Einkaufstour – Der Charme von Alternativen

In unmittelbarer Nähe unserer Wiener Wohnung befindet sich eine größere Filiale von Billa plus (früher Merkurmarkt). Mit einem Cityshopper bewaffnet, haben mein sehbehinderter Mann und ich (blind) dort seit Jahren eingekauft.

Regale voller Waren im Supermarkt
Squirrel_photos / pixabay

Zu unserer Ausrüstung gehört u.a. eine stark vergrößernde Lupe für meinen Mann und für mich das iPhone, mit dessen Hilfe ich die Barcodes der Waren auslesen kann. Wenn wir etwas nicht finden konnten, suchten wir uns beim Personal Unterstützung, und auch so manche Kundschaft half bereitwillig weiter.

Ich vermute, dass wir häufig doppelt oder dreimal so lange brauchen wie jemand, der die Aufschriften auf Waren ohne Hilfsmittel lesen und so manche Verpackung schon von weitem erkennen kann. Deshalb kamen wir rasch überein, uns vorrangig auf die wirklich benötigten Produkte zu konzentrieren und abzubrechen, wenn wir den Einkauf als belastend zu empfinden begannen.

Deshalb kam es auch schon vor, dass wir mehrmals in der Woche den nahen Supermarkt aufsuchten, um das eine oder andere Mal auch etwas in den Regalen zu stöbern. Man möchte schließlich auch das Warenangebot besser kennen lernen.

… Und dann kam die Pandemie

Quasi über Nacht befanden wir uns im ersten Lockdown. Wir zogen uns aufs Land zurück und wurden anfangs von der Schwiegertochter unserer Freundin mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen versorgt, weil seitens der Regierung die Empfehlung abgegeben worden war, dass Menschen über 60 möglichst zu Hause bleiben sollten.

In dieser Zeit gewöhnte ich mir an, den Speiseplan für eine ganze Woche vorauszuplanen, um die angebotene Einkaufshilfe der berufstätigen Mutter zweier Kinder nicht öfter als nötig in Anspruch nehmen zu müssen. Da wir zu den „Alten“ zählten, sollten wir ja das Haus nur für einen Spaziergang verlassen und Kontakte so gut es ging vermeiden, was in ländlicher Umgebung übrigens deutlich einfacher ist als in der Großstadt. Rasch lernten wir den Vorteil des Landlebens zu schätzen.

Als wir nach drei Monaten wieder nach Wien kamen, gab es die Maskenpflicht und Abstandsregelungen. Die aufgemalten Bodenmarkierungen im Supermarkt konnten wir nicht erkennen und kamen anderen Kunden oft ziemlich nahe, wofür wir uns entschuldigten – und uns reichlich unwohl fühlten. Dazu kam, dass auch andere unter dieser Verunsicherung litten und wir oft länger suchen mussten, um überhaupt Hilfe zu erhalten. Das galt sowohl für Personal als auch für Kunden.

Abgewiesen wurden wir jedoch nie, was anderen leider passierte. Wie uns Bekannte berichteten, weigerte sich in einer Spar-Filiale in Wien das Personal auf Anordnung des Filialleiters, blinde Menschen zu bedienen und verwies dabei auf die geltende Abstandsregelung.

Beim Einkauf im Supermarkt blieb mir auf der Suche nach dem richtigen Produkt mitunter nichts anderes übrig, als in den Regalen die Verpackungen abzutasten und herauszunehmen, um den Barcode mit meinem iPhone zu scannen. Die sicher nicht für meine Ohren bestimmte (und vermutlich auch nicht böse gemeinte) Bemerkung einer jungen Frau, sie fände es unerhört, dass jemand in Zeiten der Pandemie die Produkte in den Regalen anfasst, steigerte mein Unbehagen noch mehr und machte mich beinahe aggressiv.

Ich befühlte die Waren ja aus Notwendigkeit, und sie waren alle verpackt! Solche Erlebnisse hatten zur Folge, dass wir vor jedem Einkauf zu überlegen begannen, ob wir wirklich etwas brauchten. Spontane Einkäufe gehörten plötzlich der Vergangenheit an. Dem Geldbeutel tat es gut, unserem Wohlbefinden jedoch weniger. Was früher eingespielte Routine war, hatte sich irgendwie zu einer stressbehafteten Pflichtübung entwickelt.

Das war vor mehr als einem Jahr.

