Film „Ein ganzes halbes Jahr“ – Sterbehilfe trifft Hollywood

Das Bild vom behinderten Menschen, das der Film zeichnet, ist mehr als problematisch. Eine Filmkritik.

Szene aus Film Ein ganzes halbes Jahr
Warner

Das Buch von Jojo Moyes „Ein ganzes halbes Jahr“ (lange auf Spiegel-Bestseller-Liste) wurde verfilmt und läuft seit 23. Juni 2016 auch in österreichischen Kinos.

Während es zum Beispiel in Großbritannien lautstarke Proteste von Behindertenorganisationen gegen diesen Film gab (es war von „Euthanasie Porn“ / „Death Porn“ die Rede), hat der Film bei uns noch keine hohen Wellen geschlagen. 

Inhalt des Films „Ein ganzes halbes Jahr“

Der Inhalt des US-Films ist schnell erzählt. Eine naive junge Frau, Louisa Clark, sucht dringend einen Job und findet ihn in der Anstellung als Pflegerin für den reichen William Traynor. Sie verlieben sich ineinander. Louisa Clark versucht ein halbes Jahr vergeblich, Will zu überzeugen, dass er trotz seiner Behinderung (nach Unfall vom Hals abwärts gelähmt) weiterleben soll.

Will sieht sich als behinderter Mann nutz- und wertlos und zieht seine Entscheidung, in der Schweiz mittels „Sterbehilfe“ aus dem Leben zu scheiden, durch. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jojo Moyes. Regie führte die britische Theaterregisseurin Thea Sharrock.

Internationale Kritik aus dem Behindertenbereich

In ihrem Blog „Stufenlos“ kritisiert Christiane Link unter dem Titel „Hauptrolle: behindert und lebensmüde“ für „Die Zeit“ den Film. Sie zeigt einige der Schwachstellen des Films auf, wie z. B. dass die Hauptrolle von einem nicht-behinderten Menschen gespielt wird. Behindertes Leben werde als „unwert dargestellt“. Oder: „Sexualität und Behinderung wird falsch oder gar nicht dargestellt.“

Proteste gab es auch z.B. in Großbritannien von der Organisation „Not Dead Yet UK“. Beispielsweise:

Fragwürdiges Gedankengut

Der Film ist geprägt von Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen und typischen Klischees (Frau: besorgt, emotional, naiv. Mann: vernünftig, stark, tapfer). Als besonders perfide möchte ich folgende zwei Aspekte herausgreifen: Der reiche Will glaubt, so nicht mehr weiterleben zu können. Er vermacht Louisa sein Vermögen, denn schließlich soll sie noch was vom Leben haben.

In der Realität ist der Druck auf schwer chronisch kranke, behinderte und betagte Menschen leider alltäglich. Sie fühlen sich nutz- und wertlos, als Last. Ihr Vermögen könne den „aktiv“ lebenden Menschen besser helfen. Folgen sind nicht selten eine Verzweiflungstat (älteres kranke Ehepaar das Suizid begeht) und die weitere Radikalisierung der Sterbehilfe-Diskussion und Abwertungstendenzen in der Bevölkerung.

Illusion vom „schönen“ Sterben

Die Szene, wo Will den Brief der Sterbehilfeorganisation erhält, stößt ebenfalls auf. Das Logo von „Dignitas“ ist – leider – nicht zu übersehen. Die eigentliche Sterbeszene wird gar nicht gezeigt. Das Sterben eines Menschen und der eintretende Tod werden ausgeblendet. Vielmehr wird man geblendet von einer unnatürlichen Helligkeit. Fast alles ist in Weiß gehalten. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein grünes Stück Natur. Die Eltern im Hintergrund und die Geliebte, die seine Hand hält. So „leicht“ und „schön“ geht sterben.

Der Film a la Hollywood ist bewusst stilisiert. Er gaukelt uns eine Illusion in schönsten Farben vor, die, genauso wie die Illusion vom selbstbestimmten Sterben, letztendlich auf das wirkliche Leben trifft und sich langsam auflösen wird oder knallhart zerplatzt.

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10 Kommentare

  • Bitte machen Sie weiter, Frau Karner. Wir brauchen ganz viele Leute, die den Trend aufhalten!

    Ich arbeite seit fünfzehn Jahren in einer Gruppe von den immer gleichen 6 Frauen. Wir haben unsere Kinder zusammen groß und unsere Eltern alt werden sehen. Eigentlich kommen wir sehr gut miteinander aus. Nur manchmal frage ich mich, ob ich zu den letzten Mohikanern unserer christlichen Kultur gehöre. Letzte Woche sind die doch alle in diesen Film gerannt und mir nun böse, dass ich mich dem gemeinsamen Abend verweigert habe!

