Fachtagung Task Force Pflege – Ein Kommentar

Die Umsetzung einer Fachtagung als unfreiwilliges Sinnbild dafür, wie groß die Lücke ist, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit von Partizipation immer noch klafft. Ein Kommentar.

Rudolf Anschober
Sozialministerium

Am 20. Oktober 2020 fand auf Einladung des Sozialministeriums eine groß angelegte Fachtagung zur Neuorganisation der Pflege in Österreich statt. Neben wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor Ort waren viele online zugeschaltet.

Am Vormittag: Partizipation zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Im ersten Teil des Prozesses zur Pflegereform, einer umfangreichen Online-Befragung unter allen beteiligten Akteurinnen und Akteuren (Pflegepersonal, Angehörigen und Betroffenen), mag die Partizipation noch geglückt sein und auch im Rahmen der Fachtagung hat man sich sicher Mühe gegeben. Aber so ganz hat es nicht geklappt.

Die zwei Fachvorträge wurden von Fachleuten ohne (sichtbare) Behinderung, die selbstverständlich auch (noch) nicht auf Pflege angewiesen sind, gehalten. Das heißt, es wurde nur eine Seite dargestellt. Und das, obwohl Minister Anschober am Anfang der Tagung betont hat, dass Menschen mit Behinderungen „selbstverständlich in zentraler Rolle“ eingebunden sind und „Persönliche Assistenz ein Thema“ ist.

Hier ist es mir wichtig, zu betonen, dass die angesprochenen Fragestellungen und aufgeworfenen Probleme allgemein bekannt und unbestritten sind (Personalmangel, mangelnde, auch finanzielle Wertschätzung des Pflegepersonals, etc.).

Ein schönes Sinnbild, das – ungewollt – Vergessenes zum Ausdruck bringt

Befremdlich für mich als Zuhörerin ist, wenn Pflegedienstleiterin Waltraud Haas-Wippel eine Metapher verwendet (und ich mag Metaphern normalerweise), in der zwar sehr klar die Seite der Pflegenden veranschaulicht wird, aber die Personen, die auf Pflege angewiesen sind, völlig vergessen werden.

Sie verglich nämlich das Pflegesystem, wie sie es sich wünscht, mit einer blühenden Orchidee, wobei Topf, Erde und Wurzeln für Gesetze und Politik stünden, die Stängel für die Träger und die wunderschönen Blüten für das Pflegepersonal, das aufblühe, weil es einen Sinn im Leben habe.

Dieses Bild hat mich leider unweigerlich an die derzeitige Medienberichterstattung über Corona im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderungen erinnert. Kennt man nur die gängigen Medienberichte, könnte man den Eindruck gewinnen, dass immer noch fast alle Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen leben. Dementsprechend berücksichtigen empfohlene Corona-Maßnahmen die Situation von Menschen mit Behinderungen, die mit Persönlicher Assistenz leben, mitunter zu wenig.

Treffend und erfrischend humorvoll „über uns – ohne uns“

So erfrischend humorvoll der Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Hinte war, dessen Gedankenanstößen ich als Mitglied der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung sehr viel abgewinnen kann, so schade fand ich es, dass eben keine SelbstvertreterInnen als Fachvortragende eingeladen waren.

Die von Hinte meines Erachtens zurecht bevorzugte Frage: „Was willst du?“ statt der im Pflegebereich üblichen Frage: „Was brauchst du?“ wurde leider im ersten Teil dieser Veranstaltung nicht gestellt.

Der Auftakt war also bedauerlicherweise ein ungewolltes „Über uns – ohne uns“, wenn man von den Zuhörerinnen und Zuhörern absieht.

Am Nachmittag: Wir wieder großteils „unter uns“

Am Nachmittag gab es dann online eine Unter-Arbeitsgruppe zum Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderung“, in der vor allem über das Thema Persönliche Assistenz diskutiert wurde. Nur waren hier vorwiegend Betroffene unter sich.

Dabei wäre Sichtbarkeit der erste Schritt für eine Bewusstseinsänderung. Die Bewusstseinsänderung hoffentlich dann der Anstoß für alle weiteren Schritte, um die oben beschriebene Lücke langsam zu überbrücken.

Mein Fazit

Ich bin zuversichtlich, weil Partizipation ausdrücklich erklärtes Ziel ist, aber wünsche mir, dass echte Partizipation, so wie sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vorsieht, ganz selbstverständlich wird.

Gemeinsam mit allen Beteiligten kann sicher eine tragfähige, barrierefreie Brücke entstehen.

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Ein Kommentar

  • @Fachleute im Ghostmodus
    @Veranstalter
    „Die zwei Fachvorträge wurden von Fachleuten ohne (sichtbare) Behinderung, die selbstverständlich auch (noch) nicht auf Pflege angewiesen sind, gehalten.“
    Welche „Leute“ von „welchem Fach“? Und welche Akteur*innen und Vertretungen? Was soll das ganze Rätsel- und Versteckspiel? Warum geht man nicht offen und transparent um mit dem Thema? Warum gibt es so wenig offizielle Berichterstattung? Warum keine Information und Diskussion?