Es geht um Rechte – nicht um Kompromisse

Leserbrief an die BIG Bundesimmobiliengesellschaft m.b.H.

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BIZEPS

Sehr geehrte Redaktion!

In Ihrem Artikel „Ohne Kompromisse geht es nicht“ in der Ausgabe Nr. 9 – Juni 2011 von „BIG BUSINESS“ (Seite 20-25) widmen Sie sich ausführlich dem wichtigen Thema Barrierefreiheit. Bedauerlicherweise finden sich in diesem Beitrag einige Passagen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

Wenn Sie in der Überschrift bereits feststellen, dass es ohne Kompromisse nicht geht und Barrierefreiheit als ein „Zauberwort“ bezeichnen, dann lenken Sie das Thema in eine Richtung, die vielleicht Ihren, jedoch keinesfalls den Intentionen der Betroffenen entspricht.

Bei der Barrierefreiheit geht es nicht um Kompromisse, sondern um die Rechte von Menschen mit Behinderungen und all jener Personengruppen, die ebenfalls durch Barrieren benachteiligt und diskriminiert werden. Barrierefreiheit ist auch kein Zauberwort, sondern es geht hier um unsere Bürgerrechte und die sind unteilbar.

Es geht hier auch nicht um eine „genormte Menschlichkeit“, wie in einer Zwischenüberschrift zu lesen ist, sondern um unser Recht, durch bauliche Barrieren nicht behindert zu werden. Mit so rührseligen Begriffen befördern Sie das Bild vom Menschen mit Behinderung als Empfänger von Almosen und als passives Mitglied der Gesellschaft und treten damit in die Fußstapfen der unseligen Aktion „Licht ins Dunkel“.

Sie schreiben „Bauliche Veränderungen sind nicht explizit erwähnt“ und meinen damit das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) und weiter: „Nichtsdestotrotz sieht die BIG es als ethische Pflicht, ihren Beitrag zur Erreichung der gesetzlichen Vorgaben zu leisten.“

Das klingt zwar sehr altruistisch, ist es aber nicht, denn das Gesetz erwähnt sehr wohl bauliche Veränderungen und zwar definiert es in § 6 Abs. 5 den Begriff Barrierefreiheit und regelt auch insgesamt die Rechtsfolgen von Diskriminierung auf Grund von nicht vorliegender Barrierefreiheit.

Mit Ihrem Beispiel von der Interessenskollision zwischen Rollstuhlbenützern und blinden Menschen eröffnen Sie den Reigen der „geht-nicht-Beispiele“ anstatt von positiven Lösungen zu berichten. Im Übrigen ist das von Ihnen erwähnte angebliche „Problem“ schon längst zur Zufriedenheit beider Gruppen gelöst und zwar z.B.  in Graz: Dort gibt es bereits seit vielen Jahren das sogenannte „Grazer T“, ein Aufmerksamkeitsfeld gemäß ÖNORM V 2102, das eine Nullabsenkung des Gehsteigs im Bereich von markierten Schutzwegen ermöglicht und gleichzeitig die nötige Sicherheit für blinde oder sehbehinderte Menschen bietet.

Ich darf Sie ersuchen, dieses Thema in Hinkunft mit mehr Seriosität und mit weniger Demagogie zu behandeln.

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0 Kommentare

  • Dass es ohne Kompromisse nicht geht, ist fuer mich voellig klar. Jeder normal lauffaehige, Aufrechtgehende muss bereit sein, Kompromisse einzugehen, damit Behinderte am „normalen“ Leben teilhaben koennen. Schliesslich kann Jeder eine Rampe, die nicht zu steil ist, erklimmen. Es muessen ja nicht immer nur Treppen sein, bloss weil die billiger herzustellen sind!

  • @Gerhard Lichtenauer: Mitleid ist ja ein positiver Menschencharakter. Jedoch Geldspenden in dieser medialen Form als Gewissensberuhigung gerade zur Advent- und Weihnachtszeit auszunützen hat sich bewährt. Der Staat unterstützt natürlich diese Aktion um so sich weiter seiner Verantwortung gegenüber behinderter Menschen entziehen zu können. Die Durchsetzung von Rechten sind bis dato Lippenbekenntnisse, da sich auch diese Bevölkerungsschicht nicht wehren kann und hervorragend für solche Schorraktionen vermarkten lässt. Deshalb ist „Licht ins Dunkel“ zwar erfolgreich, jedoch für behinderte Menschen sicherlich kein Segen und trägt auch nicht zu bei, die Rechte von behinderten Menschen einzufordern sondern zur Gewissensberühigung …

  • @meia: Medienwirksam wär’s zwar, aber genau im falschen Fahrwasser dieser (mit)leidigen Aktion: Schnorren statt Um- und Durchsetzung von Rechten.

