Einblick in die dunkle Seite der Wiener Medizingeschichte

Studie über die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen zwischen 1945 und 1989

Deckblatt Studie: Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989
IRKS

Am 13. März 2017 präsentierten Stadträtin Sandra Frauenberger, Autorin Hemma Mayrhofer, Medizinhistorikerin Katja Geiger und Walter Hammerschick, Geschäftsführer des IRKS, die Studie „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989“ der Öffentlichkeit.

Als dunklen Teil der Wiener Psychiatriegeschichte bezeichnete Stadträtin Sandra Frauenberger die Ergebnisse, die die Studie ans Licht gebracht hatte. Das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, kurz IRKS, hatte im Auftrag des Wiener Krankenanstaltenverbundes den Pavillon 15 der Heil- und Pflegeanstalt am ehemaligen Steinhof, jetzt Psychiatrisches Krankenhaus Baumgartner Höhe und die sogenannte Rett-Klinik am Rosenhügel untersucht.

Ziel der Studie war es, die medizinische Behandlungspraxis und die pflegerische sowie psychosoziale Betreuungssituation zu erheben. Datengrundlage der Studie waren unter anderem Krankenakten, Personalakten, Gerichtsakten sowie zahlreiche Interviews mit Betroffenen, Angehörigen, Zeitzeugen und medizinischem Personal.

Völlig inadäquate Zustände

Inadäquate Zustände herrschten im Pavillon 15 des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe. Im Untersuchungszeitraum beherbergte er zwischen 600 und 700 Kinder und Jugendliche. Diese wurden entweder von Angehörigen eingewiesen oder von anderen Anstalten, sozusagen als Endstation, an Pavillon 15 überwiesen.

Die Liste von Menschenrechtsverletzungen und Gewaltakten an den untergebrachten Personen ist lang und reicht von massiver Vernachlässigung bis hin zu direkt ausgeübter Gewalt. So waren die Kinder den Großteil der Zeit sich selbst überlassen. Jegliche Form von menschlicher Zuneigung wurde ihnen entzogen.

Daraufhin entwickelten sich massive psychische Schädigungen, die aber nur als Symptom ihrer Behinderung abgetan wurden. In einem Stockwerk wurde bewusst die Wasserversorgung abgedreht, sodass die Kinder vor Durst aus den Toiletten trinken mussten.

Um die Arbeit für das Personal zu erleichtern, wurden die Kinder fixiert und mit Medikamenten ruhiggestellt, die einfach unter das Essen gemischt wurden. Beim Baden und bei der Nahrungsaufnahme kam es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen des Personals.

Bis in die 1970er Jahre änderte sich nicht wirklich etwas

Wenn man jetzt glaubt, dass diese Zustände nur direkt nach 1945 geherrscht haben, irrt man sich gewaltig. Bis in die 1970er Jahre änderte sich nicht wirklich etwas. Mayrhofer führt dies unter anderem auch darauf zurück, dass es nie einen wirklichen Bruch mit der NS-Zeit gegeben hat.

Der untersuchte Pavillon 15 war in der NS-Zeit Teil der Tötungsmaschinerie des Spiegelgrundes. In ihm wurden die meisten Euthanasiemorde begangen. Nach den Kriegsjahren wurde der Großteil des Personals einfach übernommen und es fand nie eine ideologische und professionelle Aufarbeitung des Geschehenen statt.

Die Ursache für diese schrecklichen Geschehnisse liegen laut Mayrhofer nicht nur in der Institution selbst, sondern sind auch in der zeitgenössischen, gesellschaftlichen Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen begründet.

Diesen wurde damals jegliche Entwicklungsfähigkeit abgesprochen, sie wurden zu Objekten degradiert, generell herrschte ein absoluter Mangel an vernünftigen Versorgungsstrukturen für Menschen mit Behinderungen, was auch erklärt, warum so viele in stationären Einrichtungen landeten.

Förderung und Rehabilitation in der Rett-Klinik?!

Als zweite Einrichtung wurde die Abteilung für „entwicklungsgestörte Kinder“ in der Rett-Klinik erforscht. Diese sollte eigentlich eine Umkehr vom Prinzip der reinen Verwahrung hin zur Förderung und Rehabilitation sein. Doch auch dort herrschten unhaltbare Zustände. Ein großes Problem der Rett-Klinik war ihre starke Abschottung nach außen, die auch die Datenerhebung sehr schwierig machte.

