- oder jahrzehntelangem Burnout gesehen.

    Es gibt dazu einiges an Forschung, die aber von der Öffentlichkeit und den zuständigen Behörden regelmäßig und seit Jahrzehnten ignoriert werden.

    Solche Schrecklichkeiten tauchen in Krankenhäusern auf, in Seniorenheimen, in Kinderheimen und im Behinderten- und Pflegeheimen.

    Es interessiert einfach niemanden.

  • Eine entsetzliche Tat und ein ausgezeichneter Artikel

  • Jedes dusselige Huhn kommt im Sozialbereich unter. Erst Recht im Behindertenbereich, wenn sogar aus anderen Bereichen des Sozialwesens diese Menschen niemand haben will.
    Der Alkoholsüchtige, der Straffällige, der psychisch Kranke, der nichts kann und auch nicht sonderlich belastbar ist, sie alle werden auf Menschen mit Behinderungen losgelassen. Der erste Tipp, der einem gelangweilten Langzeitarbeitslosen gegeben wird: ein Ehrenamt im Sozialbereich annehmen, am besten irgendwas mit Behinderten, da wirst du gebraucht und förert das Selbstwertgefühl.

    • Tut mir leid, das ist eine unakzeptable Verurteilung von Menschen, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten: Abwertung mit Abwertung zu beantworten ist abzulehnen! Und fix: Es gibt eine überragende Mehrheit von Menschen, die mit allergrößtem Engagement, sensibel und empathisch arbeiten!