Ein Bericht: Bahnfahren in Deutschland im Jahr 2011

Wer wissen möchte, wie sich die Deutsche Bahn selbst sieht, der möge die bunte Broschüre der Presseabteilung lesen. Wer wissen möchte, wie behinderte Reisende die Bahn erleben, der möge den Schilderungen der Betroffenen lauschen.

Deutsche Bahn
Deutsche Bahn

„Wer eine Reise tut, der kann etwas erleben“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Was behinderte Menschen mit der Deutschen Bahn auch noch im Jahr 2011 erleben können, schildert Ralf Zünder in einem Offenen Brief an die Leiterin der Kontaktstelle für behinderte Menschen.

Offener Brief

Deutsche Bahn / Services PMS
– Kontaktstelle kundenbezogene Behindertenangelegenheiten –
Frau Ellen Engel
Stephensonstr. 1
60326 Frankfurt

Ein furchterregender Reisetag mit der Deutschen Bahn

Sehr geehrte Frau Engel,
Sehr geehrte Damen und Herren,

heute ist Montag und ich beginne, meinen gestrigen, furchterregenden Reisetag mit der Deutschen Bahn in Worte zu fassen. Vor einer Bahnfahrt mit IC von Köln nach Hamburg mit Sitzplatzreservierung und rechtzeitiger Voranmeldung bei der MSZ sollte man als Rollstuhlfahrer keine Angst haben müssen, habe ich eigentlich immer gedacht. Bis gestern.

Aber nun fühle ich mich doch mehr an die Erzählungen meiner Großeltern aus den fünfziger Jahren erinnert, als die Rollstuhlfahrer im angehängten Gepäckwaggon mitgenommen wurden.

Liebe Frau Engel, Sie schrieben zu Ihrem Dienstantritt als Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten im Jahre 2003, es werde bald Schulungsprogramme und einen Leitfaden für die Bahnmitarbeiter geben, um sie im Umgang mit behinderten Menschen „noch vertrauter“ zu machen. Nun hören Sie meine Erlebnisse mit der Bahn aus dem Jahre 2011:

Am ICE-Bahnhof Siegburg – Bonn ist seit Wochen der Aufzug außer Betrieb und die 3-S-Zentrale hat nur den mürrischen Ratschlag parat, „Ich weiß doch nicht, wann der Aufzug wieder funktionieren wird. Rufen Sie doch den Service-Techniker in Berlin selbst an.“ Nun, dass Aufzüge monatelang defekt sind, ist gewohnte Normalität und meine Geschichte beginnt ja auch erst in Köln.

Der Bahnarbeiter für den Hublift weiß zwar, dass Wagen 3 direkt hinter der Lok ist, fragt gar nicht nach unseren Sitzplätzen, bugsiert uns ungefragt ins Fahrradabteil (= richtiger Waggon, falsche Waggontür) – dann ist er ganz schnell weg. Ich mühe mich mit großer Anstrengung auf einen seitlichen Klapp­sitz, ein Zugbegleiter teilt mir mit, dass in Hagen ein Hublift mich von der vorderen zur hinteren Tür dieses Waggons bringen werde, um zu unseren reservierten Plätzen zu kommen.

In Hagen passiert erst einmal nichts, außer dass sich wegen der Überfüllung des Zuges eine komplette jugendliche Reisegruppe zwischen Radfahrer, Fahrräder, Notsitze, Rollstuhl, und den nur kurzzeitig wieder aufgetauchten Zugbegleiter drängt. Es ist sehr laut, eng und stickig in unserem Menschenknäuel im Fahrradabteil.

Oh ja, eine Bahn-Mitarbeiterin, die sich offen­sichtlich aus Marketing-Gründen nur für Bahngäste mit Fahrrad interessiert, macht Striche, wie viele Fahrräder sich aktuell im Fahrradabteil befinden. Schulklassen, sonstige Reisende und Rollstuhlfahrer auf Notsitzen finden bei dieser Dame aber keine Beachtung.