    Dazu sei gesagt: Wir sind alle katholisch. Vier, darunter ich, sind sogar fest in der Gemeinde
    engagiert, allerdings bin ich die einzige, die nicht im Pfarrgemeinderat hockt, dafür aber noch und nur in Latein
    betet (vielleicht liegt’s ja daran). Ich halte diese Form von Glorifizierung und Romantisierung des „freigewählten“ Todes durch solche Schundromane für supergefährlich. Wenn man ein christliches Gewissen sein eigen nennt und katholisch ist, kann das durchaus Trennung von Gott und ein Fallen aus der Gnade bedeuten, wenn man diese Ideologie in irgendeinem Sinn unterstützt. – „Sorry“, habe ich zu den Kolleginnen gesagt, „ich will am Sonntag ohne Gewissennöte zur Kommunion gehen können und ich bin nicht bereit, mich an der Abschaffung aller mühsam erkämpften Werte der Christenheit zu beteiligen, auch nicht mit einer Kinokarte.“ – Dann habe ich noch darauf hingewiesen, dass die Nazis ja schon einmal so ein Melodram gedreht haben: Der Titel heißt „ich klage an“ und der Film ist aus guten Gründen nicht frei zugänglich, ähnlich wie „Jud Süß“. – Wenn man sich schon so erhaben fühlt, über die bösen Nationalsozialisten, dann sollte man doch aufpassen, dass man nicht in die gleichen Fallen tritt. Aber wenn die meisten Geistlichen heute die Erbsünde und damit die Versuchlichkeit des Menschen zum Bösen leugnen, dann ist es wohl kein Wunder.
    Der Teufel lernt ja immer noch dazu…

    • @Teresa
      Teresa ich kann Sie verstehen. Ich bin evangelischer Christ und halte überhaupt nichts von Aktiver Sterbehilfe, da das Selbstmord ist. Und das ist laut Bibel definitiv verboten.
      Den Abend zu verweigern finde ich jedoch etwas übertrieben, weil es nur ein Hollywoodfilm ist, den die meisten zwar schön finden, aber die Handlung offensichtlich zu überspitzt ist. Somit behaupte ich, dass dieser Film niemals ernsthafte Folgen auf Menschen haben wird. Das Ende wirkt auf mich eher traurig und begrückend als „leicht und schön“. Es ist und bleibt halt der Tod.
      Wenn Menschen sich durch Aktive Sterbehilfe das Leben nehmen, liegt das sicher nicht an der Tatsache des Filmes, der mich in dieser Hinsicht eher abgeschreckt hat.
      Das Hauptaugenmerk an dem Film war für mich die Liebesgeschichte, die sehr schön und berührend ist. Meines Erachtens nach können Sie den Film beruhigt ansehen. Der Sinn des Filmes ist keine Euthanasiepropaganda und kann nicht mit Nazifilmen verglichen werden. Sonst wäre der Aufbau viel durchdachter gestaltet. Dazu ist der Film zu simpel und durchschaubar aufgebaut. Ich hab in Geschichte nicht umsonst zugehört… Das Buch ist einfach erste Klasse. Sie haben vielleicht ein bisschen übertrieben.
      Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

  • @ Thomas Friedrich:

    Das Slippery
    Slope Argument beim Thema
    „Sterbehilfe“ hält einer kritischen Betrachtungsweise sehr wohl stand.
    Siehe eben für die Niederlande das unten angeführte Buch. Hier wurde die
    historische, gesellschaftliche und politische Entwicklung gründlich
    aufgearbeitet und auch entsprechend belegt.

    Wenn man sich
    vertiefend mit dem komplexen Thema „Sterbehilfe“ und „Euthanasie“
    auseinandersetzen möchte, ist das gründliche Literatur-Studium,
    Recherchen betreiben, mit Fachleuten und Betroffenen sprechen usw.
    einfach absolut notwendig, um dem Thema gerecht zu werden. Die Lektüre
    des einen oder anderen Buches lässt sich da nicht umgehen.

