„Everyday Rebellion“

Ich rege mich auf, bin wütend, verzweifelt. Dafür gibt es viele Gründe. Es sind Umstände, die uns alle und insbesondere behinderte, chronisch kranke und alte Menschen betreffen. Ein Kommentar.

Everyday Rebellion
Golden Girls Film

Es sind weitreichende Einsparungen und mitunter eklatante Missstände im Behinderten-, Sozial- und Gesundheitsbereich. Die Zukunftsaussichten sind derzeit düster. Was wir jetzt brauchen, möchte ich mit dem Begriff „Everyday Rebellion“ beschreiben.

„Everyday Rebellion“, das heißt für mich nicht weg- sondern hinzuschauen. Probleme, Ungerechtigkeiten, Unklarheiten anzusprechen. Scheinbar Selbstverständliches oder Notwendiges zu hinterfragen. Mitunter auch zu insistieren und lästig zu sein.

Mich mit anderen auszutauschen, Verbündete zu finden und zu überlegen, wie Veränderung und Verbesserung möglich ist. Mit dem Wissen, dass ich mich dadurch nicht unbedingt beliebt mache und schlimmstenfalls mit Konsequenzen rechnen muss.

„Everyday Rebellion“ bedeutet für mich gewaltfreier, aber nicht emotionsloser Widerstand. „Everday Rebellion“ stärkt unsere Zivilcourage und ist ein Schritt zu gelebter Solidarität.

Vom „Gedenktag“ zum „alltäglichen Protest“

Am 5. Mai fand der „Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ statt (BIZEPS hat darüber informiert). Einerseits sind nationale wie internationale Aktions- und Gedenktage gute Gelegenheiten, Themen wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Andererseits gibt es heute eine wahre Inflation dieser Tage, die auch schnell wieder vorüberziehen und in Vergessenheit geraten. Was eine gute Zivilgesellschaft ausmacht, ist vielmehr der alltägliche Protest.

Am 8. Mai beging Österreich den „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“. Am Heldenplatz feierte das offizielle Österreich das „Fest der Freude“ und gedachte des „Tages der Befreiung“ bzw. der Beendigung des 2. Weltkrieges und damit auch des Endes der NS-Herrschaft. Zur NS-Herrschaft gehörte jedoch auch der „Krieg gegen die Minderwertigen“.

D.h. die Sterilisations- und Euthanasie-Verbrechen an behinderten, chronisch kranken, psychisch kranken Kindern, Frauen und Männern. Und diese Verbrechen hörten nicht schlagartig mit dem „Tag der Befreiung“ am 8. Mai 1945 auf.

Kein Grund zur Freude ist der Umstand, dass die NS-Ideologie (Vernichtung von „unwertem“ Leben; Bild vom Neuen Menschen) weiter gewirkt hat und sich bis heute hält, ja sogar neuen Auftrieb bekommt. Das belegt zum Beispiel die im März 2017 erschienene Studie „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989“. Viel zu kurz war die öffentliche und mediale Auseinandersetzung damit.

Heute ist ein guter Tag, unser Schweigen zu beenden

Aktuell machen der Bericht der Volksanwaltschaft für das vergangene Jahr und die darin aufgedeckten „Missstände in Pflegeheimen“ Schlagzeilen. So zitiert etwa der ORF Volksanwalt Dr. Günther Kräuter: „dass Medikamentenabgaben nicht aus medizinischer Notwendigkeit erfolgen, sondern aus Personalknappheit, weil man damit die Patienten ruhig stellen will – das ist natürlich eine krasse Menschenrechtsverletzung“. Ein Beispiel unter vielen.

Durch die Wiederkehr menschenverachtender Ideologien und durch die unheilvolle Verquickung von Medizin und Ökonomie, die wir dem Neoliberalismus verdanken, ist ein Menschenleben heutzutage kaum mehr etwas wert. Wir müssen uns fragen, ob wir diesen Weg tatsächlich weitergehen möchten.

Wenn nicht, ist heute ein guter Tag, unser Schweigen zu beenden. Heute ist ein guter Tag, Ungerechtigkeiten und Missstände im beruflichen und sozialen Umfeld anzusprechen. Es ist Zeit, selbst aktiv zu werden und Zivilcourage zu zeigen.

„Everyday Rebellion“ ist übrigens auch der Titel eines sehr empfehlenswerten Kinofilms von Arash T. Riahi aus dem Jahr 2013.

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2 Kommentare

  • Vielen Dank, liebe Marianne, für deinen Beitrag!
    Du sprichst mir aus der Seele, auch wenn ich in Linz schon in kaum ein Lokal mehr hineinrollen kann, weil man mich aufgrund meiner „Anregungen“ oder gemachten Schlichtungen noch schlechter behandelt als vorher. So kindisch sind LokalbesitzerInnen, anstatt dass sie froh sind, wertvolle Hinweise kostenlos zu erhalten. Schuld sind die Gewerbeordnungen (und die Wirtschaft), die Nicht-Barrierefreiheit durchgehen lassen. Es gibt noch viel zu tun für uns alle oder: „Everyday Rebellion“

  • Ich danke Ihnen für diesen Artikel. Auch in Tirol hat die NS-Ideologie weiter gewirkt und hält sich bis heute (Siehe Missbrauchsfälle in den Heimen in Tirol, siehe Kinder-und JUgendpsychiaterin DDr.Nowak Vogl mit Schülern, siehe Gräberfund in der Psychiatrie Hall). Aktuell Bericht in der Tiroler Tageszeitung
    http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/12939798-91/missst%C3%A4nde-in-heimen-bewohner-lagen-in-kot-und-urin.csp
    In den Berichten der Volksanwaltschaft bzw. in den Missstandsfeststellungen ist Tirol auch im Bereiche der Psychiatrie vertreten.
    Ich erlaube mir – gerade auf die gemeldeten Todesfälle in der Psychiatrie in den letzten Jahren – auf folgende Feststellungen der VA hinzuweisen.
    – Gurtfixierung in der Psychiatrie Hall, die lebensbedrohlich sind – Gefahr der Strangulation – in der Psychiatrie in Hall (Todesfall?):
    Fixierungen am Gang öffentlich! ZUr-Schaustellung auch in der Psychiatrie Hall
    Fixierung durch Haldol intravenös – obwohl verboten wegen tödlicher Nebenwirkungen- auch in der Psychiatrie Hall
    Security Personal in der Universitätsklinik Innsbruck ist bei der Fixierung und auch medikamentösen Fixierung von Patienten behilflich.
    Die im Gesetz vorgesehene Unterbringung durch eine §8 bzw. §9 Parere eines befugten Arztes wird in 3/4 aller Fälle missachtet.
    Laut Patientenanwaltschaft – Vertretungsnetz werden in der Gerontopsychiatrie Hall 75% der Patienten mechanisch fixiert (angebunden), über die viel subtileren Methode der medikamentösen Sedierung gibt es nicht einmal Aufzeichnungen. Im Heimbereich nehmen bekanntlich subtileren medikamentösen Freiheitsbeschränkungen stetig zu.
    In der Forensik Hall stirbt ein junger Mensch 2016 mit einer Behinderung mit 19 Jahren wegen Ignoranz und fehlender medizinischer Behandlung.
    Hoffentlich brechen mehr das Schweigen und solidarisieren sich mit denen der Gesellschaft, die benachteiligt und diskriminiert werden.
    Nochmals herzlichen Dank an Sie Fr. Mag. Karner und auch an die Volksanwaltschaft.