Die Tötungsanstalt Hartheim

Ein Artikel aus der BIZEPS-Broschüre "wertes unwertes Leben" von Florian Schwanninger und Angela Wegscheider in Leichte Sprache (B1) übersetzt und kommentiert.

Broschüre wertes unwertes Leben
BIZEPS

Dieser Text behandelt die Ermordung von Menschen mit Behinderungen in Schloss Hartheim zur Zeit des NS-Regimes.

Schloss Hartheim war eine Tötungsanstalt der NS-Euthanasieaktion „T4“. Seit dem Jahr 1898 war das Schloss eine Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderungen. Hier betreuten katholische Klosterschwestern bis zu 200 Menschen.

Ab 1938 schlossen die Nationalsozialisten alle religiösen Einrichtungen und Wohlfahrtsvereine. So auch den oberösterreichischen Landes-Wohltätigkeitsverein. Ihm unterlag die Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderungen „Schloss Hartheim“.

Die Nationalsozialisten lösten den Verein auf und übergaben 1939 das Schloss mit seinem Geldvermögen und seinem Inventar dem „Reichsgau Oberdonau“. Die behinderten Bewohner und Bewohnerinnen und das Betreuungspersonal mussten in andere Einrichtungen.

Aufbau und Einrichtung der Tötungsanstalt Hartheim

Die Räume für die Ermordung der Opfer und die Beseitigung ihrer Leichen waren rund um den Innenhof im Erdgeschoss des Schlosses. Im ersten Stock waren die Wohnräume des Personals und die Verwaltungskanzlei. Im zweiten Stock waren Büroräume und Wohnräume. Im dritten Stock waren nur Wohnungen eingerichtet.

Bei der Ankunft mussten die Opfer durch einen Arkardengang zum Auskleideraum gehen. Den Auskleideraum trennte man mit Holzbrettern vom Innenhof des Schlosses ab. Die Holzbretter dienten als Sichtschutz für das Personal und verhinderten das Weglaufen der Opfer. Nach außen verschloss man alle Fenster im Erdgeschoss blickdicht.

Die Gaskammer war auf der Ostseite des Schlosses. Sie sollte ausschauen wie ein Duschraum. Sie war vom Aufnahmeraum mit einer Stahltür getrennt und hatte am Anfang einen Fußboden und Sitzgelegenheiten aus Holz. Später war der Boden verfliest. Auch die Wände bekamen Fliesen. An der Decke waren drei Brausen. Das Fenster hatte ein Scherengitter. Es befindet sich noch heute an seinem Platz.

In der Gaskammer war eine Stahltür in den Technikraum mit den Gasflaschen.

Hier leitete man das Gas in den Duschraum. Eine dritte Tür führte aus der Gaskammer in den Schlosshof. Diese Tür war vermauert und hatte ein Guckloch, um alles beobachten zu können. Zwischen dem Technikraum und dem Krematoriumsraum befand sich noch der Leichenraum. Hier brachte man die Leichen vor der Verbrennung hin.

Jenen, die ein Kreuz am Körper trugen, entfernte man die Goldzähne. In einem eingerichteten Sezierraum, entnahm der NS-Arzt ausgewählten Leichen die Gehirne. Man glaubt, in Hartheim wurden auch Experimente an Lebenden ausprobiert. Das kann aber nicht bestätigt werden. Die Tötungsanstalt hatte einen eigenen Krematoriumsofen. Den Ofen beheizte man mit Koks. Er verfügte über zwei „Muffeln“ (Brennkammern), die bis zu acht Tote gleichzeitig verbrennen konnten.

Der Vernichtungsvorgang

Transporte zur Tötungsanstalt: Hartheim war die dritte Tötungsanstalt der NS-Euthanasieaktion „T4“. Behinderte und psychisch kranke Bewohner und Bewohnerinnen von oberösterreichischen Einrichtungen waren die ersten Opfer.

Ab Mai 1940 brachte man sie zur Ermordung nach Hartheim. Für jedes Opfer gab es einen Meldebogen. In diesem Bogen stuften die T4-Gutachter (Ärzte, Anstaltsleiter und Professoren) die Opfer als arbeitsunfähig, leistungsunfähig oder unheilbar ein. Die Einstufung passierte auch nach Belieben der Gutachter. Damit gaben sie die Opfer zur Tötung frei.

Die Transporte aus den größeren Anstalten kamen meistens mit dem Zug nach Linz. Noch am Hauptbahnhof in Linz suchten der Leiter der Tötungsanstalt Hartheim, Dr. Rudolf Lonauer, oder sein Stellvertreter, Dr. Georg Renno, Menschen aus, die sie sofort in Hartheim töten wollten.

Alle anderen Personen kamen inzwischen in die „Gau-Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart“ in Linz. Die Opfer waren meist nur wenige Tage in Niedernhart bevor sie nach Hartheim kamen. Das hängte davon ab, wie viel Platz in Hartheim zur Tötung frei war. Hartheim ist ca. 18 Kilometer von Linz entfernt. Die Opfer kamen mit dem Bus vom Linzer Hauptbahnhof nach Hartheim. Für den Transport standen in Hartheim immer drei Busse zur Verfügung. Die Fenster der Busse waren undurchsichtig.

