Erschreckend: Der Anteil der SonderschülerInnen steigt

Spätestens seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention sollte es allen klar sein. Der Weg von der Aussonderung hin zur Inklusion ist nun eine gesetzliche Verpflichtung. Aber Österreich ist anders. Ein Kommentar.

Segregationsquotient 1990-2011 (steigt ab 2000)
Flieger, Mag. Petra

Selten legt ein einziges Blatt Papier so schonungslos das Scheitern einer vernünftigen Bildungspolitik in Österreich offen, wie jene nun bekanntgewordenen Berechnungen der Tiroler Sozialwissenschaftlerin Mag.a Petra Flieger.

Seit die Daten veröffentlicht wurden, berichten die Medien gehäuft (ORF, Standard, Kleine Zeitung bzw. Die Presse).

Welches Geheimnis hat die engagierte Wissenschaftlerin gelüftet? Eigentlich keines. Sie hat nur aus offiziellen Zahlen der Statistik Austria errechnet, wie sich die Integration behinderter Schülerinnen und Schüler in Österreich in den letzten 20 Jahren entwickelt hat.

„Die schulische Aussonderung nimmt wieder zu“, erklärt Flieger das Ergebnis ihrer Berechnungen.

Segregationsquotient

Petra Flieger hat den Anteil der SonderschülerInnen zur Gesamtzahlen der Schülerinnen ins Verhältnis gesetzt. Der Anteil – genannt Segregationsquotient – zeigt in Prozent an, wie viele Schülerinnen und Schüler in Sonderschulen unterrichtet werden. (je niedriger die Zahl, umso weniger SchülerInnen sind anteilsmäßig in der Sonderschule)

Anteil der SonderschülerInnen steigt

So banal dies klingt, so erschreckend ist das nun dank der Sozialwissenschaftlerin vorliegende Ergebnis: Der Anteil der SonderschülerInnen steigt in den letzten Jahren kontinuierlich. (Grafik größer)

Wie kam es dazu?

In Österreich ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler von 1990 bis 2000 von rund 742.000 auf 797.000 gestiegen. In diesem Zeitraum gab es anfangs 18.322 SonderschülerInnen – im Jahr 2000 waren es nur mehr 13.602. Dies ist eindeutig ein Erfolg der Integrationsbemühungen dieser Zeit.

Doch dann setzte eine Gegenbewegung des Sonderschulsystems ein. Obwohl die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler von 2000 bis 2010 von 797.000 auf nur mehr 699.000 fiel (das sind 13 % weniger SchülerInnen!) blieb die Zahl der SonderschülerInnen nahezu konstant von 13.602 zu 13.198 im Jahr 2010 (das sind nur 3 % weniger).

Sprich: Die Sonderschule hat sich einfach neue Zielgruppen gesucht – (beispielsweise Kinder mit Migrationshintergrund) und sich damit locker stabilisiert.

„Da konsequent immer mehr SchülerInnen einen sonderpädagogischen Förderbedarf zugeteilt erhalten, können allen kämpferischen Einzelinitiativen für Schulintegration zum Trotz die Sonderschulen laufend mit SchülerInnen befüllt werden“, fasst Mag.a Petra Flieger diesbezüglich die bedenkliche Entwicklung zusammen.

Das Bildungssystem in Österreich bedarf dringend einer Kehrtwendung hin zur Inklusion. Ob diese Kehrtwendung mit der aktuellen Bildungsministerin Dr. Claudia Schmied (SPÖ) gelingen kann, ist fraglich.

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  • Gerhard Lichtenauer

    Für diese Sicherung der „sonderpädagogischen“ Pfründe dürften ökonomistische Gründe der SPZ- Finanzierung maßgeblich sein. Die Gemeinden des Schulsprengels schultern die Kosten der Sonderpädagogischen Zentren unabhängig von deren Auslastung. Zur Beischaffung von frischem „Fördergut“ wird bereits in den Kindergärten nach leichter Beute gepirscht.

  • erwin riess

    mag.a. flieger hat der österreichischen bildungspolitik im behindertenbereich ein katastrophales zeugnis ausgestellt. eine wichtige und notwendige studie, die noch lange wirkung haben wird. gratulation!
    die aalglatte ministerin schmied ist schlimmer noch als ihre fürchterliche vorgängerin aus vorarlberg. schon vor zwei jahren hat schmid die gelder für barrierefreie schulen gestrichen bzw. für andere zwecke verwendet. könnte jemand die beiden behindertensprecher von SPÖ und ÖVP davon informieren, was ihre kollegen im bildungsbereich treiben?