Obwohl die Klinik über ein für damalige Verhältnisse breites Spektrum an medizinischen und therapeutischen Angeboten verfügte, kann auch hier von menschenwürdigen Verhältnissen nicht die Rede sein. So übertrug Klinikvorstand Andreas Rett seiner nicht qualifizierten Chefsekräterin auch in medizinischen Angelegenheiten große Entscheidungsgewalt.

Auch hier wurden übermäßig Psychopharmaka und Beruhigungsmittel eingesetzt, um die Bewohnerinnen und Bewohner ruhigzustellen. Zudem wurden nicht zugelassene Medikamente ohne Einverständnis der beteiligten Personen und der Angehörigen getestet.

Besonders gravierend ist auch der Eingriff in die Sexualität und die Fortpflanzung der Bewohnerinnen und Bewohner. Es wurden nicht nur triebunterdrückende Medikamente verabreicht, sondern auch Sterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche an Mädchen durchgeführt. Paradoxerweise waren diese Maßnahmen eine Prävention gegen sexuelle Gewalt, die nur auf die Fortpflanzung reduziert wurde.

Wie geht es weiter?

Auch wenn die Vergangenheit nicht wieder gut gemacht werden kann, soll die Studie nicht nur dazu dienen sich dieser zu stellen, sondern die Ergebnisse sollen, so Stadträtin Frauenberger, eine Grundlage für Schadenersatzklagen bilden.

Zudem ist diese Studie erst der Anfang. Hemma Mayrhofer räumt ein, dass es noch weitere Forschungen, unter anderem auch über andere Einrichtungen, geben wird.

Aus der Studie haben sich einige andere Themenfelder ergeben, die noch erforscht werden müssen, wie zum Beispiel eine Aufarbeitung der Vorgänge in der Ambulanz der Rett-Klinik, der Umgang mit Psychopharmaka, sowie die Verwicklungen von Dr. Andreas Rett mit Dr. Heinrich Gross, der neben seiner tragenden Rolle am Spiegelgrund, Experimente mit den Gehirnen verstorbener Bewohnerinnen und Bewohner durchführte.

Aktuell läuft eine Studie über Gewalt und sexuellen Missbrauch an Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen.

Eine Erhebung der derzeitigen Situation in Einrichtungen erscheint vor dem Hintergrund aktueller Berichte aus Deutschland und Österreich dringend angebracht. Denn aus den Schilderungen der Vergangenheit lassen sich erschreckende Parallelen in die Gegenwart ziehen und es zeigt sich immer wieder, dass die Sünden der Vergangenheit noch lange nicht der Vergangenheit angehören.

Katja Geiger, Sandra Frauenberger, Hemma Mayrhofer, Walter Hammerschick
PID/Kromus
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2 Kommentare

  • Und genau diese Linken, die diese schlimmen Ereignisse völlig zurecht anprangern – in dieser Hinsicht fühlen sie wie jeder normale Mensch – betreiben jetzt die Errichtung von Wohnhäusern und die Adaptierung etlicher Jugendstilpavillons für Wohnzwecke. An einen Ort, der im positiven Sinn zum Heilen und Betreuen psychisch Kranker gedacht war. Abgesehen davon, dass es einen massiven Eingriff in die Umwelt bedeutet, weil unzählige alte Bäume am Steinhof bereits gefällt worden sind, wird Otto Wagners Jugendstilensemble seiner Vorsehung beraubt. Dieses wunderschöne aber schwer geprüfte Areal gehört für medizinische Zwecke und nicht für die linke Schickeria, die es entweiht. Aus Ehrfurcht vor allen Kindern vom Spiegelgrund und sonstigen an schrecklichen psychischen Krankheiten gelitten habenden Erwachsenen, die im OWS-Steinhof gewesen sind, wollen die Wohnungsanwärter sicher nicht hinziehen. Im April 2017 beginnt GESIBA (99,.. % Gemeinde Wien) mit dem Bau von vier „Türmchen“ unmittelbar neben der Pathologie, wo bis 2002 Überreste der Kinder vom Spiegelgrund gelagert waren bevor sie endlich am Zentralfriedhof bestattet wurden.
    Dafür sollte es nichts anderes als Verachtung geben.