Ein Etappensieg in den Lüften

Groll traf seinen Freund, den Dozenten, beim Studium einer Tageszeitung im Café Central in der Herrengasse. Der Dozent hatte sich gewundert, warum Groll ihn an diesen Ort bestellt hatte, das Café war nämlich nicht behindertengerecht.

Flugzeug am Himmel
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Auf der Herrengasse wies der Eingang sieben oder acht Stufen auf, es gab keinen Hinweis auf Hilfsmöglichkeiten, keine Klingel und konsequenterweise im Lokal auch keine behindertengerechte Toilette. Aber es gab einen wackeligen und gefährlichen Materiallift in einer Seitengasse. Mit diesem Lift, der keinen Handlauf aufwies, fuhr Groll gern in die Küche, ließ sich von meist dunkelhäutigen, sehr freundlichen Hilfskräften mit Süßigkeiten beschenken und rollte dann in den Gastraum.

So war es auch dieses Mal gewesen. Der Dozent hatte einen Artikel für Groll beiseite gelegt, und während Groll eine Golatsche aus dem Rollstuhlnetz fischte, waren die beiden auch schon in einen Fachdialog verstrickt. Ein in Kiel lebender Rollstuhlfahrer namens Kay Macquarrie hatte vor dem Amtsgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung erwirkt, derzufolge die Fluglinie KLM gezwungen wird, auf dem Flug Hamburg-Amsterdam einen Bordrollstuhl mitzuführen, so daß der behinderte Reisende die Möglichkeit hat, während des Fluges die Toilette aufzusuchen.

Der Dozent zeigte sich begeistert. „Die EU-Flugverordnung vom 5. Juli 2008 verpflichtet Fluglinien, auch für behinderte Passagiere eine Toilettenbenutzung zu gewährleisten“, fuhr er fort. „Eine Hamburger Anwaltskanzlei um den bekannten Publizisten Oliver Tolmein habe die Verfügung durchgesetzt.

Er gratuliere seinem behinderten Kollegen, erwiderte Groll, und er verneige sich vor der Expertise der Rechtsanwälte. Die Sache weise leider einen Haken auf, räumte der Dozent ein. Wenn behinderte Menschen jede einzelne Airline auf jeder einzelnen Strecke wegen Diskriminierung klagen müßten, dann werde die Durchsetzung der EU-Verordnung wohl einige Jahrzehnte brauchen.

Groll brach ein großes Stück von der Golatsche ab und reichte sie dem erfreuten Dozenten. Allzu lang werde der Fortschritt nicht auf sich warten lassen, meinte er. „Viele Airlines gehen derzeit bankrott, andere werden geschluckt und dünnen ihre Flugnetze aus; wenn die Wirtschaftskrise noch einige Zeit vorhält und die Fluggesellschaften reihum pleite gehen, ist die Zahl der notwendigen Interventionen überschaubar.“

„Sie denken positiv“, sagte der Dozent. „Ich sehe das mit Freude.“

„Loben Sie mich nicht zu früh“, erwiderte Groll. „Ich werde jetzt einen öffentlichen Skandal wegen der diskriminierenden Stufen veranstalten, indem ich einen Kellner über selbige hinunterwerfe.“ Mit diesen Worten drehte Groll sich zur Seite und rollte auf einen schmächtigen Ober mit Halbglatze zu, der ein Silbertablett mit mehreren Gläsern Rotwein balancierte.

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