  • @Gerhard Lichtenauer: Zum nicht barrierefreien Umbau BHF St. Peter/Au – Der Beitrag in den NÖN berichtet nicht, was die Frau Infrastrukturminister dazu sagt, den es ist eindeutig gesetzwidrig und diskriminierend. Der Satz „Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht“, dürfte noch nicht in die Köpfe der Verantwortlichen gedrungen sein. Aktive Senibilisierungsnaßnahmen wären angebracht.. Das neue Konzept von der ORF Aktion „Licht ins Dunkel“ sieht ja auch Sensibilisierungsmaßnahmen vor – geschätzte Einnahmen dieser „ORF-Weihnachts-Schnorraktion: 10 Mill. Euro. Privatspenden von Ministern , den ÖBB-Chef und LH Pröll für den barrierefreien Umbau des Bahnhofes in NÖ wären schon medienwirksam jedoch unwahrscheinlich.

  • Diese Klarstellung, dass es um vorsätzliche und fortgesetzte Menschenrechtsbeugungen und Vergehen gegen die Menschenwürde geht, müsste den unverantwortlichen Verantwortlichen von der Zivilgesellschaft wohl täglich unter die Nase gerieben werden, weil der persistent menschenrechtsdelinquente Gesetzgeber noch immer dem Schlaf des Ungerechten frönt.
    Hier ein weiteres Beispiel an organisierter Perfidie: Nach dem geplanten Umbau des Bahnhofes St. Peter/Au (NÖ) wird er für Rollstuhlfahrer unzugänglich sein: http://www.noen.at/lokales/noe-uebersicht/amstetten/aktuell/Bahn-schafft-Barrieren;art2314,354917

  • Amen.

  • BRAVO! Danke!

  • Sehr geehrter Herr Srb, danke für den tollen Leserbrief. In meiner beruflichen Tätigkeit als Behindertebeauftragte der TU Wien habe ich auch mit dem Thema Barriefreiheit zu tun und kenne alle diese Aspekte und Argumente. Barrierefreies Bauen ist eine gesetzliche Verpflichtung, wer es nicht tut verletzt nationales und internationales Recht. Barrierfreies Bauen hat nichts mit Ethik zu tun, es hat mit Recht und Demokratie zu tun. Wer nicht barrierefrei baut, verletzt demokratische Grundrechte und Menschenrechte. Für eine Organisation wie die BIG, die ja mit Steuergeldern eines demokratischen Landes arbeitet, gilt das doppelt. Zu den Negativ- beispielen, die so gene gegen die Barrierefreiheit verwendet werden, kann ich als gehbehinderte Person sagen, dass Blindenleitsystem für mich tatsächlich zur Stolperfalle werden könne, das tun sie aber nur dann, wenn sie schlecht ausgeführt sind. Wie es richtig geht, zeigt unter anderen das von Herrn Mag. Wolfgang Novak entwickelt Leitsystem. Es sind also nicht die Interessenskollisionen der einzelnen Behinderungsformen, die Barrierfreiheit unmöglich machen, sondern es sind die oft schlechten Ausführungen dieser.
    Damit das in der Baubranche auch endlich Eingang findet, ist Barrierefreies Bauen – wie von Frau DI Klenovec im Artikel dargestellt – verpflichtenden in alle Ausbildungen aufzunehmen, die mit dem Thema „Bauen“ im weitersten Sinne zu tun haben.

  • ein hervorragender text. man sollte ihn in allen bauzeitschriften nachdrucken.

  • Hervorragender Artikel – leider hat sich die ÖNORM V2102 noch nicht bis zur MA28 durchgesprochen, die noch immer von einer Gehsteigabsenkung von 3,4 cm Gehsteigkante (Durchmasser vom Blindenstockende) ausgeht und von taktilen Leitlinien für sehbehinderte Menschen bei Kreuzungen wird aus Kostengründen abstand genommen…