    Sie
    schreiben: „Wenn ich nach dem dritten Schlaganfall nur noch im Bett
    liege und vor mich hinvegetiere: Warum sollte es unvernünftig sein, das
    Leben ein paar Jahre früher zu beenden? Glauben Sie wirklich, dass mir
    dabei große Erfüllungen entgehen würden?“

    Ich finde diese
    Aussage ziemlich heftig und ab-wertend. Hat denn ein alter Mensch nach
    dem dritten Schlaganfall in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr?
    Weil er keine „Leistung“ mehr erbringt? Weil es keine Aussicht mehr auf
    „große Erfüllungen“ gibt? Was ist denn überhaupt eine „große Erfüllung“?
    Ist ein Leben nur dann lebenswert, wenn noch die Aussicht auf „große
    Erfüllungen“ besteht?

    Sie schreiben: „Es gibt Fälle, in denen die stärksten Schmerzmittel versagen, …“

    Und
    es gibt viel mehr Fälle, wo die Schmerzmittel sehr wohl wirken. Und es
    gibt viel mehr Fälle, wo aus Ressourcen-Gründen (z.B. Einsparungen beim
    ärztlichen Personal) der Patient nicht optimal mit Schmerzmittel
    versorgt wird. Usw. usw.

    Es liegt mir fern, über das Leben, die
    Entscheidungen, … von einzelnen Personen zu urteilen. Dennoch vertrete
    ich die These, dass eine Selbsttötung grundsätzlich mehr Probleme bringt
    als eine Lösung herbeiführt. Die Diskussion
    darüber sprengt aber den Rahmen des Artikels bzw. dieses Forums.

    Und
    wie schon gesagt: Letztendlich obliegt es jedem einzelnen, ob er
    weiterleben möchte oder nicht. Und: Ja, es gibt auch Menschen mit
    Behinderungen, die eine Selbsttötung unter gewissen Umständen in
    Betracht ziehen. Selbsttötungen gibt es sicherlich schon seit Anbeginn
    des sog. „modernen Menschen“. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Und
    die Diskussion darüber wird in der Menschheitsgeschichte auch immer
    weitergehen.

    Ich maße mir kein Urteil an. In meiner
    langjährigenBeschäftigung mit dieser Thematik habe ich aber immer wieder
    gelernt, dass bei einer Verbesserung der Lebensqualität (Definition
    durch den Betroffenen selbst) auch ein neuer Lebensmut und –wille
    aufkommt.

  • Das Problem ist nicht pro oder Contra Sterbehilfe, sondern dass mit dem Film die Behauptung tradiert wird, dass alle, die im Rollstuhl sitzen, hilflos, arm sind und ihr Leben so schlimm ist, dass sie Sterbehilfe benötigen (auch wenn es nur ein Spielfilm ist). Und das finde ich problematisch. Und wenn jetzt viele „Normalos“ im Kino sitzen und keinen Behinderten kennen, sich bei denen dieses Klischee verfestigt: ähnlich den Frauen, die nur Modezeitschriften kaufen und glauben, so muß ich auch aussehen, das ist die Realität. Weiters finde ich dieses Asexuelle dieses Schinkens total schwachsinnig – aber Hollywood und Sex ist ein eigenes Kapitel.

    • Wie kann ein Film über eine einzelne Person eine Botschaft über „alle, die im Rollstuhl sitzen“ vermitteln? Es gibt jawohl genügend andere Filme über behinderte Menschen, die nicht mit Sterbehilfe enden.

  • Slippery Slope-Argumente werden immer dann benutzt, wenn sich gegen die Sache, um die es eigentlich geht, keine schlüssigen Argumente finden. Man hat kein Argument gegen die Legalisierung von Homosexualität, also behauptet man, der nächste Schritt wäre die Legalisierung von Pädophilie, und um das zu verhindern, müsse am Verbot von Homosexualität festgehalten werden. Die meisten SS-Argumente scheitern bereits an der empirischen Abwegigkeit der Prognose. In manchen Fällen aber auch daran, dass die angeblich furchtbare Konsequenz vollkommen harmlos ist. Ich finde es zum Beispiel richtig, dass entscheidungsfähige Kinder Sterbehilfe erhalten können. Auch in Deutschland dürfen Kinder über ihre Behandlung mitbestimmen. Ebenso ist es richtig, dass Demenzkranke Sterbehilfe in Anspruch nehmen können, wenn sie entweder noch entscheidungsfähig sind oder vorher ihren Willen festgelegt haben (ich weiß von keinem Fall, der diese Bedingungen nicht erfüllt!). Auch Menschen, die unheilbar psychisch erkrankt, aber entscheidungsfähig sind, sollten nicht zu einem qualvollen Weiterleben gezwungen werden. Das gleiche gilt für sehr alte Menschen. Wenn ich nach dem dritten Schlaganfall nur noch im Bett liege und vor mich hinvegetiere: Warum sollte es unvernünftig sein, das Leben ein paar Jahre früher zu beenden? Glauben Sie wirklich, dass mir dabei große Erfüllungen entgehen würden?

