„Eine Schule für Alle!?“

Stellungnahme des Vereins "Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien" zum Interview "Integration - nicht um jeden Preis" mit der Behindertensprecherin Mag.a Helene Jarmer.

Integration Wien
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„Das Interview mit dem Titel ‚Integration – nicht um jeden Preis‚ erinnert stark an ideologisch geführte Diskussionen in den 1980er Jahren. In diesen wurde die Frage gestellt, ob die schulische Integration von Kindern mit Behinderungen überhaupt möglich und sinnvoll ist und wenn ja, welche Kinder mit Behinderungen können integriert werden.

Dennoch waren zu diesem Zeitpunkt insbesondere Eltern von Kindern mit Behinderungen davon überzeugt, dass das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von Kindern mit und ohne Behinderungen, eine unabdingbare Voraussetzung für alle weiterführenden Angebote im nachschulischen Bereich ist und einen elementaren Beitrag für das gesamte Leben von Menschen mit Behinderung leistet.

So war auch der massive Einsatz der Eltern ein wesentlicher Bestandteil bei der Schaffung von gesetzlichen Bestimmungen für die schulische Integration im Pflichtschulbereich in Österreich. Eltern haben seit den Jahren 1993 (15. SchOG-Novelle) sowie 1996 (17. SchOG-Novelle) das Recht zwischen dem Besuch einer Volksschule, einer AHS-Unterstufe, einer Hauptschule, einer Mittelschule oder einer Sonderschule für ihr Kind – unabhängig von Art und Schweregrad der Behinderung – zu wählen“ führt Fritz Neumayer, Vorstandsmitglied des Vereins „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen – Integration Wien“, an.

„Wir sind verwundert, dass gegenwärtig noch immer von einer Behindertensprecherin der Standpunkt vertreten wird, „Integration – nicht um jeden Preis.“ Faktoren wie Entscheidungen und Versäumnisse der Bildungspolitik, Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern und dort wiederum in den Regionen, fehlende Ressourcen, u.a. die die derzeitige Umsetzung der schulischen Integration fördern und/oder hemmen, werden von der Behindertensprecherin Mag.a Helene Jarmer unzureichend berücksichtigt und auch nicht thematisiert“, setzt Fritz Neumayer fort.

„Dadurch scheint die Aufrechterhaltung von Sonderschulen für bestimmte Gruppen von Kindern mit Behinderungen – nach wie vor – legitimiert. Versäumnisse der österreichischen Bildungspolitik werden an Kindern mit Behinderungen festgemacht, anstatt Barrieren zu berücksichtigen, die im derzeitigen Umfeld sowie im System liegen und somit auch die individuelle Teilhabe verhindern“, zeigt sich Fritz Neumayer empört.

Dass Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen im Lebensbereich Schule mit einer Vielzahl von Barrieren, Diskriminierungen und Vorurteilen konfrontiert sind, zeigen die jahrelangen Erfahrungen der Beratungsstelle für (Vor-) Schulische Integration des Vereins Integration Wien.

Eltern von Kindern mit Behinderungen müssen häufig selbst aktiv werden, um eine Integration im schulischen Bereich ihrer Kinder einzufordern und umzusetzen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt gesetzliche Grundlagen zur schulischen Integration auf der neunten Pflichtschulstufe und auf der Sekundarstufe II fehlen. Diese werden seit dem Jahr 2002 unermüdlich eingefordert.

„Die eigentliche Frage um die es im Schulsystem ganz allgemein und auch in dem Schwerpunkt in der Furche geht, ist nicht die Frage, ob die Integrationsklassen oder die Sonderschulklassen besser funktionieren. Die eigentliche Frage lautet: Gibt es ein Schulsystem, in dem ALLE Schüler/innen einen Platz haben und dort gemeinsam lernen und teilhaben können? Kann und soll ein Schulsystem dieser Art in Österreich etabliert werden?“ so Fritz Neumayer.