Ich weiß nicht, ob ich beinahe einer Ohnmacht oder einem Gehörschaden nahe komme, aber kurz vor Dortmund gibt es über Lautsprecher die Durchsage einer weiblichen Stimme an alle Reisenden, dieser Zug werde in Dortmund wegen Überfüllung enden bzw. nicht weiterfahren, wenn nicht eine genügende Anzahl Reisender in Dortmund aussteigen und in den ICE auf dem gegenüberliegenden Gleis umsteigen werde.

Ja, der ICE gegenüber fahre zwar nicht nach Hamburg, sondern nach Berlin, aber man könne dann ja in Hannover wieder umsteigen. Die weibliche Stimme stellte einen Reisegutschein von 20 Euro für jeden Umstiegswilligen in Aussicht. Zumindest bei uns im überfüllten, stickig-lauten Fahrradabteil gab es einiges Gebrummel und Gemurre nach dieser Durchsage (mögliche Zwangsräumung des Zuges, Polizei, „wer sich bewegt hat schon verloren bei der Bahn“ usw. usf.), aber nun ja, niemand bewegte sich, niemand der über Hannover / Berlin mit ungewissem Ausgang nach Hamburg wollte.

Bei der Einfahrt in Dortmund überstürzten sich für mich und Begleitung dann die Ereignisse. „Wo ist der Rollstuhl?“ „Sie? Ja, wir haben den Hublift, Sie steigen hier um in den ICE und fahren dann über Hannover nach Hamburg!“.

Vor lauter Schreck quäle ich mich wieder vorbei zwischen Notsitzen und Fahrrädern, die Bahnmitarbeiterin schiebt den zusammengefalteten Rollstuhl, meine Begleiterin muss die Koffer aus dem Wagen heraus bugsieren. Draußen auf dem Bahnsteig bekommt ein Dortmunder Bahn-Mitarbeiter einen lautstarken Wutanfall, als er mich sieht: „Der ICE ist voll, der muss weg, da gibt es keinen Behindertenplatz, was soll das denn … „

Ich höre bahninternen Streit, dann sehe ich den ICE wegfahren und auch der IC entschließt sich trotz gegenteiliger Durchsagen nun doch zur Weiterfahrt. Auf dem Bahnsteig in Dortmund Hauptbahnhof blicken im Nieselregen ein aus dem Zug gedrängter Rollstuhlfahrer, seine Begleiterin und zwei Dortmunder Bahnmitarbeiter traurig einem ICE nach Berlin und dann einem IC (mit Fahrradabteil) nach Hamburg hinterher.

Ja, ich erinnere mich in diesem Moment im Nieselregen auf dem Dortmunder Hauptbahnhof, dass früher Rollstuhlfahrer von kräftigen Männern in den angehängten Güterwaggon gehoben wurde, dass die Bahn auch eine Tradition darin hat, Kinder und Hilflose irgendwo auf freier Strecke auszusetzen …

(Anmerkung: Richtig wäre wohl gewesen, mich von der vorderen Tür des ersten IC-Waggon zur zwei­ten Tür des IC zu bringen. Aber da der IC doch sowieso außer Betrieb genommen werden sollte, schien dies in diesem Moment auch einigermaßen widersinnig.)

Mit matter Stimme frage ich die Dortmunder Bahnbeamten „Wie kommen wir jetzt nach Hamburg?“ Antwort: „Ja ich versuche, den nächsten IC nach Hamburg anzufunken, aber der ist gerade in einem Funkloch!“

Nach 15, 20 Minuten auf dem Dortmunder Bahnsteig erhalten wir die Meldung „Ja der nächste IC nach Hamburg ist jetzt aus dem Funkloch raus, aber der hat keinen Behindertenplatz mehr frei. Erst in zwei Stunden ist wieder einer mit Behindertenplatz frei.“ Wir sagen ja, erhalten einen kleinen Imbissgut­schein und können immerhin im gewärmten und trockenen Imbiss auf dem Bahnsteig sitzen.