    Die Behauptung, dass Patienten, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, nur an den gesellschaftlichen Umständen leiden, und nicht an einer alptraumhaften Krankheit, ist realitätsfern. Es gibt Fälle, in denen die stärksten Schmerzmittel versagen, in denen Patienten täglich von epileptischen Anfällen geschüttelt werden oder ihren eigenen Stuhl erbrechen. Informieren Sie sich über die Leidensgeschichte von Wolfgang Herrndorf und Brittany Maynard. Beide wurden optimal versorgt und haben sich trotzdem für den Freitod entschieden. Es ist einfach ignorant und paternalistisch, wenn Sie zu wissen glauben, dass der Suizidwunsch dieser Menschen verschwunden wäre, wenn man sie anders behandelt hätte.

    Niemand spricht davon, dass Ärzte zu Sterbehilfe gezwungen werden sollen. Es geht darum, dass Ärzte, die freiwillig beim Sterben helfen, nicht vom Staat verfolgt werden.

    Es ist vollkommen irrelevant, was „die meisten“ Patienten nach einem Unfall sagen. Entscheidend ist, dass es Menschen gibt, die als Tetraplegiker oder als Taubblinde nicht weiterleben wollen, und dass es arrogant ist, wenn Sie sich anmaßen, die Lebensqualität dieser Menschen besser einschätzen zu können als die Betroffenen.

  • • Argument der „slippery slope“: Wird die Türe zur aktiven Sterbehilfe oder assistiertem Suizid einmal geöffnet, lässt sie sich wieder sehr schwer schließen. Und der Stein, der ins Rollen gebracht wurde, wird auf der schiefen Ebene immer schneller und entwickelt eine Eigendynamik. Praktisches Beispiel: Die Niederlande und Belgien, wo es aktive Sterbehilfe schon relativ lange gibt. Es hat hat auch im „kleinen Rahmen“ angefangen, dann kam es immer mehr zur Ausweitung. Trauriger Höhepunkt: 2014 aktive Sterbehilfe bei Kindern und Jugendlichen. In den Niederlanden kam es auch zur Sterbehilfe an nicht einwilligungsfähigen, schwer dementen Menschen.

    • In Belgien gab es einen Fall, wo ein Sexualstraftäter aktive Sterbehilfe beantragt und bewilligt bekommen hat, weil er im Gefängnis überhaupt keine adäquate Therapie bekommen hat. Er war so verzweifelt, dass er keinen anderen Weg mehr sah.

    • Die Diskussionen gingen und gehen weiter: Warum nicht Sterbehilfe für rein psychisch kranke Menschen? Für hochbetagte „lebenssatte“ Menschen? Für Menschen, die aus ihrer Sicht sozial, beruflich, wirtschaftlich im Leben gescheitert sind? …

    • Menschen, die im Palliativbereich arbeiten, bestätigen: Fast alle schwerst chronisch kranke Menschen mit einer voraussichtlich nur noch kurzen Lebenserwartung wollen sehr wohl noch weiterleben. Vor allem Menschen mit einer letalen Krebserkrankung. Wenn sie nicht mehr weiterleben möchten und man nachfragt, dann hört man fast ausschließlich: „Ich will – so – nicht mehr weiterleben.“ Es sind die Umstände, an denen sie verzweifeln (keine adäquate Schmerztherapie; knappe zeitliche und personelle Ressourcen im Krankenhaus/Pflegeheim; usw.) Kein Leben ist unwürdig, es sind die Umstände, die unwürdig sind, und die könnte die Gesellschaft sehr wohl ändern.

    • Der Suizid an sich ist juristisch gesehen nicht strafbar. Letztendlich obliegt es jedem selbst, ob er sein Leben beendet. Aber, gesetzt dem Fall: Wie kommt eine dritte Person (z.B. Ärzte) dazu, ihnen dabei helfen zu „müssen“? Und außerdem: Der überwiegende Teil der Suizide und Suizidversuche sind Verzweiflungstaten, aus einer Krise heraus. Der philosophisch überlegte und geplante „Frei“tod oder „Bilanzsuizid“ sind die Ausnahme. Die meisten Menschen, die einen Suizidversuch überleben sind froh, dass sie noch leben und dass man ihnen medizinisch geholfen hat.