Fritz Neumayer weist darauf hin, „dass insbesondere für Kinder mit Sonderpädagogischem Förderbedarf und mit Behinderung die Bildungseinrichtung Schule zumeist der einzige Ort ist, um qualitätsvolle Bildung zu erhalten. Bildung ist zum einen die Voraussetzung für eine qualifizierte Erwerbsarbeit und somit für die Beteiligung am Lebensbereich Arbeit. Zum anderen vermittelt diese soziale und lebenspraktische Kompetenzen, die wiederum Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung sind.

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Qualität von schulischer Bildung für alle Kinder und Jugendlichen deutlich.“ Dieser Aspekt wird auch im Artikel 24 „Bildung“ in der UN-Konvention „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ die die Bundesrepublik Österreich einschließlich des fakultativen Zusatzprotokolls durch das österreichische Parlament im Jahr 2008, ratifiziert hat, deutlich.

Dort heißt es: „(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen.“

Auch im Bildungsprogramm der Partei „Die Grünen“ (2009, 5) wird die Chancengleichheit von allen Kindern hervorgehoben. „Es wird deutlich, dass es bei Inklusion um eine Bildung aller Kinder und Jugendlicher in einer Schule für alle geht“ führt Fritz Neumayer an.

Dieser Grundsatz wird auch im Bildungsprogramm „Die Grünen“ (2009, 12; Hervorhebung im Original) hervorgehoben, und lautet: „An die Stelle des gegenwärtigen Systems von Volks-, Haupt- und Sonderschulen sowie gymnasialen Unterstufen gehört eine gemeinsame Schule aller Sechs- bis Vierzehnjährigen. Sie ist als differenzierte Gesamtschule mit individueller Förderung und mit einem Ganztagsangebot zu führen. Dies wäre ein weiterer entscheidender Schritt zur Beseitigung Ungleichheiten, die Kinder sonst von zuhause mitbringen. Denn es bietet breitgefächerte Möglichkeiten, Begabungen zu fördern und Lerndefiziten individuell zu begegnen … .“

„Entgegen dem Bildungsprogramm der Grünen trifft Helene Jarmer die Aussage ‚Integration – nicht um jeden Preis.’ Aus unserer Sicht impliziert diese Aussage, dass sich Kinder nach wie vor dem Schulsystem anpassen müssen. Können sich Kinder dem Schulsystem nicht anpassen – und das trifft auf immer mehr Kinder zu – dann findet neben der ohnehin schon bestehenden Selektion, die das österreichische Schulsystem unmittelbar mit sich bringt, eine zusätzliche Selektion in das Sonderschulsystem statt“ merkt Fritz Neumayer kritisch an.

„Dadurch wird weiterhin die Aufrechterhaltung des Sonderschulsystems gerechtfertigt und somit auch legitimiert. Es dürfte nach wie vor ‚normal sein’, bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung auszugliedern, sodass diese auch lernen und gefördert werden können. Bestehende Barrieren, die im derzeitigen Umfeld sowie im System liegen und somit auch die individuelle Teilhabe verhindern bzw. wiederum zu einer Behinderung führen, werden völlig außer Acht gelassen. Der Verein Integration Wien empfindet die Aussagen – aus Sicht einer Behindertensprecherin – als äußerst kontraproduktiv, da damit die ohnehin so polarisiert geführte Diskussion zum Thema ‚Eine Schule für alle?!’ noch zunehmend verstärkt wird“, so Fritz Neumayer.

„In Anlehnung an die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen (1948), die UN-Konvention über die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (1989), den Artikel 7 des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes (1997) sowie die die UN-Konvention über die Recht von Menschen mit Behinderung (2008) muss das oberste Ziel der österreichischen Bundesregierung eine Schule für alle bzw. muss ein rascher Umbau des Schulsystems gemäß der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einer inklusiven Schule erfolgen. Dieses Ziel wird vom Verein ‚Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen – Integration Wien’ weiterhin kompromisslos gefordert“, so Fritz Neumayer.

Die gesamte Stellungnahme (Stand: 19.10.2009) des Vereins ‚Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen – Integration Wien’ zum Interview mit Mag.a Helene Jarmer zum Thema „Integration – nicht um jeden Preis“ ist unter zu finden.

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0 Kommentare

  • Sehr geschätzte LeserInnen des Bizeps-Info!

