Eine typische Alltags-Odyssee

Was bedarf es, um im 21. Jahrhundert beinahe eine Odyssee zu erleben? Nicht viel: Ein Rollstuhl genügt vollkommen.

CripplePride
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Der Youtube-Kanal von CripplePride zeigt in diesem rund 8 Minuten langen Video, mit welchen Problemen eine Rollstuhlfahrerin und ihre Persönliche Assistentin bei der Zug-Fahrt in der Schweiz konfrontiert werden.

„In vielen Sprachen ist der Begriff ‚Odyssee‘ zu einem Synonym für lange Irrfahrten geworden“, ist Wikipedia zu entnehmen.

Dies ist nicht unpassend, wie das folgende Video zeigt.

Transkription

Wir befinden uns an einer Bushaltestelle in Zürich. Die persönliche Assistentin von Frau Iser führt gerade ein Telefonat mit dem „Call Center Handicap“ der SBB in Brig.



Assistentin: „Die S-Bahn 12 ist ein Niederfluhr-Zug? … Das ist gut, super, danke. Merci, auf Wiederhören.“



Der Bus kommt an, die Busfahrerin klappt die Rampe aus.



Busfahrerin: „Wo müssen Sie raus?“



Assistentin: „Beim Bahnhof Zürich-Altstetten.“



Wir befinden uns im Bahnhof Zürich-Altstetten, wo gerade die S12 ankommt – Es ist kein Niederfluhr-Zug. Drei unüberwindbare Stufen führen hinein.



Assistentin: „Ich rufe jetzt nochmal an. Das sollen die jetzt gerade biegen.“



Assistentin am Telefon: „Also ich weiss nicht, ich hab zwei, drei Mal nachgefragt: Ist es wirklich ein Niederfluhr-Zug? Und ihre Mitarbeiterin hat gesagt: Ja, man kann rein und raus fahren. Also das geht nicht! Wenn man schon extra nachfragt. Wir haben uns auch extra an diese Stunde gehalten, für den Fall, dass wir Einstiegshilfe gebraucht hätten. … Ja, natürlich, aber das geht halt einfach nicht. Ich meine, Zeit ist ja nicht gratis.“



Assistentin zu Frau Iser: „Hey, aber so mühsam!“



Frau Iser: „Das passiert nun mal. Bei der SBB, VBZ… Scheisse nochmal.“



Assistentin: „Aber was schauen die denn nach?“



Frau Iser: „Die sind einfach doof. Die sind einfach nur doof und unqualifiziert.“



Assistentin: „Also, wir haben erst in 20 Minuten wieder einen Zug.“



Wir verlassen das Perron, und gehen im Café beim Bahnhof etwas trinken. 20 Minuten später gehts wieder aufs Perron. Der Zug fährt ein.



Assistentin: „Nein! Nein, ich glaube es nicht!“



Frau Iser hält sich die Hand vor den Mund und fängt an zu lachen. Auch dieser Zug hat eine Stufe, die auch noch einen grossen Abstand zum Perron-Rand hat. Zum Glück ist aber ein Zugbegleiter dabei, der den mechanischen Rollstuhllift bereit macht. Der Lift bewegt sich in ruckartigen Bewegungen nach oben. Frau Iser wird durchgeschüttelt.



Zugbegleiter: „Wir haben so eine Faltrampe. Ginge das wohl fürs Aussteigen?“



Assistentin: „Faltrampe? Was ist das?“



Zugbegleiter: „Die ist dann halt schräg.“



Wir sind jetzt im fahrenden Zug.



Frau Iser: „Diese… „Faltrampe“ die ist vielleicht einen Meter fünfzig lang.“



Assistentin: „Wir müssen schauen… Wenns nicht zu hoch ist… Wir schauen mal wie es aussieht. Sonst brauchen wir wieder diesen Lift… Man muss ja fast ein schlechtes Gewissen haben …“



Kameramann: „Ich hätte gar kein schlechtes Gewissen, nein nein.“



Assistentin: „Nein, weisst du, weil die Leute jetzt noch zu spät kommen.“



Kameramann: „Ich finde der Staat muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er nicht fähig ist, seine Infrastruktur allen zugänglich zu machen. Schliesslich zahlen wir ja alle Steuern.“



Frau Iser: „Ja schon, aber am Ende vermittelt man uns das Gefühl, wir müssten uns entschuldigen.“



Der Zug ist in Dietikon angekommen, der Zugbegleiter platziert die vielleicht einen Meter lange, wackelige Faltrampe. Am Busbahnhof Dietikon angekommen, muss die Assistentin zuerst wieder telefonisch nachfragen, ob der kommende Bus eine Rampe hat. Der Bus kommt an. Er verfügt über keine integrierte Rampe und der Fahrer hat die mobile Rampe vergessen.



Assistentin (zum Busfahrer): „Was? Sie haben die Rampe nicht dabei?“



Frau Iser muss von den beiden umständlich in den Bus getragen werden. Wir sind im Industriegebiet von Dietikon angekommen. Wir nähern uns der Digitec, dem Ziel der Reise. Vor dem Eingang befinden sich fünf Treppenstufen. Die Assistentin betritt das Gebäude, um nach ein paar Helfern zu suchen, die Frau Iser hochtragen können. Frau Iser fährt ins Bild, nimmt schmunzelnd ihre Sonnenbrille ab und wirft der Kamera einen Blick zu, als wolle sie sagen: „War ja klar.“

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0 Kommentare

  • danke für diesen kurzfilm, der sehr eindrucksvoll zeigt, was tagtäglich jedem/jeder rollstuhlfahrerIn passieren kann. das selbe könnte so auch in salzburg passiert sein, wo dann oftmals auch noch regen oder starkregen mit im spiel ist …
    auch hier muss man als rollstuhlfahrerIn vorab telefonisch abfragen, ob denn ein niederflurbus bzw. ein bus mit rampe auf der gewünschten linie im einsatz ist und wann dieser kommt, wenn man sicher gehen will, dass am selben tag überhaupt noch einer mit rampe kommt! man kann zb auch nicht vorplanen und über internet oder handy über die homepage selbst abfragen, da dieser service immer noch nicht angeboten wird. vielleicht deshalb nicht, weil bald alle busse mit rampe ausgestattet sind??? ich denke nicht wirklich, dass das der grund ist!
    in meinem fall kann ich sagen, dass ich seit vielen jahren auch steuerzahlerIn bin und mir erwarte, dass ich nicht bei jeder busfahrt so einen aufwand treiben muss.

  • Solche Action gibt es immer auch noch in Österreich, wenn eineR eine Reise tut.

  • Ich lebe in Zürich und kenne das Problem selbst. Es ist aber mit anderen Städten verglichen noch am Behindertenfreundlichsten hier zu leben. Ich persönlich habe mir nun angewöhnt, wenn ich Reise das ich ohne Rollstuhl dafür mit dem Skateboard unterwegs sein werde. In meiner Situation ohne Beine kommt man schneller vorwärts. Ich hoffe einfach generell, das für Rolliahrer in Zukunft einiges Getan wird und zwar International und dort nicht an Kosten gesparrt wird!

  • Danke für die Verbreitung.