Die Ankunft in Hartheim

Am Anfang fuhren die Busse durch das Tor des Wirtschafttraktes bis vor den Haupteingang des Schlosses. Nach einiger Zeit verwendete man größere Mercedes-Busse. Diese Busse passten nicht mehr durch die Toreinfahrt. Man baute an der Westseite des Schlosses einen Holzschuppen. Der Holzschuppen hinderte die Menschen an der Flucht und trennte sie von der Umgebung ab. Nach der Ankunft kleidete man die Opfer aus und führte sie in den sogenannten Aufnahmeraum im Erdgeschoss des Hauses.

Die als „Pflegerin“ in Hartheim tätige Maria Lambert beschrieb die Vorgänge nach dem Verlassen des Busses: „Die Kranken wurden aus dem Omnibus in den sogenannten Entkleidungsraum geführt. Sie mussten sich dort nackt ausziehen. Die Kleider der Kranken wurden zunächst einzeln zusammengewickelt und dann auf die Kammer gegeben. Wir Pflegerinnen zogen jeden der Kranken einzeln aus. Wir erzählten ihnen, sie kämen nun in ein Säuberungsbad. Die Kranken waren aufgrund dieser Schilderung völlig arglos. Nach der Entkleidung wurden die Kranken einzeln oder zu zweit dem Arzt vorgeführt.“

Der Arzt las die Krankenakten, während eine Pflegeperson das vorgeführte Opfer mit einer laufenden Nummer stempelte. Zusätzlich zeichnete man Menschen mit Goldzähnen ein Kreuz auf den Rücken. Dann führte man sie in einen nebenan befindlichen Raum und fotografierte sie. In Ausnahmefällen wurde „der eine oder andere Kranke zurückgestellt […] und wieder in die Anstalt zurückgeführt“.

Der Vergasungsvorgang und die Verbrennung im Krematorium

Nach der Aufnahme brachte man die Opfer in die Gaskammer. Bis dahin glaubten die Opfer noch an gewohntes Duschen. Die Stahltüre schloss sich und der jeweilige Arzt leitete Kohlenmonoxid in die Gaskammer ein, berichtete der ehemalige Brenner Nohel. Der Todeskampf dauerte laut Zeugenaussagen 10 bis 15 Minuten. In der Regel waren 30 bis 35 Personen gleichzeitig „duschen“. Bei größeren Transporten kam es aber auch vor, dass viel mehr Menschen in den Raum gepfercht wurden. Insgesamt ermordete man in Hartheim laut der so genannten „Hartheimer Statistik“ während der „Aktion T4“ bis Ende August 1941, 18.269 Menschen.

Das Personal musste die Gaskammern nach jedem „Duschen“ entlüften und die Heizer („Brenner“) brachten die Leichen in den Totenraum. Der Totenraum war zwischen dem kleinen Raum mit den Gasflaschen („Technikraum“) und dem Krematoriumsraum.

„Brenner“ Vinzenz Nohel gab an: „Das Wegbringen der Toten vom Gasraum in den Totenraum war eine sehr schwierige und nervenzermürbende Arbeit. Es war nicht leicht, die ineinander verkrampften Leichen auseinander zu bringen und in den Totenraum zu schleifen. Diese Arbeit wurde anfänglich auch insoferne erschwert, als der Boden holprig war und als man den Boden betonierte, rauh gewesen ist. […] Später als der Boden verfliest war, haben wir Wasser aufgeschüttet. Dadurch war die Beförderung der Toten bedeutend leichter. Im Totenraum wurden die Leichen aufgeschichtet.“

An manchen Tagen kamen 100 bis 120 Menschen nach Hartheim. Es konnte dann 2 bis 3 Tage dauern, bis alle Leichen verbrannt waren. Vor der Verbrennung brachen die Krematoriumsarbeiter noch die Goldzähne aus dem Mund der gekennzeichneten Menschen. Manche Leichen sezierte man vor der Verbrennung. Entnommene Gehirne machte man haltbar und verschickte sie zum Zwecke der Forschung.

Da die Körper bei der Verbrennung nicht vollständig zu Asche zerfielen, setzte man eine elektrische Knochenmühle ein. Ein Teil der Asche wurde in Urnen versandt. In diese Urnen passten bis zu drei Kilogramm Asche. Die restliche Asche füllte man in Säcke und brachte sie mit einem Lieferwagen zur Donau. Manchmal lagerte man die Asche auch auf dem Dachboden. Urnen für die Angehörigen befüllte man wahllos.

Die Verständigung der Angehörigen

Wie in den anderen Tötungsanstalten der „Aktion T4“, verständigte man die Angehörigen und stellte Sterbeurkunden mit falschen Todesursachen und Todesdaten aus.