    Ich möchte mich für Ihre Rückmeldungen zu meinem Furche-Interview bedanken. Jeder Mensch braucht Rückmeldungen, vor allem dann, wenn diese sachlich und konstruktiv gehalten sind, natürlich auch ich. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Position zu verdeutlichen.

    Ich strebe im Bildungsbereich für behinderte Menschen selbstverständlich Inklusion an, also den integrativen Unterricht für alle Kinder. Das habe ich immer so vertreten. Dabei ist die Gruppeninklusion der Inklusion einzelner Kinder in bestimmten Fällen vorzuziehen.

    Wer die aktuelle Situation ehrlich bewertet, muss aber wohl zugeben, dass die Rahmenbedingungen für inklusiven Unterricht oft weit von der Verwirklichung optimaler Bildungschancen entfernt sind.

    Bei gehörlosen Kindern führt die Einzelintegration oft zu sozialer Ausgrenzung. (siehe dazu cheers-studie, 2005 von Dr. Fellinger, Dr. Holzinger) Selbst bei durchgehender Anwesenheit einer Gebärdensprachdolemetischerin oder eines Gebärdensprachdolmetscher kann nur über einen Erwachsenen kommuniziert werden. Würde eine solche Einschränkung bei hörenden Kindern akzeptiert werden?

    Eine Einzelintegration gehörloser Kinder ohne durchgehende Übersetzung führt dazu, dass die intellektuellen Potentiale der Kinder nicht genutzt werden.

    Ich halte in der Politik grundsätzlich wenig von Schwarz-Weiß-Malerei. Ich trete für den Anspruch auf optimale Bildungschancen für alle Kinder ein, egal für welchen Weg sie bzw. ihre Eltern sich entscheiden.

    Gerne stehe ich für ein Gespräch zur Verfügung!

  • @Andreas Oechsner
    Haben Sie den Beitrag des Users „Anonym“ schon gelesen? Ich erachte das jetzt schon als eine Unart, die überall in den Foren zu beobachten ist, wie schnell der Begriff „Gutmenschen“ als Sammelbegriff für alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht, diskriminierend verwendet wird. Ich bin sehr froh und dankbar für diese Familie von Anonym, dass es da eine so starke Mutter gab, die trotz dieser schweren Beeinträchtigung ihres Kindes dennoch unermüdlich das richtige Ziel verfolgt hat. Der Erfolg kann sich doch sehen lassen oder nicht? Ein glücklicher Mensch, der einen hoch qualifizierten Beruf ergreifen, der mit seinem Bruder lachen kann und der ein erfülltes Leben führt.
    Und genau deshalb erachte ich die Äusserungen von Frau Jarmer als kontraproduktiv.

  • Ich kann zu dieser Diskussion nur meine persönliche Erfahrung beisteuern: mein Bruder, heute 18 Jahre, leidet an frühkindlichem Autismus. Er konnte bis zu seinem 5 Lj nicht sprechen und litt an massiven Wahrnehmungsstörungen. Trotzdem hatte meine Mutter gemeinsam mit dem Leiter des SPZ durchgesetzt, dass eine Integration durchgeführt wird…heute besucht er eine Fachschule für Maschinenbau und ist ein sehr guter Schüler. Er hat gelernt seine Ängste zu beherrschen und wird ein eigenständiges Leben führen können. Ich bin mir sicher, dies wäre ALLES nicht möglich gewesen, wenn er eine Sonderschule besucht hätte. Durch die Beschulung in der Regelschule war es ihm möglich, seine Fähigkeiten optimal zu entwickeln. Essentiell für das Gelingen der Integration sind die entsprechenden Rahmenbedingungen (ausreichendes und qualifiziertes Personal, passende Räumlichkeiten ect.)und die Überzeugung. Meine Mutter war, trotz vieler Rückschläge überzeugt, dass der Weg der Integration der richtige ist. Wenn ich heute mit meinem Bruder gemeinsam lache und mich mit ihm austausche, sind seine Wutausbrüche, Schreiattacken, seine Ängste für mich vergessen…