Ein neues Stück Freiheit

Abgesehen von einigen Online-Bestellungen bei einem Großversand hatte ich mich bis dahin kaum mit der Möglichkeit von Online-Bestellungen befasst, fand es aber angesichts meines Unbehagens vor jedem Einkauf an der Zeit, mich damit endlich auseinander zu setzen.

Die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Haushaltsbedarf gehört schließlich zu den Grundbedürfnissen und ist daher nicht aufschiebbar oder vermeidbar wie etwa der Kauf von Kleidung.

Nach etwas Recherche stellte ich fest, dass Billa so gut wie ganz Österreich beliefert; in so kleinen Ortschaften wie der unseren allerdings in eher großen Zeitintervallen.

Ich installierte also die App Billa auf meinem iPhone und stöberte im Warenangebot und quälte mich schließlich durch die Anmeldeprozedur. Obwohl ich mich mit technischen Neuerungen normalerweise nicht schwer tue und ein gutes Stück Neugierde neben der Notwendigkeit meine Motivation anstachelt, waren die ersten beiden Einkäufe ähnlich stressig wie ein Gang zum Supermarkt.

Sehr rasch stellte ich aber fest, wie komfortabel diese Methode ist: Wir ersparen uns eine Menge Schlepperei und vor allem viel Zeit, die wir im Geschäft zum Suchen benötigen. Darüber hinaus kann ich (fast) immer sicher sein, das richtige Produkt im Einkaufskorb zu haben. Waren, die demnächst benötigt werden, kann ich sofort in den Warenkorb legen, damit sie beim nächsten Einkauf nicht vergessen werden.

Schwer auffindbare Produkte oder solche, die wir regelmäßig kaufen, kommen in die Favoritenliste, und einen Einkaufszettel gibt es auch. Abgesehen von der Übergabe der Waren durch den Lieferanten — er stellt die Lieferung einfach in den Vorraum — ist der gesamte Einkauf zudem kontaktfrei und somit pandemiegerecht.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen der Mindestbestellwert pro Einkauf von 40 Euro und die Liefergebühr von 4,99 Euro. Es gibt jedoch auch Zeitfenster mit reduzierter oder gar ohne Liefergebühr. Für Vielbesteller lohnt sich vielleicht der Lieferpass mit einer monatlichen Fixgebühr.

Nach nunmehr einem Jahr hat sich herausgestellt, welche Produkte wir uns liefern lassen und welche wir besser vor Ort einkaufen. Obwohl das Sortiment bei Billa sehr umfangreich ist und auch laufend ergänzt wird, vermissen wir doch das eine oder andere. Obst und Gemüse kaufen wir ebenso lieber vor Ort wie Fleisch, zumal wir einen sehr guten Fleischhauer im Ort haben.

Wir gehen also nach wie vor einmal in der Woche in unsere Spar-Filiale auf dem Land (sowohl Personal als auch Kunden helfen bei Bedarf gern!) oder zu Billa Plus, wenn wir in Wien sind.

Der Einkaufskorb ist inzwischen jedenfalls deutlich leichter und wir verbringen viel weniger Zeit mit Suchen. Auch das Wissen, dass wir weder vom Gang in den Supermarkt noch von fremder Hilfe abhängig einkaufen können, ist sehr beruhigend — vor allem, wenn man an die Zukunft denkt: Man wird schließlich nicht jünger.

Die Situation im Lockdown hat mich jedenfalls gelehrt, wie wichtig es ist, sich mit den unterschiedlichsten Angeboten und Alternativen zu beschäftigen und die eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Eine Wahl zu haben ist ohne Zweifel ein Stück mehr Freiheit, auf das ich nicht mehr verzichten mag.

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2 Kommentare

  • Ich hoffe doch inständigst, dass die Bekannten eine Schlichtung mit Spar eingeleitet und sich ordentlichen Schadenersatz auszahlen ließen. Zudem hoffe ich, dass Sie die diskriminierende Kundschaft auf das diskriminierende Verhalten hingewiesen haben.
    Die Sozialisierung behinderter Personen zielt darauf ab, Barrieren möglichst hinzunehmen und eine Täter-Opfer-Umkehr zu akzeptieren.
    Ich rate Ihnen, schlichten Sie gegen Billa plus und verlangen Sie eine kostenlose Lieferung sowie keinen Mindestbestellwert, Sie müssen als behinderte Kundschaft nicht mehr bezahlen!

  • Ein exzellenter bericht! so werden die digitalen medien für uns behinderte menschen eine unterstützung. ich danke frau papst und wünsche ihr und ihrem mann weiterhin erfolg beim selbstbestimmten leben.