    • Viele „gesunde“ Menschen sagen: „Wenn ich einmal so schwer krank bin oder Hilfe brauche, möchte ich nicht weiterleben.“ Und: Die meisten Menschen, die dann z.B. durch einen Unfall oder Erkrankung schwere Behinderungen haben, sehen das dann anders. Es ist ein Prozess, den man durchmacht. Man lernt, mit dieser neuen Herausforderung zu leben. Einstellungen und Prioritäten ändern sind. Es gibt auch ein gutes Leben mit Lebensqualität bei Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Und das ist gut so.

    • Viele Menschen wünschen sich eine Art „Versicherung“. Wenn es nicht mehr gehen sollte, dann wollen sie die „erlösende“ Spritze. Es sind sehr oft starke Ängste, Vorurteile und theoretische Befürchtungen für eine (noch) nicht aktuelle Situation. Und: es kommt dann meistens sowie so anders, als man denkt. Wer aber heute sehr wohl vom „Sterbehilfe-Wahn“ der anderen betroffen ist, sind sehr viele chronisch kranke, behinderte und ältere Menschen. Ihnen begegnen täglich Vorurteile und Diskriminierungen. Ihr Leben wird definitiv durch die Diskussion abgewertet. Viele fühlen sich als Last. Und die Ökonomisierung des Gesundheitswesen, der starke Trend zur Selbstoptimierung und das „Ideal“ (erfolgreich, gesund, fit und schön) verstärken das ganze noch zusätzlich.

    • Und alle alle Sterbehilfe-Befürworter eine Frage: Wenn Ihnen das „selbstbestimmte“ Sterben so wichtig ist, dann haben Sie doch sicher eine Patientenverfügung. Oder?

    Und eine abschließende persönliche Bemerkung: Ob religiös, ob agnostisch oder atheistisch: Ich (und auch viele andere) habe die rein persönliche Erfahrung gemacht, wie kostbar und einmalig das Leben ist. Ich habe (wieder) gelernt, was wirklich im Leben zählt. Wenige sehr nahestehende Menschen; möglichst oft ein Stückchen Natur auch in der Stadt genießen und einiges mehr. Ich habe durch meine Behinderung Erfahrungen gemacht und Menschen getroffen, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Ich möchte mit keinem (!) gesunden Menschen tauschen. Es ist gut, dass es behinderte Menschen gibt, denn das Leben ist vielfältig und bunt.

  • Ein Beispiel von vielen: Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! Warum aktive Sterbehilfe zu Fremdbestimmung führt. Mabuse-Verlag 2014. Siehe weiters unter dem Stichwort „Sterbehilfe“ im BIZEPS-INFO Archiv.

    • Ich habe eigentlich keine Lust, mir dieses Buch zu kaufen. Vielleicht können Sie in eigenen Worten erklären, warum Sterbehilfe zu Fremdbestimmung führt. Warum bin ich fremdbestimmt, wenn ich zwischen Leben und Sterben wählen kann, und frei, wenn der Staat mich gegen meinen Willen zum Weiterleben zwingt? Für mich klingt das nach Doppeldenk in orwellscher Qualität. Ebenso gut hätte man in der DDR sagen können: Reisefreiheit führt zu Fremdbestimmung! Die Mauer schützt unsere Freiheit!

  • Ist es nicht die Autorin dieses Artikels, die Vorurteile verbreitet? Offensichtlich gibt es Menschen mit schweren Krankheiten und Behinderungen, die nicht weiterleben wollen. Woher weiß die Autorin, dass diese Menschen von anderen unter Druck gesetzt werden? Warum ist es nicht möglich, dass ein Mensch sich freiwillig dafür entscheidet, ein ungenießbares Leben zu beenden? Ist das Leben unter allen denkbaren Umständen genießbar und lebenswert? In Belgien hat ein Zwillingspaar, das taub geboren wurde und später auch noch dabei war, das Augenlicht zu verlieren, Sterbehilfe in Anspruch genommen. War das auch eine unfreie Entscheidung? Hätten auch diese Menschen zu ihrem „Glück“, also einem unfreiwilligen Weiterleben in absoluter Stille und Finsternis gezwungen werden müssen?

    Die Autorin spricht von der „Illusion vom selbstbestimmten Sterben“, liefert aber keine Argumente, warum der selbstbestimmte Tod nicht möglich sein sollte: Warum es nicht das Recht jedes Menschen sein sollte, selbst zu entscheiden, wie lange er dieses Leben aushält. Vermutlich befürwortet die Autorin eine Gesetzeslage, die jeden Menschen zum Weiterleben und -Leiden zwingt, und nennt das Freiheit und christliche Humanität.