  • Mich erinnert die Diskussion auch an alte Zeiten. Die Gutmenschen sind für Integration, alle anderen sind für Diskriminierung, Ausgrenzung und auch für Sonderschulen, Differenziert laut Nachdenken streng verboten. Die Ausführungen von Fritz Neubauer sind ja richtig. Aber ist das ein Grund, Helene Jarmer die Grundkompetenz abzusprechen. In ihrem Interview hat sie beide Systeme kritisiert, die integrative Beschulung und die Sonderschule. Statt eine inhaltliche Debatte zu führen, damit die Ziele der UN-Konvention umgesetzt werden, verharrt man wieder in Grabenkämpfe. Meine Informationen nach hat Frau Jarmer mit keiner Silbe den inklusiven Ansatz in Frage gestellt. Offenbar verwechseln einige immer wieder die Inklussion mit der Integration. Der Integrative Weg hat nicht nur Siege davongetragen, sondern auch viel Opfer produziert. Ich glaube, wenn wir eine offene Diskussion führen, ohne Dogmen, werden wir feststellen, das wir garnicht so weit von einander entfernt mit unseren Positionen liegen. Nur, da müssen wir uns im zuhören üben und nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schließen.

  • Ich weiß nicht, ob jemand der an der Diskussion Beteiligten schon eine Basale Klasse einer Sonderschule für Kinder mit mehrfacher Behinderung besucht hat. Wie soll der Alltag dieser Kinder in einer inklusiven Schule aussehen? Welche Erwerbsarbeit wäre für sie geeignet? (Wenn du bei jeder Grippe um das Leben deines Kindes zitterst, klingt manches hier wie der reinste Hohn.) Wenn es gute Konzepte gibt, lasse ich mich gerne belehren. Bis jetzt hört sich das aber alles sehr verschwommen an und – mit Verlaub – manchmal recht dogmatisch.

  • @Ilse Weidner: Helene Jarmers Funktion bei den Grünen ist für die Arbeit in Behindertenbewegung wahrlich ein Schlag ins Gesicht. Insbesonders das Bemühen um ein inklusives Bildungssystem ist vor dem Hintergrund dieser unqualifizierten Aussagen gefährdet und deckt sich noch nicht mal mit dem Bildungsprogramm der Grünen. Erschwerend kommt hinzu, dass Frau Jarmer in der Politik und Öffentlichkeit als Selbstvertreterin auftritt, ohne je Berührungspunkte mit der hiesigen Behindertenbewegung gehabt zu haben.
    So ist es, wie Sie es sagen: Man sollte stets prüfen, ob man ein Selbstvertreter bzw. -darsteller ist oder ob man einer wichtigen Sache, fernab von eigenen Befindlichkeiten und Erfahrungen, dienlich zu sein hat.

  • Als jemand der im Bildungsbereich arbeitet und in den letzten Jahren auch verstärkt mit Studierenden zu tun hatte, die gehörlos/schwer hörend sind kann ich mich über die Aussagen von Frau Jarmer nur wundern. Ich kann mich nur der Ausage von Herrn Ladstätter anschließen, dass es bei dem was Frau Jarmer sagt, nur in zweiter Linie um ihre persönlichen Erfahrungen geht, in erster Linie sind ihre Aussagen als Behindersprecherin der Grünen zu werten und als solche sind sie eine Skandal. Éin Bildungssystem muss vom Kindergarten bis zur Universität so gestaltet sein, dass es für alle zugänglich ist. Wenn dies nicht gelingt, dann liegt das am System und nicht an einzelenen Personen oder bestimmten Personengruppen

  • Ich hoffe, hier niemanden persönlich nahe zu treten. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass nur das herausgelesen wird was man herauslesen möchte. Ich zitiere von Fr. Jarmer: „Man muss Angebote an Zielgruppen anpassen und individuell entscheiden, in welche Schule ein Kind geht. Je mehr Angebote, umso besser.“ Das ist doch die Kernaussage in dem Interview. Als betroffener Vater sehe ich es auch so. Das zentrale Thema ist nicht Integrationsklasse oder „Sonderschule“. Jede Pauschalaussage ist schon aus Prinzip immer falsch. Wichtig sind nur die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes und die Vorstellungen der Eltern als Verantwortliche. Die Schulform ist nur das Werkzeug dafür und daher möchte ich das beste Werkzeug für mein Kind auswählen können. Wir haben selbst 2 Jahre für eine passende Schulform gekämpft (und sie auch bekommen).

