EU-Check: Der fliegende Rollstuhl und das Beatmungsgerät

Fliegende Untertassen, Teppiche und Besen sind bekannt.

Flagge Europäische Union
Europäische Union

Aber wie sieht es mit fliegenden Rollstühlen und Beatmungsgeräten aus? Ich flog einmal Brüssel und zurück. Ein Testbericht von Mensch, Maschine und EU.

03:30 Uhr

Die persönliche Assistentin weckt mich schlaftrunken, eine Tasse „Gute Laune Tee“ über die Magensonde ruft die ersten Lebensgeister wach. Waschen, Katheterisieren, Atemkanüle absaugen und schon sitze ich eine Stunde später geschniegelt im Elektrorollstuhl. Der Notfallkoffer wird gecheckt: Absauggerät, Beatmungsschlauch, Katheder, Schlitzkompressen, NaCl-Spülflüssigkeit und Desinfektionsmittel, alles vorhanden. Ich bin reisebereit.

06:00 Uhr

Am Flughafenschalter treffen wir Michael Prebio, Stationspfleger des Otto Wagner Spitals, der uns als Freund begleitet. Eine Pflegefachkraft wurde uns von der AUA vorgeschrieben. Schon ein Fortschritt, denn als ich vor zwei Jahren einen Flug buchen wollte, schien dies mit Beatmungsgerät unmöglich. „Beatmete Patienten werden ausschließlich mit der Air-Ambulanz und in Begleitung eines Arztes um €5000 transportiert. Nicht in einem normalen Passagierflugzeug“, hieß es.

06:20 Uhr

Kampfbereit stehe ich mit meiner Frau Judit vor dem AUA-Schalter. Ich bin auf eine Reisediskussion mit der Stewardess vorbereitet. „Nein, ich werde meinen Rollstuhl nicht einchecken, sondern mit ihm bis zum Flugzeug rollen!“, habe ich den Satz in meinem Kopf schon vorbereitet. In der Vergangenheit gab es jedes Mal diese Auseinandersetzung. Ich bin diesmal nicht bereit schief in einem fremden Rollstuhl zu hängen. Mein Rollstuhl und das Beatmungsgerät sind ein Teil von mir. Aber oh Wunder, es gibt diesmal keine Diskussion, ich darf wie selbstverständlich in meinem Rollstuhl zum Flugzeug rollen. Das „Special Case Department“ der AUA hat meine Wünsche im Vorfeld registriert und entsprechend weiter geleitet.

06:40 Uhr

Ich treffe meine KollegInnen vom ÖVP-Klub beim Gate, freundliche Begrüßung. Ich rolle durch die Sicherheitsschranke. Piepsen und großer Alarm. Mein Körper wird abgetastet und mein Rollstuhl von einem Polizisten mit einem Detector untersucht. Während alle einchecken, muss ich warten. „Wir müssen zuerst ihre Sprengstoffdaten auswerten“, meint der Polizist. Kopfschütteln des Flughafen-Sanitäters: „Diese Rollstuhlkontrollen sind neu. Das machen sie vielleicht zwei Wochen lang, dann geben sie es auf. Sicherlich eine dieser EU-Verordnungen!“. „Na klar“, denke ich, „alles wird auf die EU geschoben.“

07:00 Uhr

Ich wurde aus meinem Rollstuhl in eine Sitzbare transferiert und ins Flugzeug gerollt. Michael diskonnektiert mein Beatmungsgerät. Es heult auf und schrillt beklemmend, als es von meiner Frau abgedreht wird. Bevor die Atemnot eintritt, schließt Michael mich an das flugtaugliche Beatmungsgerät LTV 1000 an. Beklommenheit macht sich bei mir breit. Das neue Beatmungsgerät reagiert anders. Obwohl ich genug Luft bekomme, fehlt es an Vertrauen zwischen mir und der Maschine. Mein Eliseée-Gerät darf ich aus dem profanen Grund während des Fluges nicht verwenden, da es dafür nicht vom Hersteller getestet worden ist. „Hier braucht es dringend eine EU-Verordnung“, denke ich mir. Die LTV 1000 wurde bei einem Fallschirmabsprung getestet. Sie schafft den Druckausgleich. „Sollte während des Fluges der Druck in der Kabine plötzlich abfallen“, denke ich mir lächelnd, „werde ich wohl der einzige Überlebende sein.“

08:50 Uhr

Mit einem Auto des EU-Parlaments werden wir vom Flughafen in Brüssel abgeholt. Rampe und Sicherheitsgurt sind vorhanden, ich kann ohne Probleme mit dem Elektro-Rollstuhl ins Fahrzeug rollen. Der Fuhrpark des österreichischen Parlaments verfügt wahrscheinlich nicht über diese Transportmöglichkeit. Ich beschließe, dies in Wien anzuregen.

10:30 Uhr

Die Klubsitzung der europäischen Volkspartei beginnt. Ich überlege, was die EU für behinderte Menschen gebracht hat. Die Bilanz fällt positiv aus: Rund 180 Millionen Euro aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) flossen seit dem Beitritt für die Beschäftigung behinderter Menschen am freien Arbeitsmarkt nach Österreich; zahlreiche EU-Richtlinien wurden auf nationaler Ebene umgesetzt, so auch das Behindertengleichstellungsgesetz. Eine EU-Verordnung für die Rechte behinderter Fluggäste trat in vollem Umfang 2008 in Kraft. „Vielleicht ist deshalb das Reisen mit Rollstuhl und Beatmungsgerät wesentlich problemloser geworden“, überlege ich mir.

18:30 Uhr

Wir sind wieder glücklich in Wien Schwechat gelandet. „Keine Zwischenfälle, keine Probleme, kein Beatmungsnotfall, fast ein wenig zu langweilig“, denke ich mir noch. Doch dann ein Höhepunkt des Tages: der Ausstieg erfolgt nicht über einen Gate sondern wir müssen mit Tragerollstuhl und Beatmungsgerät über eine steile Treppe nach unten. Zwei Sanitäter tragen mich, Judit das Beatmungsgerät. So endet der Tag mit Herzklopfen.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich