Donauturm – Erlebnisse

Was eine Schulklasse erleben musste und wie die Donauturm Aussichtsturm- und Restaurantbetriebsgesellschaft mbH reagierte.

Donauturm
Rouhani, David

Liebe SchülerInnen und LehrerInnen der 4. HS Leoding! Danke für den Brief! Ihr habt ein schon lang dauerndes Problem wieder aufgezeigt. In Wien werden behinderte Menschen per Gesetz und Verordnung aus vielen öffentlichen Gebäuden ausgesperrt. Wir werden einen neuen Anlauf nehmen, um dies zu ändern.

Wir haben diesen Brief der Donauturm Betriebsgesellschaft, dem Wiener Bürgermeister Dr. Zilk, sowie allen im Wiener Landtag vertretenen BehindertensprecherInnen geschickt, mit der Bitte, sich für die Beseitigung dieses – schon immer bestehenden – Problems einzusetzen.

In Wien werden behinderte Menschen dauernd gesetzlich behindert. Dies muß endlich beendet werden. Wir werden unseren Überzeugungskampf weiterführen und Euch umfassend informieren. Versprochen, wir bleiben an der Sache dran.

Brief der Klasse:

Unsere Klasse war vom 23. bis 28.5.93 auf Wien-Aktion. Einer unserer Mitschüler sitzt wegen einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Trotzdem konnten wir alle Programmpunkte ohne nennenswerte Schwierigkeiten durchführen.

Bis auf eine Ausnahme, auf die wir im Interesse aller Rollstuhlfahrer hinweisen möchten.

Die Donauturm-Betriebsgesellschaft weigert sich, Rollstuhlfahrer mit dem Lift zu befördern. Auf unsere Frage, warum das so sei, bekamen wir folgende Antwort: „Die Mitnahme von Rollstühlen ist nicht erlaubt, da der Lift steckenbleiben kann, und der Behinderte dann über die Treppe hinunter getragen werden müßte.“ Uns erscheint diese Erklärung nicht sehr befriedigend.

Frage 1: Wie sollen ältere und gebrechliche Personen aus einem steckengebliebenen Lift klettern und anschließend einige hundert Stufen bewältigen?

Frage 2: Wie verhält es sich in einem Hochhaus? Angenommen, der Lift würde im 19. Stock steckenbleiben und nicht so schnell zu reparieren sein. In diesem Fall bliebe nur ein Transport über das Treppenhaus übrig.

Frage 3: Wie ist es möglich, daß derselbe Schüler im Jahr 1989 anstandslos befördert wurde und das 1993 – nach dem Jahr der Behinderten – nicht mehr möglich ist?

Wir bitten Sie, diese Beschwerde in Ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen und an die verantwortlichen Stellen (z. B. Magistrat Wien) weiterzuleiten. Wir bitten um Rückmeldung, auch wenn unser Anliegen nicht positiv erledigt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen Die Schüler und Lehrer der 4. HS Leonding

Die erste Antwort

ereichte uns von der Donauturm Aussichtsturm- und Restaurantbetriebsgesellschaft mbH, die wir hier gekürzt wiedergeben.

Sehr geehrter Herr Ladstätter!

Mein Mitarbeiter, Herr C. S. hat Ihr Telefax an mich als den auch für den Betrieb der Liftanlagen am Donauturm verantwortlichen Geschäftsführer weitergeleitet. Ich darf zum Inhalt des Schreibens der Schüler und Lehrer der Hauptschule Leonding sowie zu Ihrem Telefax Stellung nehmen wie folgt:

Zunächst zu Ihrer Frage nach der Rechtsgrundlage für die Ablehnung der Beförderung von Rollstühlen und Kinderwägen:

Rechtsgrundlage dafür ist ein Bescheid des Magistratischen Bezirksamts für den 22. Wiener Gemeindebezirk vom 6.8.1964 (Geschäftszahl MBA XXII – Ba 4334/2/64).