  • Ich hoffe, hier niemanden persönlich nahe zu treten. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass nur das herausgelesen wird was man herauslesen möchte. Ich zitiere von Fr. Jarmer: „Man muss Angebote an Zielgruppen anpassen und individuell entscheiden, in welche Schule ein Kind geht. Je mehr Angebote, umso besser.“ Das ist doch die Kernaussage in dem Interview. Als betroffener Vater sehe ich es auch so. Das zentrale Thema ist nicht Integrationsklasse oder „Sonderschule“. Jede Pauschalaussage ist schon aus Prinzip immer falsch. Wichtig sind nur die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes und die Vorstellungen der Eltern als Verantwortliche. Die Schulform ist nur das Werkzeug dafür und daher möchte ich das beste Werkzeug für mein Kind auswählen können. Wir haben selbst 2 Jahre für eine passende Schulform gekämpft (und sie auch bekommen).

  • @Karin Kestner: Ihr Hinweis bezüglich der Beschäftigung mit der Gehörlosen-Kultur ist wichtig und richtig. Ich habe in den letzten 10 Jahren viel in diesem Bereich lernen dürfen. Aber ich sag es ganz offen: Hier ist er unzutreffend.

    Es geht hier nur sekundär darum was Helene Jarmer als gehörlose Frau selbst erfahren hat und daher so sieht. Es geht primär darum war Jarmer als grüne Abgeordnete und Behindertensprecherin ihrer Partei vertritt und fordert. Und das ist – mit Verlaub – in diesem Punkt ein Zumutung.

  • Ich bin schon lang für eine gemeinsame Schule von Behinderten und Nichtbehinderten. Das man als Behinderter immer auf dem 2. Geleise fahren muss und wenn möglich eine Sonderschule Besuchen muss, obwohl man die Fähigkeit hätte für eine höhere Schulbildung. Es klingt unglaubwürdig, aber einer guten Freundin von mir die im Rollstuhl sitzt wäre das so gegangen. Hätten sich die Eltern nicht so stark eingesetzt, sie hätte nie die Möglichkeit gehabt auf eine gerechte Schulbildung!

  • Bitte versuchen Sie sich mit der Gehörlosen-Kultur zu beschäftigen, Sie werden dann die Aussagen von Frau Jarmer viel besser verstehen. Der geschichtliche Hintergrund muss verstanden werden, dann verstehen Sie auch die Botschaft.
    Ich bin der Meinung, dass es nicht nur wichtig ist, was gesagt wurde, sondern auch warum es gesagt wurde!
    Wie ich unten schrieb, ich bin nun auch der Meinung, dass gl Kinder in der Regelschule besser aufgehoben sind, aber es gibt gute Gründe für Frau Jarmer für die Kulturstätte der Gehörlosen (die GL-Schule) zu sprechen. Man muss sich doch etwas mehr mit Gehörlosen und deren Geschichte auseinandergesetzt haben, um urteilen zu können.

    Für mich ist Frau Jarmer weiter ein großes Vorbild und ich ziehe den Hut vor ihr. Viele Grüße Karin Kestner

  • Finde gut, dass Integration Wien die katastrophalen und in sich widersinnigen Aussagen von Jarmer so qualifiziert kommentiert hat. Ich wollte in meinem ersten Ärger über so viel Aussonderndes einen Kommentar schreiben, warum sie nicht einerseits Inclusion fordern kann (was sie ja macht) und andererseits für die Aussonderung eintritt.

    Gut, dass ich meinen Kommentar (noch) nicht geschrieben habe. Ich muss mal meine Verärgerung verrauchen lassen, um einen Anlauf für eine Replik an Jarmer zu schreiben.