Der IC nach Hamburg kommt in Dortmund an, ich werde mit Hublift auf Wagenhöhe hoch gepumpt, dann zucke ich vor Erschrecken aber zusammen. Die Schreckensreise scheint noch nicht zu Ende „Oh nein, das ist ja schon wieder das Fahrradabteil!“ Die Türen schließen sich erbarmungslos, der Zugbegleiter im IC nach Hamburg ist ebenso ratlos wie wir: „Ja, das stimmt, das ist hier eigentlich ein Interregio-Zug, wir sind ein Entlastungs-IC, ich weiß nicht, wer das angeordnet hat.“

Vom Fahrradabteil aus ist das WC, (geschweige denn ein Behinderten-WC) unerreichbar. 8 Stunden ohne Zugang zu einer Toilette dürften wohl auch für einen Gesunden eine Zumutung sein, gottseidank habe ich aus Erfahrung vor Reisebeginn kaum etwas getrunken, denn die Bahn und funktionierende (Behinderten-)Toiletten sind zuweilen ja ein ähnlich leidvolles Kapitel.

Nun sitze ich also mehr als drei weitere Stunden deprimiert und erschöpft wieder auf einem Notsitz in einem lärmend-lauten Fahrradabteil direkt hinter der Lok. Ich habe hilfsbereite Bahnmitarbeiter erlebt, die aber im fahrenden Zug auch wenig ausrichten konnten, ich habe einen ignoranten Bahn-Servicemitarbeiter in Köln gesehen, skurril-desolate Zugdurchsagen gehört.

Dass in Hamburg Hauptbahnhof schließlich für den Ausstieg zunächst und abschließend auch kein Hublift bereit stand, dass der Zug bereits die Türen schloss und nur couragierte Mitreisende den Zug mit einem alleingelassenen Rollstuhlfahrer an der Weiterfahrt nach Altona hindern konnten, davon will ich hier schweigen. (Lokführer will weiterfahren, Zug-Chef irgendwohin weg, um Hublift herbei zu schaffen, Hub-Rampe zu breit für schmale Interregio-Türen, brutaler Einsatz von Hublift gegen Wagentür usw.).

Liebe Frau Engel, Sie sind nun seit mehr als sieben Jahren für die Belange der behinderten Bahn-Rei­sender zuständig. Sie und andere engagierte Bahn-Mitarbeiter haben sicherlich viel Positives in den vergangenen Jahren für behinderte Bahn-Reisende bewirkt. Aber nach meinen gestrigen Erlebnissen werde ich anderen Rollstuhlfahrern für geraume Zeit eine Reise mit der Bahn nur als eine Art Abenteuer-Urlaub empfehlen können. Lassen Sie von sich hören.

Mit freundlichen Grüßen
Ralf Zünder / Hamburg

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0 Kommentare

  • Das ist wirklich eine Story, die nicht nur an Fr. Engel gesandt gehört. Zur Kenntniss müsste die noch am den zentralen Kundendialog (damit die Leute informiert werden WO der richtige Platz für Räder und WO der richtige Platz für Rollstühle ist). Außerdem an Herrn Dr. Grube, immerhin ist er gesamt dafür Verantwortlich, dass es „rund läuft“ bei der Bahn. Ausserdem würde ich das Formular für die Fahrgastrechte ausfüllen falls irgendwelche Kosten entstanden sind.
    Die Mitarbeiter bei den Fahrgastrechten wissen vielleicht zuerst nicht, was die damit machen sollen … Aber immerhin ist die Verspätung wg. der Bahn (erzwungenen Anschluss in DO verpasst) erfolgt). Ankunft später als 2h, also 50% der Kosten als Erstattung (sofern welche angefallen sind), außerdem Reservierungsgebühren als komplette Erstattung, da die Nutzung nicht zu 100% möglich war und ach ja: Der 20 Euro-Gutschein, welcher angepriesen wurde wenn sie den Zug verlassen – der gehört ja nun auch Ihnen. Alles Gute!

  • Ist mehr ein Wahnsinn als eine Abenteuer-Reise!