Wahrnehmung, Auswirkungen und Kontinuitäten

In der Umgebung von Hartheim ahnte die Bevölkerung schnell, was dort vor sich ging. Die zahlreichen Busse, der aufsteigende Rauch aus dem Kamin, die Geruchsbelästigung sowie die Transporte der Aschenreste und Knochenreste zur Donau machten die Bevölkerung aufmerksam. Einige Bewohner und Bewohnerinnen hatten mit dem Personal Kontakt und wussten über die Morde Bescheid.

Karl Schuhmann, Mitglied einer Widerstandsgruppe, lebte in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses. Er berichtete von einer großen schwarzen Rauchwolke aus einem Schornstein, der von außen nicht sichtbar war. Auch berichtete er von fürchterlichem Verbrennungsgeruch nach der Ankunft von Transporten. In der Chronik der Pfarre Alkoven vermerkte man den häufigen Rauch und den „penetranten Gestank“. Außerdem gingen bei den Transporten zur Donau oft Aschenreste und Knochenreste verloren. Diese häufte die Bevölkerung zum Teil am Wegrand zusammen.

Nach dem Ende der „Aktion T4“ im August 1941 bis Ende 1944 ermordeten die Nationalsozialisten rund 10.000 KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Hartheim. Danach entfernte man die Tötungsanlagen und versuchte die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Im Juni und Juli 1945 folgte die erste Untersuchung der Morde im Schloss Hartheim durch ein Team der US-Army.

Der oberösterreichische Landes-Wohltätigkeitsverein plante, nach der Rückgabe des Schlosses 1948 wieder eine Behinderteneinrichtung zu betreiben. Das konnte aber nicht sofort verwirklicht werden.

Der damalige Direktor der Hartheimer Behindertenenrichtung Mittermayer schrieb in einem Brief 1957: „Das Jahr 1938 brachte Beschlagnahme und Enteignung und die 182 Pfleglinge gingen buchstäblich in Rauch auf und das Schloss wurde eine Brandstätte ganz singulärer Art: Von überall her kamen große, fensterverhängte Autobusse, voll besetzt mit Menschen, die nach wenigen Stunden nur mehr ein Häuflein Asche bildeten.“

Eine Aufarbeitung der Geschehnisse im Schloss gab es vorerst nicht

Seit 1954 bewohnten nach einem Donauhochwasser Geschädigte das Schloss, später bis zu 30 Mietparteien. 1965 begann der oberösterreichische Landes-Wohltätigkeitsverein (heute GSI = Gesellschaft für soziale Initiativen) in unmittelbarer Nähe mit dem Bau einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Das Institut Hartheim. Das neue Institut galt als „lebende Sühnestätte für alle Opfer im Schloss Hartheim“. 1969 errichtete man die erste Gedenkstätte für die Opfer der Morde im Schloss.

1997 beschloss das Land Oberösterreich, Schloss Hartheim zu einem Lernort und Gedenkort umzuwandeln. 1999 begann man mit der Übersiedelung der im Schloss lebenden Mieter und Mieterinnen in Ersatzwohnungen.

Seit einer Sonderausstellung des Landes Oberösterreich im Jahr 2003 ist das völlig renovierte Schloss Hartheim ein Lernort und Gedenkort. 2010 besuchten über 17.000 Menschen das Schloss, besonders Schüler und Schülerinnen. Die Besucherzahl nimmt bis heute zu.

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0 Kommentare

  • Auch in Leicht Lesen gibt es unterschiedliche Sprachkentnisse. Von A1-B1. Der Text wurde in B1 bearbeitet. Hier ist der Unterschied nicht mehr so groß zur „schweren“ Sprache und bezieht sich in erster Linie auf aktivum und passivum. Online kann der Originaltext in der Broschüre gefunden werden. http://www.bizeps.or.at/shop/leben2012.pdf

  • @martin Wolkerstorfer! Mit ll meint Claudia die Leichter-Lesen-Variante. Die sieht sie hier nicht verwirklicht.

  • Sehr guter und das bestens durchorganisierte System beschreibender Beitrag. Nur basierend auf dem reibungslosen zusammenwirken derartiger Kräfte ist und war die Umsetzung eines kranken Gehirnen entstammt habenden Gedankengutes erst realisierbar.Da hat alles reibungslos mitgewirkt. Beginnend an der obersten Hirarchie bestehend aus Medizinern bis zur untersten Hirarchieleitersprosse, bestehendaus den Leichenentsorgern und -verbrennern. Und na schau, human auch noch. Um die ineinander verkrampften Leichen leichter wegschleifen zu können, wurde sogar der Boden verfliest, auf einem Fliesenboden schleift es sich naturgemäß doch ein wenig leichter und bequemer.

  • Vorbildliche Zusammenfassung der entsetzlichen Vorgänge! DANKE!!!
    Wer diesen Schrecklichkeiten nicht ins Auge sieht – auch wenn es sehr weh tut – wird blind gegen die alltäglichen Gräueltaten und subtilen Diskriminierungen.

    @ Klaudia: Was bitt heißt LL?

  • Immer wieder rennt es mir kalt über den Rücken hinunter, wenn ich davon lese. Sehr LL finde ich den Text jedoch nicht.