  • Ich bin aus Deutschland und auch hier haben wir die gleiche Diskussion.
    Zur Erklärung: Bisher sahen die Gehörlosen die Gehörlosenschulen als Stätte der Kultur, also als Stätte, in denen gehörlose Kinder ihre Sprache und Kultur weiterverbreiten konnten. Die Kinder durften zwar nicht im Unterricht gebärden, aber auf dem Schulhof taten sie genau das. Die gehörlosen Kinder gehörloser Eltern gaben ihr Wissen um die Gehörlosenkultur weiter und auch die Gebärdensprache wurde an die meist weniger gebärdenden gl Kinder von hörenden Eltern weitergegeben. Deswegen wird auch hier in Deutschland noch nicht vollständig von den Gehörlosenschulen abgerückt.
    Inzwischen ist es aber so, dass gerade in den Gehörlosenschulen immer weniger gebärdet wird und die voll – DGS sprachigen gehörlosen Kinder sich mit Dolmetschern in den Regelschulen bilden lassen, denn das Niveau der Gehörlosenschulen ist meist sehr schlecht ist und die Gesetze geben es jetzt her. (Recht auf Dolmetscher im Unterricht)

    Um die Kultur der Gehörlosen weiterleben zu lassen, die wichtig für Identitätsbildung ist, brauchen die Kinder aber auch Vorbilder (größere Kinder oder gl Lehrer) – wenn alle verstreut sind, kaum möglich??
    Früher dachte ich auch, dass deswegen die Gehörlosenschulen erhalten bleiben müssten. Heute (wegen der Entwicklung) sehe ich es anders. Besser mit Dolmetscher viel Wissen/Bildung sammeln und nachmittags oder am Wochenende unter anderen Gehörlosen einen kulturellen Austausch haben.

  • Auf die Gefahr hin erdrosselt zu werden: Ich bin vollblind, und war von 1991 bis 2004 ausschließlich in normalen Schulen. Zusätzlich habe ich aus Interesse ein paar Mal das Blindeninstitut in Wien besucht. Zweifellos hat mir die Integration viele Möglichkeiten geboten, allerdings muss auch ein sehr hoher Preis dafür bezahlt werden. (Hohe Zeitinvestition zum Aufbereiten von Material und zur Erlernung der technischen Hilfsmittel). Zweifellos habe ich in der Schule sehr viel an Wissen und Förderungen vermittelt bekommen, für was ich auch sehr dankbar bin. lPF und Mobilität sind dabei allerdings etwas auf der Strecke geblieben, und ich wüßte, speziell bei der vielen Zeit und Energie die zur Absolvierung der Handelsakkademie (1999 bis 2004) notwendig war auch nicht, wo ich das hätte unterbringen sollen.
    Mein Glück war weiters, dass ich direkt im klagenfurter Stadtzentrum wohnte und deshalb alles sprichwörtlich vor der Nase hatte. Ich weiß jedoch von Fällen, bei denen die Organisation aufgrund der Wohnlage um einiges schwerer war/ist.
    Mein persönliches Fazit: Ich bin froh eine normale Schule absolviert zu haben, weil sie mir die Möglichkeit der Matura geboten hat. Müßte ich mit meinem heutigen Wissen noch einmal wählen würde ich jedoch, sofern dies Österreichern finanziell möglich ist, den linguistischen zweig der BLISTA in Marburg besuchen wollen.
    Ich bin der festen Überzeugung, dass in JEDEM Fall einzeln abgewogen werden muss, was besser ist. Um alles auszuführen, was mir hierfür berichtenswert erschiene reichen die 2000 Zeichen des Forums leider bei weitem nicht aus.

  • Helene Jarmers Funktion bei den Grünen ist für die Arbeit in Behindertenbewegung wahrlich ein Schlag ins Gesicht. Insbesonders das Bemühen um ein inklusives Bildungssystem ist vor dem Hintergrund dieser unqualifizierten Aussagen gefährdet und deckt sich noch nicht mal mit dem Bildungsprogramm der Grünen. Erschwerend kommt hinzu, dass Frau Jarmer in der Politik und Öffentlichkeit als Selbstvertreterin auftritt, ohne je Berührungspunkte mit der hiesigen Behindertenbewegung gehabt zu haben.
    Es bleibt zu hoffen, dass Frau Jarmers politisches Ungeschick und ihre fachliche Inkompetenz möglischt rasch erkannt wird, ehe sie noch weiter Schaden anrichtet.