Mit diesem Beischeid werden Auflagen für die Erteilung der Betriebsanlagengenehmigung (Betriebsteil Lift) am Standort Donauturm erteilt. Ich darf die Auflage, die sich mit der in Frage stehenden Beförderung von Rollstühlen und Kinderwägen in den Aufzügen des Donauturms befaßt, wörtlich zitieren wie folgt:

„Das Befördern von Kinderwagen und Invalidenfahrzeugen in den Schnellaufzügen ist verboten.“

Nach unseren Erfahrungen, die aus Gesprächen mit Behördenvertretern herrühren, liegt der maßgebliche Grund für die Erteilung dieser Auflage in der Gefährdung der Sicherheit der Personen, die sich in den Räumlichkeiten bzw. Flächen am Kopf des Turmes aufhalten.

Diese werden bei einer allenfalls notwendigen raschen Räumung des Turmes im Notfall behindert. Dieselben Erwägungen gelten für die Sicherheit von Behinderten in Rollstühlen selbst.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Ausführungen eine Erklärungsmöglichkeit geboten zu haben. Gegen einen Aufenthalt des Schülers ohne notwendige Beförderung seines Rollstuhles (z. B. könnte der Behinderte durch Mitschüler getragen werden und auf normalen Sitzgelegenheiten sowohl im Expresslift als auch in den an der Turmspitze gelegenen Räumlichkeiten Platz nehmen) besteht keinerlei Einwand.

Ermäßigungen des Liftpreises für Behinderte sind nicht vorgesehen. Am Fuße des Donauturms existiert eine behindertengerechte WC-Anlage.

Generell kann weiters zur Behindertenproblematik rund um den Donauturm und dessen Liftanlagen gesagt werden:

Die Planung und Errichtung dieses Gebäudes erfolgte in den Jahren 1962-1964. Zu dieser Zeit ist die erst jetzt seit einigen Jahren in Diskussion stehende Frage der Erreichbarkeit möglichst aller Gebäude für Behinderte offenbar anders gesehen worden.

Da unsere Gesellschaft von ihren Eigentümern den Auftrag zu privatwirtschaftlicher Geschäftsführung hat, spielen die Kosten von Adaptierungsmaßnahmen eine maßgebliche Rolle.

Die Ihnen von meinen Mitarbeitern offenbar erteilte Information, wonach ein mögliches Gebrechen der Liftanlage selbst mit ein Grund für die Erteilung dieser Auflage war, ist in der gegebenen Form nicht zutreffend.

Daher geht auch der Vergleich von Problemen älterer Personen mit der Situation für Behinderte ebenso wie die Analogie zu einem Hochhaus in eine falsche Richtung.

Nachdem die Auflage nur die Beförderung des Rollstuhles (Invalidenfahrzeug) selbst untersagt, ist es durchaus möglich, daß der Schüler im Jahr 1989 befördert werden konnte.

Abschließend darf ich mir erlauben, die Schüler und Lehrer die sich für ihren Klassenkameraden die Mühe gemacht haben mit ihrem Anliegen an unser Unternehmen heranzutreten, herzlichst zu einer interessanten Veranstaltung einzuladen.

Voraussichtlich Anfang November 1993 findet der 2. „Donauturmtreppenlauf“ statt. Der Erlös dieser von uns veranstalteten Aktion kommt wie schon im Vorjahr einer Behindertenorganisation zugute.

Mit diesem sicherlich nur symbolischen Beitrag wollen wir für die Zeit, in der diese für uns zur Zeit unabänderliche Auflage existiert, unseren Willen zur Zusammenarbeit mit Behinderten dokumentieren.

Ich stehe für weitere Informationen und einer Diskussion zu dem von Ihnen angerissenen Themenkreis gerne zur Verfügung und verbleibe mit freundlichen Grüßen Dr. Wolfgang Steinschaden, Geschäftsführer der Donauturm Aussichtsturm- und Restaurantbetriebsgesellschaft mbH

Liebe LeserInnen!

Ihnen ist sicherlich auch schon eine ähnliche Diskriminierung passiert. Schreiben Sie uns!

Mir hat der Brief von Geschäftsführer Herrn Dr. Steinschaden wieder gezeigt, daß hier noch ein gründliches Umdenken notwendig ist.

In der nächsten Ausgabe werden wir sehr ausführlich berichten, wer sich für die Sache eingesetzt hat und welche Wendungen die Angelegenheit (vielleicht) nimmt.

Mein persönlicher Wunsch wäre, im Restaurant am Donauturm einen neuen Bescheid zu feiern, der so oder ähnlich lautet: „Gegen die Beförderung von Rollstühlen und Kinderwägen besteht keinerlei Einwand.“

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